Stefan, gerade werden in der deutschen Games-Industrie viele Leute entlassen. Woher kommt Deiner Meinung nach diese Krise?

Stefan Wiezorek: Viele dieser Firmen sind „one-hit wonders“. Sie haben meistens ein Spiel, das massiv durchstartet. Teilweise sorgt dieses Spiel dann für 90 Prozent des Umsatzes. Zu den vielen Entlassungen kommt es, weil die Firmen glauben, diesen Erfolg mit mehr Mitarbeitern multiplizieren zu können. Ganz nach dem Motto: Ich stelle zehnmal so viele Leute ein und verdiene dann auch zehnmal so viel Geld. Mich überrascht diese Wahrnehmung etwas: Man kann eben nicht einfach mal 300 Mitarbeiter pro Jahr einstellen und erwarten, dass das alles Top-Leute sind.

Vielleicht nicht alle. Aber ein paar dürften doch schon darunter sein …

Stefan Wiezorek: Die Spieleindustrie ist sehr idealistisch. Sandbox Interactive hatte das Glück, zwei Top-Entwickler verpflichten zu können. Sie streben hauptsächlich nach der technischen Herausforderung, die unser Produkt bietet. Genau aus diesem Grund arbeiten sie auch nicht für ein Studio, das Mobile Games oder Browsergames produziert. Für jemanden, der richtig gut ist, sind diese Spiele nämlich technologisch eher uninteressant.

Steckt hinter den Entlassungen bei den großen Studios auch eine Krise von Free-to-play?

Stefan Wiezorek: Free-to-play wird bestehen bleiben, das ist grundsätzlich schon ein gutes Geschäftsmodell. Das hochgradig erfolgreiche PC-Spiel League of Legends ist free-to-play, ebenso Hearthstone und World of Tanks. Free-to-play ist auch dann sehr relevant, wenn ein Spiel viele Teilnehmer braucht – so finden die Spieler online schneller ein Match.

Reden wir über Sandbox Interactive. Wie waren eure Anfänge?

Stefan Wiezorek: Wir haben 2012 mit drei Leuten angefangen. Ich bin durch Deutschland gereist und habe gute Entwickler gesucht, die ich für meine Idee begeistern konnte. In Berlin bin ich fündig geworden. Wir haben in einer Eigentumswohnung angefangen, die Server standen damals noch in der Küche. In dieser kleinen Eigentumswohnung saßen dann irgendwann 20 Leute, so dass man sich kaum noch bewegen konnte. Anfang letzten Jahres sind wir dann mit Sandbox Interactive in die Kulturbrauerei umgezogen. Die dortigen Räumlichkeiten sind für unsere 45 Mitarbeiter aber auch schon wieder zu klein, deshalb ziehen wir im Oktober in das Suhrkamp-Gebäude in der Pappelallee.

Was ist das Konzept von Albion Online?

Stefan Wiezorek: Albion Online ist eine moderne Interpretation von Eve Online – jedoch mit einem action-orientierten Kampfsystem, das sehr stark dem von League of Legends ähnelt. Ein Schwerpunkt von Albion Online ist die spielergesteuerte Wirtschaft. Das bedeutet: Wir liefern die passenden Werkzeuge, die Spieler gestalten damit selbst die Spielwelt. Die Kämpfe werden – wie in League of Legends – aus der Draufsicht dargestellt. Der Unterschied: Bei LoL treten zwei Fünferteams gegeneinander an, bei Albion Online sind es auch schon mal 200 gegen 200. Das ist sicherlich anspruchsvoll, funktioniert technisch aber schon sehr gut. Wir sind einer der wenigen Entwickler, die ein MOBA-Kampfsystem (Multiplayer Online Battle Arena) in einem MMO bieten.

Gerade Eve Online gilt als sehr anspruchsvolles Spiel. Soll Albion Online ebenfalls Core-Gamer ansprechen?

Stefan Wiezorek: Genau. Den Trend zur Casualisierung halten wir für falsch. Im Game-Design herrschte lange die Lehre vor, dass man Spielern keine negativen Emotionen zumuten sollte, stattdessen gab es immer mehr Belohnungen. Wenn du als Spieler aber gar nichts mehr zu verlieren hast, dann sind auch deine Errungenschaften emotional weniger wert. Dark Souls ist ein Spiel, das sich erfolgreich gegen diesen Trend zur Casualisierung stemmtt. Risk und Reward machen für mich ein MMO aus.

Ihr kommt ohne Investorengelder und staatliche Förderung aus …

Stefan Wiezorek: Wir haben nie aktiv danach gesucht. Das Startkapital haben wir aus dem Familien- und Freundeskreis bekommen. Eigentlich wollten wir 2013 eine Kickstarter-Kampagne fahren, das ging aber zum damaligen Zeitpunkt nur, wenn man seinen Sitz in den USA oder Großbritannien hatte. Viele deutsche Firmen haben das über Kontaktpersonen gelöst, für uns kam das aber nicht infrage. Stattdessen haben wir dann ziemlich schnell unsere Gründerpakete eingeführt – dafür gab es zu dem Zeitpunkt auch schon Vorbilder wie ArcheAge oder Everquest Next Landmark. Ab dem Zeitpunkt konnten wir von unseren Einnahmen leben und organisch wachsen.

Wie international seid Ihr aufgestellt?

Stefan Wiezorek: In unserem 45-köpfigen Team von Sandbox Interactive haben wir acht ausländische Mitarbeiter. Unter anderem aus Schweden, Spanien, Russland, Belgien und Polen. Die Firmensprache ist Englisch, alle Dokumente werden in Englisch erstellt.

Derzeit hat Albion Online 150.000 Founder, die an der Beta-Phase teilnehmen. Wie habt Ihr so viele Leute erreicht?

Stefan Wiezorek: Ich kannte den Markt sehr gut und wusste, dass es unser Produkt bisher so nicht gab. Unsere Nische wurde bisher nur durch Eve Online vernünftig bedient. Uns war deshalb klar, dass wir auch ohne großes Marketing-Budget erfolgreich sein können. Ein qualitativ hochwertiges Produkt ist das A und O. Auch die Idee war einfach gut. Wenn du ein wirklich innovatives Spiel hast, was Leute unbedingt spielen wollen, worauf sie warten – dann erreichst du sie fast automatisch. Vor allem in der Nische der Core-Gamer sprechen sich erfolgreiche Produkte recht schnell herum. Davon abgesehen haben wir ja immer schon stark auf YouTube und Twitch gesetzt. Wir hatten zum Beispiel eine sehr erfolgreiche Sendung bei den Rocket Beans. Auch word-to-mouth war immer schon sehr wichtig.

Welche Vor- und Nachteile bietet der Produktionsstandort Berlin?

Stefan Wiezorek: Für Spiele-Startups ist Berlin innerhalb Deutschlands der beste Standort. Erstens bekommt man hier deutlich günstiger ein Büro als etwa in München. Zweitens hat Berlin viele Studiengänge mit Games-Bezug, zum Beispiel an der Games Academy, der School 4 Games und der Mediadesign Hochschule. Gerade kleinere Startups werden darüber mit Nachwuchskräften versorgt. Drittens gibt es hier in Berlin auch viele erfahrene Fachkräfte: Bei uns arbeiten viele Leute, die vorher an Großprojekten wie Spec Ops: The Line oder Drakensang Online mitgewirkt haben. Das Studium an privaten Spiele-Akademien ist aber sehr teuer. Wichtig wäre deshalb, Spieleentwicklung bereits als Schulfach anzubieten – das würde nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland guttun. In dieser Hinsicht hinken wir Ländern wie den USA oder auch Schweden deutlich hinterher.

Was könnte sonst noch verbessert werden?

Stefan Wiezorek: Ich finde es traurig, wie schlecht in Berlin die Internet-Anbindung ist. Hohe Upload-Raten sind für ein Spiel wie Albion Online essentiell wichtig, und in der Pappelallee haben wir tatsächlich auch eine gute Glasfaser-Anbindung gefunden. An unserem bisherigen Standort in der Kulturbrauerei gab es allerdings keine Glasfaser, auch nicht in der Nähe. Schon erstaunlich, dass der Netzausbau selbst in der Hauptstadt Deutschlands so bescheiden ist. Besonders, weil immer davon geredet wird, dass Berlin Anschluss an London oder sogar an das Silicon Valley halten will.

Was sind Eure nächsten Schritte?

Stefan Wiezorek: Für Anfang 2017 haben wir den Release der finalen Version geplant. Eigentlich wollten wir schon Anfang 2015 releasen, haben das aber immer wieder verschoben, weil wir mit der Qualität des Produkts nicht zufrieden waren. Gerade bei Browsergame-Firmen gibt es die Tendenz, möglichst schnell live zu gehen und erst dann das Produkt feinzutunen. Diese Herangehensweise ist natürlich teilweise richtig. In unserem Fall wäre sie aber total falsch gewesen, weil wir eine persistente Spielwelt haben. Ich sage immer: „You never get a second chance to make a good first impression.” Spätestens beim Release muss man ein richtig gutes Produkt haben. Dass man schon vorher die Kunden einbezieht, ist selbstverständlich.

Das Gespräch führte  Achim Fehrenbach

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Stefan Wiezorek, CEO von Sandbox Interactive

STEFAN WIEZOREK

Stefan Wiezorek hat Sandbox Interactive GmbH im Mai 2012 gegründet. Davor war als COO bei einem großen Anbieter für E-Learing-Software tätig. Mit Albion Online möchte er dem Trend entgegenwirken, dass Onlinespiele immer einfacher werden.
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SANDBOX INTERACTIVE GMBH

NAME:               Sandbox Interactive GmbH
GRÜNDUNG:      2012
GRÜNDER:         Stefan Wiezorek
MITARBEITER:  45
STANDORT:       Berlin, Prenzlauer Berg
SERVICE:           Albion Online ist ein MMORPG, das auf folgenden Plattformen verfügbar sein wird: Windows, Mac, Linux, iOS, Android. Alle Spieler teilen dabei eine Welt – unabhängig vom gewählten System.

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