Herr Turner, vor einem Jahr sind Sie beim Tagesspiegel als Herausgeber eingestiegen, was einige mit Verwunderung zur Kenntnis genommen haben. Haben die Kritiker Recht behalten?

SEBASTIAN TURNER: Es war weniger Kritik als die Frage, ob es unternehmerisch klug ist. Die Frage kann ich nach einem Jahr nicht besser beantworten als davor: Ich glaube: ja. Wissen werden wir es später. Die positive Entwicklung, die der Tagesspiegel im vergangenen Jahr fortgesetzt und auch beschleunigt hat, sehe ich bereits als positiv an. Wir gewinnen an Reichweite und haben neue Anzeigenkunden gewinnen können. Der Marktanteil ist in allen Merkmalen, die wir messen können, gestiegen. Zu der erfreulichen Bilanz für die Leistung der Redaktion zählen auch die Preise „Zeitung des Jahres“ und „Chefredaktion des Jahres“.

Wie sehen Sie Ihre Rolle neben Giovanni die Lorenzo, der neben seiner Funktion als Chefredakteur der ZEIT auch Mitherausgeber des Tagesspiegels ist.

SEBASTIAN TURNER: Was ein Herausgeber macht, weiß niemand so genau. Ein Beobachter hat meine Rolle als „Entrepreneur in Residence“ beschrieben. Meine Mitspieler sind für mich auch ein Grund gewesen, mich beim Tagesspiegel zu engagieren: Einer der besten deutschen Journalisten als Mitherausgeber, mit Dieter von Holtzbrinck einer der erfahrensten und angesehensten Verleger als Hauptgesellschafter und mit Stephan Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt die „Chefredakteure des Jahres“. Dazu mit Florian Kranefuß ein Geschäftsführer, der umfangreiche eigene Erfahrung im Zeitungs- und im Digitalgeschäft hat. In so einer Mannschaft bin ich gerne auch auf dem Spielfeld.

Sie mischen auch inhaltlich mit, indem Sie beispielsweise die Rubrik „Agenda“ eingeführt haben. In diesem Teil spielt die Nähe zur Politik eine entscheidende Rolle. Was hat Sie dazu getrieben?

SEBASTIAN TURNER: Der Tagesspiegel hat deutlich mehr Leser bei den Politikentscheidern in Berlin als alle überregionalen Zeitungen zusammen. Die vier großen Überregionalen kommen auf ungefähr ein Drittel, wir auf mehr als über die Hälfte an Reichweite. Diese spezielle Durchdringung in dieser Gruppe ist der Absprungpunkt für die Frage: Wie können wir in einer wettbewerbsintensiven Medienwelt zu Alleinstellungsmerkmalen kommen, wie können wir die Relevanz steigern? Wir sind die führende Zeitung der führenden Leute von Berlin, Berlin ist der Politik- und Meinungsbildungsort, also adressieren wir diese Gruppe und machen ihr ein Angebot, das sie sonst nirgendwo findet. Gleichzeitig entwickeln wir neben dem Leserangebot ein Angebot für den Anzeigenmarkt. Das Ergebnis sind neue Anzeigenkunden und eine steigende Reichweite in einem eher rückläufigen Markt.

Wie ist die Positionierung des Tagesspiegels in der digitalen Welt?

SEBASTIAN TURNER: Der Tagesspiegel ist mit Abstand die wichtigste Nachrichtenseite aus Berlin, doppelt oder sogar dreimal so groß wie die direkten Wettbewerber, größer auch als berlin.de. Eine Reichweite von drei Millionen Unique Usern ist für den Status des Mediums und für die Ressourcen, die wir einsetzen können, ein passables Ergebnis und ein guter Ausgangspunkt für Innovationen.

Das klingt, als sei für Ihre Verhältnisse nicht mehr drin?

SEBASTIAN TURNER: Es gibt zwei Wettbewerbe unter den Online-Medien. Der erste dreht sich um den Wettlauf nach der besten Geschichte, die beste Recherche, die schnellste Nachricht. In diesem Wettbewerb müssen wir versuchen, so gut zu sein, wie wir können. Und dann gibt es einen zweiten, technologiegetriebenen Wettbewerb. Da wartet die größere Aufgabe auf uns. Es gibt einen wunderbaren Satz: Vorne ist da, wo sich keiner mehr auskennt. Da müssen wir hin.

Axel Springer schafft diesen Schritt durch Investitionen und Zukäufe.

SEBASTIAN TURNER: Ich finde die Strategie von Springer für Springer genau richtig. Und wenn ich die Möglichkeiten von Springer hätte, wäre ich froh, wenn ich auf die gleichen Ideen und Ansätze gekommen wäre.

Das ist eigentlich das maximale Kompliment, das man geben kann.

SEBASTIAN TURNER: So ist es gemeint. Das habe ich auch schon gesagt, als ich noch nicht beim Tagesspiegel war. Die machen die Digitalsachen richtig. Der Weg, die Digitalwerbung als wirtschaftliche Grundlage heranzuziehen, ist eine konsequente Weiterführung der Rubrikenmärkte, die ja ein klassisches Zeitungsgeschäft sind. Die Kritik wird in der Regel von denjenigen geäußert, die nicht auf gleichartige Ideen gekommen sind. Ich erkenne da eine tolle unternehmerische Leistung an und wäre froh, wenn wir in fünf oder zehn Jahren etwas für uns passendes, ähnliches gefunden haben.

Wie halten Sie bis dahin dagegen?

SEBASTIAN TURNER: Dagegen? Darum geht es nicht. Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Unsere Antwort auf die Marktveränderungen – nicht auf Springer – ist einerseits inhaltliche Qualität, möglichst exklusiv. Wir müssen für die anspruchsvollen Berliner das relevanteste Medium sein. Das sind gebildete, kritische, aufgeweckte Leute, die keine Zeit verschenken wollen. Das allerletzte, was sie gebrauchen können, ist Oberflächlichkeit oder Agitation. Das zweite sind technisch-inhaltliche Innovationen. Da stehen wir am Anfang und müssen erst einmal herausfinden, worüber wir reden.

„Wer den Staat braucht, sollte sich das Gründen noch einmal überlegen.“ Sebastian Turner Klick um zu Tweeten

Sie selbst hatten in der Vergangenheit auch politische Ambitionen. In Stuttgart wollten Sie Oberbürgermeister werden. Sehen Sie jetzt Ihre Chance gekommen, als Herausgeber durch die Zeitung politisch Einfluss nehmen zu können?

SEBASTIAN TURNER: Wenn eine Zeitung das versucht, ist sie falsch, zumindest gilt das für gehobene Publikationen mit einem anspruchsvollen Publikum. In dem Augenblick, in dem Sie sich als Agitator sehen, braucht Sie niemand mehr.

Die taz macht das.

SEBASTIAN TURNER: Wenn sie es macht, sind es nicht ihre stärksten Augenblicke. Die Stärke der taz sind die eigenen Themen, sie hat viele Dinge exklusiv. Ich mag die Redaktion sehr und bin ihr seit zwei Jahrzehnten verbunden. Ich habe mich gefreut und gerne dabei geholfen, dass sie sich von unserem konzeptionellen Ansatz inspirieren ließ. So wie wir als Zeitung Nummer 1 der Hauptstadt-Politikentscheider unsere Inhalte auf die führenden Leser der Hauptstadt ausrichten, konzentriert sich die taz auf ihren Status als führende Publikation in der Biowirtschaft. Die neue Seite „Ökobiz“ steigert die Relevanz der taz und stärkt ihr Anzeigengeschäft. Das ist exakt unsere Methode: Schau dir deine Leserschaft genau an. Wo hast du so eine kritische Größe, dass du neben deiner Funktion als B2C-Medium auch ein B2B-Geschäft aufbauen kannst?

Jetzt spricht der Unternehmer aus Ihnen. Die Econa AG, bei der Sie Teilhaber sind, hat im vergangenen Jahr die Sparwelt-Tochter für angeblich 27,5 Millionen Euro an RTL Interactive verkauft. Der Gutscheinmarkt ist hart umkämpft. Was waren die Erfolgsfaktoren?

SEBASTIAN TURNER: Da müssen Sie besser Daniel Engelbarts, den Gründer von Sparwelt, fragen. Ich kann ihn nur sehr allgemein sagen, dass man sich sehr gut auf die Gegebenheiten einstellen muss und das möglicherweise täglich neu. Ich bin im Englischen auf einen Begriff gestoßen, der bei uns nicht so verankert ist: „to pivot“. Das bedeutet so viel wie „an der richtigen Stelle drehen, umschwenken“. Eine anschauliche Übersetzung ist „mit Verstand durchwurschteln“. Es geht darum, die Balance zu finden zwischen Kurshalten und Einsicht in die Gegebenheiten. Und das gilt für jedes Unternehmen, auch für den Tagesspiegel, und erst recht für Firmen in Gründung, weil die noch überhaupt keinen Markt haben, sondern nur eine Ahnung, dass es einen geben könnte.

Wie nehmen Sie die Berliner Gründerszene wahr?

SEBASTIAN TURNER: In fünfzig Jahren wird man auf diese Zeit zurückblicken und sagen: Was für ein Segen!

Sind die Rahmenbedingungen ausreichend?

SEBASTIAN TURNER: Als ich Gründer war, wurde ich immer wieder gefragt, was soll der Senat tun? Meine Antwort ist: bloß nichts. Ein Bildungssystem, das gute Absolventen hervorbringt, dazu Landesverteidigung und gut ist auch, wenn gelegentlich die S-Bahn kommt – und ansonsten Finger weg. Der Gründer, der den Staat braucht, sollte sich das Gründen noch einmal überlegen. Ein verlässlicher Rechts- und Finanzrahmen sind natürlich nicht unwichtig. An erster Stelle steht für eine wachsende Wirtschaft aber der Zugang zum Talent. Da hat Berlin aus verschiedenen Gründen eine tolle Konstellation. Wenn das Land aktiv werden will, dann wäre mein Vorschlag: einhundert IT-Professuren an die TU Berlin und damit Platz eins auf der Welt im Bereich Software.

Wie realistisch ist das?

SEBASTIAN TURNER: Wie realistisch ist es, dass man die A 100 weiterbaut oder die Olympischen Spiele in Berlin ausrichtet? Wenn ich die Wahl hätte: Olympische Spiele oder einhundert IT-Professuren, dann würde ich die Professuren nehmen. Noch lieber beides.

Für so einen Bereich fehlt in Berlin die Lobby.

SEBASTIAN TURNER: Wir haben in Berlin noch nicht die gewachsene Führungsschicht wie in den westdeutschen Großstädten. Dort sind die Mittelstandsunternehmen 50 oder 100 Jahre alt, gefestigt und haben die Kraft, sich auch stärker um Standortanliegen zu kümmern. Das ist in Berlin bei den Nachwendegründungen meist noch nicht der Fall.

Sie sind ebenfalls sehr aktiv, wenn es um Standortfragen geht. Nach Ihrer Zeit bei Scholz & Friends hatte der rot-rote Senat Sie in den Vorstand der Einstein Stiftung Berlin zur Förderung der Wissenschaften gerufen. Dort haben Sie die Wissenschaftskonferenz Falling Walls ins Leben gerufen. Was war der Impuls?

SEBASTIAN TURNER: Der Ursprungsgedanke von Falling Walls entstand anlässlich des damals bevorstehenden 20. Jubiläums des Mauerfalls. Mir fiel auf, dass keine der 3000 geplanten Veranstaltungen zum Jubiläum den Blick nach vorne gerichtet hatte. Das war eine dankbare Lücke für die Wissenschaft. Wir fragten also herausragende Forscher rund um die Erde: Welche Mauern fallen als nächste? Das war die gedankliche Brücke. Berlin präsentiert sich damit nicht nur als historischer Ort, sondern auch als ein Ort der Zukunft.

Und das erstmals in englischer Sprache.

SEBASTIAN TURNER: Richtig. Fast alle deutschen Wissenschaftseinrichtungen haben sehr gute Fachveranstaltungen, oft auch auf Englisch, und auch viele gute multidisziplinäre Fachkonferenzen, die aber in deutscher Sprache. Einen internationalen, multidisziplinären Wissenschaftstreffpunkt in englischer Sprache – den gab es noch nicht in Berlin.

Und die Vision, wo soll es hingehen?

SEBASTIAN TURNER: Der Anspruch ist unerreichbar. Man kann nur versuchen, ihm etwas näher zu kommen. Nämlich der Ort zu sein, wo die besten Wissenschaftler der Welt die relevantesten Durchbrüche in ihren Bereichen vorstellen.

Die Plattform Researchgate hat einen ähnlichen Ansatz: Auch hier sollen sich die Wissenschaften austauschen, alle wichtigen Publikationen sollen dort verfügbar sein.

SEBASTIAN TURNER: Deshalb kooperieren wir mit Researchgate genauso wie mit vielen großen, etablierten Wissenschaftsmedien und Verlagshäusern.

Das sind zwei ganz spannende Säulen: Sie mit dem Anspruch, die führende Konferenz in dem Bereich Wissenschaft zu sein. Und Researchgate als Anführer im Online-Bereich mit Bill Gates und Peter Thiel als Investoren. Gebündelt sind das Stärken, die Berlin gesamt für die Profilierung gut tun würden.

SEBASTIAN TURNER: Ja, wobei Berlin im Bereich Wissenschaft auch ohne diese beiden Novizen schon ungeheuer profiliert ist. Das liegt einfach an der hohen Dichte und Qualität der Wissenschaft in der Stadt. Da sind Reserachgate und Falling Walls nur kleine, neue Bühnen. Und es tanzt ja nicht die Bühne. Die Bühne ist nur der Ort, wo die Tänzer auftreten.

Seit 2013 veranstalten Sie auch die Falling Walls Ventures. Wie kam es dazu?

SEBASTIAN TURNER: Uns ist aufgefallen, dass es im Bereich der Startups zwar sehr viele, auch sehr gute Veranstaltungen gibt. Aber in dem Bereich der wissenschaftsbasierten Unternehmensgründungen, etwa auf der Basis von neuen Kenntnissen zur Werkstoffen oder der Medizin gibt es Nachholbedarf.

Was unterscheidet Wissenschafts-Startups von beispielsweise marketinggetriebenen Unternehmensgründungen?

SEBASTIAN TURNER: Wenn wir beide uns jetzt mit einem Blumenversand selbstständig machen, dann brauchen wir nur Büroräume, in die es nicht reinregnet, und etwas IT-Infrastruktur. Im Bereich der Medizin ist Laborunterstützung das Wichtigste. Die Science-based Startups brauchen in der Regel die Infrastruktur des wissenschaftlichen Betriebes, aus dem sie kommen.

Würden Sie die beiden ersten Falling-Walls-Venture-Veranstaltungen bereits als Erfolg sehen oder muss das noch geschliffen werden?

SEBASTIAN TURNER: Beides. Ein guter Indikator ist, ob die Partner, die man hat, dabeibleiben oder ihr Engagement zurückfahren. Und wir erleben eigentlich bei allen Bausteinen, dass die Partner sich von Jahr zu Jahr intensiver einbringen.

Worauf basieren solche Erfolge?

SEBASTIAN TURNER: Eine möglichst gute Idee, eine möglichst gute Umsetzung und möglichst gute Partner.

Ist Netzwerken also das A und O?

SEBASTIAN TURNER: Nein. Substanz, ein Mehrwert – darum geht es. Wenn Sie glauben, die Anzahl der eingesammelten Visitenkarten ist entscheidend, dann sind Sie vermutlich eine Nervensäge. Entscheidend ist eher die Liste der erfüllten Versprechungen oder auch der versuchten, erfüllten Versprechungen. Man kann auch ehrenhaft scheitern, nur muss man eben rechtzeitig Bescheid sagen. Achtung, da geht gerade gleich was schief.

Ihr letztes Wort für die Gründer unter den Lesern?

SEBASTIAN TURNER: Bau keinen Mist, und wenn, dann neuen.

Das Gespräch führte Jan Thomas. Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 02/2015.

Sebastian Turner, Herausgeber vom Tagesspiegel

Sebastian Turner

ist ein deutscher Medienunternehmer. Zu seinen Tätigkeiten bis heute zählen: Honorarprofessor, Herausgeber, Werber, Risikokapitalgeber, Oberbürgermeister-Kandidat sowie taz- und Kirchen-Retter. Die Karriere von Turner, Jahrgang 1966, begann mit der Gründung einer Schülerzeitung. 

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