Nenad, ihr habt in verschiedene Startups wie Auto1, Hometogo, Windeln.de, Mister Spex, Quandoo und Caroobi investiert. Was ist euer Fokus?

Nenad Marovac: Unsere fünf Investmentbereiche sind: Marktplätze, SaaS-Software, Fintech, Consumer-Mobile-Apps, Consumer-Internet und Digital Health.

Warum investiert ihr in deutsche Startups?

„Wir hatten in Berlin weitgehend freie Bahn, um uns die besten Unternehmen auszusuchen“

Nenad Marovac: Ich habe von 1991 bis 1993 in Berlin gelebt und gearbeitet, als Berater der Treuhand. Ich hatte eine großartige Zeit. Anschließend bin ich nach Harvard gegangen und dann zum Private-Equity-Investor Advent International nach London. In der Zeit passierte in Berlin ökonomisch gar nichts. 2009/2010 lud Lukasz Gadowski, Gründer von Team Europe mich nach Berlin ein und wir investierten in Mister Spex, Windeln.de und Auto1. Nicht viele Leute haben damals nach Berlin geschaut. Die meisten Investoren haben sich eher nach München orientiert. Wir hatten also in Berlin weitgehend freie Bahn, um uns die besten Unternehmen auszusuchen.

Welches Thema ist für dich im Moment besonders interessant?

Nenad Marovac: Digital Health ist ein spannendes Thema. Und wir interessieren uns weiter für Marktplätze, wo wir bereits einer der wichtigsten Investoren sind. Aktuell beobachten wir zudem, was sich in den Bereichen Artificial Intelligence und Virtual Reality tut. Das befindet sich aber alles noch in einem sehr frühen Stadium, hier sind die Geschäftsmodelle noch nicht klar definiert.

„Schnelle Exits wie bei Quandoo sind für uns die Ausnahme“

Digital Health ist ein Gebiet, für das man einen sehr langen Atem braucht. Nehmt ihr euch die Zeit?

Nenad Marovac: Der Bereich bewegt sich sehr schnell und es passiert im Moment sehr viel. Im Schnitt brauchen wir fünf bis zehn Jahre, um ein Investment zu realisieren, also bis zum Exit. So viel Zeit haben wir. Es ist ein Longterm-Game. Schnelle Exits wie bei Quandoo sind für uns die Ausnahme.

Ihr legt gerade einen neuen Fonds auf. Welches Volumen strebt ihr an?

Nenad Marovac: Wir sind gerade dabei, unseren vierten Fonds zu schließen. Aktuell liegt das Volumen des neuen Fonds bereits bei mehr als 150 Millionen Euro. Wir können dabei auf die ausgezeichnete Rendite von Fonds Nummer drei verweisen. Mit einer Net Internal Rate of Return von 71 Prozent ist es wahrscheinlich einer der Top-Performer in Europa. Normal ist eine Rendite von 15 oder 20 Prozent.

Bleibt ihr bei eurem regionalen Fokus?

Nenad Marovac: Ja. Wir investieren zwei Drittel unseres Fonds in Europa, ein Drittel in den USA. In Europa sind unsere wichtigsten Märkte Berlin, London sowie Paris, Stockholm und Helsinki.

Was bekommen die Startups von euch außer Geld?

Nenad Marovac: Mein Mitgründer und ich bringen mehr als 25 Jahre Erfahrung in dem Geschäft mit. Wir haben ein starkes Netzwerk, dass unseren Gründern beim Aufbau ihrer Teams hilft, wir können sie bei der Geschäftsentwicklung unterstützen, indem wir sie mit Kunden zusammenbringen und wir haben ausgezeichnete Verbindungen in die Finanzwelt, weswegen wir unseren Startups auch bei späteren Finanzierungsrunden sehr hilfreich sein können. Außerdem haben wir bereits eine ganze Reihe erfolgreicher Exits hinter uns, weswegen wir Gründer auch in dieser Phase sehr gut beraten können. Die meisten von ihnen machen all das zum ersten Mal. Wir haben bereits in mehr als 50 Unternehmen investiert und wissen sehr gut, was wir tun. Von diesem Erfahrungsschatz können Gründer bei uns profitieren.

„Mit einem sehr guten Gründer muss ich nicht viel Zeit verbringen. So jemandem will ich nicht im Wege stehen und ihm mit meinen Anrufen auf die Nerven gehen“

Wie viel Zeit investiert ihr in die Startups?

Nenad Marovac: Das hängt von der Situation ab. Mit einem sehr guten Gründer muss ich nicht viel Zeit verbringen. So jemandem will ich nicht im Wege stehen und ihm mit meinen Anrufen auf die Nerven gehen. Da will ich nur herausfinden, wo er Hilfe braucht, etwa bei sehr hochrangigen Kontakten oder in Strategiefragen. Wenn ich viel Zeit investieren muss, heißt das, ich habe den falschen Entrepreneur ausgewählt.

Und was passiert, wenn du das erkannt hast?

Nenad Marovac: Wir arbeiten weiter mit ihm und versuchen, das Beste für alle Seiten herauszuholen.

Du verbringst also mehr Zeit mit den schlechteren Unternehmern?

Nenad Marovac: Unglücklicherweise läuft es genau so. Das ist wie bei allen Beziehungen im Leben.

„Eine ganz schlimme Entscheidung für Europa und für Großbritannien“

Wie stehst du zum Brexit?

Nenad Marovac: Das war eine ganz schlimme Entscheidung für Europa und für Großbritannien. Ich denke, dass niemand davon profitieren wird. Wir werden alle verlieren. Es ist eine Stimmungsfrage. Mit dem Brexit wurde ein Schalter umgelegt. Das ganze europäische Projekt folgte einer wunderbaren Vision. Alles war grenzenlos, jeder konnte, wo er wollte, ein Unternehmen gründen. Jetzt werden Grenzen hochgezogen und Mauern gebaut. Es wird schwieriger und teurer werden, Geschäfte in Europa zu machen. Davon werden nur die USA und Asien profitieren, während wir hier an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Wird das eure Investitionsentscheidungen beeinflussen?

Nenad Marovac: Aktuell tut es das noch nicht. Wir fahren erst einmal mit unserer Strategie fort. Aber wir werden sehen, wie sich das entwickelt.

Was erwartet ihr für die Startups?

Nenad Marovac: Eine Sache wird sich wohl vielleicht doch positiv für Unternehmer in Berlin auswirken: Die meisten Entwickler kommen aus Osteuropa und sie werden es sich in Zukunft womöglich zweimal überlegen, ob sie nach London gehen wollen. Denn wir wissen nicht, ob sie dort bleiben können. Niemand weiß, was passieren wird. Es könnte also sein, dass Berlin im Vergleich zu London für Talente aus ganz Europa attraktiver wird.

„Wenn Großbritannien der EU nicht mehr angehört, müssen viele VCs, die EIF-Gelder bisher in Großbritannien investiert haben, ihren Fokus in Zukunft auf den Kontinent richten“

Sonst erwartest du keine Konsequenzen für die Branche?

Nenad Marovac: Doch, einen Effekt wird es in jedem Fall geben, über dessen Konsequenzen man nachdenken muss: Der European Investment Fund (EIF) ist der größte Investor in Venture Capital in Europa. Und sein Auftrag ist es im Moment, zwei Drittel seines Geldes in europäische Unternehmen zu investieren. Wenn Großbritannien der EU nicht mehr angehört, müssen viele VCs, die EIF-Gelder bisher in Großbritannien investiert haben, ihren Fokus in Zukunft auf den Kontinent richten. Das ist vermutlich die weitreichendste Auswirkung des Brexits für die VC-Branche. Wir hoffen, dass der EIF auch in Zukunft noch Interesse daran haben wird, in britische Unternehmen zu investieren, aber wir wissen es eben noch nicht.

„Wir brauchen sehr viele Leute an einem Ort und das ist Berlin“

Warum kommen nur wenige Unicorns aus Deutschland, fehlt es an Kapital?

Nenad Marovac: Nein, es liegt nicht am Kapital. Es gibt zu wenige großartige Unternehmer. Das ist das Problem. Das deutsche Startup-Ökosystem ist vielleicht zehn Jahre alt. Und ich denke, es braucht Zeit, ein starkes Ökosystem zu entwickeln. Deutschland ist bereits einer der attraktivsten Märkte für Private Equity. Ich sehe nicht, warum das bei Venture Capital nicht ebenso werden sollte. Wie gesagt, es braucht Zeit. Berlin nimmt dabei eine wichtige Funktion ein, weil Venture Capital und Startup-Ökonomie sich nur in einem funktionierenden Ökosystem entwickeln und das bedeutet: Wir brauchen eine kritische Masse. Es macht also keinen Sinn, dass einige Leute in Hamburg gründen, einige in Köln und in München. Das funktioniert nicht. Wir brauchen sehr viele Leute an einem Ort und das ist Berlin. Hoffentlich kommen dann auch große Tech-Companies wie Google und Facebook hierher und bringen gute Ingenieure mit, die dann selbst gründen wollen. Und dann sind VCs wie wir hier und finanzieren sie. Aber dazu kommt es nicht, wenn ein bisschen hier und ein bisschen da passiert. Wir brauchen eine kritische Masse.

Wir haben im September Bundestagswahl. Was wünscht sich ein internationaler Investor von der deutschen Politik?

Nenad Marovac: Da kommen wir zurück auf das Thema Europa. Ich bin sehr pro-europäisch. Wir brauchen offene Grenzen, damit Talente, Ideen und Kapital sich frei bewegen können. Sonst werden die Märkte zu klein, um attraktiv zu sein.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

Nenad Marovac, Gründer und CEO von DN Capital. (Bild: DN Capital)

NENAD MAROVAC

Nenad Marovac ist Gründer und CEO von DN Capital. Von London aus steuert er die globalen Aktivitäten des VCs und verantwortet die Investments in UK und Deutschland. Zuvor war er Partner bei Advent International in London. Vor seinem MBA in Harvard verbrachte er zwei Jahre als Berater bei der Treuhandanstalt.
DN Capital Logo. (Bild: DN Capital)

DN CAPITAL

GRÜNDUNG: 2000
GRÜNDER: Nenad Marovac, Steve Schlenker
MITARBEITER: 25
STANDORT: London, Menlo Park, Berlin
SERVICE: Frühphasen-Investor in Europa und den USA
URL: dncapital.com

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 24

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