Sie haben für 2018 die beiden Schwerpunktthemen Hoffnung und Resonanz definiert. Können Sie kurz erklären, was es damit auf sich hat?
Matthias Horx: Zukunft wird ganz oft durch technologische Trends beschrieben und modelliert. Das Zukunftsinstitut versucht hingegen, auch die Subtöne in Gesellschaft, Kultur und Denken abzubilden. Neben der Digitalisierung ist unser großes Thema eigentlich die gesellschaftliche Angst, also die Hysterisierung des Gesellschaftlichen und die extremen Übertreibungen, die sich auch im Medialen zeigen. Und das hat auch wiederum mit Digitalisierung zu tun. Man könnte die Diagnose treffen, dass wir in einem Zeitalter der Überresonanz oder der noch nicht erlernten Resonanz leben. Das Internet verbindet ja alles mit allem, aber dadurch entsteht auch jede Menge Unsinn. Durch dieses Hochschaukeln entstehen Extreme, wie die Wahl von Trump oder der Brexit oder eben der Populismus als politisches Phänomen. Resonanz ist dabei eine Art Grund – beschreibung von Welt und Wandel. Resonanz hat ja ei – nerseits diese anthropologische Konstante, dass wir Resonanzwesen sind. Menschen wollen immer gesehen, gehört und gewertschätzt werden, was auch ein Grund für den Populismus ist. Denn viele Menschen fühlen sich nicht gewürdigt und werden deshalb sehr zornig. Man könnte sagen, wir leben momentan in Resonanzkatastrophen, nämlich dem gegenseitigen Hochschaukeln von Befürchtung und Ängsten; mit der Hoffnung als Gegenelement. Es gibt erstaunlich viele Länder und Regionen, die besondere Fortschritte gemacht haben, von denen man nicht in den Medien liest. Oder es gibt eine neue Ethik der Gelassenheit, der vielleicht größten unterschwelligen geistigen Bewegung unserer Zeit, nämlich der Achtsamkeitsbewegung. Mit diesen weichen Phänomenen setzen wir uns auseinander und verfolgen eine Art holistische Zukunftsforschung, die auch das Geistige, das Mentale und ein Stück weit auch das Philosophische einbezieht. Unser Zukunftsbegriff ist oft zu eng, weil er sich nur auf Technik bezieht. Und Technik hat dann doch immer auch die Tendenz zu scheitern.

Welche Zwangsläufigkeiten oder Megatrends bestimmen die Zukunft?
Matthias Horx: Zukunftsforscher sind eine Art Modellbauer. Wir versuchen zu verstehen, wie Wandel überhaupt stattfindet. Hierzu gibt es zahlreiche Meinungen – von reiner Zufall bis hin zu alles vorbestimmt. Die Wahrheit liegt in einer Kombination und in der Erkenntnis von Komplexitätsprozessen. Und diese formen sich aus der Dialektik von Trend und Gegentrend. Die Globalisierung war der große Megatrend der letzten 30 Jahre, seit das Outsourcing in den 1980er-Jahren begonnen hat und der Finanzkapitalismus sich dann in den Nullerjahren durch die Finanzkrise selbst in die Luft geschossen hat. Heute kehrt sich Globalisierung um in einen neuen Nationalismus. Die Frage wird sein, was dabei herauskommt. Wir sehen, dass der Outsourcing-Industrialismus, also die Jagd nach immer billigeren Löhnen, jetzt vorbei ist. Stattdessen gibt es jetzt eine multipolare Welt, in der viel mehr Reibungsflächen entstehen als in der alten bipolaren, wo es nur Westen und Dritte Welt gab. Dabei spielt der Aufstieg Chinas eine große Rolle, aber auch die ganzen neuen Utopismen eines Golf Futurismus, wie man das vielleicht nennen kann, also die arabischen Länder. Ebenso die Frage, wie sich ein neues Europa konstituiert, das sich auch jenseits der Nationalstaaten orientieren dürfte. Wir sehen zurzeit ein Europa der Regionen, bei dem die Städte eine immer größere politische Macht erlangen. Man hat das auch bei den Eskapaden von Herrn Trump gesehen, der quasi die ganze Nation in eine nationalistische Richtung bringen will, während die ganzen Bürgermeister dann trotzdem ihre Städte CO2-frei bekommen wollen. Das ist typische Glokalisierung. Die Macht geht auf die lokale Ebene über. Parallel steuert der Urhype des Digitalen auf einen Zenit zu. Während Phänomene wie Bitcoin zwar für die Verabsolutierung des Digitalen stehen, zeichnet sich hier eine Brechung ab. Es gibt so etwas wie einen digitalen Überdruss in der Gesellschaft. Die großen Plattformen bekommen Schwierigkeiten – einerseits durch Regulation, andererseits durch tiefe Abneigung. Wenn wir uns beispielsweise Facebook anschauen, wie das Narzissmus prägt oder Lüge und Blasenwelten erzeugt, dann realisisert man, dass auch solche Systeme an ihre Grenzen kommen.

Matthias Horx bei einem seiner zahlreichen Vorträge. Foto: Zukunftsinstitut GmbH
Matthias Horx bei einem seiner zahlreichen Vorträge. Foto: Zukunftsinstitut GmbH

Wie erkennt man, was in Zukunft relevant oder weniger relevant werden könnte?
Matthias Horx: Letzten Endes führen wir eine Simulation durch, indem wir versuchen, ein System zu begreifen. Da spielen Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Big Data große Rollen. Es geht aber nicht um eine zahlengenaue Voraussage der Statistik, sondern um ein Verständnis, in welchen große Zyklen etwas in der Gesellschaft schwingt oder wann Sättigungen entstehen oder Systeme an sich selbst scheitern. Die digitale Transformation und die industrielle ähnelt sich stark. Auch damals sind zunächst gigantische Imperien und Monopole entstanden, die dann wieder zerfallen sind. Dabei ist es zu unglaublichen Zerschlagungen von Gesellschaft gekommen. Vor 100 Jahren, als die Fabriken entstanden sind und Menschen begonnen haben, dort zu arbeiten, gab es eine Zeit der Übermobilisierung. Und auch das Digitale erzeugt solche Phänomene. Menschen strömen in die Städte, wodurch neue Problemstellungen entstehen. Also muss man sich über den nächsten Schritt Gedanken machen. Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass nach jeder Stadtflucht wieder eine Landflucht und nach jeder Landflucht eine Stadtflucht kommt. In unserem aktuellen Zukunftsreport erzählen wir die Geschichte der progressiven Provinz. Wir sehen, dass es in Deutschland durchaus Kleinstädte, mittder Auflösung von Zugehörigkeit entsteht auch immer das Bedürfnis nach einem neuen Wir – bis hin zur fanatischen Suche. Schauen Sie sich mal eine russische Gesellschaft an, oder die vielen Nationalismen, die derzeit wieder kommen oder die Orientierung an der Religion. Daran zeigt sich, dass es auch anthropologische Konstanten gibt, die man einfach nicht wegdigitalisieren kann. Und wenn sich dann eine tribale Kultur im Internet gründet mit den ganzen Fake News und Lügengebilden, ist das nichts anderes als Kollektivbildung. Sie kriegen gewissermaßen den guten alten Menschen nicht aus dem System heraus. Es wird immer angenommen, dass Technik oder ein System alles neu macht. Dem ist gar nicht so. Es macht nämlich einerseits neu, andererseits kehrt es als dann neue Form zurück. Das nennen wir die Rekursion. Eine unserer Grundthesen ist, dass sich Zukunft rekursiv entwickelt, in Schleifensystemen. Und das ist ein Denkmuster der Komplexität, mit dem wir auf die Welt schauen.

Eine Pegida in Sachsen hat also nichts damit zu tun, dass Sachsen in der Entwicklung möglicherweise ein paar Jahre zurückhängt?
Matthias Horx: Die Frage ist, welche Entwicklung man als absolut setzt. Das ist nicht so einfach, denn wir erleben eine Durchmischung von Alt und Neu. Und Sachsen ist dann theoretisch überall, denn es gibt immer irgendwo Peripherie und Zentrum. Und es gibt immer Menschen, die von bestimmten Entwicklungen profitieren, während andere einen Nachteil davon haben. Das wird auch so bleiben. Das Wesen der Zukunft ist die Ungleichzeitigkeit. Wir haben ja heute noch mindestens einhundert tribale Gesellschaften auf der Erde, die noch nahezu so leben wie unsere Vorfahren vor 100.000 Jahren. Und das wird auch in 100 Jahren noch so sein. Dann wird es vielleicht andere Tribes geben, digitale Tribes. William Gibson hat das in seinem berühmten Werk Neuromancer schön beschrieben, wie archaische Verhältnisse immer wieder entstehen.

Welche Rolle schreiben Sie den Riesenfirmen der Zukunft zu, die ja eigentlich ein Layer beherrschen, das uns alle tangiert?
Matthias Horx: Die werden in den nächsten Jahren in gewaltige Krisen hineinschlittern und sich mit Sicherheit von innen her wieder zerspalten. Solche großen Konglomerate können sie in Wirklichkeit gar nicht mehr steuern. Die unterliegen ab einem gewissen Punkt chaotischen Gesetzen. Und auf der einen Seite gibt es eine Tendenz zur Regulation und zeitgleich bemerkt man auch, dass sie innerlich stottern. Nehmen Sie beispielsweise Uber: Das ist eine Firma, die einige systemische Grundregeln nicht beachtet hat. Es ist kein Zufall, dass sie im erotisch sexuellen eine übergriffige Kultur in ihren Führungskreisen hatten. Dieser scheinbare Zufall hat natürlich etwas mit der Struktur dieses Unternehmens zu tun. Das ist ein parasitärer Digitalismus, der dort herrscht. Dieses neue Geschäftsmodell ist einfach nicht human, weswegen es immer wieder innere Aufstände gibt. Irgendwann wird sich dann das bessere und fairere Uber gründen oder Uber wird sich selbst wenden und verbessern. Dasselbe erleben wir jetzt mit Facebook, die plötzlich spüren, dass sie sich aus den Hassfragen nicht heraushalten können und plötzlich in Berlin 1500 Hassmoderatoren einstellen. Und Amazon wird irgendwann Kartellklagen bekommen. Diese ganzen Dinge befinden sich im Prozess. Doch wahrscheinlich werden die großen, richtigen monopolistischen Strukturen zunächst mal in China entstehen, denn dort ist das noch viel monolithischer. Die werden irgendwann von ihren inneren Widersprüchen zerrissen, genau wie die Eisenbahngesellschaften 1870. Und die Zentrifugalkräfte werden dafür sorgen, dass sie andere Konfigurationen annehmen werden.

Steht das nicht im Konflikt zum Prinzip des Staates – dass beispielsweise Google mächtiger werden könnte als ein Staat?
Matthias Horx: Es erscheint linear logisch. Die Konzerne werden immer mächtiger, während die Staaten immer schwächer werden. Das erzählt sich jeder gegenseitig auf jeder Digitalkonferenz. Es ist aber einfach nur ‚Digital Bullshit‘. Staaten sollte man nicht einfach vorschnell totschreiben. Die Menschen werden sich wieder um den Staat scharen, wenn sie das Gefühl bekommen, betrogen worden zu sein. Und das kann schnell passieren.

Inspirieren statt belehren, das will Matthias Horx. Foto: Zukunftsinstitut GmbH
Inspirieren statt belehren, das will Matthias Horx. Foto: Zukunftsinstitut GmbH

Wie sehen Sie die Rolle der Medien vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Angst durch mediale Übertreibung? Vor welchen Herausforderung stehen wir?
Matthias Horx: Viele Entwicklungen müssten moderiert werden, doch man hat das Gefühl, dass Medien diesen Entwicklungen gar nicht mehr Herr werden. Ja. Und das liegt an einer ganz simplen Tatsache. Es geht nämlich immer um Knappheit. Die gesamte Menschheitsgeschichte und Ökonomiegeschichte ist ja eine Geschichte der Knappheit. Und um die entsprechenden Rohstoffe entstehen die Knappheitskonflikte. In meiner Jugend war noch das Öl als zentrale kommende Knappheit antizipiert. Heute herrscht hingegen ein Mangel an menschlicher Aufmerksamkeit. Und dadurch, dass die medialen Kanäle dermaßen explodiert sind, kommt es zu immer perverseren Formen von Aufmerksamkeitserregung. Die Medien sind keine Reflektoren mehr, sondern Erregungsmaschinen, die zuspitzen, sich zunehmend selbst erregen und sensationieren. Weil sie an die zentrale Ressource ran müssen. Ich bin ja selber Journalist, deshalb weiß ich: Je mehr man zuspitzt und je mehr Blut versprochen wird, desto mehr wird geklickt oder wahrgenommen. Und das sprengt das mediale Wahrnehmungssystem in die Luft, denn es wird immer verrückter. Wenn man heute Fernsehen guckt, hat man das Gefühl, man ist im Irrenhaus. Es ist unvorstellbar, welche Trivialisierung stattfindet. Aber die finden natürlich ihre Kunden, wodurch die Gesellschaft in den Wahrnehmungsformen auseinandergerissen wird. Und das führt zu Schichtenkonflikten und zu Populismus. Aber andererseits führt es auch dazu, dass ein immer größerer Anteil der Bevölkerung von diesen medialen Überforderungen einfach abschaltet. Das ist der Kern der Achtsamkeitsbewegung. Ich kenne praktisch niemanden, der nicht versucht, seinen Medienkonsum radikal zu verändern, auch den digitalen. ‚Digital Diet‘ ist in Amerika ein Riesenthema. Der Terrorismus des Smartphones wird inzwischen nicht mehr nur von einer Minderheit diskutiert. Viele Menschen verzweifeln, weil Smartphones permanente Distraktion, Klebrigkeiten und Zumutungen erzeugen. Die gebildeten Schichten verlassen das Fernsehen und zunehmend auch die sozialen Medien. Die Medien zerstören sich gewissermaßen selbst. Menschen sind lernfähig, wenn sie lernen müssen. Und weil sie diesen Wahn aus dem Kopf herauskriegen möchten, der uns dieses hypermediale Zeitalter, diese Überresonanz, beschert. Die mediale Skepsis wird in den nächsten Jahren zu Offlinebewegungen und Reanalogisierung führen.

Sorgt die Medienüberflutung nicht für eine Art Dämmerzustand bei den Menschen? Müsste daher die Resonanzkompetenz nicht Aufgabe der Bildung sein? Welche Rolle kommt der Bildung bei der Gestaltung einer gesunden Zukunft zu?
Matthias Horx: Der Bildungssektor ist spannend, weil er sich ja der Steigerungsvermutung der Digitalität verweigert hat. Wir sprechen unentwegt davon, dass man die Schulen digitalisieren soll, während jeder spürt, dass dies Blödsinn ist ist. Lernen ist ein seelischer Akt zwischen Menschen. Etwas, das mit Berührung und Gefühl zu tun hat. Selbst Sebastian Thrun, einer der großen Gründer der Lerndigitalisierung, hat inzwischen zugegeben, dass seine Produkte nicht funktionieren. Microlearning und Weiterbildungen funktionieren digital, aber sobald es komplex wird, schalten Menschen bei diesen Kurse ab. Deshalb läuft es auf eine Kombination hinaus, wo wir digitale Medien nutzen, ihnen aber nicht verfallen.

Es scheint relativ viele Konflikte zu geben, die tendenziell unlösbar wirken. Ist der Mensch überhaupt in der Lage, den ganzen Herausforderungen der Zukunft zu begegnen?
Matthias Horx: Das ist eben der Kern der Achtsamkeitsbewegung. Man fängt an, darüber nachzudenken, ob man seinem Gefühl immer trauen sollte beziehungsweise was Gefühle eigentlich sind. Der erste Affekt entsteht ja immer aus verschiedenen Zufällen, Konstitutionen, Erregungen. Aber der Affekt hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Und dass das, was Menschen irgendwie über die Zukunft zumeinen glauben, letztlich innere Konstruktionen sind. Wir konstruieren unsere Wirklichkeit, indem wir unsere Gefühle mit Wirklichkeit oder Zukunft verwechseln. Die Zukunft wird so, wie sie immer war: widersprüchlich und interessant. Leider glauben ängstliche Menschen, die viele Medien genießen, immer, dass es schlechter wird. Das ist natürlich Blödsinn, denn der Welt generell geht es ja immer besser, auch wenn es ein langsamer und schwieriger Prozess ist. Trotzdem bemerkt man viel Unvernunft.

Warum werden viele gewichtige Probleme nicht gesehen und im besten Fall auch gelöst?
Matthias Horx: Das ist das große Missverständnis: Man kann keine Probleme lösen. Man kann nur Lösungen finden. Mit den Problemen ist es wie mit den Trolls. In dem Moment, in dem man sie beachtet, werden sie immer größer. Dinge lösen sich, indem sie entweder katastrophisch zusammenbrechen, oder eben durch Adaption und Anpassung. Die Menschheit ist schon immer durch ihre Geschichte gestolpert und hat neue Herausforderungen angenommen. Der zentrale Punkt hinter der Frage ist die ewige anthropologische Frage, ob der Mensch eine Daseinsberechtigung hat? Und da kommen wir sofort in die transzendente Fragestellung und zurück in die Religion. Die Zukunft wird sein. Punkt! Und sie wird keine Dystopie sein, denn das ist keine Zukunft, sondern sie wird immer ein Stolpern und ein Krisenereignis sein. Krisen sind Teile der Korrekturen, die notwendig sind. Die Bankenkrise war notwendig, weil das System Bank in einen Amok gelaufen ist. In eine systemische Unmöglichkeit. Das konnte man voraussagen.

Und ist es die Aufgabe von Menschen, sich auf Krisen vorzubereiten?
Matthias Horx: Nein. Auf Krisen kann man sich nicht vorbereiten. Sie können ihren Horizont erweitern und weniger panisch reagieren, aber Krisen sind meistens das Überraschende, sonst wären es keine Krisen. Dabei ist die vernetzte Gesellschaft ja auch eine Art Vorhersagemaschine. Wir konstruieren in den gedanklichen Konstrukten des Internets und des medialen Raums unentwegt neue Krisen. Zum Teil stellen wir sie sogar dadurch her, dass wir sie antizipieren. Wenn man ernsthafte Zukunftsforschung betreiben will, muss man verstehen, dass wir unsere Zukunft selbst erschaffen. Das ist der Konstruktivismus. Das kennt man auch aus dem privaten Bereich, die sogenannte Self-fulfilling prophecy. Wenn man daran glaubt, dass es nicht funktionieren wird, dann wird man auch dafür sorgen, dass es nicht funktioniert. Deshalb ist Hoffnung ein wichtiges Element der Selbstdisziplinierung, damit Dinge überhaupt gelingen können. Und es gelingen unglaublich viele Dinge auf dieser Welt, was nur leider kein Mensch wahrnimmt.

Wie wichtig sind Daten bei der Problemlösung und der Vorhersage von möglichen Krisen?
Matthias Horx: Sie waren immer wichtig, aber man darf sie auch nicht überschätzen. Wir erleben immer mehr Systeme, die gerade dadurch erstarren, dass sie eine Überfülle von Daten haben. Diese Systeme werden in der Wahrnehmung vollkommen unflexibel. Ein System, das alle Daten über sich selbst besitzt, wird in die Krise geraten, denn es entstehen keine Freiräume, in denen Systeme oszillieren und lebendig bleiben. Deshalb ist die künstliche Intelligenz eine der großen Illusionen unserer Zeit. Die künstlichen Intelligenzsysteme sind im Grunde genommen künstliche Dummheitssysteme. Je mehr man sie aufrüstet, desto weniger werden sie Auskunft geben. Man kann sämtliche Daten aller Patienten in Deutschland erheben und weiß am Ende trotzdem nicht, wie man sie gesünder kriegt. Es gibt derzeit zunehmende Diskussionen über das bedingungslose Grundeinkommen, weil man davon ausgeht, dass Arbeit als Kapital aufgrund der Digitalisierung eine untergeordnete Rolle spielen wird.

Zukunftsforscher Matthias Horx. Foto: Zukunftsinstitut GmbH
Zukunftsforscher Matthias Horx. Foto: Zukunftsinstitut GmbH

Wird sich der Mensch tagsüber anders beschäftigen müssen?
Matthias Horx: Das ist eines der typischen Fehlmodelle, die deshalb so faszinierend sind, weil sie einerseits Angst machen und weil man mit ihnen andererseits bestimmte Interessen durchsetzen kann. Es ist ein ökonomistisches Modell, das weder Hand noch Fuß hat. In der Studie von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne aus dem Jahr 2013 steht, dass 50 Prozent aller Jobs bis 2030 vernichtet werden. Das ist die zentrale Studie, die in den Medien immer wieder zitiert wird. Journalisten schreiben ja immer alles voneinander ab. Wenn man sich die Liste der Jobs anschaut, braucht es keinen Analysten, um zu sehen, was das für ein Unsinn ist. Zum Beispiel gehen sie bei Schauspielern davon aus, dass die Virtualisierung die Schauspieler ersetzt, weil sie so teuer sind. Ich wette das Gegenteil. Ja, je mehr virtuelle Figuren es gibt, desto mehr will man das Original. Oder die neunzigprozentige Ausrottung der Barkeeper bis 2030, weil Roboter bessere Cocktails schütteln können. Daran erkennt man, welche Verheerungen ökonomistisches Denken im Kopf auslöst. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Wir werden immer mehr Jobs haben, in immer höher komplexeren Bereichen. Und es werden immer mehr Berufe entstehen. Alleine in den letzten zehn Jahren sind in Deutschland 800 bis 900 neue Berufsbilder entstanden bis hin zum Hassmoderator. Die Anzahl der Yogalehrer hat sich verfünfzehnfacht. Es entstehen immer neue Bedürfnisse. Und gerade in den Ländern, in denen die Automatisierung am höchsten ist, beispielsweise Japan, Kanada, Deutschland, haben wir die geringste Arbeitslosigkeit. Aber in Talkshows werden sie nur die Gegenthese wahrnehmen. Der Grund ist einfach: Sie müssen den Leuten Angst machen, sonst kann die Talkshow nicht stattfinden. Und an diesem Beispiel kann man erkennen, wie sich lineare Modelle in einer angstvollen Mediengesellschaft immer weiter fortpflanzen.

Sie sprechen jetzt nicht nur von komplexeren Jobs, sondern auch von den trivialen Jobs wie Taxifahrer, Kassierer?
Matthias Horx: Triviale Jobs sterben immer aus. Das war auch in der Vergangenheit so. Wir haben heute auch nicht mehr vier Millionen Menschen in der Montan- und Stahlindustrie. Technologie schafft dauernd alte, monotone Berufe ab. Das ist ein völlig normaler, logischer Prozess. In den 50-, 60-Jahren lag Erwerbsarbeit ungefähr bei der Hälfte von heute. Wir denken immer, dass wir damals das Land der Vollbeschäftigung waren. Pustekuchen. Die Frauen haben nicht gearbeitet, es gab eine Menge Arbeitslose und Kriegsveteranen und so weiter. Erwerbsarbeit war immer selten. Sie wird eigentlich nur komplexer und vielfältiger.

Da Medien als Orientierungspunkt nicht mehr funktionieren, wohin soll jemand heutzutage blicken, wenn er die Angst bekämpfen und Hoffnung schöpfen möchte?
Matthias Horx: Es geht letztlich um Angstkompetenz. Angst ist ein ganz wesentliches menschliches Gefühl, das jedoch in einer Überresonanzgesellschaft leider fehlgesteuert wird. Angst ist dazu da, dass wir wach werden, reagieren und entweder flüchten oder kämpfen. Ohne Angst wären wir alle tot. Es geht darum, den Blick von den Verkrampfungen abzuwenden, die uns von außen eingegeben oder von unseren inneren Depressionen diktiert werden. Dazu muss man den Blick öffnen. Man kann durch Berlins Straßen gehen und nur Müll und Verfall sehen oder man kann sagen: ‚Wow, was für eine Vielfalt von Menschen. Welche wunderbaren neue Projekte.‘ Natürlich ist lebendiges Leben nicht friktionslos, aber will man in einer friktionslosen Welt leben? Dann kann man auch in einer Computersimulation leben. Die Herausforderung ist, dass wir wach bleiben und dass es immer wieder Ecken und Kanten gibt. Dasselbe gilt weltweit. Man muss verstehen, wie Menschen miteinander kooperieren und dass unendlich viel funktioniert. Wie sich ganze Kontinente aus der Armut herausarbeiten. Das ist doch großartig. Wir sehen immer nur das, was nicht gelingt. Aber das ist nur deshalb sichtbar, weil so viel gelingt.

Featurebild: Klaus Vyhnalek

Foto: Zukunftsinstitut GmbH
Foto: Zukunftsinstitut GmbH

MATTHIAS HORX Nach einer Laufbahn als Journalist (Zeit, Meri an, Tempo) gründete er zur Jahrtausendwende das Zukunftsinstitut, das zahlreiche Institutionen berät. Seine Bücher „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ und „Das Buch des Wandels“ waren Bestseller. Als Gastdozent lehrt er Prognostik und Früherkennung an verschiedenen Hochschulen.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 27