Dörte Hirschberg im Interview darüber, wie ein  Interview bei Rocket Internet läuft

Dörte, wie viele Bewerbungen bekommt Rocket pro Tag?

DÖRTE HIRSCHBERG: Es sind etwa 2000 im Monat, jeden Arbeitstag im Schnitt also etwa 100 Bewerbungen.

Was sind die ersten Kriterien, nach denen Ihr sofort aussortiert?

DÖRTE HIRSCHBERG: Wir haben sehr unterschiedliche Rollen, deswegen ist es schwierig zu verallgemeinern. Englisch allerdings müssen alle unsere Mitarbeiter fließend sprechen. Deutsch hingegen ist für viele Positionen keine Voraussetzung.

Gibt es umgekehrt etwas, das sofort die Türen öffnet?

DÖRTE HIRSCHBERG: Gute Softwareingenieure suchen wir immer händeringend. Wenn jemand in seinem Lebenslauf zeigt, dass er entwickeln kann, dann laden wir ihn in der Regel ein. Genauso bei Gründern, die wir auch stetig suchen. Erfahrungen bei einer führenden Unternehmensberatung oder Investmentbank sind ebenso Punkte, die meist zu einem  Interview bei Rocket Internet führen.

Worauf kommt es noch an?

DÖRTE HIRSCHBERG: Wir suchen pragmatische Leute, die sehr lösungsorientiert denken, aber auch starke konzeptionelle und analytische Fähigkeiten haben. Auf allen Positionen suchen wir nach echter Excellence. Denn nur so können wir sicherstellen, dass unsere Ventures immer besser werden.

Was heißt das?

DÖRTE HIRSCHBERG: Wir suchen keine Leute, die in sehr engen Prozessen und Strukturen denken. Wir suchen Macher, Leute, die mit der Arbeit anfangen, anpacken und ihren eigenen Input liefern, auch wenn sie diese Art von Aufgabe zum ersten Mal machen. Wir brauchen Leute, die mitdenken und nicht immer auf eine Ansage vom Chef warten.

Wen sucht Ihr am dringendsten?

DÖRTE HIRSCHBERG: PHP-, Android- und iOS-Entwickler. Da investieren wir beim Recruiting am meisten. Und Gründer suchen wir natürlich auch immer.

Wie viele Bewerber kommen aus dem Ausland?

DÖRTE HIRSCHBERG: Gerade die Entwickler kommen zum großen Teil aus dem Ausland. Wir arbeiten mit einer Relocation-Agentur zusammen, die den ganzen Prozess betreut, die bei den Anmeldungen hilft, bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einem Kindergartenplatz.

Wie läuft der Bewerbungsprozess ab?

DÖRTE HIRSCHBERG: Bei interessanten Bewerbern folgt die Einladung zu einem ersten Gespräch mit einem Recruiter, das etwa 20 Minuten dauert und per Telefon oder Skype geführt wird. Dort werden die wichtigsten Dinge geklärt, zum Beispiel ob jemand wirklich fließend Englisch spricht und ob die Gehaltserwartungen passen. Wenn der Recruiter danach einen positiven Eindruck hat, empfiehlt er den Kandidaten weiter an die Fachabteilung. Die macht dann ausführliche Vorstellungsgespräche, in der Regel sind es zwei. Für viele Positionen gibt es noch einen fachlichen Test: Alle Entwickler müssen einen Coding-Test machen, für den Finanzbereich gibt es auch schriftliche Tests.

Ist das bei Gründern genauso?

DÖRTE HIRSCHBERG: Für Gründer haben wir keinen schriftlichen Test. Die Kandidaten führen alle ein Gespräch mit unserem Vorstand Alex Kudlich. Der hat schon viele Gründer gesehen und einen guten Blick dafür, wer das Zeug dazu hat. Uns ist wichtig, dass es Leute sind, die große Führungskompetenz haben, die sehr eigenständig arbeiten, die auch schon bewiesen haben, dass sie ein Team oder Unternehmen leiten können. Strukturiertes Denken, konzeptionelles Arbeiten und mit Zahlen umgehen können – all das gehört dazu.

Hier geht es zum großen Interview mit Rocket-Internet-Vorstand Alexander Kudlich

Klingt nicht so, als ob diese Bewerber alle Anfang 20 sind.

DÖRTE HIRSCHBERG: Das sind in der Regel Leute, die bereits Berufs- und Führungserfahrung haben, also eher Ende 20, Anfang 30 sind.

Du hast als Gründerin bei Rocket angefangen, warum bist Du nicht bei Deinen Ventures Bonativo oder Carspring geblieben?

DÖRTE HIRSCHBERG: Wir wollen sehr schnell sein. Deshalb gründen wir viele Unternehmen mit Interimsgeschäftsführern, die nach einigen Monaten das Geschäft an dauerhafte Geschäftsführer übergeben. Hierdurch können wir mit neuen Geschäftsmodellen direkt loslegen. Ich habe das zweimal gemacht und die dynamische Anfangszeit eines neuen Unternehmens sehr genossen. Danach hatte ich die Chance, Personalchefin zu werden und im Headquarter Verantwortung zu übernehmen.

Es gibt also zwei Arten von Gründern: solche, die die Dinge in Gang setzen, und solche, die die Sache dann großmachen?

DÖRTE HIRSCHBERG: Genau. Manchmal ist es derselbe. Aber aus Geschwindigkeitsgründen geht das nicht immer. Bei uns geht Geschwindigkeit vor.

Am Anfang ist viel Rocket im Venture. Bei 100 Prozent fängt es an und nimmt über die Zeit immer mehr ab. Wie funktioniert dieser Prozess?

DÖRTE HIRSCHBERG: Grundsätzlich ist jeder Gründer für seine Personalplanung selbst verantwortlich. Am Tag eins sind in der Regel 100 Prozent der Mitarbeiter von Rocket. Dann macht der Gründer eine mittelfristige Personalplanung, wie viele Leute er in einem halben Jahr haben will, und das Rocket-Personalteam beginnt, für diese Gesellschaft Mitarbeiter zu rekrutieren. Es kommt vor, dass Mitarbeiter von Rocket unbedingt in einem bestimmten Venture dauerhaft arbeiten wollen. Wenn sie sich mit dem Geschäftsführer einigen, dann unterstützen wir das von Rocket-Seite in der Regel. Wir wissen, dass junge Unternehmen es meist schwer haben, gute Mitarbeiter zu finden. Bei einer Marke wie Rocket ist das anders, und wir unterstützen unsere jungen Unternehmen daher gerne durch Transfers von Mitarbeitern. Im Einzelfall gibt es Leute, die von allen Seiten umworben werden und die Rocket aktuell nicht an ein Venture übergeben möchte.

Und wie wird das ausgetragen?

DÖRTE HIRSCHBERG: Der Gründer einigt sich dann mit Alexander Kudlich, ein Veto von Rocket-Seite gibt es aber selten. Grundsätzlich geben wir gute Leute, die wir gern bei Rocket halten würden, an die Ventures ab. Am Ende ist Rocket für die Unternehmen da, wir müssen unser Bestes und all unsere Energie in die Ventures stecken.

Im Zweifel ist es eine Frage des Geldes. Zahlt Rocket besser als andere?

DÖRTE HIRSCHBERG: Nein, wir zahlen marktüblich. Wir achten darauf, dass wir uns regelmäßig benchmarken. Es kommt häufig vor, dass Mitarbeiter deutlich höhere Angebote von außen bekommen, und da gehen wir nur begrenzt mit. Wir gründen Startups, die am Anfang nicht besonders viel Geld haben. Das heißt, wir können es uns nicht leisten, besonders teuer zu sein.

Bildet Rocket aus?

DÖRTE HIRSCHBERG: Klassische Auszubildende haben wir zwei, die arbeiten im IT-Bereich.

Keine Kaufleute?

DÖRTE HIRSCHBERG: Nein, vielleicht im nächsten Jahr wieder. Aber wir haben eine Reihe von Traineeprogrammen: Das Global-Venture-Development-Programm zum Beispiel bereitet Leute darauf vor, mittelfristig Gründer zu werden. Dann gibt es Traineeprogramme im Online-Marketing, im Personal- und im Finanzbereich. Das sind Programme für Berufsanfänger, die in einem Jahr viele Stationen durchlaufen und Trainingsprogramme absolvieren, um dann auf eine Rolle in einem Venture vorbereitet zu sein.

Die Programme habt Ihr Euch selbst ausgedacht?

DÖRTE HIRSCHBERG: Ja und sie sind auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten.

Wie lange bleiben die Mitarbeiter im Schnitt bei Rocket?

DÖRTE HIRSCHBERG: Wir können da keine Auswertung machen. Es ist ja gewollt, dass Mitarbeiter uns in Richtung der Ventures wieder verlassen. Wir haben keine Datenbank über alle 32.000 Mitarbeiter, die in unserem Netzwerk sind, das wäre ein viel zu großer Administrationsaufwand. Viele Leute bleiben relativ kurz bei der Rocket SE, aber das ist nichts Schlechtes für uns. Denn im Rocket-Netzwerk bleiben sie uns erhalten.

Du bist nicht nur Personalchefin, sondern Du betreust auch den Launch-Prozess für neue Firmen. Was ist Deine Aufgabe dabei?

DÖRTE HIRSCHBERG: Ich sage dem Team, was sie als erstes machen müssen und mit wem sie in den funktionalen Abteilungen bei Rocket sprechen müssen. Es gibt eine Checkliste mit 300 Punkten, die das Team bis zum Launch abarbeiten muss. Ich erkläre wie eine Budgetplanung aussehen muss, damit sie auch Geld ins Venture kriegen. Ich treffe mich alle zwei Wochen mit dem Gründer, um sicherzustellen, dass alles planmäßig vorangeht, und sorge dafür, Probleme aus dem Weg zu schaffen.

Die Checkliste ist das Programm für die ersten 200 Tage bis zum Launch?

DÖRTE HIRSCHBERG: Genau. Sie ist entstanden aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Die haben wir zusammengetragen, um sicherzustellen, dass unsere Unternehmen von Tag eins an aus den Erfahrungen aller Rocket-Firmen lernen.

Das Gespräch führte Corinna Visser. Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 11/2015

Dörte Hirschberg HR-Chefin Rocket Internet Company Builder Startup Start-Up Berlin Gründerszene Vorstellungsgespräch bei Rocket

Dörte Hirschberg

ist seit einem Jahr bei Rocket Internet und seit kurzem Personalchefin. Die 33-Jährige verantwortet auch die Organisationsentwicklung und den Launch-Prozess. Sie hat Wirtschaft an der LMU in München studiert und acht Jahre bei McKinsey Digitalisierungs- und Online-Themen betreut.

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