Garrett Oliver ist ein Überzeugungstäter. Der Brauer der legendären Brooklyn Brewery in New York hat die Anfänge des Trends Craft Beer in den Vereinigten Staaten miterlebt und mitgestaltet. Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als Craft Beer nicht mehr war als eine Idee. Heute scheint er stolz darauf, eine Bewegung mitkreiert zu haben, die für ein neues Bewusstsein steht: Der durch herkömmliche Biermarken in Vergessenheit geratene, besondere Biergeschmack ist zurück.

Aus Wasser wird Bier

Es war ein langer Weg, an dessen Anfang nicht mehr stand als die Idee eines Marktes. Es gab keine Spur der Biervielfalt, wie wir sie heute kennen. Im Gegenteil. Oliver erinnert sich an die kulinarische Tristesse, die in den USA vorherrschte: „Lange Zeit aßen wir sehr einfache Lebensmittel. An so etwas wie einen Spezialitätenladen zu denken, wäre absurd gewesen. Amerikanischer Käse war nicht mehr als Plastik. Das Brot glich einem chemischen Schwamm und das Bier schmeckte wie Wasser.“ Ein Aufenthalt in Europa öffnete ihm die Augen. Seine Leidenschaft für Bier war geweckt und zeigt sich heute in einer Symbiose aus alter und neuer Welt. „In Europa entdeckte wir die Grundlage, veränderten sie, kombinierten sie mit anderen Dingen und schickten sie zurück.“ In der 1988 von Steve Hindy und Tom Potter gegründete Brooklyn Brewery fand Oliver den Hort seiner Kreationen. Den heutigen Erfolg der Szene sieht er als Ergebnis harter Arbeit und Durchhaltevermögen.

„Wir mussten den Menschen beibringen, was es mit Craft Beer auf sich hat“

„Ende der 90er Jahre kam langsam ein neues Qualitätsbewusstsein auf, speziell bei Lebensmitteln. Doch für Bier galt das zunächst nicht.“ Um die neuen Biersorten zu etablieren, musste es gelingen, den Konsumenten nicht nur einmalig, sondern dauerhaft zu erreichen. „Natürlich kannst du Menschen dazu bringen, etwas zu probieren. Die Kunst ist aber, sie dazu zu bekommen, von alleine nach deinem Produkt zu fragen.“ Die Etablierung dieser Nachfrage war für Oliver eine der größten Herausforderungen: „Es war, als wäre man ein Fisch und hätte keinen Ozean. Wir mussten erst den Ozean erschaffen und ihn befüllen. Dann erst konnten wir darin schwimmen.“ Heute ist Craft Beer in aller Munde. Auf der ganzen Welt greifen die Menschen nach IPAs, Stouts und Pale Ale. Das Ergebnis eines Lernprozesses: „Wir mussten den Menschen beibringen, was es mit Craft Beer auf sich hat. Das ist ungefähr so, wie wenn du Menschen Jazz vermitteln möchtest. Du gibst ihnen das Bier und erklärst, wie es entstanden ist und warum es besonders ist. Dann kombinierst du es mit dem passenden Essen. Das machst du immer wieder und wieder.“

„Die Menschen wollen die neuen Biere, doch sie müssen zunächst verstehen, dass das Neue einen Platz in ihrem Leben einnehmen kann“

Inzwischen hat der Craft-Beer-Pionier das „Craft-Erlebnis“ auf über 900 Bier-Tastings, Dinnern und Kochvorführungen in 16 Ländern präsentiert. Doch seine Mission ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Inzwischen hat Oliver auch mehrere Bücher über Bier in der Kombination mit Essen veröffentlicht. Denn natürlich will er möglichst viele Menschen zum Umdenken bewegen. „Es wird immer Menschen geben, die nur die ihnen bekannten Biere trinken werden. Viele Verbraucher denken bei Bier weiterhin an die 90 Prozent der Marken, die schon seit Jahrzehnten im Supermarkt stehen.“ Oliver überrascht das nicht. Für aufgeschlossene Konsumenten sind die neuen Biere eine Bereicherung. „Der Wandel ist da und die Menschen wollen die neuen Biere, doch sie müssen erst einmal verstehen, dass das Neue einen Platz in ihrem Leben einnehmen kann. Früher haben sie für eine Tasse Kaffee auch nur 50 Cent bezahlt und heute geben sie ein Vielfaches aus.“

Garrett Oliver ist Brauer der Brooklyn Brewery in New York und Autor des „The Oxford Companion to Beer” (Bild: e Brooklyn Brewery / Carlsberg Deutschland GmbH)
Garrett Oliver ist Brauer der Brooklyn Brewery in New York und Autor des „The Oxford Companion to Beer” (Bild: The Brooklyn Brewery / Carlsberg Deutschland GmbH)

„A Beer and a moment“ vs. deutsches Reinheitsgebot

„An guten Tagen kannst du sehen, wie Menschen die Erkenntnis ereilt. Auf den ersten Blick nur ein kleiner Moment, aber mit einer Veränderung gleichbedeutend mit einem Plus an Lebensqualität. Wie bei der Entdeckung guter Musik. Die behältst du dein ganzes Leben.“ Ob diese Kreativität auch ein Angriff auf das Reinheitsgebot ist? „Ich denke nicht, dass wir das Reinheitsgebot herausfordern. Es hat die Qualität des deutschen Bieres bewahrt, aber auch die Kreativität unterdrückt. Als wolle man eine Symphonie kreieren, bei der man auf 30 Prozent der Instrumente verzichtet. Du bist dann noch in der Lage, eine gute Symphonie zu komponieren, aber sie wird niemals dieselbe Tiefe besitzen wie mit allen Instrumenten. Wir haben diese Instrumente wiederentdeckt und ich bin froh, dass sich so viele Brauer dafür interessieren.“

GARRETT OLIVER

Garrett Oliver ist Brauer der Brooklyn Brewery in New York und Autor des „The Oxford Companion to Beer”. Er ist verantwortlich für viele Craft-Beer-Innovationen, ein Verfechter von gutem Bier mit gutem Essen, Gastgeber zahlreicher Bier-Tastings und Autor mehrerer Bücher, die sich mit Beer and Food Pairing befassen.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 26

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar