Frau Esken, Sie sind Berichterstatterin für digitale Bildung der SPD-Bundestagsfraktion. Was genau bedeutet der Begriff digitale Bildung?

SASKIA ESKEN: Digitale Bildung ist eigentlich kein passender Begriff, weil Bildung an sich nicht digital sein kann. Bildung ist ein Prozess, der ganz viel mit Beziehung zu tun hat und ganz bestimmt nichts mit Nullen und Einsen. Aber es ist eben ein Hashtag. Bei dem Begriff geht es um Bildung in einer digitalisierten Welt und die beiden Fragen: Was muss Bildung leisten, um Schüler wie Erwachsene im lebensbegleitenden Lernen zur Teilhabe an einer digitalisierten Welt sowohl in der Gesellschaft als auch in der Arbeitswelt zu befähigen? Die zweite Frage ist: Was kann Digitalisierung tun, um Bildung besser zu machen, und wie kann sie zu individueller Förderung im Unterricht beitragen? Konzepte wie Blended Learning oder der Inverted Classroom sind da gute Ansätze, um eigene Zugänge zum Lernstoff zu erlauben. Wenn der Lernerfolg nicht mehr davon abhängig ist, wie oft ich zum Beispiel an der Universität präsent sein kann, eröffnet das Zugänge zu Bildung auch in Lebensphasen, in denen ich mit der Familie beschäftigt bin oder mit der Pflege von Familienangehörigen. Gleiches gilt bei der Weiterbildung: In bestimmten Lebenslagen ist es einfach schwierig, jeden Mittwoch von 17 bis 19 Uhr zu einem Weiterbildungskurs zu gehen. Wenn dieser aber online angeboten wird, dann ist das ganz anders zu bewältigen.

Sie haben gerade eine Reihe an Vorteilen angesprochen, und dennoch ist Deutschland im internationalen Schulvergleich Schlusslicht im Einsatz digitaler Medien. Woran liegt das?

SASKIA ESKEN: Das liegt an ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Zum einen ist der Einsatz digitaler Medien nicht vorgeschrieben. Man könnte also sagen: Macht es zur Pflicht und schreibt es in die Bildungspläne. Aber das ist ein Trugschluss. Wenn wir auf Bundesebene ein Gesetz erlassen oder auf Landesebene ein Bildungsplan gemacht wird, heißt das noch lange nicht, dass sich im Klassenzimmer am Unterrichtsgeschehen etwas ändert. Das hat ganz viel mit Überzeugung, aber auch mit Gewohnheit zu tun. Viele Lehrkräfte setzen aber auch keine digitalen Medien ein, weil ihnen schlichtweg die Kompetenzen fehlen. Deshalb brauchen wir mehr Lehreraus- und -fortbildung. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur nicht zuverlässig funktioniert.

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Warum ist dann Medienerziehung nicht Pflichtfach für angehende Lehrer?

SASKIA ESKEN: Das ist eine Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Tatsächlich hat die Kultusministerkonferenz bereits 1998 einstimmig beschlossen, dass mediendidaktische Inhalte verpflichtend in die Lehrerausbildung eingeführt werden sollen. Das ist jetzt 17 Jahre her, und es ist bis heute in keinem der 16 Bundesländer umgesetzt worden. Das ist schon erschreckend. Die Kultusminister haben einfach keinen Durchgriff auf die Studienordnung von Universitäten.

Was muss passieren, damit digitale Bildung an Schulen wirklich flächendeckend stattfindet?

SASKIA ESKEN: Letztlich haben wir keinen Durchgriff, insbesondere nicht als Bundespolitik. Deshalb müssen wir umsetzen, was die Bundesregierung sich im Koalitionsantrag von CDU/CSU und SPD vorgenommen hat: die Entwicklung einer gemeinsamen Strategie „Digitales Lernen“ gemeinsam mit den Ländern und weiteren beteiligten Akteuren wie Bildungseinrichtungen. Tatsächlich müssen wir uns zusammen an einen Tisch setzen und überlegen, welche Schritte notwendig sind. Dazu gehören verpflichtende Bildungsinhalte in den Bildungsplänen wie Grundlagen der Informatik, aber auch fächerübergreifend muss die Medienkompetenz gefördert werden. Aber ich habe den Eindruck, dass sich in den vergangenen anderthalb, zwei Jahren auch auf Länderebene relativ viel bewegt hat und sich die Bundesländer beispielsweise Gedanken über ihre Bildungspläne oder über Bildungsplattformen machen.

Welche weiteren Kernpunkte sind in der Strategie der Bundesregierung enthalten?

SASKIA ESKEN: Die Breitbandanbindung an den Schulen muss ausgebaut werden. WLANs müssen eingerichtet werden – hier müssen die Schulen aber auch rechtssicher sein, dass sie nicht für ihre Schüler mithaften, Stichwort Störerhaftung. Es geht um das Urheberrecht, das derzeit noch eine ziemliche Bremse in Bezug auf Digitalisierung ist. Die Unterrichtsmaterialien der Schulbuchverlage sind überwiegend mit Autorenrechten versehen. Das ist ein Punkt, der vom Bund geregelt werden kann und werden wird. Das Bundesjustizministerium ist dabei, eine Novelle des Urheberrechts herbeizuführen. Mir ist es aber auch wichtig, dass mehr und mehr Unterrichtsmaterialien in offenen Lizenzen zur Verfügung stehen, die Lehrer und Lerner dann als Open Educational Resources (OER) nutzen und bearbeiten können. Und es geht um Lehreraus- und -fortbildung. Die Konzepte zu Medienbildung müssen an den Schulen selbst entwickelt werden, dafür braucht es aber auch Fortbildungen vor Ort. Es ist immer besser, wenn Politik vor Ort umgesetzt und nicht im Detail auf der höchstmöglichen Ebene vorgegeben wird.

Aber kann auf diese Weise ein Qualitätsstandard überhaupt eingehalten werden?

SASKIA ESKEN: Die Qualitätsstandards müssen wir vorgeben, das ja. Aber den Weg dahin, den müssen wir offen lassen, damit auch individuelle Wege gefunden werden können. Denn diese werden einfach besser umgesetzt, wenn dort auch Überzeugung und eigenes Herzblut drinsteckt und wenn man außerschulische Akteure vor Ort einbinden kann.

Ab welchem Alter macht der Einsatz von digitalen Medien in der Bildung Sinn?

SASKIA ESKEN: Von Anfang an. Schon heute sehen wir Drei-, Vierjährige, die mit Smartphone und Tablet umgehen. Das werden wir nicht aufhalten können, selbst wenn die Politik den Umgang als gefährdend einstufen würde. Deshalb sollten wir so früh wie möglich dafür sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen in der digitalisierten Welt Verantwortung und kritische Distanz entwickeln und die Fähigkeit, ihr eigenes Verhalten dort auch bewusst zu steuern. Ich glaube, dass gerade die Kindertagesstätten und die Grundschulen hier in einer großen Verantwortung sind, mit den Eltern gemeinsam zu einer Linie in Bezug auf den Medienkonsum zu finden.

Sie haben vorhin das Konzept des Inverted Class­room angesprochen. Wie funktioniert das genau?

SASKIA ESKEN: Die Idee des Inverted Classroom ist das Umdrehen des Unterrichtsprinzips: Das, was bisher im Klassenzimmer stattfindet, der Input, wird Teil der Hausaufgaben. Und das, was bisher Hausaufgabe ist, nämlich Übung und Vertiefung und zudem der Transfer von Erlerntem, das findet im Klassenzimmer in der Gemeinschaft statt. Dieses Prinzip halte ich für sehr sinnvoll. Denn gerade bei letzterem brauche ich den Austausch mit anderen. Dadurch, dass die Schüler sich zu Hause Lernvideos als Unterrichtsvorbereitung anschauen, können sich die Lehrkräfte in den Präsenzstunden ganz auf den Lerneffekt konzentrieren, und es wird verhindert, dass Schüler etwas Falsches üben, weil sie es nicht richtig verstanden haben.

Was für eine Art von Unterricht wünschen Sie sich für die Zukunft?

SASKIA ESKEN: Wir haben noch viel zu viel lehrerzentrierten Unterricht. Dabei müssen wir zu einem Unterricht hinkommen, der vom Lernenden gedacht ist, wo die Motivation zum Lernen vom Lernenden ausgeht. Bildung ist ein Prozess der Aneignung der Welt und kein Befüllen von Köpfen mit Wissen, nur ich selbst kann mich bilden. Und ich würde mir wünschen, dass der Impuls zum Lernen mehr und mehr von den Schülern selbst ausgeht.

Das Gespräch führte Marisa Strobel. Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 10/2015.

Saskia Esken, staatl. geprüfte Informatikerin, seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages.

Saskia Esken

Die Bundestagsabgeordnete und ausgebildete Informatikerin aus Baden-Württemberg ist Berichterstatterin für digitale Bildung der SPD-Bundestagsfraktion. Esken ist zudem Mitglied der Ausschüsse Digitale Agenda sowie Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. 

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