Serieninvestor Christophe Maire über die Fragilität eines Innovations-Ökosystems

Christophe, kannst Du Deine Mission erläutern?

CHRISTOPHE MAIRE: Ich möchte dabei helfen, Firmen zu kreieren, und zwar von Berlin aus. Dazu versuche ich, gute Themen zu identifizieren, und involviere mich in immer mehr Firmen. Für mich ist es eine Art Verpflichtung, aktiv zu werden. In Zeiten, in denen Dinge gestaltet werden, muss man versuchen, ein Teil davon zu sein.

Wie siehst Du Berlin im europäischen Vergleich?

CHRISTOPHE MAIRE: Berlin ist mehr und mehr der spannendste Standort in Europa, um Innovation voranzutreiben – mindestens so spannend wie die anderen großen Ökosysteme. Unsere große Chance ist, dass die talentiertesten Leute aus ganz Europa gern hierher kommen. Wir sind die einzige Metropole, in der Technologie beziehungsweise Innovation im weitesten Sinne die einzige relevante Industrie ist. Es gibt hier keine industriellen Strukturen, auch nicht im Servicebereich. Das schafft Platz für Ideen, und das schafft Platz für das Ökosystem, das hier in den letzten fünf Jahren von selbst entstanden ist. In Berlin wird in den kommenden zehn Jahren mehr entstehen als in den letzten zwanzig, denn erst jetzt ist die Infrastruktur vorhanden.

Das gibt dem Ökosystem wahrscheinlich eine andere Wichtigkeit als anderen Hubs.

CHRISTOPHE MAIRE: Nicht nur das. Es geht auch um den Wettbewerb um Talent. In London beispielsweise können Programmierer viel mehr verdienen, wenn sie in einer Bank arbeiten. Ein Ökosystem lebt davon, dass eine minimale Dichte und ein Austausch entstehen. In San Francisco geht es nur um Technologie, in Berlin inzwischen auch. Die anderen vorhandenen Themen wie Kunst und Mode sind da synergetisch.

Erwartest Du, dass große Unternehmen wie DAX-Konzerne nun auch nach Berlin kommen?

CHRISTOPHE MAIRE: Ich denke, die entstehen hier. Es gibt heute in Berlin fünf oder sechs Firmen, die es vor fünf Jahren noch nicht gab und die heute über eine Milliarde Euro wert sind. Von daher erwarte ich, dass sich dieser Trend fortsetzt und in den kommenden zehn Jahren mindestens zehn große Firmen hier entstehen werden. Um diese zehn großen Unternehmen zu produzieren, musst du aber wahrscheinlich hundert Startups starten.

Welche anderen Ökosysteme würdest Du mit Berlin vergleichen?

CHRISTOPHE MAIRE: Berlin ist heute da, wo New York vor vier Jahren war. Das heißt, wir sind ein Emerging Ecosystem – wir sind noch nicht so weit.

Die Politik unternimmt inzwischen einige Anstrengungen, um die Startup-Hubs der Welt zu verbinden. Auf Seiten Berlins konzentriert man sich insbesondere auf New York und Tel Aviv. Ist dies ein begrüßenswerter Trend?

CHRISTOPHE MAIRE: Das passiert ja schon lange. Mindestens ein Drittel meiner Firmen hat ein Office in New York. Aber dass die Politik erkennt, welche Wichtigkeit die Innovationsindustrie haben kann, das ist überfällig. Zeitgleich ist die Qualität der Unternehmen, die heute gegründet werden, stark gestiegen.

Vor einem Jahr hat McKinsey mit der Studie „Berlin gründet“ aufgelistet, wie die Stadt zur Startup-Metropole werden kann. Was ist seither passiert, und warum brauchte es überhaupt eine derartige Studie, um die Politik wachzurütteln?

CHRISTOPHE MAIRE: Meiner Meinung nach braucht es keine Studie, um zu verstehen, dass die Digitalisierung der Gesellschaft im Gange ist und dass es eine Opportunität gibt, diesen Prozess mitzugestalten statt mitgestaltet zu werden. Die Zeichen sind ja schon lange da. Jetzt kommen die ersten großen Firmen, die daraus entstanden sind und auf diesem neuen Boden gewachsen sind. Europa hat insgesamt jahrelang geschlafen. Man hat die Digitalisierung der Gesellschaft immer als ein exotisches Phänomen betrachtet. Heute ist es aber so, dass die Digitalisierung so weit fortgeschritten ist, dass eine Industrie nach der anderen verändert wird –auch Industrien, die damit direkt nichts zu tun haben wie Agrikultur, Bauwesen, Gastronomie. Nenn mir eine Industrie, die nicht maßgeblich durch die Digitalisierung verändert wird. Diese Innovation findet statt an bestimmten Standorten, an denen sich auch ein Teil der Wertschöpfung befindet. Es ist kaum denkbar, dass man diese Entwicklung nicht als Priorität definiert.

Welche Umgebung braucht es, um Innovation zu fördern?

CHRISTOPHE MAIRE: Ein Innovations-Ökosystem ist eine fragile Angelegenheit. Deswegen kann ich nicht entscheiden, in einer Kleinstadt ein Innovations-Ökosystem zu launchen. Das ist kein Top-Down-Phänomen. Es braucht dazu ein gewisses Umfeld. Das Beste, was man also machen kann, ist, dieses Umfeld wohlwollend zu unterstützen.

Wowereit hat im Zuge der McKinsey-Studie gesagt, dass Berlin die Chance habe, weltweit zu den Top-fünf-Ökosystemen zu gehören und in Europa die Nummer eins zu werden.

CHRISTOPHE MAIRE: Ja, auf jeden Fall.

Ist die Umsetzungsgeschwindigkeit der Stadt angemessen, um dem Potenzial der Digitalszene ausreichend zu begegnen?

CHRISTOPHE MAIRE: Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe zu wenige Berührungspunkte. Die meisten Ventures haben ein Leben in der Stadt. Sie ernähren die Stadt. Es entsteht eine Menge an Wertschöpfung. Aber die Berührungspunkte mit der Politik sind überschaubar.

Was kann und sollte die Politik tun?

CHRISTOPHE MAIRE: Das Minimum sollte sein, die richtigen Signale zu setzen. Die Firmen werden ja nicht von Städten gegründet oder finanziert. Es geht eher darum, Raum zu schaffen und wohlwollend zu agieren, so wie Michael Bloomberg (2002 bis 2013 Bürgermeister von New York City) das gemacht hat, einfach weil er es auch verstanden hat. Das ist natürlich ein langfristiges Projekt.

McKinsey hatte einen 100-Millionen-Euro-Fonds vorgeschlagen. Macht so etwas Sinn?

CHRISTOPHE MAIRE: Das macht auf jeden Fall Sinn, aber wir brauchen nicht nur einen, sondern fünf oder sechs davon. Damit verbunden ist die Frage, wer dieses Geld einsetzt. Staatliche Fonds haben keinen guten Track Record. Aber im Verhältnis zu anderen Standorten gibt es weiterhin ein großes Gap. Im Vergleich zu Israel ist dies beispielsweise Faktor 20, und natürlich haben israelische Unternehmen dann Erfolg. Der Erfolg ist natürlich daran gekoppelt, wie oft man es probiert. Man muss in Berlin einfach zehnmal mehr kämpfen. Da ist es natürlich bedenklich, dass die meisten Gelder, die hier investiert werden, aus dem Ausland kommen. Das bedeutet, dass es im Erfolgsfall keine lokalen Rückkopplungseffekte gibt.

Das klingt etwas paradox, denn es gibt ja gerade starke Bemühungen, speziell Geld aus dem Ausland anzulocken. Fehlt es demnach in Deutschland an systematisch agierenden, industriellen Investoren?

CHRISTOPHE MAIRE: Es gibt strukturelle Schwierigkeiten, beispielsweise ist es Rentenfonds untersagt, in Deutschland zu investieren, und das, obwohl hier die Wertschöpfung stattfindet. Das ist ein strukturelles Problem, das korrigiert werden muss. Aber es gibt Initiativen, die dies adressieren.

Und trotzdem: Wenn man sich die großen US-Venturecapital-Unternehmen anschaut, dann fehlt doch so etwas in Europa.

CHRISTOPHE MAIRE: Klar. Aber das entsteht nicht von heute auf morgen. Die Israeli beispielsweise haben vor 15 Jahren begonnen, dies bewusst und in hohem Maße zu unterstützen. Für mich ist das alternativlos. Man kann nicht anders, als die Innovation, die aus der Digitalisierung heraus entsteht, zu unterstützen, einfach um sicherzustellen, dass es hier im Lande stattfindet. Grundsätzlich haben wir in Deutschland beim Thema Folgefinanzierungen immer noch eine große Lücke. In London haben sich allein im letzten Jahr acht große Fonds angesiedelt. In Berlin sind aber mindestens genauso viele gute Firmen, aber kein einziger Fonds. Das ist spürbar, macht aber andererseits die Firmen stärker.

Wie stehst Du der gängigen Blockadepolitik beispielsweise im Fall Uber gegenüber? Ist sie symptomatisch für die Probleme, die wir in Deutschland haben, wenn es um Innovationen geht?

CHRISTOPHE MAIRE: Tendenziell wird hierzulande eher der Anbieter als der Konsument geschützt. Dabei ist es ja klar, dass diese Innovationen einem Bedarf entspringen. Uber steht auch für Neubeginn und Wandel in der Arbeit.

Mein Eindruck ist, dass es hierzulande zu wenig schlaue Köpfe gibt, die in der Lage sind, diese Zusammenhänge und den anstehenden Wandel überhaupt verständlich zu artikulieren. Man hat das Gefühl, dass die Erkenntnis – speziell der Politik – immer nur in homöopathischen Dosen reift.

CHRISTOPHE MAIRE: Die Grundproblematik ist doch: Die Zukunft hat noch keine Lobby. Die einzigen, die heute laut schreien, sind Vertreter der bestehenden Industrie oder der vergangenen Industrie. Keiner stimmt für die Firmen, die jetzt gerade entstehen. Dafür muss man ein gewisses Verständnis aufbringen, aber im Zweifelsfall sollte man immer der Innovation den Vorrang geben. Schließlich ist es eine Chance, sich als Standort zu positionieren, an dem Innovation länger geduldet wird. Innovationen brauchen Zeit, sich zu formen. Darin liegt teilweise auch die Chance dieser Stadt, die ja eine freie, soziale und offene Stadt ist. Es ist eine Opportunität, sich das noch deutlicher auf die Fahne zu schreiben. Ich selbst habe mich beispielsweise stärker in Digital Health engagiert, einfach weil es eines der Zukunftsthemen ist. Hier kann Software viel bewegen. So bekommt man beispielsweise mehr Transparenz über den eigenen Körper oder über Ärzte. Dadurch haben wir heutzutage die Chance, den Menschen die Hoheit über ihre Daten zurückzugeben. Hierzulande wird das leider oft negativ interpretiert. Man hat große Angst vor Daten. Wenn man das aber mit früher vergleicht und damit, wie viel man durch die Daten über den eigenen Körper erfahren kann, so liegt hier doch eine enorme Chance.

Das Gespräch führte Jan Thomas. Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 11/2014.

Christophe Maire,Founder / CEO at Atlantic Labs Bild: Max Threlfall

Christophe Maire

studierte Business Administration an der Universität St. Gallen und gilt als einer der umtriebigsten Investoren Berlins. Seit seinem Exit von Gate5 an Nokia investiert er mit sicherem Händchen in Unternehmen wie Soundcloud oder EyeEm. Christophe ist außerdem CEO von Txtr, einem Produzenten für E-Book-Lösungen.

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