Mounir, was hat den Ausschlag für die Gründung von Captain Train gegeben?

2009 wurde die Monopolstellung der französischen Staatsbahn SNCF beim Verkauf von Bahntickets aufgehoben, sodass ab diesem Zeitpunkt auch Dritte Fahrkarten verkaufen durften. Kurz darauf wurde Captain Train gegründet. Tickets sollten endlich einfacher und schneller buchbar sein. Damals war der der Verkauf von Bahntickets so etwas wie ein weißer Fleck der Digitalisierung im Reisesektor. Während Flüge, Hotels oder Mietwagen bequem online und zu transparenten Preisen gebucht werden konnten, gestaltet sich dies bei Bahntickets bis heute viel schwieriger. Natürlich haben alle größeren Anbieter eigene Portale, doch sobald der Bahnreisende über Landesgrenzen hinaus reisen möchte oder verschiedene Anbieter kombinieren will, beginnen die Probleme. Preistransparenz ist für den Verbraucher kaum gegeben. Unser Gründerteam, selbst passionierte Bahnfahrer, wollte das ändern.

Für den Erfolg von Captain Train war sicher auch die Partnerschaft mit der Deutschen Bahn ausschlaggebend. Wie hat es Captain Train geschafft, den großen Konzern zu überzeugen?

Deutschland ist der größte Markt in Europa. Er ist auch aufgrund seiner zentralen Lage von entscheidender Bedeutung, wenn man, wie wir, ein gesamteuropäisches Angebot aufbauen will. Daher war die Gewinnung der Deutschen Bahn im März 2012 in der Tat ein wichtiger Meilenstein für Captain Train. Wir haben die DB überzeugt, dass wir beide das Gleiche wollen: Kunden für die Schiene zu gewinnen. Wir sehen uns als Partner der Bahnunternehmen. In der Vergangenheit hat die Branche viele Kunden an Fluggesellschaften und Busunternehmen verloren, da der Buchungsprozess zu kompliziert war. Captain Train vereinfacht den Kauf von Bahntickets erheblich, insbesondere auf internationalen Strecken. So bieten wir den Bahnanbietern die Möglichkeit, Kunden, die sie verloren haben oder sonst verlieren würden, zurückzugewinnen beziehungsweise zu halten. Das hat auch die DB erkannt.

Trainline, der führende britische Anbieter für Online-Bahntickets, hat Captain Train kürzlich übernommen. Wie hoch war die Kaufsumme? Was passiert mit den Anteilen?

Trainline und Captain Train haben sich verständigt, die Kaufsumme nicht zu nennen. Die bestehenden Captain-Train-Investoren haben die Mehrheit ihrer Anteile in Trainline-Anteile umgewandelt.

Bleibt Captain Train als eigenständiges Unternehmen bestehen? Was ändert sich nach der Übernahme?

Trainline konzentriert sich weiterhin auf den britischen Markt, Captain Train auf Kontinentaleuropa, wozu auch die Gewinnung weiterer Partner und Märkte gehört. Beide Standorte, London und Paris, bleiben bestehen. Captain Train wird weiter als Unternehmen und als etablierte Marke in Kontinentaleuropa aktiv bleiben. Ob in Zukunft beide Marken zusammengefasst werden, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden.

Was bedeutet der Zusammenschluss für den europäischen Markt? Welche weiteren Märkte sollen künftig erschlossen werden?

Mit der Fusion werden die führenden unabhängigen Vertriebsportale von Bahntickets in Großbritannien und in Kontinentaleuropa zum weltweit führenden Anbieter von Bahntickets in Europa zusammengeführt. Daraus wird zukünftig ein „One-Stop-Shop“ für europaweite Bahnreisen entstehen. Kunden werden in der selben App oder Website Zugang zu 22 Ländern und 36 Bahngesellschaften erhalten. Der Markt, in dem wir uns bewegen, ist äußerst attraktiv und verfügt über ein enormes Potenzial: Der europäische Bahnverkehr umfasst ein Volumen von rund 57 Milliarden Euro. Heute werden 80 Prozent der Flugtickets online gebucht aber bislang nur 20 Prozent der Bahntickets. Der digitale Wandel nimmt hier gerade erst Fahrt auf. Unser Fokus liegt klar darauf, das Angebot in Europa immer weiter auszubauen und zusätzliche europäische Märkte zu erschließen. Langfristig haben wir das Ziel, jedes Bahnticket in Europa anbieten zu können.

Welches Geschäftsmodell steckt hinter Captain Train?

Captain Train finanziert sich ausschließlich über Provisionen: Für jedes verkaufte Ticket erhalten wir eine Provision vom Bahnanbieter. Diese wird nicht auf den Ticketpreis aufgeschlagen, das heißt, der Kunde zahlt genau so viel, wie er beim Anbieter selbst für das Ticket bezahlen würde. Weder auf der Website noch auf den mobilen Apps gibt es Werbung, die Finanzierung erfolgt ausschließlich über die Provisionen.

Wer sind die Wettbewerber von Captain Train?

Wir verstehen uns als Partner der Bahnunternehmen: Zusammen wollen wir mehr Kunden vom Reisen mit der Bahn überzeugen. Es gibt momentan niemanden, der das Angebot von Captain Train in ähnlicher Weise abbilden kann.

Was macht Captain Train denn anders oder besser als andere Buchungsplattformen?

Wir ermöglichen Reisenden, Bahntickets für 19 Länder aus einer Hand zu buchen. Ob für Strecken durch Deutschland oder Europa, bei uns finden Nutzer schnell und einfach die schnellste und günstigste Verbindung. Transparenz ist unser A und O. In Deutschland sind wir die einzigen, die sowohl die Deutsche Bahn als auch die Privatbahn HKX kombinieren können. Dabei entstehen oft Preisvorteile. Gibt es etwa auf einer Strecke mehrere Anbieter, findet der Nutzer ganz bequem die schnellste und günstigste Verbindung. Ein weiterer Vorteil ist die Schnelligkeit: Unser Anspruch ist, dass Reisende Tickets innerhalb von maximal 90 Sekunden buchen können.

Wer ist die Zielgruppe und wie sehen die Nutzerzahlen aus – insgesamt und für Deutschland?

Captain Train verzeichnete 2015 Einnahmen in Höhe von 72 Millionen Euro, ein Wachstum von 125 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der registrierten Nutzer stieg um 170 Prozent auf 1,5 Millionen. Wir verkaufen täglich 5000 Tickets. Deutschland ist der größte Wachstumsmarkt von Captain Train. Allein 2015 konnten wir die Einnahmen um 300 Prozent, die Nutzerzahl sogar um 370 Prozent erhöhen. Zielgruppe von Captain Train sind letztlich alle Reisende, darunter Vielfahrer, die einfach eine Möglichkeit suchen, jederzeit schnell und einfach an Tickets zu kommen, und Menschen, denen umweltfreundliches und nachhaltiges Reisen wichtig sind. Besonders interessant ist Captain Train natürlich für alle, die international viel unterwegs sind und bisher großen Aufwand betreiben mussten, um grenzüberschreitende Verbindungen zu buchen. Auch Geschäftsreisende sind eine wesentliche Zielgruppe für uns. Schon jetzt machen sie etwa 40 Prozent unserer Buchungen aus. Gerade haben wir ein B2B-Tool gestartet, das Unternehmen umfassende Funktionen für die Buchung, Verwaltung und Abrechnung geschäftlicher Bahnreisen bietet.

Wo steht Captain Train in einem Jahr?

In einem Jahr werden wir unser Wachstum weiter beschleunigt, neue Märkte abgedeckt und unsere Stellung als weltweit führender unabhängiger Anbieter von Bahntickets in Europa wirksam ausgebaut haben.

Mounir, danke für das Interview!

logo captain train 150x150 - Zehn Fragen an den Deutschland-Chef von Captain Train

Unternehmensprofil von Captain Train

  • Gründung: 2009
  • Märkte: weltweit
  • Branche: E-Commerce/Bahnverkehr
  • Unternehmensführung: Jean-Daniel Guyot (Mitgründer und Präsident), Daniel Beutler (Geschäftsführer)
  • Mitarbeiter: 55
  • Unternehmenssitz: Paris
  • Investoren: IndexVentures, Alven Capital, Xavier Niel (vor der Übernahme)
  • Link zur Unternehmenswebsite

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