Yann, Atomico hat gerade einen vierten Fonds mit 765 Millionen Dollar geschlossen. Das ist einer der größten Fonds in Europa. Wer sind Eure Investoren?

Yann de Vries: Es ist eine geografisch breit gestreute Mischung über verschiedenen Assetklassen hinweg aus traditionellen Gründerfonds, Pensionsfonds, Staatsfonds, zum Beispiel aus Asien, die eine Menge regional-strategische Einblicke geben. Die Mitinvestoren sind sehr nützlich für uns, aber auch für die Unternehmen, da sie aus verschiedenen Regionen kommen und auch viele Kontakte haben. Sie erweitern sogar unsere Investitionskraft über die 765 Millionen Dollar hinaus, wenn man die Folgeinvestitionen in Betracht zieht. Das heißt, wir können eine Langzeitstrategie umsetzen.

Was habt Ihr mit dem Geld aus dem Fonds konkret vor?

Yann de Vries: Wir werden knapp 70 bis 75 Prozent des Kapitals in Europa investieren. Die meisten Mitglieder unseres Teams kommen aus Europa, und wir kennen die Märkte dort am besten. Unser Ziel: Wir wollen europäische Gründungen mit globalen Ambitionen von einer frühen Phase an aufbauen und sie bei der Skalierung begleiten. Der Fokus liegt auf Early-Stage-Unternehmen – Series A, aber auch Series B und C bei Tech-Unternehmen und Internet-Software-Marktplätzen. Wir wollen vielversprechenden Firmen helfen, andere Regionen zu erschließen. Will zum Beispiel eine erfolgreiche US-Firma nach Europa, China oder Brasilien expandieren, sind wir gut aufgestellt, ihr dabei zu helfen.

Was macht Euch als VC besonders?

Yann de Vries: Vier Dinge: Erstens, wir sind gründergeführt und damit gründerfreundlich. Niklas Zennström hat durch sein erfolgreiches Unternehmen Skype eine Menge Erfahrung, wie man ein Business global skaliert. Diese Erfahrung möchte er an die nächste Generation von Entrepreneuren weitergeben, und er möchte sich mit anderen Gründern zusammentun, die gleiche Erfahrungen haben. Wir haben sechs Gründer im Team, die mehr als eine Milliarde-Dollar-Exits hingelegt haben. Das sind sehr erfahrene Entrepreneure, die mit ihrem Wissen helfen können, Fehler zu vermeiden. Das zeigt, wir stehen Gründern nahe, und dass es nicht in unserem Interesse ist, die Kontrolle über die Firma zu erlangen. Wir sind auf ihrer Seite.

Und die anderen Punkte?

Yann de Vries: Der zweite Punkt ist, dass wir global agieren. Wir haben einen Fonds, aber wir investieren auch als globaler Kapitalpool. Wir arbeiten als ein Team. Der dritte Punkt – und der ist wirklich wichtig: Wir haben ein Value-Creation-Team. Das sind Experten, die unseren Unternehmen helfen. In der heutigen wettbewerbsgetriebenen Zeit ist die Herausforderung nicht mehr, eine Firma zu gründen, sondern ein globaler Player zu werden. Dafür benötigt man viel Wissen, das keine Person alleine besitzen kann. Zum Beispiel ist Niall Wass, ehemaliger Senior Vice President von Uber International, Partner bei Atomico. Er hat Uber in 50 Länder expandiert. Auch Dan Hynes ist Partner. Er war bei Google, Skype und Cisco verantwortlich für Personal, hat Google von ein paar Hundert auf 6000 Angestellte skaliert und er kennt alle Tech-Menschen in New York. Wir machen es möglich, dass solche Experten den Gründern bei der Bewältigung ihren größten Herausforderungen helfen. Das ist europaweit eine einzigartige Herangehensweise. Das macht sonst niemand in Europa, und niemand hat die globale Plattform, die wir bieten, und niemand ist wirklich gründergeführt.

Das ist aber noch nicht alles …

Yann de Vries: Das Vierte ist die Höhe des Kapitals. Das gibt uns eine Menge Flexibilität, früh zu investieren und dann längerfristig die Company bei ihrem Erfolg und ihrem Wachstum zu begleiten.

„Wir wollen europäische Gründungen mit globalen Ambitionen aufbauen.“ (Foto: Jan Zappner)

Wie lange bleibt Ihr bei einem Unternehmen?

Yann de Vries: Das hängt vom Unternehmen ab. Unser Fonds läuft über zehn Jahre. Wir wollen langfristig dabei sein. Wir schauen, wie sich das Unternehmen entwickelt, und machen eventuell noch ein, zwei oder drei Folgerunden.

Wie viele Unternehmen nehmt Ihr in Eurer Portfolio auf?

Yann de Vries: Mit diesem Fonds, unserem vierten, wollen wir rund 30 Unternehmen mit aufbauen. Wir haben einen 100-Tageplan, danach einen für zwölf bis 18 Monate, und wir können dem Unternehmen schnell helfen. Läuft die Firma nicht und hat keine Aussicht auf Erfolg, dann ziehen wir uns zurück und setzen unsere Ressourcen für eine andere Firma ein.

Ihr habt Euer eigenes Manifest. Wie wichtig ist das für Euch?

Yann de Vries: Wir haben eine Mission und die ist uns sehr wichtig. Selbstverständlich müssen wir Geld machen für die Investoren, aber es geht um mehr. Es geht uns darum, Europa zu helfen, erfolgreich zu sein. Es geht uns darum, ein intaktes europäisches Ökosystem aufzubauen. Wir glauben, dass Entrepreneurship der nächste Weg ist, um die Gesellschaft zu verändern, positive Resultate zu erzielen. Deshalb ziehen wir Gründer an.

„WIR SIND GRÜNDERGEFÜHRT UND DAMIT GRÜNDERFREUNDLICH“

Wie beurteilst Du das Umfeld für Entrepreneure in Europa im Vergleich zu den USA oder Asien?

Yann de Vries: Es gab nie bessere Zeiten, in Europa ein Unternehmen zu gründen. Zum einen gibt es in Europa ein Rekordniveau an Kapital sowie Mergers & Acquisitions. Die globalen Player kaufen alle Assets in Europa. Es gibt hier verschiedene Entrepreneure, die einen Exit hingelegt, Erfahrung gesammelt haben und hier bleiben. Zum anderen ist das Silicon Valley in den USA zwar der Mittelpunkt für Technologie, aber es ist dort so wettbewerbsintensiv und teuer geworden, auch um gute Leute zu rekrutieren und zu halten, dass die Leute inzwischen lieber hier bleiben.

Ist das Europas einzige Chance, dass die USA unattraktiv werden?

Yann de Vries: Nein, es gibt eine Menge Dinge, die Europa derzeit einen Vorteil verschaffen. Zum einen ist das Kapital hier. Das Talent ist hier. Es gibt mehr Entwickler in Europa als in den USA. Die Qualität der Entwickler ist sehr, sehr hoch. Die führenden fünf Informatik-Institute der Welt sind in Europa. Und die nächsten Innovationen werden sich um Artificial Intelligence und Big Data Analytics drehen. In Europa sind einige der besten Datenwissenschaftler und damit großes Potenzial in Hinblick auf künstliche Intelligenz. Schau dir Google, Facebook und Amazon an …

… das sind alles US-amerikanische Firmen.

Yann de Vries: Aber sie haben ihre KI-Forschungszentren in Europa. Die besten KI-Unternehmen sitzen in Europa. Deep Mind in Großbritannien ist der Hub der Welt für KI, gefördert von Google. Und wenn du nach Frankreich oder Deutschland schaust, gilt das gleiche. Facebook baut sein Forschungszentrum in Frankreich auf. Das ist eine große Chance für Europa. Wenn du zum Beispiel auf Fintech schaust, gibt es in Europa inzwischen viel weniger Einschränkungen als in den USA. Schau Dir den Modemarkt in Europa an. Oder den Reisemarkt: Trivago, SkyscannerGoeuro – alle haben in Europa angefangen. Und heutzutage guckt man global auf die Dinge von Tag eins an. Das verschafft einen enormen Vorteil gegenüber US-Unternehmen, die in ihrer Silicon-Valley-Blase leben und die Möglichkeiten in sich entwickelnden Märkten nicht ausnutzen.

Wann gibt es in Europa Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon?

Yann de Vries: Es sind in Europa in den vergangenen zehn Jahren bereits 40-Milliarden-Dollar-Unternehmen entstanden. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie sind Europäer immer skeptisch und pessimistisch.

„DIE EUROPÄER SIND IMMER SKEPTISCH“

Welche Technologien, in die Ihr investiert, werden die Welt verändern?

Yann de Vries: Ein aktuelles Beispiel: Eine deutsche Firma namens Lilium aus München. Sie arbeiten an einem Flugzeug der nächsten Generation, elektrisch, vertikaler Start und Landung. Es könnte den Transport in den Städten grundlegend verändern. Derzeit sind alle Städte vollgestopft, und es gibt keine wirkliche Lösung. Wenn du Züge und Tunnel baust, dauert es Jahre und es kostet Millionen von Dollar. Mit dieser neuen Form der Infrastruktur – ohne Lärm, sicher und umweltfreundlich – lässt sich das ganze System verändern. Da sitzen wirklich Genies in München. Firmen wie Uber haben großes Interesse daran.

Vielleicht in New York, aber wie lange würde es dauern, bis die deutsche Regierung so etwas erlauben würde?

Yann de Vries: Die Lösung gefällt ihnen, weil sie Stau und andere Verkehrsprobleme damit in den Griff bekommen. Die Infrastruktur existiert bereits: Es fliegen ja auch Hubschrauber, und die sind nicht so sicher und leise. Die Flugzeuge von Lilium können viel näher an Wohngebiete heranfliegen, und sie sind günstiger als Helikopter. Sie kosten pro Kilometer so viel wie eine Auto.

„ES GEHT UNS DARUM, EIN INTAKTES EUROPÄISCHES ÖKOSYSTEM aufzubauen“

Welche Technologie-Trends siehst Du noch?

Yann de Vries: Das Internet der Dinge ist eine große Sache. Schau Dir Connected Cars an. Europa hat starke Netzwerktechnologien, als Erbe der Nokias und Ericssons. Zusammen mit dem 5G-Netzwerk eröffnen sich eine Menge neuer Möglichkeiten. Es gibt viel Hardware-Know-how in Europa. Wenn man dieses mit Kommunikationstechnologie und mit Big Data Analytics kombiniert, hast Du alle Zutaten, die Du brauchst, um eine sehr interessante Next-Generation-Plattform zu bauen. Es gibt so viele zugängliche Daten, dass die Herausforderung darin besteht, sie alle zu analysieren. Darin ist Europa sehr, sehr gut. Außerdem zählt künstliche Intelligenz zu den Trends. Diese Technologien finden wir sehr interessant.

Wenn ein junges Unternehmen aus einem dieser Bereiche mit Euch ins Gespräch kommen will, was sollen sie tun? Sollen sie ein Pitch Deck senden?

Yann de Vries: Wir werden oft angesprochen. Ich würde Gründern deshalb empfehlen, über Leute auf uns zuzukommen, die wir kennen und sich von anderen Gründern empfehlen zu lassen. Das ist normalerweise der beste Weg und hilft uns bei der Auswahl. Ansonsten kann man uns auch ganz normal kontaktieren. Aber es ist immer besser, über eine unserer Portfolio-Firmen zu kommen.

„Die besten KI-Unternehmen sitzen in Europa.“ (Foto: Jan Zappner)

Wie viele Bewerbungen bekommt Ihr?

Yann de Vries: Wir sehen so um die 2000 bis 3000 Firmen pro Jahr. Und wir investieren dann vermutlich in zehn. Wir sind sehr wählerisch.

Worauf achtet Ihr besonders?

Yann de Vries: Was wir vor allem wichtig finden, sind starke Teams. Wir wollen Leute mit Leidenschaft, die auf ein großes Problem gestoßen sind und die Mission verfolgen, es zu lösen – die kontinuierlich an der Lösung arbeiten, egal welche Hindernisse es gibt, egal wie lange es dauert. Dafür ist ein starkes Team nötig, denn es ist sehr hart ein Startup zu gründen. Die Presse neigt dazu, die Herausforderung zu unterschätzen und porträtiert den glücklichen Sieger, als wäre das alles Glückssache. Der erfolgreiche Typ ist unglaublich intelligent und talentiert, hat sich gegen globale Konkurrenz durchgesetzt, steht jede Woche vor lebensentscheidenden Situation, ist eine hervorragende Führungspersönlichkeit. Gründer haben ihre Jobs verlassen ohne die Garantie eines Einkommens. Sie müssen sehr komplexe Probleme lösen. Deshalb wollen wir sie unterstützen. Die Voraussetzungen sind: Sie haben globale Ambitionen, ein Produkt und bewiesen, dass die Kunden es mögen und dass es Traction hat. Sie müssen damit nicht unbedingt Umsatz machen oder profitabel sein, aber wir wollen sehen, dass sie den richtigen Weg verfolgen. Wir unterstützen sie dann bei der Skalierung – auf europäischer oder globaler Ebene – mit unseren Ressourcen. Darin liegt unsere Stärke. Wir versuchen, zum richtigen Zeitpunkt da zu sein. Für eine Mobile-Company kann das sehr früh in Series A sein, weil Mobile-Companys von Tag eins an global denken. Pipedrive, eines unserer Investments ist ein SaaS-Modell. SaaS braucht in der Regel etwas länger, aber sie haben ein großartiges Modell, und sie skalieren in mehr als 40 Ländern – organisch und sehr schnell. Wieder ein gutes Beispiel für ein in Europa, in Tallinn, gegründetes Unternehmen mit globalem Erfolg. Das sind die Unternehmen, die wir wirklich mögen.

„GLOBALE SKALIERUNG IST UNSERE STÄRKE“

Wenn Ihr in ein Unternehmen investiert, hat der Gründer die Chance, Niklas anzurufen, wenn es ein Problem gibt?

Yann de Vries: Natürlich. Niklas ist sehr aktiv. Er ist in verschiedenen Boards, er ist stark involviert in verschiedene Unternehmen. Und neben Niklas haben wir auch noch viele andere Experten.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

YANN DE VRIES

Yann ist Partner bei Atomico mit Fokus auf Werbetechnologie, Logistik, Transport und Gesundheit. Zuvor gründete er Redpoint Eventures und arbeitete für Cisco. Er begann seine Karriere in großen Technologiefirmen in Europa, Hongkong und Ägypten. Er studierte an der ETH in Zürich und der Harvard Business School.

ATOMICO

NAME: Atomico
GRÜNDUNG: 2006
GRÜNDER: Mattias Ljungman, Niklas Zennström
MITARBEITER: 40 Vollzeitkräfte, 50 mit Entrepreneur-Partnern, Executives-in-residence und Entrepreneurs-in-residence
STANDORTE: London, Peking, Tokio, São Paulo, Stockholm
SERVICE: Investitionen in disruptive Technologie-Unternehmen ab Series A
URL: atomico.com

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 22

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

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