Adam, du warst CTO von Facebook. Bereust du, das Unternehmen verlassen zu haben?

Adam D’Angelo: Nein. Ich wollte immer meine eigene Firma gründen. Ich denke, mein Beitrag für die Welt mit Quora ist einzigartig und Quora würde es ohne mich nicht geben. Facebook war noch eine sehr kleine Firma, als ich ging, aber ich war sicher, dass es auch ohne mich weiterbestehen würde.

„Das Ziel von Quora ist es, dass Menschen Wissen austauschen und die Welt besser verstehen“

Wenn du zurückdenkst, wofür das Internet geschaffen wurde, gehört Quora dazu?

Adam D’Angelo: Auf jeden Fall. Das Ziel von Quora ist es, dass Menschen Wissen austauschen und die Welt besser verstehen. Im Internet finden sich viele Informationen, doch viel, viel mehr Wissen befindet sich noch in den Köpfen der Menschen. Als wir Quora gegründet haben, existierte noch keine andere Plattform, auf der Menschen fundiertes Wissen teilen konnten. Unser Ziel war es, diesen Ort zu schaffen. Das Internet ist ein Ort, um Wissen zu teilen. Aber die Entwicklung ging zuerst in eine andere Richtung. Jeder konnte eine Website oder ein Forum erstellen. Darunter litt die Qualität der Informationen und das Internet konnte sein Versprechen nicht erfüllen. Ich glaube, dass Quora mehr Potenzial hat als die dezentralen Blogs, Foren und anderen Websites.

Mit seiner Plattform will Adam d'Angelo die Welt mit fundiertem Wissen ein bisschen besser machen. (Bild: Amélie Losier)
Mit seiner Plattform will Adam d’Angelo die Welt mit fundiertem Wissen ein bisschen besser machen. (Bild: Amélie Losier)

Populär sind aber vor allem triviale Dinge, wie Snapchat zum Beispiel.

Adam D’Angelo: Das Internet wird immer größer und deswegen gibt es auch genug Platz für Snapchat und Quora.

Die Frage ist, ob das Internet für das Teilen von ernsthaften Informationen da ist oder mehr für den Spaß?

Adam D’Angelo: Es ist für beides da. Manchmal wollen die Menschen etwas wissen und manchmal wollen sie nur unterhalten werden. Ich persönlich bin froh, ein Wissensprodukt geschaffen zu haben. Denn Wissen hat immer einen positiven Einfluss. Die Menschen brauchen Zugang zu Informationen, um gute und richtige Entscheidungen zu treffen.

Oder den richtigen Präsidenten zu wählen.

Adam D’Angelo: Im Idealfall.

„Wir haben bei Quora auch Meinungen, aber in der Regel Meinungen von gut informierten Experten“

Vieles ist aber Meinung und nicht Wissen.

Adam D’Angelo: Wir haben bei Quora auch Meinungen, aber in der Regel Meinungen von gut informierten Experten. Ich glaube, es gibt keine hilfreicheren Meinungen als die von Experten.

Die Menschen haben heute Zugang zu so vielen Informationen wie noch nie. Werden sie dadurch klüger und intelligenter?

Adam D’Angelo: Ich glaube ja. Am Ende helfen Informationen Menschen dabei, etwas besser zu machen – egal was es ist.

Ein Gegenbeispiel aus Europa: Beim Brexit haben viele Experten gesagt, dass die Wähler die Folgen nicht verstünden. Es wurde viel diskutiert und informiert, aber am Ende fällten die Menschen nicht die bessere Entscheidung.

Adam D’Angelo: Das stimmt. Quora bietet zwar Zugang zu besserem Wissen, aber nicht jeder Mensch nutzt Quora. Dass würde wirklich zu besseren Entscheidungen führen. Denn leider bieten viele andere Plattformen keine hochwertigen Informationen. Stattdessen finden die Menschen Fake News.

„Wir konzentrieren uns auf Qualität. Da besteht von Anfang an ein großer Unterschied zwischen Quora und anderen Wissensplattformen“

Es gibt Fake News und alternative Fakten. Gibt es auch gefälschtes Wissen und alternative Informationen?

Adam D’Angelo: Wir konzentrieren uns auf Qualität. Da besteht von Anfang an ein großer Unterschied zwischen Quora und anderen Wissensplattformen. Jeder Nutzer muss seinen echten Namen benutzen und wir überprüfen die Identität. Zudem verwenden wir Machine Learning und versuchen, Fragen Experten auf dem jeweiligen Gebiet vorzulegen. Die Antworten zeigen wir anderen Experten und hören deren Meinung an und sichern so die Qualität.

Wie viele Mitarbeiter hat Quora und wie ist die Firma strukturiert?

Adam D’Angelo: Wir haben etwa 200 Mitarbeiter, die sehr unterschiedliche Aufgaben haben. Wir setzen stark auf Machine Learning. Dafür benötigen wir viele Daten, zum Beispiel über unsere Nutzer und die Gebiete, in denen sie sich auskennen. Wir sammeln Merkmale wie Universitätsabschluss, medizinische Ausbildung, ob sie Anwälte sind, für eine bestimmte Firma arbeiten oder an einem bestimmten Ort wohnen. Alles Anzeichen dafür, dass jemand in einem bestimmten Bereich Experte ist. Die meisten unserer Entwickler arbeiten an diesem Machine-Learning-System. Ein anderes Team kümmert sich zum Beispiel um die Moderation der Inhalte auf der Seite. Dafür haben wie viele Regeln: Nutzer dürfen nicht belästigt werden. Eine Antwort soll immer der Person helfen, die die Frage gestellt hat. Aussagen müssen belegt werden. Unsere englische Seite hat 200 Millionen Besucher im Monat. Das ist ein großer Querschnitt der Gesellschaft.

Adam D‘Angelo in Berlin: Fireside Chat im Studio auf dem Tech Open Air (Bild: Amélie Losier)
Adam D‘Angelo in Berlin: Fireside Chat im Studio auf dem Tech Open Air (Bild: Amélie Losier)

Wie schaffen es eure Techniker, das Wissen zu strukturieren?

Adam D’Angelo: Wir haben eine große Datenbank mit allen Fragen und Antworten, die wiederum thematisch sortiert sind. Wir unterscheiden zwischen Physik, Biologie, Chemie und vielen weiteren Wissenschaften. Danach folgen weitere Aufteilungen zum Beispiel in Quantenphysik, Mechanik und Relativitätstheorie. Innerhalb der Quantenphysik kann man zwischen Quantenmechanik und Quantenfeldtheorie unterscheiden. Diese Aufteilung in Themen kann sehr tief gehen. Einer der Vorzüge von Quora ist, dass wir Laien mit Experten zusammenbringen können. Du wohnst doch in Berlin. Was sollte ich mir anschauen, wenn ich zum ersten Mal in Berlin bin und 36 Stunden Zeit habe? Du solltest eine gute Antwort geben können, denn du lebst ja hier. Bei uns tauschen sich aber auch Experten mit Experten aus. Wir geben keine finanziellen Anreize, aber ich glaube, dass Menschen von Natur aus ihr Wissen teilen wollen.

„Es gibt auch viele Menschen, die wegen ihrer Antworten bei Quora einen Job gefunden haben“

Die Leute wollen einfach nur nett sein?

Adam D’Angelo: Es gibt auch viele Menschen, die wegen ihrer Antworten bei Quora einen Job gefunden haben. Da war zum Beispiel ein Mann aus dem Silicon Valley, der viele Fragen zu Software für Dienstleistungsunternehmen beantwortet hat. Mit der so erworbenen Reputation konnte er Geld für einen Venture- Capital-Fonds einsammeln.

Es hat lange gedauert, bis ihr Werbung auf Quora hattet. Es muss schwierig sein, in der von euch geschaffenen Atmosphäre Anzeigen zu platzieren?

Adam D’Angelo: Die englische Quora-Seite ist sehr schnell gewachsen und wir haben viel Energie investiert, um die hohe Qualität zu sichern. Normalerweise hätten wir bereits viel früher die Monetarisierung und Internationalisierung der Seite angehen müssen, aber das musste eben warten.

Wie funktioniert Werbung bei den hohen Qualitätsstandards, die ihr gesetzt habt?

Adam D’Angelo: Viele Fragen drehen sich um Produkte, die man kaufen kann. Die Hersteller können dann zum Beispiel bei den Fragen aus dem Umfeld ihrer Produkte Anzeigen buchen. Das ist gut für beide Seiten, denn die Fragenden interessieren sich ja bereits für das Thema.

Seht ihr Wikipedia als Konkurrenz?

Adam D’Angelo: Wir haben keinen direkten Konkurrenten. Manchmal findet man Erklärungen auch bei Wikipedia oder stellt in einem Forum eine Frage oder teilt sein Wissen in einem eigenen Blog. Aber das Teilen von hochwertigem Wissen bei uns ist einzigartig.

Die deutsche Version von Quora befindet sich derzeit noch im Aufbau. Statt einfach zu übersetzen will d'Angelot mit neuen Inhalten punkten. Auch das spricht für den Qualitätsgedanken. (Bild: Amélie Losier)
Die deutsche Version von Quora befindet sich derzeit noch im Aufbau. Statt einfach zu übersetzen will D’Angelo mit neuen Inhalten punkten. Auch das spricht für den Qualitätsgedanken. (Bild: Amélie Losier)

Wie unterscheidet sich Quora von Google?

Adam D’Angelo: Google ist sehr gut, wenn es darum geht, Informationen zu finden, die bereits im Internet stehen. Quora ist das genaue Gegenteil und bringt neues Wissen online. Bei uns stellen die Nutzer Fragen, auf die es anderswo noch keine Antworten gibt. Die Antworten unserer Experten lassen sich wiederum mit Google finden. So wird die Suchmaschine hilfreicher für die Nutzer und wir profitieren von neuen Besuchern, die Google schickt.

„WIR STEHEN NICHT ZUM VERKAUF“

Wie sieht die Zukunft von Quora aus? Es gibt immer wieder Gerüchte über einen Verkauf oder Börsengang.

Adam D’Angelo: Als nächstes wollen wir international wachsen und weitere Sprachen unterstützen. 200 Millionen englischsprachige Nutzer sind es jetzt und es können noch viel mehr werden. Dafür brauchen wir Teilhaber. Aber wir wollen auch langfristig eine unabhängige und profitable Firma bleiben. Wir stehen nicht zum Verkauf.

Ich habe gelesen, dass eure Geldgeber leise und …

Adam D’Angelo: … geduldig sind.

Genau. Stimmt das?

Adam D’Angelo: Ja, wir haben uns bewusst für Investoren entschieden, die nicht auf das schnelle Geld aus sind. Auch sie wollen irgendwann ihre Investition zurückhaben, aber sie sind bereit, für mehr Gewinn länger zu warten.

Gibt es Dinge, die dir den Schlaf rauben?

Adam D’Angelo: Ich kann sehr gut schlafen, aber ich glaube, dass Machine Learning ein großes Potenzial hat und noch viel besser werden kann. Wenn alle Menschen der Welt einen Quora-Account haben, dann wollen wir die Fragen genau an die Person weiterleiten, die sie am besten beantworten kann. Unsere größte Herausforderung ist es, den besten Experten für eine Frage zu finden. Deswegen verwenden wir viel Energie darauf, die Algorithmen immer besser zu machen.

„Sprachausgabe ist nicht schön. Sie mag beim Autofahren sinnvoll sein, aber wir können viel schneller lesen und dabei Informationen aufnehmen“

Sprachsteuerung ist momentan ein großes Thema, für euch auch?

Adam D’Angelo: Sprache ist ein wundervolles Kommunikationsmittel, auch bei der Bedienung eines Computers oder Smartphones. Sprachausgabe ist dagegen nicht schön. Sie mag beim Autofahren sinnvoll sein, aber wir können viel schneller lesen und dabei Informationen aufnehmen. So schnell ist keine Sprachausgabe. Denkbar ist, dass man seine Frage bei Quora mündlich stellt, aber die Antworten kommen schriftlich.

Wie läuft der Aufbau der deutschen Version? Übersetzt ihr bestehende Antworten?

Adam D’Angelo: Wir übersetzten nicht. Wir fangen ganz von vorne an. Jeder kann Fragen auf Deutsch stellen und jeder kann Antworten schreiben. Deswegen machen wir jetzt viel Werbung für Quora, damit viele Leute, die sich auf unterschiedlichen Gebieten auskennen, sich bei uns anmelden und anderen Nutzern helfen.

Welche Entwicklungen beobachtest du gerade im Silicon Valley?

Adam D’Angelo: Das Silicon Valley ist stark wie immer. Aktuell beschäftigen sich viele mit künstlicher Intelligenz, Machine Learning oder Kryptowährungen. Auf der anderen Seite gibt es die Wohnungskrise. Da schaue ich neidisch auf Berlin. Da gibt es genug Wohnraum. Im Silicon Valley sind die Mieten so stark gestiegen, dass es für viele Menschen schwer ist, eine Wohnung oder ein Haus zu finden. Viele Leute verlassen deswegen das Silicon Valley.

Das Interview führte Jan Thomas.

Adam d'Angelo, Gründer und CEO von Quora (Bild: Amélie Losier)

ADAM D’ANGELO

Adam d’Angelo lernte als Schüler als erste Computersprache QBasic. Heute ist er Mitgründer und CEO von Quora. Zuvor war er von 2006 bis 2008 CTO von Facebook. Die jüngste Finanzierungsrunde von 85 Millionen Dollar im April 2017 brachte die Bewertung von Quora auf 1,8 Milliarden Dollar.
Quora Logo (Bild- Quora).jpg

QUORA

NAME: Quora
GRÜNDUNG: 2009
GRÜNDER: Adam D’Angelo, Charlie Cheever
MITARBEITER: 200
STANDORT: Mountain View
SERVICE: Frage-und-Antwort-Plattform mit 200 Millionen Nutzern im Monat
URL: de.quora.com

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 24

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