Tarek, du hast bereits eine ganze Reihe Projekte gestartet und Unternehmen gegründet. Warum hast du mit About You angefangen?

Tarek Müller: Ich habe in den vergangenen 15 Jahren sehr viele Firmen und Projekte aufgebaut, die im Vergleich zu About You eher klein waren: Diskussionsforen, Nischen-Onlineshops, Digital-Agenturen. Viele der Unternehmen existieren noch und sind profitabel oder wurden bereits an größere Corporates verkauft, sind aber kaum bekannt. Ich hatte Lust, zur Abwechslung mal eine große B2C-Marke aufzubauen und die Konstellation mit der Otto Group sowie meinen Co-Gründern Sebastian Betz, Hannes Wiese und Benjamin Otto hat gerade super gepasst.

Zentrum: In der Küche gibt es Kaffee und Platz zum Mittagessen. (Bild: About You)
Zentrum: In der Küche gibt es Kaffee und Platz zum Mittagessen. (Bild: About You)

Hatte einer von euch Gründern Erfahrung aus dem Modehandel?

Tarek Müller: Ehrlich gesagt hatten wir vorher nichts mit Fashion am Hut. Aber wir haben uns das Wissen dazu angeeignet. Ich habe Nischen-Onlineshops aufgebaut, seit ich 15 Jahre alt war: Von Wasserpfeifen über Modellbau-Autos bis hin zu Teleskopen war alles dabei. Der Wasserpfeifen-Shop war einer der erfolgreichsten und ich musste mir irgendwann ein Youtube-Tutorial anschauen, wie man Shisha raucht, weil ich das selbst noch nie gemacht hatte. Einen Shop kann man prinzipiell auch ohne Wissen über das Produkt aufbauen, das lässt sich alles erlernen. Wichtiger sind Kompetenzen beim Online-Marketing, bei Technologien und E-Commerce-Prozessen.

„EINEN SHOP KANN MAN PRINZIPIELL AUCH OHNE WISSEN ÜBER DAS PRODUKT AUFBAUEN“

Der Fashion-Markt ist keine so kleine Nische wie Teleskope oder Shishas. Hier sind große Player wie Zalando, Amazon, H&M oder Otto sehr engagiert. Warum brauchte die Welt noch ein About You?

Tarek Müller: Wir haben ungenutzte Potenziale gesehen und erkannt, dass da noch was geht. Amazon, Otto oder Zalando sind natürlich erfolgreiche Player, aber vor allem als klickbare Lagerhallen. Das ist cool, wenn du weißt, wonach du suchst, bringt aber nichts, wenn du ein bisschen bummeln und dich inspirieren lassen willst. Offline sind etwa 70 Prozent der Dinge in den Einkaufstaschen von Kunden sogenannte Impulskäufe, also Sachen, nach denen der Kunde nicht explizit gesucht hat. Wir können genau diese Impulskäufe Online bedienen. Mit diesem Modell sind wir in weniger als drei Jahren der fünftgrößte Player auf dem Online- Modemarkt in Deutschland geworden und haben 2016 bereits rund 150 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Warum habt ihr Hamburg als Standort gewählt?

Tarek Müller: Wir Gründer haben uns Gedanken darüber gemacht, wo wir About You aufbauen wollen. Berlin wäre in Deutschland die einzige Alternative für uns gewesen. Aber wir lieben Hamburg und sind fast alle gebürtige Hamburger. Für Unternehmer, die nicht unbedingt immer die große Bühne suchen, ist Hamburg die bessere Stadt. Für glamouröse Consumer-Marken ist Berlin top. Ich sehe keinen Nachteil darin, dass unser Hauptsitz in Hamburg liegt, dennoch haben wir ein Office in Berlin, wo zum Beispiel unsere Designer sitzen.

Locker: Bei About You gibt es Zeit und Platz für Pausen. (Bild: About Yout)
Locker: Bei About You gibt es Zeit und Platz für Pausen. (Bild: About You)

Was sind denn die Vor- und Nachteile von Hamburg?

Tarek Müller: Das Hamburger Startup-Ökosystem ist kleiner als das in Berlin, aber trotzdem attraktiv genug für Menschen aus dem Ausland. Es gibt hier weniger Talente im Tech-Umfeld. Das ist für uns aber kein Problem: Denn es gibt auch weniger Unternehmen, die im Recruiting mit uns konkurrieren. Wir sind eines der attraktivsten Digitalunternehmen in Hamburg und viele wollen mit uns arbeiten. Das Investorennetzwerk ist außerdem kleiner als in Berlin, aber auch das ist kein Thema für uns. Erstens hatten wir mit der Otto Group schon zum Start einen großen Investor und zweitens haben wir die kritische Größe längst überschritten und sind mittlerweile auch für ausländische Kapitalgeber interessant, für die der Standort keine Rolle spielt.

Kann man Hamburg und Berlin überhaupt vergleichen?

Tarek Müller: Ich könnte nicht sagen, dass das eine besser ist als das andere. In Hamburg gibt es viele kleine B2B-Startups, die schnell profitabel werden wollen, weil es weniger Investoren gibt. Ich mag die B2C-Szene in Berlin aber genauso gerne. Ich finde es ein bisschen schade, dass ich nie für ein bis zwei Jahre nach Berlin gezogen bin. Es gibt eine Lebensphase, in der es richtig cool ist, ständig zu feiern und immer auf dem Sprung zu sein. Aber auf Dauer würde ich nicht in Berlin leben wollen. Die meisten Leute, die man dort trifft, sind nur auf der Durchreise. In Hamburg bleiben die Menschen gern länger und ich mag es zu wissen, dass ich meine Freunde hier vermutlich auch in fünf oder zehn Jahren noch treffen werde. Ich mag außerdem die sehr hohe Lebensqualität in Hamburg. Und gut feiern kann man schließlich auch hier.

Branded: Auch wenn die Mannschaft größer wird, fühlen sich alle als Team. (Bild: About You)
Branded: Auch wenn die Mannschaft größer wird, fühlen sich alle als Team. (Bild: About You)

Wie würdest du die Hamburger Startup-Szene beschreiben?

Tarek Müller: Erst mal würde ich fragen: welche Szene? Ich denke, die klassische Gründer-Szene gibt es nur vereinzelt in Hamburg. Ich kenne zwar viele Hamburger Unternehmer, aber es gibt kaum große Netzwerk-Events, auf denen sich alle treffen. Ich würde aber vermutlich auch nicht hingehen, selbst wenn es solche Events gäbe. In Berlin ist das anders für viele Gründer. Aber man muss auch die Umstände berücksichtigen: Startup-Events sind sinnvoll, um zu netzwerken und Investoren zu treffen. Beides ist für unser Unternehmen nicht notwendig. Wir haben bereits Investoren und wenn ich jemanden treffen möchte, dann mache ich das lieber außerhalb von lauten Events. Ich denke, vielen Unternehmern in Hamburg geht es ähnlich. Die meisten bauen sich eher ihr eigenes Netzwerk auf.

Du hast viel Erfahrung damit, Unternehmen aufzubauen. Was macht einen guten Gründer aus?

Tarek Müller: Das ist ganz schwer zu sagen. Ich könnte gar nicht sagen, was mich zu einem guten Gründer macht. Nicht aufgeben ist auf jeden Fall wichtig. Ich stand einmal kurz vor der Privatinsolvenz: Ich wollte im Alter von 17 Jahren die Produktion meiner eigenen Wasserpfeifen-Marke von Ägypten nach China verlagern und dafür eine eigene Fabrik aufbauen. Das ist schiefgelaufen, die Fabrik wurde nie fertig und ich stand mit 150.000 Euro Privat-Schulden da. Ich habe dann gesagt: Jetzt erst recht!

„AMAZON, OTTO ODER ZALANDO SIND ERFOLGREICHE PLAYER, ABER VOR ALLEM ALS KLICKBARE LAGERHALLEN“

Was hast du in deiner Zeit als Gründer gelernt?

Tarek Müller: Über mich selbst habe ich gelernt, dass ich ein Team-Mensch bin. Ich habe in den ersten Jahren vieles alleine gemacht und war alleiniger Geschäftsführer und Inhaber meiner Firmen. Das Gründerteam zeigt: Eins plus eins plus eins ergibt mehr als drei. Man teilt sich die Arbeit und den Erfolg. Der gesamte Kuchen wird durch diese Zusammenarbeit so viel größer.

Was würdest du jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Tarek Müller: Da gibt es zwei Dinge. Das erste hat schon Oli Samwer in ähnlicher Form gesagt: Der Tag hat nur eine gewisse Anzahl von Stunden und du arbeitest sehr viele davon. Ob du in diesen Stunden an einer Bäckerei oder an einem Millionenunternehmen arbeitest, spielt keine Rolle. Also sei verrückt, naiv, unrealistisch, wenn es um deine Ideen und Ambitionen geht. Für die Umsetzung ist dann aber wieder Bodenständigkeit, Weitsicht und Realismus notwendig, um es sauber hinzukriegen.

Und der zweite Rat?

Tarek Müller: Finde deinen eigenen Weg! Es gibt keinen Königsweg. Ich kenne so viele verschiedene Typen von Menschen, die auf ihre ganz eigene Art erfolgreich geworden sind. Es gibt da kein Muster. Wenn du ein richtiger Unternehmer bist, findest du deinen Weg schon raus.

Das Team: Im Durchschnitt sind die Mitarbeiter 29 Jahre alt. (Bild: About You)
Das Team: Im Durchschnitt sind die Mitarbeiter 29 Jahre alt. (Bild: About You)

Du bist nicht nur Gründer, sondern mittlerweile auch Investor. Wie viele Startups hast du im Portfolio?

Tarek Müller: Das weiß ich gar nicht so genau. Ich habe, glaube ich, 19 Beteiligungen. Einige davon habe ich selbst gegründet, in andere habe ich investiert. Ich mache das nicht mit einer besonderen Strategie, sondern eher, wenn ich die Idee und die Leute cool finde. Professionelle Investoren haben einen großen Apparat, um alles zu analysieren. Das ist aber nicht mein Ding. Finanziell gesehen ist das kein kluger Ansatz. Die Rendite ist sicherlich höher, wenn man das Investieren strategischer angeht. Ich sehe meinen finanziellen Hebel aber in meinen eigenen Gründungen und Unternehmungen.

Hast du ein Beispiel dafür, wie du deine Beteiligungen wählst?

Tarek Müller: Ich bin zum Beispiel an Eatclever beteiligt, ein Lieferservice für gesundes Essen. Ich habe das irgendwann auf Facebook gesehen und angefangen dort zu bestellen, weil es genau das war, was ich selbst brauchte. Die haben sich irgendwann bei mir gemeldet, weil sie mich auf ihrer Kundenliste gesehen haben. Nachdem ich mir das Unternehmen angeschaut habe und die Gründer cool fand, habe ich investiert.

Wie arbeitest du mit den Gründern zusammen?

Tarek Müller: Ich bin vermutlich nicht der beste Investor. Den Jungs von Eatclever mache ich zum Beispiel ab und zu mal ein Intro, aber viel helfen kann ich aktuell nicht, weil meine Zeit und Energie zu 100 Prozent in About You fließen.

Das Interview führte Anna-Lena Kümpel.

Tarek Müller, Geschäftsführer von About You (Bild: About You)

TAREK MÜLLER

Tarek Müller ist ein Urgestein des Hamburger E-Commerce. 2004 gründete er mit 15 Jahren sein erstes Digitalunternehmen Netimpact KG und baute später verschiedene Nischen-Onlineshops auf. Seit 2013 ist er Geschäftsführer des Mode-Onlineshops About You und der Marke Edited. Er ist außerdem als Business Angel tätig. aboutyou.de

Zuerst erschienen in Berlin Valley Spezial: Startup-Szene Hamburg

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

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