Ich buche eine Reise nach Mexiko. Mein Handy vibriert und die App meiner Versicherung bietet mir an, direkt einen Termin für die nötigen Reiseimpfungen bei meinem Arzt zu vereinbaren. Ich tippe auf „OK“. Weil sie Zugriff auf meinen Kalender hat, weiß meine Versicherung, wann ich Zeit für einen Termin habe und zwei Tage später kann ich mich auch schon impfen lassen. Die App weist mich außerdem darauf hin, dass meine Krankenversicherung im Ausland nicht greift und passt meine Police so an, sodass ich während der drei Wochen abgesichert bin. Ein Partner für alle Fälle: persönlich, datengetrieben, auf den Kunden abgestimmt – so könnte die Versicherungsleistung der Zukunft aussehen. Digitale Kommunikation, große Datenmengen und intelligente Algorithmen, die diese Daten durchsuchen und deuten können, schaffen auch für die Versicherungsbranche einen großen Raum an neuen Möglichkeiten.

„In Deutschland sind aktuell mehr als 900 Versicherer lizensiert und jeder Deutsche gab 2015 im Durchschnitt 2370 Euro für Versicherungen aus“

Wenig Vertrauen, keine Erwartungen

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. In Deutschland sind aktuell mehr als 900 Versicherer lizensiert und jeder Deutsche gab 2015 im Durchschnitt 2370 Euro für Versicherungen aus. Doch mehr als ein Viertel der Kunden beschwert sich über die nicht einwandfreie Bearbeitung eines Schadenfalls und die mangelnde Transparenz der Policen. Das fand das Deutsche Institut für Service-Qualität 2016 in einer Umfrage heraus. Die Studie zeigt trotzdem eine relativ hohe Zufriedenheit der Versicherten. In einer Studie des Thinktanks GfK Verein gaben 2016 aber nur 35 Prozent der Befragten an, Vertrauen in die Versicherungsbranche zu haben. „Kunden haben sich daran gewöhnt, nicht viel von ihrer Versicherung zu erwarten“, sagt Wolff Graulich, CEO der Startup-Versicherung Element im Gespräch mit Berlin Valley. Kein Wunder: Versicherungsverträge sind für den durchschnittlichen Kunden kaum verständlich, um mit dem Versicherer zu kommunizieren, muss der Kunde meist lange Formulare ausfüllen und Vertreter haben noch immer den Ruf, skrupellose Drücker zu sein und Verträge auch zum Nachteil des Kunden abzuschließen.

Eine angenehme Erfahrung

Der Versicherungsmarkt ist aber auf dem Weg, eine angenehmere Erfahrung für seine Kunden zu kreieren. Die Versicherer arbeiten selbst an ihrem Kundenservice und neue Spieler betreten die Bühne. Startups setzen sich an die Schnittstelle zwischen Kunde und Versicherung und verdienen ihr Geld damit, Versicherten ein besseres Gefühl und mehr Sicherheit zu geben. Digitale Makler wie das Frankfurter Startup Clark und das Schweizer Unternehmen Knip betreuen ihre Kunden hauptsächlich über das Smartphone und schlüsseln die Policen übersichtlich auf, sodass der Kunde einen Überblick hat, welche Leistungen er von seiner Versicherung erwarten kann. Durch die digitale Kommunikation können diese Unternehmen ihre Kunden auch regelmäßig ansprechen und nach Veränderungen der Lebenssituation fragen, um den Versicherungsschutz gegebenenfalls anzupassen. Wefox setzt ebenfalls auf eine bessere Kundenerfahrung über den Makler, hält sich aber aus dem Rennen um neue Endkunden heraus. Das Unternehmen von Gründer Julian Teicke hat ein Tool entwickelt, das Makler digital unterstützt und sie so wesentlich effizienter macht.

Das Startup Friendsurance gibt seinen Kunden bis zu 40 Prozent ihrer Beiträge zurück, wenn sie im Laufe des Jahres keinen Schaden bei ihrer Versicherung melden. Kunden haben so nicht das Gefühl für etwas zu bezahlen, das sie gar nicht brauchen. Simplesurance holt Kunden auch in der digitalen Welt da ab, wo sie sind. Das Unternehmen hat eine Integration für Onlineshops entwickelt, das dem Käufer passend zum Produkt direkt eine Versicherungsleistung anbietet.

„Deutsche Insurtechs erhielten im Jahr 2016 Risikokapital mit einem Volumen von 82,4 Millionen Dollar“

Vorbilder kommen aus den USA

Nach Berechnungen von Finanzchef24 erhielten deutsche Insurtechs im Jahr 2016 Risikokapital mit einem Volumen von 82,4 Millionen Dollar – eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Trotzdem liegen wir im internationalen Vergleich hinter anderen Ökosystemen zurück. Die Vorbilder kommen – wie so oft – aus den USA: Allein das New Yorker Versicherungs-Startup Oscar erhielt im vergangenen Jahr 400 Millionen Dollar an Kapital und ist insgesamt bereits mit 727 Millionen Dollar finanziert. Oscar bietet verschiedene Pakete zur Krankenversicherung und unterstützt seine Kunden im Krankheitsfall aktiv, statt nur finanzielle Leistungen zu erbringen. Das kalifornische Startup Clover – ebenfalls ein Krankenversicherer – nutzt die Daten der Patienten, um klinische Profile zu erstellen, Risikopatienten zu erkennen und ihnen gezielt zu helfen, gesund zu bleiben. Dabei geht es nicht nur darum, dass ein kranker Kunde gesund wird, sondern auch, dass ein gesunder gesund bleibt. Das Unternehmen bekam Anfang 2017 noch einmal 130 Millionen Dollar und konnte seit der Gründung 2014 insgesamt bereits 425 Millionen Dollar einsammeln.

„Wirklich neue Versicherungsprodukte gibt es in Deutschland bisher kaum“

Startups an der Startlinie

Wirklich neue Versicherungsprodukte gibt es in Deutschland bisher kaum. Der Markt ist stark reguliert, deshalb waren die Produktlieferanten bisher die alten Versicherer. Die ersten Lizenzen an Insurtechs werden gerade erst vergeben. Die Szene steht mit angelassenem Motor an der Startlinie: Element kann voraussichtlich schon im Spätsommer mit Lizenz starten. Das Startup will nicht in den Endkundenmarkt, sondern versteht sich als Enabler für Insurtechs, fährt also ein ähnliches Modell wie es das bei Fintechs mit der Solarisbank schon gibt. Mit anpassungsfähigen Produkten wird Element der lizensierte Partner für innovative Gründer sein. Was genau geplant ist, erzählt CEO Wolff Graulich im Interview.

Eine ganz große Vision verfolgt One. Das Startup wurde gerade vom Makler-Tool Wefox gekauft. Gründer Julian Teicke wird künftig der Gruppe aus beiden Unternehmen vorstehen und sagt über die Vision von One: „Versicherer werden stark von der wachsenden Menge an Daten profitieren und in Zukunft immer relevanter werden. One will Versicherungsleistungen auf dieser Datenbasis aufbauen und seine Kunden in Echtzeit nach ihrem tatsächlichen Risiko versichern.“ Kunden sollen sich bei One in wenigen Minuten online registrieren können, bei einem Schaden will der Versicherer direkt bezahlen, wenn der Nutzer den Schaden online gemeldet hat, Kunden, die keine Schäden melden, sollen Geld zurückbekommen und jede Police wird monatlich kündbar sein – damit wirbt das Startup auf seiner Website. Starten soll der Service im September 2017.

Etherisc treibt Innovationen auf einer anderen Ebene voran: mit der Blockchain-Technologie will das Startup Versicherungen anbieten, die ohne Menschen funktionieren. Durch einen Smart Contract sollen alle Schritte automatisch ausgelöst werden. Mit einem branchenrelevanten Investor hat das lizensierte Startup Ottonova Aufmerksamkeit erregt Anfang 2017 investierte der größte private Krankenversicherer Debeka zehn Millionen Euro. Mit diesem Kapital konnte Ottonova im Juni 2017 die ersten Kundenverträge abschließen.

„INSURTECH LIEGT IM HYPE CYCLE FÜNF JAHRE HINTER FINTECH ZURÜCK“

Auf den Schultern von Riesen

Solche Kooperationen zwischen Old und New Economy sind ein wichtiger Treiber für die Entwicklung der Branche. „Insurtech steht im Hype Cycle im Moment da, wo Fintech vor fünf Jahren stand“, schätzt Insurtech-Investor Mehrdad Piroozram. Dort sind aktuell viele Kooperationen zwischen Banken und Startups zu beobachten. Versicherungskunden sind teuer, weil sie nur selten ihren Anbieter wechseln und die Konkurrenz um die wenigen Neukunden sehr groß ist. „Das ist ein Capital Game“, sagt Mehrdad. Ein Spiel, das die Startups verlieren könnten. In Kooperation mit den Versicherern könnten sie dagegen ihren Service für deren Kunden zur Verfügung stellen und damit die Marke des Versicherers stärken. Dieser Shift hin zu B2B-Modellen vollzieht sich gerade auch im Fintech-Markt.

Als Kapitalgeber – als Corporate VCs oder mit Accelerator – stärken Versicherer das Ökosystem auch finanziell. Mit Allianz X baut die Allianz zum Beispiel selbst Insurtechs auf, die ihr Geschäftsmodell ergänzen sollen. Die Axa hat mit Axa Strategic Ventures international bereits in mehr als 20 Insurtechs investiert. Wie Element können auch etablierte Versicherungsunternehmen Startups ihre Lizenzen zur Verfügung stellen, damit sie ihre Vision umsetzen können. Nicht jedes Startup braucht eine eigene Lizenz. In diesem Bereich ist beispielsweise die Münchener Rück sehr aktiv.

6,2 Prozent des BIP wurden 2015 an Versicherungen bezahlt

Der Kunde entscheidet

Der Insurtech-Markt entwickelt sich in verschiedene Richtungen: Prozesse werden automatisiert – im Extremfall könnten Versicherungen sogar völlig unabhängig von Menschen arbeiten. Das zeigen Beispiele wie Etherisc. Es ergeben sich neue Vertriebskanäle: Technologien wie das Plug-in von Simplesurance ermöglichen, Versicherungen in andere Produkte und Dienstleistungen zu integrieren. Versicherer verändern ihre Rolle und fokussieren sich stärker auf Prävention, das zeigen besonders die Beispiele aus den USA. Wenn sich die Datenmenge weiter erhöht und immer mehr Daten für Versicherer zugänglich werden, könnte die Versicherung der Zukunft sich auch an Live-Daten orientieren, um das Risiko eines Kunden abzusichern. Außerdem wird das Thema Versicherungen transparenter und auch verständlicher. Dadurch bekommt der Kunde mehr Kontrolle, weil er sich bewusst entscheiden kann. Mit dieser Entwicklung entstehen neue Versicherungsmodelle, die weg gehen von den großen Sicherheitspaketen und hin zu individuelleren Tarifen, die nur das versichern, was der Kunde wirklich braucht.

Bisher sind diese Entwicklungen noch nicht im Massenmarkt angekommen. Der größte Teil der Kunden steckt noch in der alten Welt und hat von der neuen möglicherweise nicht einmal etwas mitbekommen. Die Akzeptanz der neuen Produkte wird auch ganz erheblich davon abhängen, wie das Thema Datenschutz in Zukunft gelöst wird. Dabei ist aber nicht nur die Versicherungsbranche selbst gefragt – sondern auch die Politik.

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