Schneller und einfacher Projekte finanzieren: ICOs demokratisieren gerade die Finanzbranche und machen Investitionen global einer breiten Masse zugänglich. Das eröffnet viele neue Chancen, birgt jedoch auch einige Risiken: ein Überblick. Was genau ist eigentlich ein ICO? Und was unter – scheidet ein ICO (Initial Coin Offering) von einem IPO (Initial Public Offering)?

ICO versus IPO: Die Unterschiede

Anders als bei einem Börsengang (IPO) werden bei einem ICO grundsätzlich keine Firmenanteile veräußert. Statt Aktien werden Krypto-Tokens emittiert, im Grunde eine digital erstellte Art von Beteiligung am jeweiligen Projekt. Utility-Token ermöglichen es, die geplante Blockchain-Plattform zu nutzen, haben also quasi „die Funktion von Treibstoff “, erklärt Eric Romba, Rechtsanwalt bei Lindenpartners.

Daneben habe sich einige andere Token-Modelle etabliert, die neben dem reinen Nutzwert zusätzlich einen finanziellen Gegenwert haben. „Debt-Token geben schuldrechtliche Ansprüche etwa auf Verzinsung wenn ich eine Anleihe mittels Token gebe“, so Romba. „Equity-Token stellen eine Teilhabe dar. Sie können mit der Beteiligung an Gewinn, Verlust und Gesellschafterrechten verbunden sein. In diesen Fällen wird man ein Wertpapier (Security) annehmen müssen was häufig einen Prospekt erforderlich macht, der im Rahmen eines Gestattungsverfahrens von einer Finanzaufsicht zu genehmigen ist.“

Regulierungen

Das Jahr 2018 scheint das Jahr der Regulierung für die ICO-Szene zu werden. „Die anfängliche Goldgräberstimmung ist vorbei“, meint Julian Leitloff von Fractal. Er berät Ocean Protocol, eine global agierende, dezentrale Börse, auf der Nutzer dafür inzentiviert werden, wenn sie ihre Daten über die Blockchain für die Entwicklung von AI zur Verfügung stellen können. Ocean Protocol hat bereits im Pre-Launch das dafür vorab festgesetzte Ziel von elf Millionen Dollar mehr als überschritten. Ein Beweis dafür, dass die Szene reif ist, eine ernste Diskussion über die Neugestaltung des globalen Ökosystems einzuläuten; hin zu einer Demokratisierung des Finanzmarkts, der auch Kleinanlegern auf internationaler Ebene attraktive Investitionsmöglichkeiten bietet.

„Token sind die intelligenteren Aktien”

„Die ICOs, die wir heute sehen, sind nur der Anfang einer viel größeren Verschiebung“, prophezeit Julian Leitloff. Dabei sei die Szene ursprünglich nur „als letztes Mittel über diesen Finanzierungsmechanismus gestolpert“. Traditionelle VC waren nicht dazu bereit gewesen, Open-Source-Projekte zu finanzieren. ICOs und Blockchain waren die kreative Alternative. „Wie auch schon beim Internet gibt es hier Protokolle, die die Welt verändern werden“, so Leitloff. „Einige sind viel zu früh, andere auf Betrug angelegt. Doch das Potenzial von Token als Verbriefungsmittel geht weit über die Finanzierung von Blockchain-Projekten hinaus. Innerhalb der nächsten Tage werden hier internationale Kapitalmärkte entstehen. Token sind die intelligenteren Aktien.“

Ein Meinung, mit der er nicht alleine dasteht. Die Wirtschaftsökonomin Andrea Bauer, die sich als Dozentin und Buchautorin mit den Themen Blockchain und ICO auseinandersetzt, kommt zu dem Schluss, dass „die zentralen Institutionen, die bisher unser Wert- und Finanzsystem gemanagt haben, in unser immer globaler werdenden Gesellschaft an ihre Grenzen stoßen.“ Deswegen entwickele sich jetzt diese Überholspur.

Bitcoin-Boom

Das Ende des Hypes Ende 2017 hatte diese „Überholspur“ mit dem Bitcoin-Boom erstmals die breite Öffentlichkeit erreicht. Initial Coin Offerings galten schlicht als die neue Art schnell Geld für ein Projekt einzusammeln. Das Erfolgsrezept war denkbar einfach: einen Token entwickeln, auf die Blockchain heben und die Community begeistern. In den Medien kursierten Meldungen von jungen Unternehmen, die schnell ein paar Millionen einsammelten.

ICO Scams

Gleichzeitig waren die Verbraucher durch Betrugsfälle (Plexcoin, Benebit, Opair und Ebitz, PonziCoin) und Hackeratttacke (Coindash) aufgeschreckt, bei denen sich die erfolgversprechenden Investitionen einfach in Luft auflösten. Ein ernstzunehmendes Problem, das es Savedroid-Gründer Yassin Hankir sogar wert war, den guten Ruf seiner Firma zu gefährden. Nach einem erfolgreichen ICO, bei dem das Frankfurter Fintech-Startup rund 40 Millionen Euro eingesammelt hatte, waren plötzlich Website und Social Media Kanäle offline.

„Es sind die jeweils nationalen Vorgaben für die Investoren zu beachten“ Eric Romba, Rechtsanwalt bei Lindenpartners

„Thanks guys! Over and out …“, tweetete der Savedroid-Gründer unter dem Bild einer Bierflasche am Traumstrand. Ein riskanter PR-Stunt, mit dem Hankir auf die vielen Betrügereien am ICO-Markt hinweisen wollte. Laut Informationen von Tokendata scheiterte 2017 knapp die Hälfte der 902 untersuchten ICOs von Blockchain-Projekten – nicht ohne vorher über 100 Millionen US-Dollar eingesammelt zu haben. Eine Summe, die sich im Vergleich mit den 5,7 Millionen US-Dollar, die 2017 insgesamt eingeworben wurden, relativiert. Tendenz steigend: 2018 wurden bereits bis Mitte April 6,3 Milliarden über ICOs eingenommen. ICOs haben sich zu einem Erfolg versprechenden Finanzierungsmodell gemausert.

ICO ist nicht gleich ICO

Vonseiten der öffentlichen Hand werden sie teils positiv, teils kritisch betrachtet und vor allem hinsichtlich des Verbraucherschutzes genau unter die Lupe genommen. ICO ist eben nicht gleich ICO. Deshalb müsse „über eine Erlaubnis- oder Prospektpflicht bei einem ICO immer im Einzelfall entschieden werden“, so die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Dazu kommt, dass sich ICOs, da online vertrieben, weltweit an Anbieter verschiedener Nationalitäten richten. „Folglich sind die jeweiligen nationalen Vorgaben zu beachten, auf den Firmensitz kommt es dabei nicht an“, erklärt Rechtsanwalt Eric Romba.

Aufgrund der eigenen Erfahrungswerte empfiehlt Maximilian Lautenschläger, Mitbegründer von Iconiq Lab, die Wahl des Landes, in welchem der ICO gelauncht wird, von der Token-Funktionalität abhängig zu machen. Der Accelerator für Blockchain- und Krypto-Startups hat nicht nur den eigenen ICO Ende Mai erfolgreich abgeschlossen, sondern auch bereits das erste der insgesamt sieben Portfoliounternehmen erfolgreich über einen ICO finanziert. Lautenschlägers Insidertipp: „Bei Finanzinstrumenten sind die Regulierungsbehörden in Gibraltar, Estland oder Liechtenstein innerhalb von Europa am leichtesten zugänglich.“

Iconiq Lab selbst hat sich für einen ICO in Deutschland entschieden. Ein gutes halbes Jahr dauerte der Prozess, dann wurde das Geschäftsmodell von Iconiq Labs, das Token-Inhabern exklusiven Zugang zu ICOs sichert, von der BaFin als Clubmitgliedschaft registriert. „Wir wollten ein Land mit gutem Investoren- und Verbraucherschutz und dafür ist Deutschland ideal“, erklärt Lautenschläger.

Der Verkaufsprospekt

Wie bereite ich einen ICO so vor, dass er tatsächlich erfolgreich wird?
Grundlage ist ein gutes Whitepaper, der „Verkaufsprospekt“ des ICOs, auf dessen Grundlage die Investoren sich für oder gegen eine Finanzierung des Projekts entscheiden. Darin sollte neben dem Geschäftsmodell auch die Struktur des ICOs erläutert werden sowie der technische und rechtliche Ablauf. Lindenpartners haben dazu ein dreistufiges Modell für ihre Mandanten entwickelt. „Zunächst starten wir mit einem Workshop. Ziel ist es, das Geschäftskonzept zu verstehen, etwaige Schwierigkeiten früh zu erkennen und gemeinsam das ‚Design‘ des Token zu bestimmen. Anschließend erarbeiten wir eine Roadmap als ‚Bauplan‘ des ICO und ordnen den Token rechtlich ein. Die Ergebnisse werden mit der Finanzaufsicht abgestimmt und das Modell verifiziert. Im Anschluss geht es in die Umsetzung. Wir unterstützen bei der Gestaltung des Whitepapers, der Vertriebsstrecke und erstellen – soweit erforderlich – den Prospekt. Die Kosten variieren zwischen 30.000 EUR und 200.000 EUR. Hinzu kommen Kosten für die technische Umsetzung sowie Marketingkosten“, erläutert Rechtsanwalt Romba.

Marketing ist ein wichtiger Bestandteil

Da bei einem ICO, ähnlich wie beim Crowdfunding, möglichst viele interessierte Investoren erreicht werden sollen, ist Marketing ein wichtiger Bestandteile der Kampagne. Welche Kanäle (Telegram, Reddit) genau dafür genutzt werden sollen, bestimmt mehr oder weniger die Zielgruppe. Wichtig sei vor allem eines, so Julian Leitloff, von Fractal: „der Aufbau einer guten Community.” Letztlich sei auch diese ein ausschlaggebender Faktor für Investoren.

Airdrops und Presales

Viele Startups nutzen daher ihre Token, um über Airdrops und Presales mehr Leute auf die Plattform zu locken. Eine Entwicklung, der Maximilian Lautenschläger von Iconiq Labs kritisch gegenübersteht. Einerseits sei dies ein „vielversprechendes neues Marketingtool“, andererseits würden so auch Leute angelockt, die sich weniger für das Projekt interessieren, als einfach abkassieren wollen. Eine Gier, die auch auf anderen Ebenen dieses neuen Finanzmarkts durchzusickern scheint. Nach Angaben von Tokendata flossen bei ICOs seit 2017 rund 60 Prozent der Einnahmen in Presales. Hier können sich finanzkräftige – und immer häufiger auch institutionalisierte – Geldgeber eine hohe Anzahl von Token zu rabattierten Preisen sichern.

Die Zukunft

„Das gefällt uns allen nicht, was da gerade passiert“, kommentiert Dr. Shermin Voshmgir vom Forschungsinstitut für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien und Gründerin der BlockchainHub in Berlin. „Ich glaube aber, dass sich gerade hier in Zukunft die Spreu vom Weizen trennen und man genauer hinschauen wird, wie gerecht solche Sales gehandhabt werden. Die Technologie dazu ist da, um auch die Presale-Prozesse transparent zu gestalten. Aber Technologie ist nur ein Werkzeug und Menschen sind letztlich eben auch nur Menschen, die oftmals gerne Macht konzentrieren und sich Wettbewerbsvorteile sichern wollen.“

ICO-Tabelle

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 29

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