Herr Kreibohm, pro Jahr geben private Haushalte in Deutschland mehr als 40 Milliarden Euro für Möbel aus. Und in Home24 sahen viele Investoren schon den kommenden Marktführer. Warum ist es noch nicht soweit?

Philipp Kreibohm: Home24 ist inzwischen Europas größtes Online-Möbelhaus. Wir haben das Unternehmen vor sieben Jahren gegründet und sind in dieser Zeit auf einen Umsatz von über 230 Millionen Euro pro Jahr gewachsen – und es gibt noch großes Potenzial nach oben. Die Kunden-Migration von offline zu online schreitet auch im Möbelsektor stetig voran, aber andere Märkte sind schon weiter als wir. Die Hemmschwelle, sich über das Internet ein Sofa oder einen Kleiderschrank zu bestellen, ist heute noch höher als das bei einem Paar Schuhe der Fall wäre.

Es ist also einfacher, einen Online-Modehändler aufzubauen als einen Online-Möbelhändler?

Philipp Kreibohm: Nein, jedes Modell hat seine Vorzüge, aber auch seine Komplexitäten. Hier ein weiteres Beispiel: Im Fashion-Markt habe ich viele bekannte Brands, mit denen ich arbeiten kann. Wenn der Kunde einen Nike-Schuh oder eine Diesel-Jeans kauft, dann kennt er die Marken bereits und weiß, was er bekommt – ganz egal, ob er letztlich bei Zalando oder Amazon bestellt. Die Brands selbst verleihen der Plattform also Trust. Im Möbel- und Einrichtungsbereich hingegen gibt es fast gar keine bekannten Produktmarken. Dementsprechend ist es für uns zunächst schwieriger, Vertrauen in das einzelne Produkt herzustellen. Wenn wir das allerdings einmal geschafft haben – wie zum Beispiel bei unserer selbst entwickelten Matratze Smood, die von Stiftung Warentest (Test 9/2016, Anmerkung der Redaktion) mit „gut“ getestet worden ist, und damit aus dem Stand die meisten sonst am Markt erhältlichen Matratzen hinter sich lässt – können wir unseren Kunden einen echten Mehrwert bieten, indem wir ihnen die oftmals weiten Wege und zeitaufwändige Suche bei stationären Händlern ersparen.

Sehen Sie auch verkaufstechnische Vorteile in Ihrer Branche?

Philipp Kreibohm: Der Lebenszyklus unserer Produkte ist länger. Während Modeketten teilweise im Zwei-Wochen-Takt ihr Sortiment umbauen, gibt es bei uns Produkte teilweise jahrelang zu kaufen. Und dem Kunden gefällt es, wenn er sich erst einen Esstisch und zwei Jahre später noch die passenden Stühle dazu kaufen kann. Oder ein Regal, das ich später um passende Bauteile ergänzen kann. Dementsprechend viel investieren wir auch in nachhaltige Eigenmarken.

„WIR HABEN GROSSEN RESPEKT VOR DEM, WAS IKEA LEISTET. ABER WIR SIND ANGETRETEN, UM DIESE BRANCHE ZU VERÄNDERN“

Mit Ikea gibt es in der Möbelbranche einen Konkurrenten, der übermächtig scheint. Kann Home24 dem die Marktführerschaft streitig machen?

Philipp Kreibohm: Ganz klar, wir leben noch in verschiedenen Welten und wir haben großen Respekt vor dem, was Ikea leistet. Aber wir sind angetreten, um diese Branche zu verändern und gehen konsequent unseren Weg.

In der bislang letzten Finanzierungsrunde im September schrumpfte der Unternehmenswert um mehr als die Hälfte – von 980 Millionen Euro auf 420 Millionen Euro. Spüren Sie den Druck der Investoren?

Philipp Kreibohm: Wir sind dem Unternehmensinteresse verpflichtet, also unseren Kunden, Mitarbeitern, Partnern und Aktionären. Die neue Unternehmensbewertung ist dem Marktumfeld geschuldet, das börsennotierte und private Vergleichsunternehmen derzeit niedriger bewertet – auf das Unternehmen selbst hat sie keinen Einfluss. Wir haben von Investorenseite eine übergreifende Unterstützung des Kurses, den wir fahren. Und letztlich wissen wir alle, dass jedes Unternehmen irgendwann auch Geld verdienen muss. Wir werden unsere Schritte Richtung Profitabilität weitergehen und sind damit auf einem guten Weg.

Und wie sehen diese Schritte aus?

Philipp Kreibohm: Nach unserem schnellen Wachstum gibt es noch viele Ineffizienzen in der gesamten Operations-Kette. Diese zu beheben und strukturell nachhaltige Prozesse und Systeme einzuführen, ist eine der großen Prioritäten. Wir werden das Unternehmen ferner weiterhin konsequent kundenzentriert ausrichten. Uns alle bezahlt letztlich allein der Kunde, für ihn müssen wir einen guten Job machen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um an die Börse zu gehen?

Philipp Kreibohm: Es geht allein darum, ein erfolgreiches und nachhaltiges Unternehmen aufzubauen. Alles Weitere findet sich.

Das Gespräch führte Max von Harsdorf.

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PHILIPP KREIBOHM

startete 2009 Home24, nachdem er von 2007 an Gründungsgeschäftsführer von Rocket Internet war. Der promovierte Jurist ist Jahrgang 1976.

Dieser Artikel erschien zuerst in NEW LIFE – deine Welt von morgen. Das neue Special-Interest-Magazin von NKF Media beschäftigt sich in seiner Erstausgabe ausschließlich mit Trends zu den Themen Möbel, Interior und Design. Startups verändern die Welt, in der wir Leben. Und wir fragen uns: Wie sieht das in der Möbelwelt aus? Gemeinsam mit der führenden Möbelmesse IMM präsentiert NEW LIFE zahlreiche spannende Trends und Protagonisten. NEW LIFE kostenlos laden und lesen

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[…] Die Idee, dass man Möbel vor dem Kauf anfassen muss, tritt gerade bei jungen  Nutzern schnell in den Hintergrund. Heute kann man ganze Schrankwände, Sitzlandschaften und Esstische online bestellen und problemlos zurückschicken, falls sie nicht gefallen – das steigert die Lust der Nutzer am Online-Einkauf. „Die Kunden-Migration von offline zu online schreitet auch im Möbelsektor stetig voran“, sagt Philipp Kreibohm, Gründer von Home24. […]

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[…] Kiosk selbstständig macht oder einem Café“, meint der frühere Vorstand des Online-Möbelshops Home24. Auch Eis ist der Ansicht, dass die „Fail fast, fail often“-Mentalität des Silicon Valley in […]

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