„Gesundheit ist gewiss nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ – Arthur Schopenhauer

„Mensch, und Sie können noch laufen?“ Das fragte der erstaunte Arzt, als Paulus Neef aus der Röntgenröhre kam. Befund: doppelter Bandscheibenvorfall. Neef hatte erste Lähmungserscheinungen, konnte kaum noch aufrecht sitzen, bekam eine Spritze ins Rückenmark verpasst, um den Schmerz überhaupt ertragen zu können. Neef, bekannt als Gründer von Pixelpark und Pionier der deutschen Internetwirtschaft, hatte damals mehr als 15 Jahre lang ohne Unterbrechung gearbeitet, immer am Limit. Schlafmangel, kaum Urlaub, wenig Sport, schlechte Ernährung, andauernder Stress. „Das war ein unglaublicher Druck von allen Seiten“, erzählt Neef. „Da kam dann alles zusammen. Wahrscheinlich habe ich die Warnsignale meines Körpers überhört – und der rächt sich dann eben und wird krank.“

Startups sind nicht eben bekannt für geregelte Arbeitszeiten. Nicht nur die Gründer, auch die Mitarbeiter arbeiten oft bis tief in die Nacht. Lange Arbeitszeiten allein machen jedoch noch nicht krank, sagt Tim Hagemann. Der Berliner Arbeits- und Gesundheitspsychologe untersucht die Arbeitsbedingungen in verschiedenen Branchen, auch in Startups. „Wenn das Gesamtpaket stimmt, dann kann man auch viel Arbeit gut aushalten.“ Und dieses Gesamtpaket an Bedingungen, die sich auf Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirken, unterscheidet Hagemann in zwei Kategorien: Faktoren, die den Menschen tatsächlich krankmachen und abgestellt werden müssen, und solche, die umgesetzt werden können, um zu motivieren und die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern.

Ein Sitzball und eine eigene Tasse

Sitzen beispielsweise gehört in die erste Kategorie – für Hagemann ist es die schwerwiegendste physische Gesundheitsgefährdung, wenn man in einem Büro arbeitet. „Das ist ein Faktor, der häufig stark unterschätzt wird, denn Bandscheibenvorfälle benötigen ja ihre zehn, zwanzig Jahre, um wirksam zu werden“, sagt der Arbeitspsychologe. Sitzen würde zwar als bequem wahrgenommen, sei für die Wirbelsäule aber eine enorme Belastung. Insofern sollten Unternehmen unbedingt in ergonomische Möbel investieren, um Muskel- und Skeletterkrankungen vorzubeugen. Ergonomische Stühle, Sitzbälle, höhenverstellbare Tische und Stehpulte fänden sich zwar tatsächlich in immer mehr Unternehmen, auch in Startups. Das allein reiche aber nicht. Viele Mitarbeiter wüssten schlicht nicht, wie sie ihre ergonomischen Möbel einstellen müssten. Durch eine fachliche Beratung ließe sich aber relativ leicht Abhilfe schaffen, sagt Hagemann. „Ergonomie ist ja kein Hexenwerk.“

Auch äußerliche Faktoren haben einen nicht zu unterschätzenden Effekt. So wirken sich beispielsweise ein Arbeitsplatz mit viel Tageslicht und eine Bürogestaltung mit hellen und neutralen Farben direkt auf das Wohlbefinden aus. Das Bürodesign hingegen sei nach Auffassung von Hagemann gesundheitlich nicht relevant, sondern vielmehr eine Frage des persönlichen Empfindens. Wichtig dabei sei allerdings, dass das Design nicht zu sehr im Vordergrund stehe: „Ein Schreibtisch, der in erster Linie cool aussieht, aber nicht höhenverstellbar ist, ist natürlich alles andere als optimal.“

Darüber hinaus hält Hagemann es für wichtig, dass der Arbeitsplatz individuell gestaltbar ist: „Der Mensch verbringt ja – vielleicht abgesehen von seinem Bett – an keinem anderen Platz so viel Zeit wie am Schreibtisch. Und es ist eine menschliche Neigung, um sich herum ein Habitat auszubilden.“ Das könnte über Familienfotos oder eine eigene Tasse passieren und sollte laut Hagemann bis zu einem gewissen Grad zugelassen werden. Allerdings stehe die aktuelle Tendenz, keinen festen Arbeitsplatz zu haben, sondern stattdessen zwischen variablen Workstations zu wechseln – mit dem Laptop als einziger Konstante – in einem starken Widerspruch zu diesem Bedürfnis. Die Liste dessen, was Unternehmen außer ergonomischen Möbeln und einer freundlichen Büroatmosphäre für die Gesundheit und Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter tun können, ist natürlich noch deutlich länger.

Lob, Anerkennung und eine Obstschale

In Startups wird oft besonders viel von den Mitarbeitern erwartet. Wer sich sehr tief in ein Projekt reinhängt und sich für das Unternehmen verausgabt, der will dabei nicht selbst auf der Strecke bleiben. „Auf psychischer Ebene ist das, was Mitarbeiter am meisten fertigmacht, mangelnde Wertschätzung, also das Gefühl, nicht vorwärtszukommen oder aber mehr zu investieren, als sie zurückbekommen“, erklärt Hagemann. Auch eine fehlende Sinnhaftigkeit der Tätigkeit und mangelnde Entwicklungsmöglichkeiten seien gefährdende Faktoren. Lob, Autonomie, angemessene Vergütung und das Gefühl von Mitbestimmung wirken sich dagegen fördernd aus. „Das ist natürlich eine Frage der Unternehmenskultur“, sagt Hagemann. „Da muss man sich überlegen, welche Ressourcen man schaffen und wie man Mitarbeiter motivieren kann.“

Eine solche Ressource könnte zum Beispiel mit der Position eines Feel-Good-Managers geschaffen werden. Wichtig sei es, den Mitarbeitern das Gefühl zu geben, das Unternehmen kümmere sich um sie. „Da kommt dann auch die berüchtigte Obstschale ins Spiel“, sagt Hagemann. „Selbst wenn niemand im Unternehmen das Obst aus der Schale isst, wird das trotzdem positiv registriert.“ Solche Maßnahmen würden eine gewisse Fürsorgepflicht zeigen, erklärt Hagemann. „Wenn ich allerdings als Chef ansonsten keine soziale Kompetenz habe und meine Leute unter Druck setze, dann hilft die Obstschale auch nicht weiter.“

Eine Schachgruppe für mentale Gesundheit

Bei Navabi, einem Aachener Startup für Übergrößen-Mode, gibt es nicht nur ergonomische Möbel und die obligatorische Obstschale, sondern ein umfangreiches Programm für Mitarbeitergesundheit und -zufriedenheit. So spielt beispielsweise Sport eine wichtige Rolle in der Unternehmenskultur. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die beiden Navabi-Gründer leidenschaftliche Basketballspieler sind, beide hatten sogar schon ein Basketballstipendium in der Tasche. „Klar, dass wir da auch heute nicht nur am Schreibtisch hocken“, sagt Mitgründer Bahman Nedaei.

„Die Hauptaufgabe von Gründern ist es, das beste Team und die beste Firmenkultur aufzubauen“ Klick um zu Tweeten

Einmal in der Woche bietet das Aachener Startup seinen Mitarbeitern einen Pilates-Kurs an, es gibt eine Schachgruppe für die mentale Fitness, zweimal im Jahr nimmt Navabi an einem Firmenlauf teil, außerdem wird häufig gemeinsam gesund gekocht. „Wenn es nach uns geht, machen wir noch viel zu wenig, und daher arbeiten wir beständig daran, unseren Mitarbeitern mehr Eigenverantwortung zu geben, sie an Herausforderungen wachsen zu lassen und sich weiterzubilden“, sagt Nedaei. „Die Hauptaufgabe von Gründern ist es, das beste Team und die beste Firmenkultur aufzubauen.“ Viele Gründer würden jedoch nur am Produkt und an der Strategie basteln und dabei vergessen, dass „am Ende des Tages Menschen das Produkt aufbauen und die Strategie implementieren“.

Der Gründer als Vorbild

Für Navabi sei das Thema Gesundheit und Mitarbeiterzufriedenheit bereits seit der Gründung 2009 essenziell gewesen – und sollte auch für andere Startups oberste Priorität und keine Budgetfrage sein, findet Navabi-Mitgründer Zahir Dehnadi. Falls es an Geld oder Platz mangele, um solche Sport- und Wohlfühlangebote innerhalb des Unternehmens umzusetzen, könnten oft auch Partnerschaften mit lokalen Anbietern ausgehandelt werden. Wichtig sei es, die Mitarbeiter einzubeziehen und regelmäßig zu fragen, welche Angebote sie wirklich interessieren. „Wenn der eigene Chef dann mitläuft, mittrainiert oder den Kochlöffel schwingt, ist das natürlich motivierend“, sagt Dehnadi.

Auch Paulus Neef, inzwischen 55, versucht, seinen Mitarbeitern mit gutem Beispiel voranzugehen. Zuvor musste er allerdings bei sich selbst radikal umschwenken. Als er den Befund „doppelter Bandscheibenvorfall“ bekam, sollte er eigentlich sofort operiert werden. Stattdessen schaute sich der Entrepreneur nach alternativen Heilmethoden um. Über Osteopathie und Chiropraktik kam er zum Yoga. Das war vor acht Jahren. „Ich habe angefangen, sehr intensiv Yoga zu betreiben – nach einem halben Jahr waren sämtliche Beschwerden weg“, erzählt Neef. Heute fühle er sich fitter als vor 20 Jahren. Den größten Effekt schreibt er dabei dem Yoga zu; dessen ganzheitliche Wirkung habe dazu geführt, dass er sich auch insgesamt mehr bewege, besser ernähre, bewusster lebe. Und er hat, davon inspiriert, wieder gegründet: das Yoga-Startup Unyte.

Im Urlaub die Batterien aufladen

Da ein Gründer immer auch eine Vorbildfunktion einnehme, versuche er, sich entsprechend zu verhalten, sagt Neef. „Wenn sich ein Chef beispielsweise keine Mittagspause gönnt, sondern sich nur schnell irgendwas vor dem Computer reinzieht, dann denken die Mitarbeiter natürlich, sie müssten das auch so machen. Das halte ich für ganz katastrophal.“ Er achte entsprechend darauf, dass Mittagspausen eingehalten würden, dass die Mitarbeiter rausgingen, um frische Luft zu schnappen und sich die Beine zu vertreten. Auch dass Urlaub tatsächlich genommen und nicht etwa ausbezahlt werde, sei wichtig. „Das ist ja das, was die Batterien wieder auflädt und wirkt sich damit absolut sinnvoll und positiv auf Leistung und Gesundheit aus.“

Gründer sollten also Hürden abbauen und mit gutem Beispiel vorangehen, am Ende muss aber jeder Einzelne etwas für sich und seine Gesundheit tun. „Ein Gründer oder Unternehmer kann immer nur Rahmenbedingungen und Strukturen schaffen“, erklärt Neef. „Ausgefüllt werden müssen die dann von den Mitarbeitern selbst.“

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 02/2016.

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