Frauen haben seit 100 Jahren das Recht zu Wählen, seit 1977 dürfen sie auch ohne Erlaubnis des Ehemanns einen Beruf ergreifen und seit 2015 gibt es eine Frauenquote für Aufsichtsräte in Deutschland. Läuft doch, könnte mensch meinen. Und in der Tat ist das Thema Gleichberechtigung eher verpönt in der Digial-Szene. Die Vorstellung einer Gleichstellungsbeauftragten erinnert an Behörden oder Großkonzerne und deren Muff gilt es schließlich zu disruptieren.

„In der Digital-Szene ist das Thema Gender eher verpönt“

Wenn man sich aber die Startup-Szene anguckt, egal ob im Silicon Valley oder in Berlin, zeigt sich leider, dass gerade die coolen jungen Unternehmen aus dem Digitalbereich alles andere also innovativ sind, wenn es um Gleichberechtigung und Geschlechter-Stereotype geht.

Laut einer TechCrunch Studie werden nur etwa fünf Prozent aller Startups weltweit von einer Frau gegründet. 12 Prozent aller Startups haben immerhin eine Mitgründerin im Team. Diese Zahlen haben sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert, wie die Studie zeigt. Mit 8 Prozent respektive 20 Prozent sehen diese Zahlen in Deutschland kaum besser aus, die Frauenquote für Aufsichtsräte strahlt also definitiv nicht bis in die hippe Startup-Szene.

„Es verbietet ja niemand einer Frau zu gründen! Es haben halt einfach weniger Lust dazu.“ ist ein Argument, das allzu oft angeführt wird. Aber nur weil rechtlich etwas für alle erlaubt ist, heißt es nicht, dass auch alle die gleichen Chancen haben. Und so lange beim Gedanken an „Startup-Gründer“ in den meisten Köpfen Männer auftauchen, so lange sieht es schwarz aus für mehr Gleichberechtigung.

Gründerinnen entsprechen nicht dem Ideal

Überdeutlich zeigt sich das beim Thema Funding: Letztes Jahr gingen weltweit nur zwei Prozent aller Venture Capital Investitionen an Frauen. Das liegt in erster Linie daran, dass die meisten Investoren und Entscheider auf Seiten der Funds Männer sind, die bewusst oder unbewusst ihresgleichen bevorzugen, ein Phänomen das in der Soziologie als „homosoziale Reproduktion“ bekannt ist. Gründerinnen entsprechen nicht dem Ideal eines Gründers und haben es dadurch noch schwerer. Ein Teufelskreis, der sich nicht von alleine lösen wird.

Fehlende Gleichberechtigung

Um langfristig mehr Frauen im Tech-Bereich zu sehen, als Gründerinnen und Managerinnen, muss sich noch einiges ändern. In der Startup-Szene aber auch in der Gesamtgesellschaft. So lange es Prinzesinnen-Shampoo für Mädchen und Entdecker-Shampoo für Jungs gibt wird es nicht genauso selbstverständlich für junge Frauen sein, ihre eigenen Ideen ausprobieren zu wollen. Geschweige denn, Informatik zu studieren. Solange Gründer es cool finden, T-Shirt mit einem Pin-Up-Girl zu tragen, so lange werden sich Frauen nicht genauso ernstgenommen fühlen wie ihre männlichen Kollegen.

„Abwarten ist nicht das Mindset der Digital Natives. Was können wir also hier und jetzt tun?”

Es gibt diverse Workshops und Mentoring-Programme für gründungsbegeisterte Frauen und solche Angebote sind richtig und wichtig. Aber sie fruchten nur dann, wenn sie aus den potentiellen Gründerinnen keine besseren Männer machen wollen. Es reicht nicht, Frauen zu ermutigen und zu „empowern”, wir müssen auch dazu beitragen, die Kultur im Startup-Bereich zu verändern.

Die eigenen Stereotype hinterfragen

Das geht damit los, die eigenen Stereotype zu hinterfragen. Sind Stellenausschreibungen oder Evaluationskriterien wirklich so neutral formuliert, wie wir meinen? Ist es wirklich notwendig sich mit im Büro verbrachten Nächten zu brüsten oder wäre es nicht produktiver genauer auf den Output zu gucken als auf das Selbstmarketing? Wie können wir dafür sorgen, dass das Idealbild eines Gründers oder Tech-Managers eben auch Gründerinnen und Managerinnen einschließt? Das Projekt Role Models leistet hier einen großartigen Beitrag.

Welche Maßnahmen in Unternehmen funktionieren hat die Harvard Professorin Iris Bohnet in einem SXSW Talk zusammengefasst. Die Tools für mehr Gleichberechtigung sind alle da. Wir müssen sie nur nutzen. Und solange das nicht selbstverständlich ist, müssen wir über Gender und Gleichberechtigung reden. Den meisten Frauen sind diese Probleme bewusst, zu viele von uns haben schon Erfahrungen damit gemacht. Wenn Du einer der Männer bist, die diesen Text bis zum Ende gelesen haben: Gratulation! Du bist Teil der Zukunft, die wir brauchen!

Laura Sophie Dornheim hat schon mit 14 in einem Startup gejobt, um ihre Begeisterung für das Digitale zu vertiefen hat sie Wirtschaftsinformatik studiert. Irgendwann konnte sie nicht mehr ignorieren, dass sie im Studium und in all ihren Jobs zu einer exotischen Minderheit gehörte: Woman in Tech. Weil sie diesem Phänomen auf den Grund gehen wollte hat sie ihre Doktorarbeit in Gender Studies verfasst. Heute ist sie Head of Communications bei eyeo / Adblock Plus und leitet dort ein sehr diverses Team. adblockplus.org

Laura Dornheim, Head of Communications bei eyeo. Foto: eyeo
Laura Dornheim, Head of Communications bei eyeo. Foto: eyeo

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley Nr. 30

Mehr Frauen, mehr Erfolg
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