Von Fitness-Trackern über online Tagebücher für chronische Erkrankungen bis hin zu echten Diagnose-Tools: Mittlerweile gibt es zehntausende von Apps, die sich mit dem Thema Gesundheit beschäftigen. Was macht eurer Ansicht nach Sinn?

Felix Frauendorf: Zunächst sollte da angesetzt werden, wo es Probleme und damit auch Bedarf für Verbesserungen gibt. Zum Beispiel wenn, wie bei psychischen Erkrankungen, die Versorgungslage unbefriedigend ist – da macht es Sinn über Innovationen nachzudenken.

Mehr als 300 Millionen Menschen sind laut der WHO weltweit von einer Depression betroffen. Bei über 50 Prozent der Betroffenen wird die Krankheit aber nie erkannt und weniger als zehn Prozent finden den Weg in die leitliniengerechte Gesundheitsversorgung. Hier bietet sich eine App wie Moodpath an, um den Einstieg in die Versorgung zu erleichtern.

Gibt es aus eurer Sicht Apps, die Patienten lieber meiden sollten?

Felix Frauendorf: Prinzipiell können Apps in vielen unterschiedlichen medizinischen Bereichen gut funktionieren. Als Nutzer gibt es aber bestimmte Dinge, auf die man grundsätzlich achten sollte. Entscheidend sind wissenschaftliche Fundiertheit, Wirksamkeit und Datenschutz. 

All das ist als Laie sehr schwer zu bewerten. Das ist einer der Gründe, weshalb die Aufnahme in die Regelversorgung wichtig ist. Was Fundiertheit und Wirksamkeit betrifft, müssen sich Nutzer momentan meist noch selbst ein Bild machen und beispielsweise herausfinden, was der Hintergrund der Entwickler ist, ob es Studien gibt und ob Wissenschaftler beteiligt sind. Beim Datenschutz ist Transparenz wichtig. Wenn bei einer App keine klaren Infos zur Datenverarbeitung vorhanden sind oder sie nur schwer zu finden sind, sollte man sie lieber nicht benutzen.

Wenn Apps das CE-Zertifikat haben und damit Medizinprodukte sind, ist das auf jeden Fall ein erstes positives Zeichen hinsichtlich ihrer Qualität.

Wenn man sich mit einem Produkt durchsetzen will, muss es extrem gut funktionieren

Um sich auf diesem hart umkämpften Markt durchzusetzen, muss man einige Kriterien erfüllen; vom UX-Design bis zur fachlichen Fundiertheit. Welche waren für euch besonders wichtig?

Felix Frauendorf: Wenn man sich mit einem Produkt durchsetzen will, muss es extrem gut funktionieren. Deshalb sind genau die beiden in der Frage genannten Kriterien tatsächlich die Entscheidenden. An erster Stelle steht die Fundiertheit und Validität der App. Mit anderen Worten: Man muss sicherstellen, dass die App tatsächlich tut was sie behauptet zu können. Und die UX der App ist direkt damit verbunden. Ein zentraler Aspekt unserer Design-Philosophie ist der konstante Austausch mit unseren Nutzern zur Weiterentwicklung der App. So erfahren wir am besten, was wirklich funktioniert und was verbessert werden muss.

Warum also nicht das Smartphone für die Gesundheit nutzen?

Moodpath Entdecken - Gesundheits-Apps: Moodpath-Gründer im Interview
Moodpath Frage - Gesundheits-Apps: Moodpath-Gründer im Interview
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Wie seid ihr auf die Idee für Moodpath gekommen? 

Felix Frauendorf: Mark Goering, der Mitgründer von Moodpath, ist selbst klinischer Psychologe. Die Idee, das Smartphone zur Erkennung und Behandlung von Depressionen zu nutzen, entstand, während er im Rahmen seiner Ausbildung in einer Klinik arbeitete. Dabei ist ihm aufgefallen, dass selbst schwer depressive Patienten ihr Smartphone intensiv nutzen. Warum also nicht das Smartphone für die Gesundheit nutzen? Das Potenzial ist einfach riesig. So haben wir uns gefunden, das Konzept für Moodpath entwickelt und das Unternehmen Aurora Health gegründet.

Kannst du einen Einblick in euer Geschäftsmodell geben?

Felix Frauendorf: Durch die Ausrichtung, die wir von Anfang an hatten – einen Fokus auf Qualität, Validität und Datensicherheit – sind wir jetzt gut auf das kommende Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) vorbereitet. Wir werden uns weiter darauf konzentrieren, damit Moodpath ab 2020 verschrieben und von den Krankenkassen abgerechnet werden kann.

Habt ihr selbst einen medizinischen Hintergrund?

Felix Frauendorf: Viele in unserem Team haben einen psychologischen und psychotherapeutischen Hintergrund. Darunter ist wie erwähnt auch der Gründer Mark Goering – er ist psychologischer Psychotherapeut in Ausbildung und arbeitet auch weiter direkt mit Patienten zusammen. Er kümmert sich unter anderem um Produktentwicklung und Forschungskooperationen. Ich habe  einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund und decke damit die Themen Strategie, Finanzen und Marketing ab. 

Gerade der Bereich Depression ist ja sehr sensibel. Sollte jemand mit einer Depression nicht ein persönliches Gespräch suchen?

Felix Frauendorf: Auf jeden Fall und Moodpath motiviert Betroffene auch, den persönlichen Kontakt zu professionellen Behandlern zu suchen.

Viele wissen eben gar nicht, dass sie an einer Depression leiden. Und selbst wenn sie es vermuten, sind nach wie vor die Barrieren hoch, denn Depression wird oft mit Schwäche gleichgesetzt. Psychische Erkrankungen generell sind leider nach wie vor stigmatisiert. 

Ihr arbeitet ja aktuell mit verschiedenen Universitäten und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen zusammen. Könnt ihr kurz erzählen, wie es zu diesen Kooperationen kam?

Felix Frauendorf: Es war uns von Anfang an wichtig, dass das Projekt Moodpath von Wissenschaftlern begleitet wird. Deshalb haben wir bereits 2015 ein Pilotprojekt mit einer psychiatrischen Klinik und der Freien Universität Berlin gestartet. Mit der FU Berlin sind in der Zwischenzeit zwei Studien zur Validierung des Depressions-Screenings abgeschlossen worden.

Mit anderen Universitäten, wie der Columbia University in New York, arbeiten wir an spannenden neuen Möglichkeiten, Depression aus großen Datenmengen des Smartphones zu erkennen, um dem Patienten und dem Behandler eine noch umfassendere Einschätzung zu ermöglichen.

Gesundheits-Apps können ein Plus für Patienten und Therapeuten sein. Welche Chancen gibt es und vor welchen Herausforderungen steht ihr hier?

Felix Frauendorf: Die Vernetzung von Patienten und Therapeuten ist eine der Chancen, die wir bereits in Moodpath umsetzen. Betroffene können ihre Ergebnisse per PDF exportieren, und damit auf ihren Hausarzt oder einen Facharzt bzw. Psychotherapeuten zugehen. Therapeuten können, bei Einwilligung des Patienten, auf die von Moodpath erhobenen Daten zugreifen und diese als Unterstützung ihrer Diagnostik verwenden.

Ab 2020 können die Kosten für Gesundheits-Apps von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden. Nach welchen Kriterien wird hier entschieden, welche App davon betroffen sein wird? Was erhofft ihr euch davon?

Felix Frauendorf: Die Kriterien für eine Zulassung sind Sicherheit, Funktionalität, Qualität, Datenschutz und Datensicherheit sowie ein Nachweis positiver Versorgungseffekte.

Wir planen, in das Verzeichnis digitaler Gesundheitsanwendungen aufgenommen zu werden und damit letztlich den Durchbruch zur flächendeckenden Anwendung in der Regelversorgung zu schaffen.

Das Gesetz kann auch innovationsfördernd sein, weil es auch für Unternehmer noch interessanter wird etwas im Gesundheitswesen zu probieren.

Eine Auflage des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist es, dass die Hersteller der aufgenommenen Apps nach einem Jahr nachweisen müssen, dass die App die Versorgung der Patienten verbessert. Seht ihr das als große Herausforderung?

Felix Frauendorf: Es ist sinnvoll, denn es muss sichergestellt werden, dass die Apps einen Mehrwert haben. Tatsächlich muss man schon zum Zeitpunkt der Zertifizierung nachweisen, dass positive Versorgungseffekte gegeben oder zumindest zu erwarten sind. Das ist sicher eine Herausforderung, doch wir sehen uns dafür bestens aufgestellt und sind natürlich davon überzeugt, dass unsere App heute schon positive Versorgungseffekte hat, die wir “nur” methodisch unangreifbar messen müssen.

Und welche Möglichkeiten gibt es hier: Testimonials, Studien, Nutzerbefragungen, Datenauswertungen? Und was ist hinsichtlich der Datenauswertungen überhaupt erlaubt?

Felix Frauendorf: Dazu muss das BfArM erst noch endgültig Stellung nehmen. Der medizinische Nutzen einer Anwendung wird bestenfalls über RCT-Studien (randomisierte kontrollierte Studien) bzw. vergleichende Kohortenstudien nachgewiesen. Beobachtungen oder qualitative Befragungen ohne Kontrollgruppe sind auf der wissenschaftsmethodischen Nahrungskette ganz unten angesiedelt und können höchstens als Hinweis auf einen erwartbaren Effekt angesehen werden. Darüber hinaus zählen aber auch Verfahrens- und Strukturverbesserungen zu den möglichen positiven Effekten, die man beispielsweise über Cost-Effectiveness Studien gemeinsam mit Kliniken oder Krankenkassen nachweisen kann.

In den kommenden Jahren wird sich in Deutschland die Akzeptanz von digitalen Angeboten im Gesundheitsbereich vergrößern

Wie digital ist die Zukunft des Gesundheitsbereichs beziehungsweise welche Rolle werden Apps, Online-Sprechstunden und digitale Tools zur Diagnose und Früherkennung spielen?

Felix Frauendorf: In den kommenden Jahren wird sich in Deutschland die Akzeptanz von digitalen Angeboten im Gesundheitsbereich vergrößern. Das DVG wird dazu beitragen, dass Apps wirklich ein Teil des Systems werden – also einfach Normalität.

Das größte Potenzial liegt in der Vernetzung und Auswertung von Gesundheitsdaten, die sowohl von intelligenter Software als auch von behandelnden Ärzten verwendet werden, um Diagnostik- und Therapieentscheidungen zu verbessern. Digitale Tools helfen, diese Daten zu erheben, zu strukturieren und den Patienten aktiv im Management seiner Erkrankung einzubinden. Digitale Anwendungen werden auch für Ärzte immer wichtigere Werkzeuge. Aber es wird keine Verdrängung der ärztlichen Leistung geben – das kann auch keine Software leisten. Apps sind eine wichtige Ergänzung.

Global betrachtet wird das Wachstum noch deutlich zunehmen. Viele sog. Schwellenländer fangen jetzt erst an, signifikante Ressourcen in die Gesundheitssysteme zu investieren. Erfahrungsgemäß kommen Programme zur Behandlung psychischer Erkrankungen mit einer leichten Verzögerung, dann aber auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Darin liegt auch die Chance für einen frischen Start, ohne Reibungsverluste mit etablierten Kräften, die Interesse an der Wahrung des Status-quo haben. Wir sehen für eMental-Health daher große Chancen in der internationalen Anwendung.

Wo seht ihr Moodpath in fünf Jahren?

Felix Frauendorf: Moodpath wird in fünf Jahren weiter international eine der führenden Apps für die Erkennung und Behandlung von Depression sein, aber dann werden es allgemein deutlich mehr Nutzer sein.

Aurora Health will bis dahin weitere Störungsbereiche adressieren, wie zum Beispiel Essstörungen, Angsterkrankungen oder Sucht. Außerdem möchten wir unsere Behandlerplattform weiter ausbauen (also auch Medizinern mit Moodpath künftig verstärkt eine Plattform bieten) und tief in der Regelversorgung verwurzelt sein.

Felix Frauendorf

Felix Frauendorf hat einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund und deckt bei Moodpath die Themen Strategie, Finanzen und Marketing ab. Sein Mitgründer, Mark Goering, ist klinischer Psychologe. Die Idee, das Smartphone zur Erkennung und Behandlung von Depressionen zu nutzen, entstand, während Goering im Rahmen seiner Ausbildung in einer Klinik arbeitete. Dabei ist ihm aufgefallen, dass selbst schwer depressive Patienten ihr Smartphone intensiv nutzen. Warum also nicht das Smartphone für die Gesundheit nutzen?  moodpath.com
Gruender Felix Frauendorf - Gesundheits-Apps: Moodpath-Gründer im Interview
Foto: Moodpath