Seit jeher gelten innovative Jungfirmen als Impulsgeber für Trends und neuartige Arbeitsmodelle. Aber taugen sie auch als Vorbild in Sachen Fehlschlag? Vieles deutet jedenfalls darauf hin, dass sie etablierten deutschen Firmen eine Vorlage dafür liefern können, wie man ein professionelleres und nachhaltigeres Selbstverständnis im Umgang mit Rückschlägen erlangt.

Zwar kritisiert auch das Wirtschaftsministerium, dass dem Scheitern in der Bundesrepublik noch allzu oft ein Makel anhänge und Gründer entsprechend stigmatisiert würden. Ein Sinneswandel hin zu einer offenen Fehlerkultur zeichnet sich trotz des so einflussreichen Fürsprechers nur zaghaft ab. Dabei ist der Fehlschlag bei einer Unternehmensgründung der Normalfall, der Erfolg hingegen die Ausnahme. Bei Startups kann die Wahrscheinlichkeit zu scheitern – je nach Studie, Jahrgang, Länderbetrachtung und Untersuchungsgegenstand – sogar bei 90 Prozent liegen. Und dennoch sprechen die meisten Unternehmer, selbst in Startup-Kreisen dies- wie jenseits des Atlantiks, erst über ihre missglückten Gründungen, wenn ein aktueller Erfolg das vorangegangene Scheitern ins rechte Blick rückt.

„Der Fehlschlag ist bei einer Unternehmensgründung der Normalfall, der Erfolg hingegen die Ausnahme“

Eine Bresche für mehr Offenheit will beispielsweise Marc Clemens – Gründer von Codecontrol, einem Netzwerk für Software-Entwickler – schlagen. „Ich glaube, dass eine funktionierende Fehlerkultur enorm wichtig ist. Ob zu scheitern oder erfolgreich zu sein, macht keinen Unterschied. Der Unterschied ist, ob man etwas macht oder nicht und wenn ja, mit welcher Intention“, sagt Clemens, der 2014 mit dem Online-Weinshop Sommelier Privé Insolvenz anmelden musste und seither freimütig darüber spricht und andere dazu animiert. Auch Patrick Wagner, der in Berlin die gut besuchten Fuckup Nights organisiert, wirbt für mehr Transparenz.

„Risiken sollten stärker honoriert werden.“ Das ist die Meinung des Mitgründers beim US-Matratzen-Startup Casper, Constantin Eis. „Man sollte anders auf Leute schauen, die etwas wagen und ausprobieren. Das betrifft nicht nur Startupler, sondern auch wenn sich jemand mit einem Kiosk selbstständig macht oder einem Café“, meint der frühere Vorstand des Online-Möbelshops Home24. Auch Eis ist der Ansicht, dass die „Fail fast, fail often“-Mentalität des Silicon Valley in Deutschland noch lange nicht heimisch geworden ist. Doch es gibt bereits einige aus der Welt der Großkonzerne, die aus gescheiterten Projekten mehr als bisher herausholen wollen. So sagt der Chef des Stahlhändlers Klöckner & Co, Gisbert Rühl: „Nachdem ich in unserem Firmennetzwerk Yammer mit gutem Beispiel vorangegangen bin, beginnen auch Mitarbeiter, über Fehler und negative Entwicklungen zu schreiben. Das führt dazu, dass auf Fehlentwicklungen schneller reagiert werden kann und Kollegen davor bewahrt werden, in der Organisation bereits an einer Stelle gemachte Fehler an einer anderen Stelle zu wiederholen.“

„Man sollte anders auf Leute schauen, die etwas wagen und ausprobieren“

Eine neue Fehlerkultur zu entwickeln, ist ein langwieriger Prozess, kann sich aber durchaus lohnen. Laut einer Erhebung der Wirtschaftsberatung Boston Consulting Group (BCG) ist die Angst vor dem Scheitern einer der Hauptgründe, warum etablierte Firmen Schwierigkeiten mit dem weiteren Wachstum haben. Mehr Optimismus und eine größere Bereitschaft und Fähigkeit zum Wagnis stünden der deutschen Volkswirtschaft deshalb gut zu Gesicht. Die Startup-Branche mit ihrem breitgefächerten Netzwerk aus Investoren zeigt vielerorts bereits, wie das funktionieren kann und welche Dynamiken entstehen können. Und die immer engeren Kontakte zwischen Jungfirmen, Mittelständlern und Großkonzernen über Inkubatoren, Acceleratoren, Kooperationen oder Beteiligungen können dafür sorgen, dass dieser neue Wind verstärkt auch durch die DAX-Vorstandsetagen weht.

Wer in Deutschland mit einem Start-up scheitert, kämp mit diesem Makel o ein Leben lang. Im Silicon Valley – der Innovationsschmiede schlechthin – laufen die Dinge anders: Hier gilt ein Misserfolg als Grund- lage für späteres Gelingen und die Chance auf persönliche Weiterentwicklung (Bild: FBV)

BUCH-TIPP

In „Rückschläge in Siege verwandeln“ zeigt Nadine Schimroszik, dass sich die unternehmerischen Versagensängste negativ auf die Innovationskraft Deutschlands auswirken. In zahlreichen Interviews mit Machern und Stars der Tech-Szene geht sie der Frage nach, wie Gründer von Rückschlägen und einer „zweiten Chance“ profitieren können. Unter anderem sprach sie mit Metro-Chef Olaf Koch, Klöckner-CEO Gisbert Rühl, Bitkom-Präsident Thorsten Dirks sowie Karl-Theodor zu Guttenberg, Jens Spahn und Christian Lindner. Erschienen im Finanzbuchverlag für 16,99 Euro als Softcover.

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2 Kommentare auf "Scheitern fürs Bruttoinlandsprodukt – Let’s startup Deutschlands Wirtschaft"

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[…] Startups sind nicht nur Impulsgeber für Trends, sondern in einigen Aspekten auch Vorbilder für etablierte Unternehmen. Darunter beim Umgang mit Rückschlägen Der Beitrag Scheitern fürs Bruttoinlandsprodukt – Let’s startup Deutschlands Wirtschaft erschien zuerst auf BerlinValley. Jetzt lesen […]

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[…] auf Dauer nicht den Rang als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt halten können. So wichtig eine Kultur des Scheiterns für eine dauerhafte Innovationsfähigkeit sein mag, so wenig darf das Postulat für die […]

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