Philipp Lahm hat genug vom FC Bayern. Sportdirektor beim Rekordmeister hätte er werden können. Nicht das schlechteste Angebot für einen, der gerade seine aktive Karriere beendet hat. Doch der langjährige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft lehnte dankend ab. Lahm war schon immer zielstrebig – jetzt hat er ein Feld im Blick, auf dem sich nur die cleversten Spieler durchsetzen: das Startup-Business rund um den Fußball.

Statt am Trainingszentrum der Bayern hinter einem Schreibtisch zu sitzen und Trainingseinheiten zu beobachten, steht der 34-Jährige lieber im Kongresszentrum München auf der Bühne. Beim Gründer-Festival Bits & Pretzels ist er Ende September einer der Highlight-Speaker. Dort tritt Lahm nicht als ehemaliger Fußballer auf, sondern als Investor: Zuletzt hat er mit Partnern eine Summe von 2,7 Millionen Euro in das Berliner Startup Fanmiles gesteckt, das Fans für ihre Treue gegenüber Stars belohnt.

Mehr als reine Investition“: Markenbotschafter Philipp Lahm mit den Fanmiles-Gründern Alan Sternberg (l.) und Fabian Schmidt
„Mehr als reine Investition“: Markenbotschafter Philipp Lahm mit den Fanmiles-Gründern Alan Sternberg (l.) und Fabian Schmidt (r.).

In seiner neuen Rolle will er aber nicht nur als Geldgeber wahrgenommen werden. „Meine bisherigen Beteiligungen sind alles andere als reine Investitionen“, erklärte er der Bild-Zeitung: „Ich will mich nicht finanziell als stiller Teilhaber irgendwo einkaufen, sondern möchte als Gesellschafter Einblicke in unternehmerische und wirtschaftliche Abläufe gewinnen, etwas Neues lernen und mich als Markenbotschafter schon jetzt aktiv einbringen. Ich suche bewusst nach Unternehmen, mit deren Werten, Themen und Zielen ich mich identifizieren kann.“

„Die Fans wollen mehr: Näher dran sein am Geschehen“

Dortmund ist Meister

Als aktiver Fußballer zeichnete Lahm ein überragendes taktisches Verständnis aus. Der Außenverteidiger war berühmt für seine Vorstöße. Und wer sich mit den Zahlen beschäftigt, die im Fußball kursieren, der ahnt, warum Lahm jetzt als Geschäftsmann in die Offensive geht. So konnte die Bundesliga gerade erst ihren Gesamtumsatz zum zwölften Mal in Folge steigern. Setzten die Vereine in der Saison 2004/05 noch rund 1,3 Milliarden Euro um, waren es 2015/16 bereits 3,24 Milliarden. Allein die Bayern kommen – laut einer aktuellen Deloitte-Untersuchung – auf einen Jahresumsatz von 592 Millionen Euro. Vor zehn Jahren errechneten die Wirtschaftsprüfer noch einen Betrag von 295 Millionen Euro für den Rekordmeister.

Entlarvt Standfußballer: Die Tracktics-Technik zeichnet Bewegungen der Kicker auf. (Foto: Tracktics)
Entlarvt Standfußballer: Die Tracktics-Technik zeichnet Bewegungen der Kicker auf. (Foto: Tracktics)

Auch auf der Fan-Seite stehen die Zeichen auf Wachstum. Die Stadien sind voll und auch in den sozialen Medien fiebern immer mehr Fans mit ihren Lieblingen mit. Allein Borussia Dortmund kam in der abgelaufenen Saison bei Facebook auf 30.530.263 Interaktionen – deutscher Meister. Auch Kanäle wie Whatsapp oder Snapchat bespielen die Klubs – einige unterhalten eigene Web-TV-Stationen. Und die Fans wollen mehr: Näher dran sein am Geschehen, mehr Informationen und vor allem Live-Erlebnisse. Die Berichterstattung ist lukrativ. Allein die Free-TV-Sender haben nach Berechnungen des Marketing-Analysten Ebiquity in der Saison 2014/15 rund 100 Millionen Euro durch Werbung eingenommen. Die jährlich wachsenden Werbeumsätze des Bundesliga-Senders Sky sind in der Datenbank nicht einmal mit einberechnet – ein Konzert der großen Summen und großen Unternehmen. Und dennoch: Es gibt Nischen in der Berichterstattung, die Räume für Startups lassen.

1,6 Millionen Fußballpartien

Beispiele dafür sind Onefootball oder auch Sporttotal.tv. Beim ersten handelt es sich um eine Fußball-App aus Berlin und eine echte Erfolgsgeschichte. Von Anfang an konzentrierte sich der Gründer und CEO, Lucas von Cranach, auf Fußball-News, die er via App zu den Fans lieferte. 2008 ging iLiga, wie das Angebot damals noch hieß, an den Start. Mittlerweile ist Onefootball eine der reichweitenstärksten Fußball-Plattformen der Welt: Die App gibt es in 15 Sprachen, sie wurde bislang mehr als 24 Millionen Mal installiert und hat fünf Millionen aktive Nutzer im Monat. Sporttotal setzt dagegen auf Bewegtbild und zielt auf die Basis. In der Bundesliga werden jährlich 306 Spiele angepfiffen.

Alles im Blick: Die innovative 180-Grad-Kamera von Sportotal.tv streamt Amateurfußball übers Internet zu den Fans. (Foto: Sporttotal.tv)
Alles im Blick: Die innovative 180-Grad-Kamera von Sportotal.tv streamt Amateurfußball übers Internet zu den Fans. (Foto: Sporttotal.tv)

In allen deutschen Spielklassen sind es mehr als 1,6 Millionen. Die meisten Partien finden auf Amateur-Sportplätzen statt – und genau diese Spiele will das Startup kostenlos streamen. Einziger Aufwand ist das Aufstellen eines wetterfesten und gut 30 Zentimeter hohen Kamera-Kastens, der mit mehreren Linsen das Spielfeld vollständig erfasst. Eine Steuersoftware folgt dem Spielgeschehen automatisiert – ohne Chip in Ball oder Trikot. Die Macher hoffen, dass am Ende so etwas wie ein Live-Netflix für Amateur-Duelle entstehen könnte. Bei solch einem logistischen Aufwand ist es wenig überraschend, dass Sporttotal.tv keine Hinterhofidee ist.

Hinter dem Startup steht mit der Wige Media AG ein etablierter Technik-Player, der zudem von der Allianz, der Deutschen Post und der Deutschen Telekom unterstützt wird. Medienpartner ist die Bild-Zeitung.

Standfußballer im Visier

Wie Sporttotal.tv sieht auch Tracktics das Potenzial in der Masse der Amateur-Sportler. Mithilfe eines kleinen Trackers, der in einem eng am Körper anliegenden Gürtel getragen wird, will das Startup auch Kreisliga-Kickern ausgefeilte Statistiken über ihr Spiel liefern. Das nur 32 Gramm schwere Gerät zeichnet Werte wie Top-Geschwindigkeit, Antritt und Sprints der Bolzplatz-Helden auf. Die Daten lassen sich per App auslesen – und zeigen Team wie Trainer, wer am vergangenen Sonntag mal wieder nur Standfußball zelebriert hat.

Spielfigur: Gladbach-Torwart Yann Sommer im 3D-Scanner vom Fredi-Bobic-Investment Staramba. (Bild: Staramba)
Spielfigur: Gladbach-Torwart Yann Sommer im 3D-Scanner vom Fredi-Bobic-Investment Staramba. (Bild: Staramba)

Während Tracktics sich an die Amateure auf dem Platz richtet, zielt Ticr auf die Stammtisch-Experten ab. Die müssen sich nicht mehr über die vermeintliche Kompetenzlosigkeit von Kommentatoren wie Marcel Reif oder Béla Réthy ärgern. Stattdessen kann der Nutzer mit Ticr seinen eigenen Stream produzieren und sich so eine eigene Leserschaft erschreiben. Mit Tim Borowski und Fabian Ernst steckt das Kapital von zwei ehemaligen Nationalspielern in Ticr.

Auch Robert Lewandowski, Gerald Asamoah oder auch Marcell Jansen sehen in der Finanzierung von Geschäftsideen ein Modell für das Leben nach dem Sport. Im Juli erst hat René Adler seine Unterstützung beim Startup T1tan bekanntgegeben. Neben einer finanziellen Beteiligung steht der Torwart des Bundesligisten Mainz 05 dem gleichnamigen Onlineshop für Torwarthandschuhe als Testimonial zur Verfügung.

Digitale Reichweite* der Vereine der 1. Fußball-Bundesliga aus der Saison 2015/2016

* in Tausend; Fans, Follower und Abonnenten auf Facebook, Instagram, Twitter, Youtube, Peris- cope und Google+; Quellen: Horizont, Stadionwelt

Klopp wirbt für App

Interessant ist auch das Konzept, für das sich Jürgen Klopp engagiert. Der Ex-BVB-Trainer ist das prominente Aushängeschild von Taktikr. Zwar hat Klopp als aktueller Liverpool-Coach für Eingriffe ins operative Geschäft eines Startups noch keine Zeit. Er agiert aber als Schirmherr der neuen Fußballtrainings-App. Hinter dem Projekt steht das Kölner Startup Bolzfabrik, das sich selbst als „Innovationsführer im Fußball-Business“ versteht. Immerhin entwickle man digitale Produkte, „die den Fußball und seine Akteure besser machen, ohne das Wesen der schönsten Nebensache der Welt zu verändern“, wie CEO Mario Welte Berlin Valley erklärt.

„DIE ETABLIERTEN PLAYER IN DER SPORTSZENE GUCKEN SEHR GENAU HIN, WAS DIE STARTUPS SO TREIBEN“

Welte und sein zehn Mann starkes Team beobachten tatsächlich gerade einen Wandel im Fußball, „was die Öffnung für digitale Lösungen angeht“. Er sagt: „Wenn man sich in der Startup- und Innovations-Szene mal ein wenig umschaut, dann sieht man, dass der Sport durchaus empfänglich ist für frische Ideen. Beispiele wie Stickerstars, Sponsoo oder eben auch wir unterstreichen das. Selbst Gopro, obwohl inzwischen kein Startup mehr, ist ja im weitesten Sinne eine sportbezogene Innovation gewesen.“ Der Bolzfabrik-Chef sieht eine klare Tendenz: „Die etablierten Player in der Sportszene gucken zwar sehr genau hin, was die Startups so treiben, warten aber eher ab, welche Innovationen sich am Ende auch tatsächlich durchsetzen.“

Das 7:1 gegen Brasilien erklären

Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte für eine dieser Ideen, die sich bereits durchgesetzt hat, liefern Stefan Reinartz, der früher unter anderem für Bayer Leverkusen am Ball war, und der noch aktive Jens Hegeler ab. Das Duo gründete nicht nur ein innovatives Startup, sondern revolutionierte auch noch die Datenanalyse von Fußballspielen. Sie entwickelten den neuen Wert des Packings. Dabei wird berechnet, wie viele Gegner ein Spieler pro Pass überspielen kann. Die Idee dahinter: Der Wert soll den der reinen Passquote ergänzen und aufzeigen, mit welchen Zuspielen wirklich Torchancen und letztlich auch Tore generiert werden. Mit Packing ließe sich zum Beispiel erklären, wie es der deutschen Fußballnationalmannschaft vor drei Jahren gelang, Brasilien bei der WM im eigenen Land mit 7:1 zu schlagen, obwohl die Elf von Jogi Löw bei Ballbesitz, den Torschüssen oder auch den Balleroberungen rein statistisch schlechter abschnitt als die Seleção.

Längst gehört das Packing zur professionellen Spielanalyse und Athletiadata, das Startup von Reinartz und Hegeler, hat Verträge mit einer Vielzahl von Vereinen geschlossen.

Auch Amazon spielt mit

Ebenfalls mit Daten beschäftigt sich Spockstar. Die App streamt sämtliche Bundesliga-Spiele live aus einer zweidimensionalen Vogelperspektive. Wie bei der Spielanalyse bewegen sich die Spieler als farbige Markierungen über das Feld und schieben sich den Ball zu, bis er im Aus oder Tor landet. Eine Idee für Taktik-Nerds, die aber wohl nicht mehr als ein Nischenprodukt in der von den TV-Sendern dominierten Berichterstattung bleiben wird.

Zudem hat sich mit Amazon gerade erst ein weiterer Big Player die Rechte an der Audio-Übertragung gesichert. Das Aus für Sport1, die zuvor bereits 90elf abgelöst hatten. Mit dem Einzug von globalen Digitalunternehmen ist der Wandel auch im Sport programmiert. In einem Gastbeitrag für das Manager Magazin skizziert Professor Sascha Schmidt, Lehrstuhlinhaber für Sport und Management an der WHU – Otto Beisheim School of Management, vor allem neue Technologien als künftigen Wachstumstreiber. So werde sich das Spielerlebnis in den kommenden Jahren für Fans durch Virtual- und Augmented-Reality grundlegend ändern.

„Schon morgen schlendern wir durch die Stadt, sehen im Schaufenster unseren Lieblingsspieler als Hologramm und durch unsere Mixed-Reality-Brille oder Kontaktlinse, ob im Stadion noch Tickets für das nächste Heimspiel unseres Lieblingsclubs vorhanden sind.“

Kommt das Bier bald mit der Drohne?

Schmidt glaubt, dass schon bald nur noch Augenzwinkern zur Ticketbuchung reichen würde. „Wir lassen uns via Roboter bis zum Platz in der Arena leiten, wo bereits die Bratwurst und unser Bier auf uns warten – vom Essensstand mit einer kleinen Drohne eingeflogen.“ Nach Einschätzung von Schmidt ist eine gewisse „kreative Zerstörung bestehender (Denk-)Strukturen notwendig“. Wie das konkret gehen könnte macht gerade Schalke 04 vor.

Der Revierklub veranstaltet am 21. August in Köln seinen ersten Hackathon. „Schalke verfolgt nun seit einiger Zeit eine klare Innovationsstrategie mit dem Ziel, den Verein für die Herausforderungen der Digitalisierung gut aufzustellen und neue Geschäftsmodelle zu entdecken“, erklärt der Verein Berlin Valley. Immerhin würde die Veranstaltung eines Hackathons den Knappen einen Zugang zu Programmierern und Organisationen ermöglichen, „die im Bereich der Digitalisierung aktiv sind“. Zudem sehen die Gelsenkirchener die Herausforderung, sich auf die Bedürfnisse der Digital Natives einstellen zu müssen, die doch ein anderes mediales Konsumverhalten an den Tag legen würden. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Digitalisierung als Chance zu begreifen und genauso sportlich gehen wir die Herausforderungen an. Wir sind davon überzeugt, dass der Fußball und der Fan durch die Digitalisierung gewinnen kann und wollen dieses Zukunftsfeld positiv mitgestalten.“

Ab in die Verlängerung

Weitere ehemalige Spieler und Trainer, die ihre Chancen in der Startup-Szene verwerten wollen

MARKO REHMER, FREDI BOBIC, STEFAN BEINLICH:
Die drei Ex-Profis engagieren sich bei, 3D-Figuren-Spezialisten Staramba. Mittlerweile überzeugten sie auch Manuel Neuer, Niko Kovac, Hasan Salihamidzic, Oliver Neuville und Tim Wiese davon, einzusteigen.

EDWIN VAN DER SAR:
Der ehemalige Weltklassetorhüter aus den Niederlanden unterstützt Brandsfit, ein Unternehmen, das Amateurvereinen bei der Vermarktung hilft.

THIERRY HENRY, CESC FABREGAS:
Die Arsenal-Legende und der noch aktive spanische Nationalspieler helfen dem Videostreaming-Angebot Grabyo.

JENS LEHMANN:
Ebenfalls ein Kicker mit Arsenal-Vergangenheit. Der Ex-Torhüter steckte sein Geld unter anderem in Combionic. Das Unternehmen verspricht smarte Business-Lösungen.

DAVID BECKHAM:
Der Mega-Star versuchte sich bereits als Investor der Live-Videostreaming-App Myeye.

Noch mehr Beispiele findet ihr hier.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 24

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

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