Müssen die bestehenden Programme, die Gründergeist unter Frauen fördern sollen, etwas ändern?
Christoph Räthke: 
Ganz ehrlich – es wurde schon so viel versucht, und ich behaupte auf gar keinen Fall, zu wissen, was richtig ist in diesem Bereich. Aber was immer es ist, es muss professionell und datenbasiert angegangen werden. Programme sollten weniger an die Außenwirkung denken. Nicht die eigene Meinung zählt, nicht was man selber gerne macht, sondern das, was nachweislich etwas bringt – und das findet man nur über genaue Evaluation raus.

Was machen die bestehenden Programme falsch?
Christoph Räthke: 
Mein Eindruck ist: Sie erreichen Frauen, die sich sowieso schon fürs Gründen interessieren. Das Problem scheint aber woanders zu liegen. Aus persönlicher Erfahrung: Ich war einmal Mentor an der Uni Lüneburg – 800 Leute im Vorlesungssaal, die meisten weiblich. Aber bei meinen Veranstaltungen in der Startup-Szene schauen mir dann zu 90 Prozent Männer entgegen. Was passiert mit den Frauen in den Jahren zwischen 23 (also wenn sie mit der Uni fertig sind) bis dahin? Von den 60 Prozent im Hörsaal bleiben 15 Prozent in Gründerveranstaltungen übrig – das ist ein ungelöstes Rätsel für mich.

Als Gründe werden häufig angegeben, dass Frauen weniger Risikofreudig sind…
Christoph Räthke: 
Das höre ich auch im Bekanntenkreis. Aber warum ist das so? Die Frauen sind 23, wenn sie fertig mit dem Studium sind – Kinder bekommen die meisten erst mit 30, und manche auch gar nicht. In den Jahren dazwischen kann man zwei bis drei Unternehmen gründen, selbst wenn man eines an die Wand fährt. In diesen Jahren definiert man sich als Erwachsener und Berufstätiger und kann dabei eigentlich alles versuchen in unserem sozial rundum versorgten, wirtschaftlich seit 15 Jahren boomenden Land.

Da gibt es natürlich auch noch andere, subtilere Gründe – das rosa-blau Denken etwa. Jungen werden schon von klein auf mehr dazu angehalten, einfach mal selbst zu machen, Mädchen wird eher geholfen. Laura Dornheim schreibt in ihrem Gastkommentar für uns „Solange es Prinzessinen-Shampoos für Mädchen und Entdecker-Shampoos für Jungen gibt, wird es nicht selbstverständlich sein für junge Frauen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen”.
Christoph Räthke: 
Aus meiner Sicht ist der erwachsene Mensch, egal ob männlich oder weiblich, frei in der Entscheidung über seine Zukunft. Jeder von uns muss irgendwann reflektieren, was er aus der Kindheit mitgenommen hat und was er davon behalten will. Wir haben seit 13 Jahren eine Bundeskanzlerin und viele Ministerinnen; Frauen gewinnen Action-Shows und Sportturniere, sind Künstlerinnen, Soldatinnen, Weltreisende, Bankerinnen, leiten Familienunternehmen, sind bedeutende Wissenschaftlerinnen. Das passt auch alles nicht zur „Prinzessin”. Aber bei der Startup-Gründung ist dann auf einmal das rosa Kleidchen schuld?

Viele der Gründerinnen, mit denen ich für unser Gründerinnen-Spezial gesprochen habe, haben gegründet während sie schwanger waren (etwa Jutta Steiner von Parity, Christine Schuberth-Wagner von Rigontec, Claire Novorol von Ada Health)
Christoph Räthke: 
Dann muss man die Frauen also vielleicht erreichen wenn sie schwanger sind. Die Gründerin von mompreneurs.de, Esther Eisenhardt, war in meinem Accelerator, und von ihr hab ich viel gelernt über die Effizienz und Fokussiertheit, zu der Frauen in und nach der Schwangerschaft gezwungen sind. Und die sie auch ganz anders arbeiten lässt.

„Man muss kein besonderer Frauenfreund sein muss, um zu wollen, dass mehr Frauen gründen.”

Vielleicht neben der Lamaz- eine Gründerinnenklasse anbieten?
Christoph Räthke: 
Oder Babyschwimmen in Unternehmen, egal was nötig ist, um die Frauen zum richtigen Zeitpunkt zu erreichen. Denn meine Motivation ist, dass man kein besonderer Frauenfreund sein muss, um zu wollen, dass mehr Frauen gründen.

Aus eigener Erfahrung: Ich habe vor zwei Jahren für mein Accelerator-Programm 250 Bewerbungen bekommen, sieben davon waren von Frauen. Ich möchte aber nicht, dass ich 125 Bewerbungen von Frauen bekomme und 125 von Männern, ich möchte insgesamt 500 Bewerbungen bekommen. Mir fehlen also 247 mehr von Frauen! Dass es die nicht gibt, verschließt viele wirtschaftliche Möglichkeiten für alle.

Gleichzeitig sitzen aber noch mehr Männer in den Entscheidungspositionen, etwa als VCs. Viele davon haben vermutlich im Hinterkopf, dass diese Frau, die da pitcht höchstwahrscheinlich schwanger wird. Ein Fakt: Bei identischen Inhalten und Präsentationen erhalten männliche Gründer mit einer 40 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit eine Wagniskapitalfinanzierung (National Academy of Sciences, MIT/Cambridge 2014).
Christoph Räthke: 
Absolut niemand, der seinen Lebensunterhalt mit der Finanzierung oder Unterstützung von neu entstehenden Firmen verdient, kann es sich leisten, sich vielversprechende Gelegenheiten entgehen zu lassen aus so einem irrelevanten Grund wie dem Geschlecht der Gründer. Der Fall von den „identischen Inhalten“ ist ein konstruierter; die Situation ist meiner Erfahrung nach die, dass Frauen oft in Themen-Bereichen gründen, für die einfach das Investmentinteresse nicht groß ist. Die Riesen-Themen der Zukunft sind AI, Blockchain-Geschäftsmodelle, B2B, Industrie-Digitalisierung. Mehr und mehr Investoren, gerade in Deutschland, sind so aufgestellt, dass sie in nichts anderes investieren. Auch die öffentliche Förderung, der HTGF, die Corporate VCs – keiner von denen will noch mehr E-Commerce oder Kochrezepte finanzieren. Aus nachvollziehbaren Gründen, wie vor kurzem das Ende von Dawanda gezeigt hat. Wer dagegen als Frau in den Technologie-Zukunftsthemen gründet, hat definitiv mindestens dieselben Chancen wie ein Mann.

Viele Frauen, die es geschafft haben, wollen sich auch nicht an der Genderdebatte beteiligen…
Christoph Räthke: 
Ganz genau diese Erfahrung mache ich auch. Die tollen Gründerinnen, die etwas aufgebaut haben, sagen durch die Bank, dass ihr Geschlecht damit absolut nichts zu tun hat. Ebensowenig wie mit Rückschlägen oder mit dem Scheitern. Sie lehnen vor allem die Opferrolle ab, die aus Fragen wie „du hast es doch bestimmt besonders schwer gehabt?“ oder „wie hast du dich gegen die feindliche Männerwelt durchgesetzt?“ spricht. Frauen, die gründen, sind keine armen Hascherl, die spezielle Förderung und viel Liebe brauchen, weil die Welt so schlecht und misogyn ist!

Und noch ein Punkt: Frauen gründen ja eigentlich, nur eben nicht so viele Startups, dafür häufig im Nebenerwerb – oder machen sich selbständig. Zählt das nicht?
Christoph Räthke: 
Natürlich zählt das. Es ist nur so, dass Startup-Gründer explizit den Anspruch haben, etwas Großes verändern zu wollen und nicht nur einen Beruf für sich selbst und ihre Freunde zu schaffen. Auch das ist absolut ehrenhaft, aber der große Hebel, was wirtschaftliche und soziale Veränderung betrifft, ist das nicht. Dafür muss man Firmen gründen, die Branchen verändern können oder den Alltag von Millionen. Frauen können das im Prinzip genauso gut oder schlecht wie Männer. Aber in der Form eines Freelance-Jobs nebenher geht das nicht.

Vielleicht muss sich ja auch die Startup-Szene ändern?
Christoph Räthke: 
Ich hab mich vor langem entschlossen, bei diesem Thema die Suche nach den großen Zusammenhängen aufzugeben und nur das zu machen, was ich selber in der Hand habe und dem gesunden Menschenverstand entspricht. Mein dreiwöchentliches Meetup ist für jeden offen, man braucht nicht einmal eine Präsentation oder sonstige Formalitäten. Ich teile meine Methodiken „open source“ auf christophr.de, jeder und jede kann damit arbeiten und sie weiterentwickeln. Die weiblichen Gründer und CEOs in meinem Startup-Portfolio und in dem Startup Academy-Mentorennetzwerk bewundere und unterstütze ich genauso wie die Männer. Alles weitere muss jeder und jede für sich entscheiden.

Christoph Räthke

Christoph Räthke trat 1999 zum ersten Mal einem Startup-Team bei und unterstützt seit 2010 Digital-Gründer in einer Vielzahl von Formaten. Heute ist Christoph – nach eigenen Angaben – Deutschlands am umfassendsten tätiger Unternehmer im Thema „Digital Entrepreneurship”, engagiert sich als Autor, Kolumnist und Speaker, als Entwickler von Methodiken und Programmen für Gründer und Konzerne, als vielfacher Startup-Shareholder und Investor und vor allem als immer ansprechbarer Mentor und Freund klarer Worte. christophr.de

Christoph Raethke sieht sich als Berater für alle Geschlechter. Foto: Raethke
Christoph Raethke sieht sich als Berater für alle Geschlechter. Foto: Raethke

Mehr Frauen, mehr Erfolg
Weitere Beiträge zum Thema: Warum Frauen mehr gründen sollten.