Lukas, beschreibe doch bitte mal kurz, was fraisr macht. Wer steckt dahinter?

fraisr ist ein Marktplatz, auf dem Du anteilig mit jedem Verkauf Geld spendest. Du kannst bei uns quasi alles verkaufen, was nicht niet- und nagelfest ist: Gebrauchte Waren, Neuware, Selbstgemachtes, Dienstleistungen, Gutscheine. Für jeden Artikel legst Du als Verkäufer fest, wie viel Du von Deinem Erlös spendest willst und an wen das Geld gehen soll. Hierfür arbeiten wir mit zahlreichen Spendenorganisationen wie Amnesty International, Care, den Tafeln, Reporter ohne Grenzen und vielen mehr zusammen und sorgen auch dafür, dass Deine Spende dort ankommt. Du kannst bei uns also als Privatperson Sachen verkaufen und damit Gutes tun. Oder Du nutzt uns als gewerblicher Nutzer für eine so genannte Cause Related Marketing Kampagne. Denn immer mehr Konsumenten achten auf das soziale Engagement von Unternehmen und da sind wir ein einfaches Tool, um mein Engagement als Firma zu zeigen.

Hinter fraisr stecken drei Gründer: Alex Schwaderer (Marketing), Oskar Volkland (Finanzen) und Lukas-C. Fischer (Kommunikation). Wir sitzen in Berlin-Kreuzberg und haben inzwischen ein Team aus neun Leuten.

“fraisr – Einkaufen und dabei Gutes tun!”

Nicht viele Startups beschäftigen sich damit die Welt zu verbessern. Wie ist also die Idee zu fraisr entstanden?

Alex und ich haben zusammen bei einer großen Werbeagentur gearbeitet. Wie es in Agenturen so ist, wurden viele gute Ideen, die wir zu unseren Kunden getragen haben, nicht umgesetzt. Oft sind sie auch nicht immer verstanden worden. Wir haben uns irgendwann gesagt: Wenn wir einmal eine richtig gute und große Idee, dann müssen wir das selber machen. Die Idee zu fraisr war genau eine solche Idee. Wir haben uns angeguckt und gesagt: wenn wir das nicht machen, ärgern wir uns irgendwann. Es gibt so viele Leute, die man trifft und die alle die Idee hatten, so etwas wie Facebook zu gründen und es letztlich nicht getan haben. Das ist nämlich der große Unterschied: Du musst die Sachen machen. Die Idee alleine zählt nicht.

Konkret sind wir auf fraisr gekommen, weil wir gesehen haben, dass  Social Commerce irgendwie nicht funktioniert, obwohl es doch so nahe liegt und erfolgsversprechend: Shopping in sozialen Netzwerken – da, wo ich eh den ganzen Tag bin. Aber dem Konsum hier fehlt irgendwie die nötige Relevanz, damit es die organische Verbreitung findet, die dieses Prinzip so interessant macht. So lange es keine Viralität entfaltet und andere Leute motiviert, es auch zu tun, ist es nichts anderes als Internetshopping und das kann ich auch auf einer Shopseite machen. Und meine Freunde interessiert es herzlich wenig, wenn ich mir gerade bei Shop oder Facebook-Verkaufsaktion XY gerade einen Kopfhörer oder so gekauft habe. Das wird ganz anders, wenn der Kauf durch eine Spende emotional aufgewertet wird und viel mehr als eine Konsumhandlung wird. Plötzlich ist Konsum fast eine politische Handlung. Und durch die enge Verbindung mit Facebook und Twitter – Stichwort Open Graph – starten bei uns Verkäufer und Käufer eine Bewegung, die für andere nicht nur sichtbar sondern auch interessant ist. Der eine kauft, der andere verkauft und damit wird beispielsweise Essen für arme Kinder oder ein Brunnen in Afrika finanziert. Tue Gutes, indem Du kaufst und rede darüber. Der Kapitalismus ist ein ziemlich gutes Betriebssystem, man muss nur die richtigen Apps darauf zum Laufen bringen. Um so mehr wir uns mit dem Konzept beschäftigt haben, umso mehr haben wir uns auch für das Prinzip des Social Impact Business begeistert – das ist ja quasi genauso eine App. Ein Wirtschaftsunternehmen mit einer sozialen Idee im Kern des Produkts. Wir arbeiten daran, die Welt ein bisschen besser zu machen und können uns damit (hoffentlich bald) finanzieren. Das ist doch eine tolle Sache!

Gab es irgendwelche Vorbilder oder beruht Euer Konzept auf persönlichen Beweggründen?

Als Agenturmensch hast Du irgendwann das Bedürfnis, etwas Sinnvolleres zu machen. Und da hat die Idee mit fraisr perfekt gepasst, da wir hier das Sinnvolle mit dem verbinden können, was wir gut können.

Fraisr ist nun über ein halbes Jahr alt, wo steht ihr heute mit Eurem Projekt? Was habt Ihr in den ersten 7 Monaten alles erreicht? Wie sieht die Zukunft von fraisr aus? Welches sind die nächsten Ziele die Ihr Euch gesetzt habt?

Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden. Wir arbeiten inzwischen mit 24 offiziellen Spendenpartnern zusammen und werden teilweise von großen Organisationen angesprochen, ob wir an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Das ist klasse, denn das zeigt, wie gut unsere Idee ist und das wir als Unternehmen auch glaubwürdig sind. Auf Verkäuferseite haben wir jeden Tag neue Händler und neue Angebote auf dem Marktplatz – durchweg schöne Sachen. Vor 14 Tagen haben wir unseren besten Verkauf bislang gefeiert – ein VW Käfer Cabrio für 12.200 Euro. Da haben natürlich die Sektkorken geknallt. Die nächsten Ziele sind weiterhin die Erweiterung der Reichweite – Traffic ist unheimlich wichtig für uns – Dezentralität und Internationalisierung. Im Herbst steht außerdem eine Finanzierungsrunde an, die wir gerade vorbereiten. Wir möchten das Prinzip Kaufen und Gutes tun etablieren – auch über unseren Marktplatz hinaus.

Welche Hürden waren auf dem Weg zur Gründung von fraisr zu überwinden? Wie hat sich die Unternehmensfinanzierung in der Anfangsphase gestaltet?

Hätten wir gewusst, wie groß das Haus ist, was wir bauen wollen, hätten wir wahrscheinlich nie damit angefangen. Am Anfang haben wir uns gesagt: Kaufen, Verkaufen und Gutes tun – genial einfaches Prinzip! Da kannten wir die juristischen Fallstricke noch nicht. Es hat also neben der Softwareentwicklung viel Zeit in Anspruch genommen, den steuer- und finanzaufsichtsrechtlichen Auflagen gerecht zu werden. Finanziert haben wir das ganze zunächst im Bootstrap-Modus, ehe wir im Oktober letzten Jahres eine kleine Seedrunde gemacht haben und ein paar Business Angels an Bord genommen haben.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den einzelnen Spendenpartner ab? Bewerben sich Spendenpartner bei Euch, oder geht Ihr auf diese zu? Welche Kriterien muss ein Spendenpartner erfüllen um mit fraisr eine Partnerschaft eingehen zu können?

Das ist eine gute Kombination aus aktiver Ansprache von uns und Anfragen an uns. Wir haben auf Basis der Kategorien des DZI die Betätigungsfelder von Spendenorganisatonen geclustert und hatten zum Start den Anspruch in jeder Kategorie mindestens eine Organisation gelistet zu haben. Inzwischen sind diese Cluster natürlich gut gefüllt und wir überlegen gerade, wie viel wir insgesamt listen wollen, ohne zu kompliziert zu werden. Denn anders als gängige Spendenplattformen wollen wir es ja vor allem für diejenigen leicht machen sich zu engagieren, die sich bislang wenig oder gar nicht engagieren. Entsprechend soll es übersichtlich bleiben. Wer mit uns zusammenarbeiten will, muss gemeinnützig sein, sollte nachweislich effektiv arbeiten – also mehr Geld für die konkrete Arbeit und weniger Geld für die Verwaltung ausgeben – und mit uns zusammen aktiv kommunizieren. Denn nur wer seine Unterstützer auf das Angebot bei fraisr hinweist, wird Spenden generieren.

Vielleicht direkt an unsere Leser gerichtet: In wie weit kann man fraisr noch weitergehend unterstützen? Seid Ihr z.B. auf der Suche nach Investoren oder Mitarbeitern?

Wir sind immer auf der Suche nach neuen Verkäufern mit schönen Sachen oder Leuten, die mit Shopping etwas Gutes tun wollen. Außerdem haben wir gerade einen freien Praktikumsplatz in unserem Entwicklungsteam – Schwerpunkt Informationsdesign/Webdesign. Und falls jemand noch in uns investieren möchte, sagen wir auch nicht nein.

Welche Rolle hat der Standort Berlin bei der Gründung von fraisr gespielt? Was sind die Vorteile an diesem Standort und was ist verbesserungswürdig?

Wir wohnen alle in Berlin, ich bin sogar echter Berliner – insofern war die Standortsuche für uns relativ schnell abgeschlossen. Berlin ist ein toller Ort und sehr inspirierend. Hier finden wir die richtigen Leute – als Mitarbeiter und als Kunden. Und natürlich haben alle Spendenorganisationen in der Hauptstadt mindestens ein Büro, wenn nicht sogar ihren Hauptsitz. Das macht es leichter, ins Gespräch zu kommen. Allerdings hatten wir ziemliche Schwierigkeiten mit dem Gründungszuschuss durch die Bundesagentur für Arbeit. Letztlich haben wir nichts bekommen und das war schon hart am Anfang. Hier könnte sich noch einiges verbessern, um es Gründern leicht zu machen.

Weiterführende Artikel zu fraisr findet man unter

Fraisr: Der soziale Onlinemarktplatz – Einkaufen für den guten Zweck

fraisr-Interview im Deutschlandfunk

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

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