Fairphone-Gründer Bas van Abel hat in seinem Leben bisher zwei Telefone besessen: das Fairphone 1 und das Fairphone 2. Nicht verbunden zu sein, hat er nie als Einschränkung empfunden: „Ich war auch so bei der Geburt aller meiner drei Kinder pünktlich.“ Nicht unbedingt die Worte, die man sich von dem Gründer einer Telefonfirma erwartet. Doch für den gelernten Industriedesigner stehen nicht die Smartphones im Vordergrund – sie sind für ihn ein Mittel zum Zweck, die Welt ein Stückchen fairer zu machen.

Im Kongo hat er für eine niederländische Stiftung vor einigen Jahren zu Konfliktmineralien recherchiert. Damit sind Mineralien wie etwa Zinn, Kupfer oder Kobalt gemeint, die für die Produktion von Laptops und Smartphones unabdingbar sind und die oftmals unter schlechten Bedingungen abgebaut werden. Fairphone will dieses Problem von innen heraus als Firma angehen – und damit als Teil des ökonomischen Systems, das diese Bedingungen überhaupt erst ermöglicht.

Was ist eigentlich fair?

Seit 2013 hat das Social Business insgesamt mehr als 160.000 Fairphones verkauft. Die meisten davon, rund 36.000 Stück, in Deutschland. Teil des Systems zu sein, heißt aber auch, Kompromisse einzugehen. So war eine der ersten Aktivitäten von Bas van Abel als Firmengründer, den kongolesischen Kommunikationsminister zu bestechen, um in einer Mine filmen zu dürfen. „Wir haben sogar eine Quittung dafür bekommen, die wir in den Niederlanden von der Steuer absetzen konnten“, lacht van Abel.

Ein weiterer Kompromiss: Es gibt noch immer Kinderarbeit in der Lieferkette des Fairphones, weil Teile des Telefons im Kongo produziert werden. Doch was ist fairer? Ein Telefon mit fair produziertem Coltan aus Australien oder ein Telefon, das mit Kinderarbeit produziert wurde, das aber zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen vor Ort führt? Diese Antwort will van Abel den Kunden des Fairphones überlassen. „Der Name Fairphone soll an sich schon eine Debatte auslösen.

Bas val Apel - Fairness zum Zusammenbauen
Der studierte Industriedesigner van Abel rief Fairphone 2010 als Kampagne innerhalb der Waag Society ins Leben.

Dafür hat sich Fairphone zwei KPIs aufgestellt. Erstens: Je mehr Telefone verkauft werden, desto besser. Damit unterscheiden sie sich nicht von anderen Unternehmen. „Denn wir wollen zeigen, dass es eine Nachfrage nach ethischen Telefonen gibt”, so van Abel. Das zweite KPI hingegen ist ungewöhnlich für ein Unternehmen: Die Leute sollen ihr Telefon so lang wie möglich nutzen.

Und damit die Nutzer ihr Telefon möglichst lange behalten können, müssen sie es reparieren können. Beim Fairphone 1 war es irgendwann nicht mehr möglich, Ersatzteile zu bekommen, denn die Fabriken wollten die Teile nicht mehr produzieren. Deshalb kauft Fairphone die Ersatzteile des Fairphone 2 mittlerweile auf Vorrat. Um die Nutzungsdauer zu erhöhen, investiert das Unternehmen Millionen. Auch auf die Gefahr hin, darauf sitzen zu bleiben.

Zum Reparieren

Verschiedene Versionen der Ersatzteile, zum Beispiel eine High-End-Version für anspruchsvolle Kunden, gibt es bisher nicht und ist laut van Abel auch erst mal nicht geplant: „Wir wollen es möglichst simpel halten.“ Für ihn ergibt sich die Modularität des Fairphones ganz einfach aus dem Versuch, ein reparierbares Telefon zu produzieren.

An einem modularen Telefon haben sich bereits viele andere Smartphone-Anbieter versucht – ohne großen Erfolg. Ara, das Modellprojekt von Google, wurde bereits 2016 nach einem kurzen Testlauf eingestellt. Der Tech-Journalist Ian Morris wird im Guardian mit den Worten zitiert, dass modulare Telefone eine schreckliche Idee seien. Ein neues Telefon löse bei den Nutzern Begeisterung aus, ganz im Gegensatz zu einem neuen Ersatzteil.

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Wunsch nach Veränderung: Fairphone produziert im Kongo, um dort ein Zeichen gegen Kinderarbeit zu setzen.

Von Fairphones und Tomaten

Da mag etwas dran sein. Doch Bas van Abel hält dagegen, dass ein Produkt auch durch seine Marke und Geschichte begeistern könne. Dafür vergleicht er das Fairphone mit Bio-Tomaten. „Die Leute sind bereit, mehr für diese Tomaten zu bezahlen, und sie schmecken ihnen sogar besser.“

Van Abel gibt offen zu, dass das Fairphone 2 rein technisch gesehen schlechter sei als Smartphones ähnlicher Preisklassen. Aber für ihn sei das kein Kaufhindernis, solange der Geschmack stimme. „Auch wir wollen unserem Telefon einen besseren Geschmack geben durch seine Herkunft.“

Nutzer anderer Smartphones mit einem anderen Geschmack rechtfertigen sich oft, wenn sie vor Bas van Abel ihr iPhone aus der Tasche ziehen. Der reagiert in solchen Situationen jedoch gelassen: „Das nachhaltigste Smartphone ist immer noch das, das man eh schon besitzt.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Valley Nr. 32.