Wir prangern ja immer wieder die fehlende Innovationskraft Berliner Startups an. Obwohl es an Gründungen nicht mehr mangelt, inkubieren in Berlin noch zu wenig Unternehmen mit Ideen, die mit ihrem Potenzial die Welt aus den Angeln heben könnten. Umso mehr freut es uns, wenn wir Unternehmen entdecken, die von einer großen Vision getrieben werden und bei denen es sich um eine tatsächliche Innovation handelt. Im Social Impact Lab in Kreuzberg entsteht derzeit das Projekt Fairnopoly.

Fairnopoly gegen eBay und Amazon

Die Namensverwandtschaft mit dem beliebten Brettspiel ist gewollt. Der Claim des Unternehmens lautet „Dreh´ das Spiel um“. Und genau darum geht es: Der Anspruch von Fairnopoly ist kein geringerer, als die Online-Giganten Amazon und eBay herauszufordern. Und sie tragen ihre Mission mit markigen Sätzen vor sich her: „Manche spielen Monopoly auf Kosten der Gesellschaft. Wir spielen Fairnopoly für eine fairere Welt“. Was erst mal verdammt nach Hirngespinst riecht, entpuppt sich aber bei genauerem Hinsehen als eine brillante Idee mit Durchschlagskraft, an deren Ende – sollte sie sich durchsetzen – tatsächlich gravierende Veränderungen für den E-Commerce stehen könnten.

Man tritt den etablierten Marktriesen mit konsequenter Transparenz und Verantwortlichkeit gegenüber, sowie mit gezielter Förderung von nachhaltigem und fairem Konsum. Während etablierte Online-Händler knallharte kommerzielle Interessen verfolgen, steht bei Fairnopoly der (Nomen est Omen) faire Grundgedanke im Mittelpunkt. Drei Kernelemente machen Fairnopoly dabei besonders fair:

  1. Ein faires Unternehmensmodell
  2. Förderung von verantwortungsvollem Konsum
  3. Ein Beitrag zu Korruptionsbekämpfung

Sein unschlagbares Argument bezieht Fairnopoly aus der Tatsache, dass die Plattform als Genossenschaft gestartet wird – die Gründer sprechen von Genossenschaft 2.0. Und tatsächlich haben sie der „großen alten Dame der Unternehmensformen“ ein neues, zeitgemäßes Kleid verpasst. Das Genossenschaftsmodell fungiert als Betriebssystem des Unternehmens. Der ureigene Zweck einer Genossenschaft ist die Förderung der Wirtschaftlichkeit ihrer Mitglieder. Die Plattform gehört daher nicht – wie bei Gründungen sonst üblich – einem kleinen Kreis; nein, jeder kann Genossenschaftsanteile kaufen (maximal jedoch im Gegenwert von 10.000 Euro) und somit die Entwicklung der Plattform mitbestimmen. In Zeiten, in denen Amazon seinen Händlern sämtliche Freiheiten beschneidet (und u.a. die freie Preisgestaltung untersagt) oder sich der Medienkritik wegen Mitarbeiterausbeutung stellen muss, können die Händler bei Fairnopoly eigene Anteile an der E-Commerce-Plattform erwerben und somit auf ihrer eigenen Plattform Handel treiben. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Genossenschaftliche Händler werden automatisch sogar am Gewinn des Unternehmens beteiligt und erhalten ein Mitspracherecht. Zudem sind die geplanten Tarife der Plattform günstiger als bei der Konkurrenz. Und der Handel nachweislich fairer Produkte wird subventioniert und kostet sogar nur die Hälfte – sie werden zudem visuell hervorgehoben. Fairnopoly zielt dabei nicht nur auf Neuwaren. Den Gründern geht es vor allem auch um sinnvollen Konsum. Daher sind gebrauchte Gegenstände auf der Plattform sehr willkommen, zum Verkauf oder Tausch. Zusätzlich wird ein Prozent jeder Transaktion auf dem Marktplatz automatisch für Kampagnen gegen Korruption und für mehr Fairness, Transparenz und Verantwortlichkeit gespendet.

Doch Fairnopoly geht noch weiter, Transparenz und Mitbestimmung sind ihnen heilig. Die Geschäftsführung wird von den Mitarbeitern gewählt und von einem Aufsichtsrat kontrolliert. Unternehmenshierarchien wie in „normalen“ Unternehmen wird es nicht geben. Selbst das Geschäftskonto des Unternehmens wird offen zugänglich im Netz geführt. Jeder „Genosse“ soll das Unternehmen als „sein Unternehmen“ verstehen können und daher über alle Vorgänge im Bilde sein. Auch die Gehaltsstrukturen sind festgelegt und transparent: Der Geschäftsführer kann maximal das Dreifache des schlecht bezahltesten Mitarbeiters verdienen. Diese enge Vergütungsstruktur ist ein perfekter Hebel gegen ungerechte Gehaltsstrukturen und sorgt dafür, dass vor allem der kollektive idealistische Grundgedanke im Zentrum steht. Die Gründer haben daher der Gestaltung des Mitspracheprinzips aller Beteiligten und der Satzung große Aufmerksamkeit geschenkt. Das durchdachte Konstrukt ist langfristig angelegt und fair in jede Richtung. Das spiegelt sich auch in den Eigenschaften der Genossenschaft 2.0 wieder:

  1. Faire Grundprinzipien – in der Satzung verewigt
  2. Konsequente Verantwortung gegenüber allen Beteiligten
  3. Konsequente Transparenz
  4. Unabhängigkeit von kurzfristigen Partikularinteressen
  5. Gewinnausschüttung ja, aber an viele
  6. Berücksichtigung von Gründungsleistungen durch das FAIR Founding Point System
  7. Automatische Einbindung der Nutzer*innen durch das FAIR Share Point System
  8. Demokratische Einbindung der Mitarbeiter*innen
  9. Konsequente Nutzung der „Magie der Crowd“
  10. Open Source & Open Innovation

Punkt 10 ist ein weiteres Novum: Die eigen entwickelte, technische Infrastruktur ist komplett Open Source. Open Source bedeutet Sharing. Die Gründer möchten ihr Wissen weitergeben und verschenken ihre Infrastruktur an Nachahmer. Es ist zudem festgelegt, dass ein Viertel der Gewinne fließt in den Aufbau von Niederlassungen in anderen Ländern.

Mit seinem radikal anderen Ansatz steht Fairnopoly in einer Reihe mit z.B. Wikipedia oder dem – leider inzwischen beendeten und wahrscheinlich deutlich unbekannteren – US-Startup Diaspora, das einen ähnlich revolutionären Gedanken verfolgt hat. Wenn auch nicht direkt vergleichbar, ist Diaspora doch als Alternative zu Facebook angetreten. Ein Protest gegen die zentrale Datenspeicherung und –auswertung des sozialen Netzwerks. Bedauerlicherweise haben die Gründer von Diaspora vor einem halben Jahr die Segel gestrichen. Das Projekt wird nur noch von interessierten Programmierern weitergeführt.

Wie groß hingegen die Chancen sind, dass Fairnopoly ein Erfolg wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation. Die positive Aura, die das Projekt umgibt, stimmt allerdings sehr zuversichtlich. Das Team hat in den letzten Monaten hart an der Umsetzung der Idee gearbeitet. Man hat bereits den ersten Prototypen als Closed Beta gestartet, hat das Genossenschaftsmodell ausführlich gestaltet und in eine Satzung gegossen, einen Geschäftsplan verabschiedet und zwei erfolgreiche Crowd Funding Kampagnen absolviert. Inzwischen umfasst das Team beachtliche 22 Mitarbeiter, von denen 8 in Vollzeit arbeiten und die übrigen mindestens einen Tag pro Woche.

Um nicht in Abhängigkeit externer Interessen zu geraten, wird konsequent auf Investoren verzichtet. Aufgrund des Genossenschaftsmodells wird das Unternehmen auch zu keinem Zeitpunkt verkäuflich. Für die Finanzierung der Vorlaufkosten wurde eine erste erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne durchgeführt, bei der 12.600 Euro von über 150 Unterstützern gesammelt wurden. Die zweite Crowdfundig-Kampagne ist leider gerade beendet. An ihrem Erfolg kann man am besten ablesen, wie überzeugend die Idee von Fairnopoly tatsächlich ist: Das Unternehmen wollte 100.000 Euro einsammeln und hat mit über 165.000 genau 213.313 Euro die eigenen Erwartungen weit übertroffen. Fairnopoly ist somit zur Zeit das zweitgrößte Crowdinvestment Deutschlands. Das Prinzip des Crowdfundings scheint wie geschaffen für Genossenschaften.

Sicher wird der Weg für Fairnopoly nicht ohne Steine. Nicht zuletzt die dem Geschäftsplan zu Grunde liegenden Nutzerzahlen erscheinen ambitioniert. Aber wir wollen an dieser Stelle nicht laut grübeln, sondern eher versuchen, die positive Energie, die aus Kreuzberg herüberweht, weiterzutragen. Es ist großartig zu sehen, dass es in Berlin auch Idealisten gibt, die nicht nur im eigenen Interesse oder mit Blick auf die eigene Tasche agieren. Die Gründer von Fairnopoly sind aus unserer Sicht die Speerspitze eines neuen Unternehmer-Typus. Immer mehr junge Leute begreifen, dass die kapitalistische Logik keine Antworten auf die relevanten Fragen bietet. Sie drücken einmal den Reset-Knopf im Kopf, denken das System von Grund auf neu und stellen dabei eigene Werte in den Mittelpunkt ihres Handelns. Wenn man konsequent auf das Falsche verzichtet, kann dabei nichts Falsches herauskommen.

Je nach Nutzerfeedback aus der Testphase geht Fairnopoly in wenigen Wochen online. Spätestens jedoch zum 30. Juni 2013.

Und wahrscheinlich ist es überflüssig zu erwähnen, dass sich das Team über jede Form der Unterstützung freut. Und nach Aussage des Unternehmens erhalten alle, die zum Erfolg von Fairnopoly beitragen, automatisch Anteilspunkte, die sie an den Gewinnen des Unternehmens beteiligen.

Und – und auch das ist neu – das Unternehmen verschickt seinen Geschäftsplan an jeden, den das Thema interessiert, und wird ihn in Kürze auch auf seiner Webseite zum Download bereitstellen. Keine Geheimnisse, stattdessen völlige Transparenz.

Und so enden wir mit Victor Hugo „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ – ein Satz, der Fairnopoly auf den Leib geschnitten scheint. Wir wünschen viel Erfolg für die nächsten Schritte. Uns habt ihr auf jeden Fall schon überzeugt.

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

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3 Kommentare auf "Fairnopoly – schon jetzt das Berliner Startup des Jahres?"

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häppl
Gast

Danke für den substantiierten und unterstützenden Beitrag 🙂

Wer mitmachen will, klickt auf den Link

Jörg
Gast

Sehr coole Idee. Danke für den Hinweis, ich schau mir die Seite gleich mal an.

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