Je nach Studie finden sich unterschiedliche Hotspots auf den vordersten Plätzen internationaler Startup-Rankings: Silicon Valley, Tel  Aviv, Singapur, London, Helsinki, Stockholm, Paris, Lissabon, Berlin – die Liste der boomenden Regionen ist lang. Eines haben alle Studien gemein: Metropolen in Afrika oder im Nahen Osten finden sich nicht unter den Top Ten.

Was kann man also von Ökosystemen in Schwellenländern erwarten? Finden sie zu Recht wenig Beachtung? Um Antworten auf diese Fragen zu liefern, hat die Non-Profit-Organisation Enpact das Projekt Startup Meter initiiert. Enpact wurde im Jahr 2013 mit dem Ziel gegründet, die Beziehungen von Startups aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten zu stärken.

In ihrer ersten Studie, die im Dezember 2017 erschien und auf dem Startup Friendliness Index (SFI) basiert, wurden insgesamt sieben Städte der MENA-Region (Middle East und North Africa) und anderen Regionen Afrikas untersucht: Tunis (Tunesien), Rabat (Marokko), Kairo (Ägypten), Accra (Ghana), Nairobi (Kenia), Beirut (Libanon) und Amman (Jordanien). Ziel der Studie ist, Vergleichbarkeit der einzelnen Startup-Ökosysteme zu schaffen und unbekannte Startup-Regionen ins Scheinwerferlicht zu rücken.

„Wir wollen besser verstehen, wie die Ökosysteme, die nicht im Fokus der Szene stehen, funktionieren und an welchen Stellschrauben man drehen muss, um sie zu verbessern“, erklärt Jan Lachenmayer, Leiter des Bereichs Startup Meter bei Enpact. Der Startup Friendliness Index bildet die Basis für weitere Untersuchungen. Er dient der Schaffung von Fakten, um Einfluss auf politische Entscheidungsträger auszuüben und diese entsprechend zu beraten.

Die Lücke in der Forschung, die sich bei der Untersuchung von Ökosystemen selten mit Schwellenländern beschäftigt, soll geschlossen werden. Die Daten stellt Enpact auf der Website startup-meter.org zur Verfügung. Doch es geht auch ums Geld: Die Evaluierung der Daten soll dabei helfen, Fragen von Geldgebern und Fördermittelnehmern zu klären. „Wir möchten ein wirkungsvolles Werkzeug zur Verbesserung der Bedingungen von Startup-Ökosystemen etablieren“, erläutert Lachenmayer.

Städte an der Schwelle

Die Auswahl der sieben Städte des Startup Meters wurde auf Grundlage bestehender Programme und Aktivitäten von Enpact in Nord-, Ost- und Westafrika sowie dem Nahen Osten getroffen. Die Städte zeichnen sich durch relativ junge Ökosysteme sowie schnell wachsende Bevölkerungen aus. „Wir sind überzeugt, dass das Startup Meter für die Städte positive Effekte nach sich ziehen wird, sowohl bei der Analyse als auch bei Empfehlungen“, sagt Lachenmayer. Es sei eine Frage der Zeit, bis die Effekte spürbar sein werden.

Die Liste der untersuchten Städte soll wachsen: „Wir planen 2018, rund 30 Städte hinzu – zufügen. Unter anderem werden wir zeitnah Singapur, Manila, Jakarta und Bangalore in die Studie einbeziehen“, kündigt Lachenmayer an. Da Enpact in diesem Jahr Delegationsreisen für die Berliner Senatsverwaltung nach China, Singapur, Indonesien und Indien organisieren will, werden sicherlich einige Städte hinzukommen. Aber auch Anfragen aus weiteren afrikanischen Städten liegen vor.

Doch wie kann man Ökosysteme überhaupt vergleichbar machen? Die Analyse des SFI findet auf Stadt-Ebene anhand vorher definierter Indikatoren statt. „Wir erfassen über 80 Indikatoren, die in sechs Domänen und 14 Subdomänen untergliedert und subsumiert werden“, beschreibt Lachenmayer das Vorgehen. Die sechs Domänen sind Humankapital, Finanzen, Startup-Szene, Infrastruktur, Makro-Kontext sowie der Markt und werden anhand einer Vielzahl von Indikatoren messbar gemacht.

Die Daten stammen aus unterschiedlichen Quellen: „Die Indikatoren beziehen wir entweder aus Primärquellen, also durch eigene Datenerhebung via Fragebögen bei Startups, oder über Sekundärquellen, wie zum Beispiel der Weltbank, dem World Economic Forum oder aus vorhandenen Reports“, erläutert Lachenmayer. Es gehe nicht nur darum, die Daten zusammenzutragen, sondern sie auch entsprechend zu interpretieren.

So werden beispielsweise Imbalancen beim Errechnen des Index-Wertes abgestraft. „Gemäß dem Ökosystem-Ansatz schneiden Städte besser ab, wenn die Domänen ausgeglichen sind. So wird verhindert, dass punktuelle Stärken in den Domänen die Bewertung nach oben ziehen, und gewährleistet, dass wir der Komplexität der vielen, voneinander abhängigen Elemente gerecht werden“, erklärt Lachenmayer die Vorgehensweise.

Quelle: Enpact
Quelle: Enpact

Die „Hidden Ecosystems“ und ihre Potenziale

Doch was sind nun die zentralen Erkenntnisse zu den untersuchten Städten? Zum einen wird hervorgehoben, dass die Entscheidung, sich nicht auf Länder, sondern einzelne Städte zu konzentrieren, sinnvoll ist. So konnte beispielsweise aufgezeigt werden, dass die Ökosysteme Tunis und Rabat sich zwar geografisch am nächsten sind, in der Performanz aber am stärksten unterscheiden.

Auffällig ist auch, dass es keine klare Korrelation zwischen dem jährlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) und der Performanz insgesamt gibt. So zeigt sich Tunis gegenüber Beirut, das ein wesentlich höheres BIP aufweist, als das ausgewogenere Ökosystem. Auch in den Domänen „Startup-Szene“ sowie „Makro-Kontext“ schneidet Tunis gut ab. Rabat hingegen, letztplatzierte Stadt des SFI, hat in den Segmenten „Startup-Szene“ und „Finanzen“ sehr schlecht abgeschnitten, wodurch die Bewertung insgesamt schlechter ausfällt.

„Dank der neuen Transparenz werden verstärkt Netzwerke entstehen“

In Kairo stechen die Bereiche „Infrastruktur“, „Marktpotenzial“ sowie „Offenheit“ heraus, in Beirut die Domäne „Finanzen“. Accra hingegen scheint die beliebteste Stadt zu sein, wenn es um den Arbeitsmarkt geht. Um die Frage zu beantworten, welche Stadt am besten für ein Startup geeignet ist, hilft der Blick auf die Detailebene der Indikatoren. Die vorliegenden Daten sollen dabei einen hohen Grad an Transparenz schaffen.

„Unserer Ansicht nach werden dank der neuen Transparenz verstärkt Netzwerke entstehen, in denen Wissenstransfer, Vertrauen, gegenseitiges Lernen von- und miteinander sowie internationaler und interkultureller Austausch großgeschrieben werden. Das Vernetzen internationaler Jungunternehmer ist ein Schlüsselaspekt der gemeinnützigen Arbeit von Enpact und wird mit diesem Forschungsprojekt einen weiteren wichtigen Mehrwert schaffen“, prognostiziert Lachenmayer. Bleibt abzuwarten, was die Betrachtung der Städte im Index letztlich für die Ökonomie vor Ort bringen wird. Ein besserer Einblick in Startup-Regionen fernab der großen Bühne wird auf jeden Fall geschaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley Nr. 27.