Jetzt sind sie in Sachen E-Mobility ja doch richtig aufs Gas getreten. Die Formel E, die weltweit erste Rennsport-Serie für Flitzer mit dem Antrieb aus der Steckdose, machte Halt in Berlin. Mit bis zu 225 Kilometer pro Stunde bretterten die Rennfahrer am 21. Mai über die Karl-Marx-Allee. Das bedeutete viel Geschwindigkeit und viel Aufmerksamkeit für die Branche – endlich einmal.

Denn grundsätzlich muss man konstatieren: Der Elektromotor stottert in Deutschland noch. Vor sechs Jahren kündigte die Bundesregierung an, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße bringen zu wollen. Ein hehres Ziel. Allein: Auf halber Strecke fällt das Ergebnis mehr als ernüchternd aus. Etwas mehr als 25.000 rein strombetriebene Modelle sind derzeit in Deutschland unterwegs. Zum Vergleich: Insgesamt sind in der Bundesrepublik 54,6 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen.

Die Probleme hinter dem Dilemma sind vielfältig. Zum einen sind die Benzinpreise momentan vergleichsweise billig. Und – anders als in Ländern wie Frankreich oder den USA – war der Kauf eines Elektroautos in Deutschland lange Zeit nicht subventioniert. Erst Ende April haben sich Bundesregierung und Automobilhersteller zu einer Kaufprämie von 4000 Euro durchgerungen. Ein wichtiger Schritt, denn Elekroautos sind teuer: Das derzeit beliebteste Modell, der Nissan Leaf, ist mit 34.000 Euro noch vergleichsweise günstig.

Formel-E, Elektromobilität, E-Auto
Auf der Formel E flitzen Rennautos mir Elektroantrieb über die Strecke.

Reichweite als Knackpunkt für E-Mobility

Wie überfällig Subventionen sind, zeigt ein Blick auf den Carsharing-Sektor. So betreibt Car2go beispielsweise in Stuttgart eine Elektroauto-Flotte mit 500 Fahrzeugen – auch weil das Land Baden-Württemberg das Projekt fördert und der Energiekonzern EnBW eine große Anzahl an Lade-stationen bereitstellte. In Berlin hingegen wird das gleiche Thema stiefmütterlich behandelt. Die Konsequenz: Selbst eine Rumpfflotte von 16 Elektroautos wurde im Herbst 2015 von Car2go aus dem Verkehr gezogen. Das Netz der Ladestationen war zu dünn, der Service zu unbeliebt.

Denn ein grundsätzliches Problem bleibt die noch immer vergleichsweise geringe Reichweite: In der Praxis machen die meisten Fahrzeuge nach rund 130 Kilometern schlapp. Danach muss die Batterie wieder aufgeladen werden – blöd, wenn dann keine Ladestation in der Nähe ist. CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs formuliert es drastisch: „Was wir brauchen, sind leistungsfähigere Batterien. Solange die nicht am Start sind, bleibt die Elektromobilität ein Spleen für vermögende Ökos.“

Zudem gibt es noch keinen allgemein gültigen Preis für den zu tankenden Strom. Mehr noch: Die Fahrzeughersteller konnten sich bislang noch nicht einmal auf einen einheitlichen Standard für die Stecker einigen. Matthias Wissmann, der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, mahnt: „Jetzt müssen zügig die politischen Rahmenbedingungen für den weiteren Aufbau der Ladeinfrastruktur, die öffentliche Beschaffung und den Markthochlauf geschaffen werden.“ Laut einer Studie von Yougov kann sich nur jeder dritte Deutsche vorstellen, überhaupt auf ein Elektroauto umzusteigen.

Crash von Better Place hallt nach

Kurzum: Es gibt noch viele Probleme – und die schlagen sich auch auf die Startup-Szene im Bereich E-Mobilität nieder. Der Vorreiter Better Place um den Ex-SAP-Vorstand Shai Agassi versuchte, mit Renault als Partner eine Batterie-Station für elektrische Autos zu etablieren – und meldete bereits 2013 Konkurs an. Der Crash hallt bis heute nach.

So versucht momentan das österreichische Startup Enio ein flächendeckendes Ladesystem für Elektroautos zu etablieren. Der Gedanke dahinter: Hausbesitzer können sich die Ladestationen kaufen und diese in ihr Privatgrundstück integrieren. Mit der eigenen E-Tankstelle lässt sich dann gutes Geld verdienen und nebenbei noch Gutes für die Umwelt tun – so die Theorie. Über die Crowdfunding-Plattform Companisto versucht das österreichische Unternehmen derzeit, Geld zu sammeln. Das Projekt liegt mit rund 187.565 Euro (Stand: 9. Mai 2016, zehn Tage vor Kampagnenende) aber weit vom Finanzierungsziel von 500.000 Euro entfernt.

Mit Ebee Smart Technologies arbeitet ein weiteres Jung-Unternehmen an der Problematik, dass es momentan noch zu wenige Orte gibt, um die Batterie eines Elektroautos wieder fit zu machen. Der Lösungsansatz der Berliner: eine Integration der Ladestationen in öffentliche Stadtmöbel wie beispielsweise Straßenlaternen. Die Kollegen von Plugsurfing versuchen unterdessen, Konstanz in das Stromanbieter-Chaos zu bekommen. Sie versprechen: Mit einer Ladekarte kann der Kunde sein Gefährt an Stationen aller Anbieter wieder auf Touren bringen. Der große Durchbruch ist dabei bisher keinem der Unternehmen gelungen. Die Bedenken der Investoren liegen stets auf der Hand: ohne großen Markt keine großen Margen.

Elektro ja, Auto nein

Als Konsequenz haben sich einige E-Mobility-Startups weg vom Auto und hin zu anderen Fortbewegungsmitteln orientiert. So bastelt Urban-e am sogenannten Elektro-Lastenrad. Das 45 Kilogramm schwere Zweirad soll in einer geräumigen Kiste bis zu 100 Kilogramm Fracht transportieren. Dank Elektromotor wird auch für Lieschen Müller möglich, was ohne Energie aus der Steckdose selbst Lance Armstrong nicht hinbekommen würde: den voll bepackten Koloss entspannt durch die Straßen zu manövrieren. In einer 21-monatigen Studie mit 127.000 Sendungen kamen die Macher zu dem Schluss, dass rund 42 Prozent der Kurierfahrten, die momentan mit Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor erledigt werden, auch mit dem iBullit getauften Lastenrad zu erledigen sind. Die Hoffnung: Gerade in staugeplagten Innenstädten soll sich das iBullit als Ausliefer-Alternative etablieren.

Andere spezialisieren sich auf den Freizeitsektor – wie Mellow Boards. Die Hamburger produzieren einen Elektroantrieb für Skateboards. Das verspricht entspanntes Cruisen ohne Anschieben. Der Antriebsblock mit Batterie und den motorisierten Rollen ersetzt die Hinterachse des Boards. Das Tempo lässt sich über eine kleine Fernbedienung regeln. Mit bis zu 40 Kilometer pro Stunde legt das Board Strecken von maximal 15 Kilometern zurück – dann heißt es: Batterie aufladen. Im September sollen die ersten Kunden ihre Vorbestellungen erhalten. Der Preis: 1299 Euro. Dennoch: Nachfrage ist vorhanden, die Produktion ist ausgelastet. Wer jetzt bestellt, darf nicht vor März 2017 mit dem Erhalt seines Elektroantriebs für das Board rechnen.

E-Mobility, Mellow Board, Skateboard
Das Hamburger Startup Mellow Boards baut einen Elektroantrieb für Skateboards.

Tesla macht Hoffnung

Derweil blicken die deutschen Automobilhersteller ins Silicon Valley, von wo Elon Musk am 1. April twitterte: „Die Zukunft der Elektroautos sieht blendend aus.“ Kein Aprilscherz. Was den Tesla-Chef zu dieser Aussage verleitete? Das neueste Modell des US-amerikanischen Autoherstellers, genannt Model 3, war 24 Stunden nach Verkaufsstart 180.000-mal geordert worden. Eine Woche später waren es bereits 325.000 Vorbestellungen – und das bei einem Verkaufspreis von 35.000 Dollar pro Wagen. Die große Hoffnung der Elektro-Pioniere ist, dass dieser Erfolg die dringend benötigte Starthilfe war, um die gesamte Branche ins Rollen zu bekommen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley 05-06/2016.

 

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1 Kommentar auf "Der Elektromotor stottert noch"

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