Schon um Christi Geburt outet sich der griechische Philosoph Seneca als Fan des lebenslangen Lernens: „Du musst lernen, solange du nicht weißt, du musst lernen, solange du lebst.“ Durch neue Technologien und sich ständig verändernde Berufsbilder ist lebenslanges Lernen wichtiger als je zuvor. Sich nach Studium oder Ausbildung noch weiterbilden zu wollen, das galt bis vor einigen Jahren noch eher als Eingeständnis der eigenen Defizite. Heute in Zeiten von Edtech ist es andersrum – wer nicht lernt, der kann schnell abgehängt werden.

Auch Firmen haben das erkannt, so wie das Berliner Start­up Babbel, dessen gleichnamige App zum Sprachenlernen bereits weltweit mehr als eine Million zahlende Kunden hat. Lebenslang lernen, das sollen nicht nur die Kunden, sondern auch die Mitarbeiter von Babbel. Die Angestellten können aus einem umfangreichen Kurs­programm wählen, das vom Führungskräftetraining mit Pferden bis zum Mindfulness-Seminar reicht. Die Weiterbildungen werden ihnen als Arbeitszeit angerechnet. Doch was ist mit denen, die keine Lust haben, an den Angeboten teilzunehmen – müssen die mit Sanktionen rechnen? Darauf antwortet Christian Hillemeyer, Leiter der Kommunikation bei Babbel, mit einem klaren „Jein“: Da gebe es zwar keine direkten, aber es werde trotzdem erwartet, dass die Mitarbeiter an ihren Schwächen arbeiten.

Beim Führungskräftetraining von Pferden lernen

Auch die Startup-Welt hat das Thema Bildung für sich entdeckt. Gründer und Investoren sehen ein riesiges Potenzial in Edtech, kurz für Education Technology. „Edtech ist das neue Fintech“, verkündet David Bainbridge 2016 enthusiastisch auf dem Portal Techcrunch. Bainbridge ist Gründer und CEO von Knowledgemotion, einem Startup, das Lernvideos produziert.

Es spricht vieles dafür, dass Edtech ein gewinnbringender Markt für Investitionen ist. Laut Zahlen des Marktforschungsinstituts Metaari betragen die weltweiten Investitionen in Lerntechnologien im Jahr 2017 mehr als 9,5 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine 30-prozentige Steigerung. Auch der Medienkonzern Bertelsmann investiert immer stärker in das Thema, vor allem in den Bereich Weiterbildung. Erst im September 2018 erwarb Bertelsmann OnCourse Learning, eine amerikanische Plattform für Online-Fortbildungen.

Allein am Investitionsvolumen kann das Potenzial von Edtech jedoch nicht abgelesen werden. Dafür ist das Thema Bildung als Produkt und als Markt einfach zu komplex. Anders im Fintech-Bereich reicht es nicht, einfach Geld einzusparen – bei Edtech geht es vor allem um die Akteure, um die Schüler, die Lehrer und die Eltern. Und es dauert eine lange Zeit, bis die Erfolge und Misserfolge von Edtech-Anwendungen abzusehen sind. Vielleicht zu lange für schnelllebige Investoren.

Edtech: Wer nicht lernt, der kann schnell abgehängt werden – heutzutage mehr denn je. Foto: Nathan Dumlao/Unsplash
Wer nicht lernt, der kann schnell abgehängt werden – heutzutage mehr denn je. Foto: Nathan Dumlao/Unsplash

Doch der Bedarf für Innovationen ist groß, gerade im deutschen Schulsystem. Das steht momentan vor großen Herausforderungen wie etwa Inklusion, immer heterogeneren Klassen und dem Ansturm auf Gymnasien. Umso wichtiger wird eine individuelle Förderung, die ein einzelner Lehrer aber immer schlechter leisten kann. Außerdem hängen die Bildungschancen in Deutschland immer noch sehr stark von der Herkunft ab. Im Jahr 2016 schafften es 79 Prozent aller Kinder aus Akademikerfamilien an eine Hochschule, im Vergleich zu 27 Prozent aller Kinder, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben. Das zeigen die Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW).

Schwerfälliger Bildungsriese Deutschland

Technologien allein werden dieses Ungleichgewicht nicht ändern können. „Bildung ist mehr als ein bunter Bildschirm“, kritisiert etwa der Journalist und Bildungsexperte Ranga Yogeshwar im Interview mit Berlin Valley. Doch Befürworter erhoffen sich durch Education Technology mehr Chancengleichheit und eine bessere individuelle Förderung.

Gerade naturwissenschaftliche Fächer eigneten sich besonders gut für den Einsatz von Edtech. Davon ist Arndt Kwiatkowski überzeugt, ehemaliger Gründer von Immobilienscout24 und heutiger CEO von bettermarks, einer Online-Plattform zum Mathe-Lernen. Denn gerade in mathematischen Fächern sei es wichtig, dass die Schüler den Stoff in ihrem eigenen Tempo erarbeiten. Und anders als in Geschichte oder Sozialkunde gebe es bei Mathe eindeutige Richtig-oder-falsch-Antworten.

Edtech: Technologische Innovationen werden oftmals nur schleppend in den Schulen angenommen. Foto: Marvin Meyer, Unsplash
Technologische Innovationen werden oftmals nur schleppend in den Schulen angenommen. Foto: Marvin Meyer, Unsplash

Wie schleppend technologische Innovationen wie bettermarks in den Schulen angenommen werden, davon zeigt sich Kwiatkowski enttäuscht. „Einmal sollten wir für eine Zulassung bei einer Behörde Farbausdrucke unserer cloudbasierten Software einreichen. Die umfasst aber über 100.000 verschiedene Aufgaben!“ Nicht nur auf offizieller Seite läuft es schleppend, auch die Schulbuchverlage zeigen sich bisher wenig kooperativ – aus Angst vor Konkurrenzmodellen.

Doch langsam tut sich etwas. Einzelne Bundesländer wie etwa Hamburg setzen immer gezielter auf digitale Lehrmittel. Dass Bildung in Deutschland Sache der Bundesländer ist, macht die Koordination nicht leichter. Das bestätigt auch die deutsche Staatsmininsterin Dorothee Bär. „Da müsste es eine viel engere Abstimmung geben.”

Kleinkinder oder Senioren – alle lernen

Edtech-Startups sind aber nicht nur im traditionellen Bildungsmarkt unterwegs, sondern begegnen uns prinzipiell überall dort, wo es um Wissen und Lernen geht. Denn der Begriff lebenslanges Lernen umfasst alles von frühkindlicher Bildung über Schule, Universitäten bis hin zur Erwachsenenbildung. Das schließt Kleinkinder genauso ein wie Senioren. Studien haben gezeigt, dass ältere Menschen nicht schlechter lernen, sondern nur anders als jüngere Generationen. Im Fall von Babbel etwa ist die Hälfte aller Lernenden älter als 45 Jahre, fast ein Fünftel ist älter als 65.

Beispiele wie bettermarks oder Babbel zeigen, dass Startups dazu beitragen, Bildung für alle Altersschichten zugänglicher zu machen. Dafür müsse die Politik Startups nicht nur strukturell und finanziell unterstützen, sondern auch als Partner im Ökosystem Bildung anerkennen, das wünscht sich bettermarks-Gründer Arndt Kwiatkowski. Dazu gehöre auch, neue Lebenskonzepte anzuerkennen, die nicht dem geradlinigen Weg von Schule, Arbeit und Rente folgen. In Dänemark zum Beispiel kommt der Staat pro Bürger und pro Jahr für zwei Wochen Weiterbildungen und Umschulungen auf. 70 Prozent aller Dänen sehen berufliche Veränderungen im Laufe der Karriere als etwas Gutes, im Vergleich dazu sind es nur 30 Prozent im Rest Europas. Seneca hätte so eine „mid-career transition” sicherlich auch super gefunden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Valley Nr. 31.

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[…] Cramer: Edtech ist eigentlich alles, wo Technologie uns hilft zu lernen. Eine Möglichkeit, das Thema […]

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[…] Yogeshwar: Edtech ist für mich ein Beispiel, wie mit der Zeit ein Öffnungsprozess stattfindet. Wir reden ja von Edtech speziell im Bereich von Universitäten. Deren Öffnung führte dazu, dass in kürzester Zeit mehr Studenten online eingeschrieben waren als in der gesamten Geschichte von MIT und Harvard. […]

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