Mit E-Learning raus aus der Kreidezeit?

Mitten in ihrem Zimmer schwebt plötzlich ein Herz in der Luft. Es pocht. Jedes Blutgefäß ist genau zu erkennen. Sie können um das Organ herumgehen oder es mit einer Handbewegung drehen und von allen Seiten betrachten. Was wie eine Holodeck-Vision aus „Star Trek“ klingt, haben Forscher und Studierende der Case Western Reserve University im US-Bundestaat Ohio in ihrem Labor live erleben können. „Zum ersten Mal habe ich die Aortenklappe im Zusammenspiel mit allen anderen anatomischen Strukturen gesehen. Das ist bei einem echten Herzen gar nicht möglich“, schildert der Student Satyam Ghodasara seinen Eindruck.

Möglich macht dies eine neue Hologramm-Brille von Microsoft. Hololens verarbeitet 3D-Simulationen des menschlichen Körpers und blendet die virtuelle Welt in die reale Umgebung ein. Wer die Brille trägt, kann die beiden Welten optisch kaum voneinander unterscheiden. Leere Räume füllen sich mit Datenbildern. In einem Werbevideo von Microsoft steuern Testpersonen die Hologramme mit einem Fingerzeig im Raum und auch Gruppenarbeit ist möglich, wenn mehrere Brillen miteinander verbunden sind.

Pauken mit 3D-Brille

Die Idee dahinter: Lernen wird mithilfe solcher Technologien nicht nur anschaulicher, sondern auch nahezu haptisch und spielerisch. Während Simulationen schon länger im Feld der beruflichen Ausbildung eingesetzt werden – etwa in der Pilotenausbildung –, nimmt Immersive Education, also das Eintauchen von Lehrern und Schülern in eine virtuelle Umgebung, auch in anderen Fachgebieten an Fahrt auf. So trainieren am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf angehende Hals-Nasen-Ohrenärzte mit 3D-Brillen Eingriffe am Mittelohr. „Die Technik entwickelt sich auch dank Anregungen aus der Gaming-Industrie rasant weiter, und die Fachwelt ist deutlich interessierter als noch vor einigen Jahren“, berichtet der Leiter der Arbeitsgruppe Voxel-Man am Universitätsklinikum, Andreas Pommert, in der Zeitung Die Welt. Das US-amerikanische Business-Magazin Forbes zählt sowohl Augmented Reality als auch Wearables zu den großen Trends im Edtech-Markt 2015. Doch werden sie auch das deutsche Bildungswesen verändern?

Tablets und Smartphones haben binnen weniger Jahre unsere Lebensgewohnheiten verändert. Wir bestellen unser Essen per App, lesen Bücher auf dem iPad und lernen Sprachen über Anwendungen wie Babbel auf mobilen Endgeräten.

Wie sich Wearables wie die Apple Watch oder Datenbrillen auf unseren Alltag auswirken, wird noch zu beobachten sein. Sicher ist: Die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags hat auch vor den Schulen nicht haltgemacht – oder vor den Schülern, um genauer zu sein. Denn im OECD-Vergleich ist Deutschland noch Schlusslicht, was den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht anbelangt, wie die 2014 veröffentlichte ICILS-Studie belegt. E-Learning als Fremdwort. Selbst in Chile und Thailand kommen Computer häufiger zum Einsatz – ein Ergebnis, das auch Julia Behrens von der Bertelsmann Stiftung bestätigen kann.

Als Projektleiterin arbeitet sie derzeit an einem „Monitor Digitale Bildung“. „Wir Deutschen stehen definitiv noch am Anfang“, urteilt sie im Hinblick auf den Einsatz von digitalen Medien und erklärt: „Gerade was den Schulsektor angeht, sind wir sehr kritisch und sehr vorsichtig.“ Dadurch, dass die Deutschen weniger innovationsfreudig seien als andere Länder, beuge man natürlich vor, dass Versuche scheitern. „Allerdings nehmen wir uns auch die große Chance, die ich im Bereich Digitalisierung von Lernen sehe“, warnt Behrens. „Ich denke da insbesondere an die Schülerinnen und Schüler, die nicht den besten Start ins Leben hatten. Ich sehe, was digitales Lernen bzw. E-Learning betrifft, großes Potenzial für das Thema Chancengleichheit.“

Für ein Pflichtfach Informatik

Benachteiligte Schüler sind es auch, die bereits jetzt bei der Medienkompetenz zurückliegen. Ein Drittel der in der ICILS-Studie untersuchten Achtklässler besaß nur „rudimentäre beziehungsweise basale Kenntnisse“ im Umgang mit neuen Technologien, davon viele aus sozial schwachen Familien oder mit Migrationshintergrund. Dabei wünschen sich die Schüler hierzulande mehr digitale Bildung. Einer im Februar veröffentlichten Umfrage des Branchenverbands Bitkom zufolge sind drei Viertel der Schüler der Klassen fünf bis zehn nicht nur für mehr digitale Lehrinhalte, sondern auch für ein verpflichtendes Schulfach Informatik. Für 90 Prozent der Schüler machen Computer und Co. den Unterricht interessanter – eine Aussage, die auch die Lehrer unterstreichen. Durch den Einsatz von Computer und Internet im Unterricht seien die Schüler motivierter, befanden 92 Prozent der befragten Lehrer. Nur fünf Prozent der Lehrenden zeigten sich gegenüber dem Einsatz elektronischer Medien im Unterricht weiterhin skeptisch. Vor drei Jahren war die ablehnende Haltung noch mehr als viermal so hoch. Das ist ein Zeichen, dass allmählich auch in den Schulen Bewegung reinkommt.

„E-Learning hat sicherlich nicht die Revolution des Bildungswesen ausgelöst, aber es wird langsam, aber sicher zu einem wichtigen Bestandteil“, beobachtet Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Einen Mehrwert schafften digitale Medien aber nur im Zusammenhang mit einem didaktischen Konzept. „Dafür braucht es aber auch eine Ausbildung der Lehrkräfte. Es braucht eine entsprechende Ausstattung, Contents, Server und Endgeräte bei den Lernenden. Es braucht eine Lernkultur, die mit diesen Medien auch arbeiten möchte. Und nicht zuletzt braucht es eine strategische Überlegung der Schulen und Hochschulen“, zählt Kerres die Herausforderungen auf.

Noch ein weiter Weg

„In den Schulen hinken wir, was Technologie betrifft, ziemlich stark hinterher. Das ist nicht nur schlecht für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch schlecht für die Startups“, kritisiert Benjamin Wüstenhagen. Der Sprecher der Fachgruppe Edtech des Bundesverbands Deutsche Startups (BVDS) hat 2011 selbst ein Startup im Bildungsbereich mitgegründet: Die K.lab Educmedia betreibt Meinunterricht.de, eine Plattform für Unterrichtsmaterialien. 80.000 Lehrer nutzen nach eigenen Aussagen den Service von Meinunterricht.de.

Doch ursprünglich war die Idee eine ganz andere: „Wir wollten ein cooles Produkt entwickeln, mit dem wir Schüler und Lehrer und vielleicht auch Eltern kollaborativ zusammenarbeiten lassen“, erzählt Wüstenhagen. „Aber während wir das Back­end gebaut haben, haben wir gemerkt, dass die Idee zwar gut, der Markt aber noch nicht so richtig reif dafür ist.“ Auch aus eigener Erfahrung weiß er: „Selbst wenn die Offenheit seitens der Lehrer und Schulen da ist, fehlt es leider an der nötigen Infrastruktur.“ Schulen bräuchten deshalb vor allem eins: schnelles Internet und einen professionellen IT-Support, der Lehrer darin unterstützt, dass alles funktioniert. „Solange das nicht gegeben ist, sind viele digitale Ansätze für die Katz“, mahnt Wüstenhagen. Auch die unzureichenden Schuletats seien problematisch, die wenig Spielraum für den Kauf von digitalen Lösungen ließen.

„Es ist wahnsinnig zäh, in die Schulen zu kommen“, weiß auch Sven Ripsas. Der Professor für Entrepreneurship sieht dennoch viel Potenzial im deutschen Bildungsmarkt: „In der Branche wird sich wahnsinnig viel verändern“, ist sich Ripsas sicher, der neben seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR Berlin) Leiter des Network for Teaching Entrepreneurship in Deutschland ist. Gleichzeitig warnt er: „Wer mit seinem Edtech-Unternehmen in die Schulen will, braucht einen sehr langen Atem. Da muss man mehr in Jahren als in Monaten rechnen.“

Während in anderen Ländern wie beispielsweise Österreich und Luxemburg ein Ministerium zentral das nationale Bildungssystem steuert, sind in Deutschland wegen der föderalen Strukturen 16 Bundesländer zuständig. Gründer müssten sich deshalb, wenn sie überregional an die Schulen wollen, nicht nur mit den Schulen und Lehrern inhaltlich austauschen sowie mit den Schulleitern über das Budget sprechen, sondern auch die Kultusminister der einzelnen Bundesländer für sich gewinnen, empfiehlt der Gründungsexperte. Wer dennoch in den Markt wolle, sollte vor allem auf eines achten: „Mach Lernen zu mehr Spaß, zu etwas Visuellem und Interaktivem, und mach es günstiger“, rät Ripsas. Denn: „Wenn ein Startup Bildung teurer macht, wird es nicht erfolgreich sein.“

Gratis in die Klassen

Sofatutor ist eines der Startups, das den Sprung ins Klassenzimmer geschafft hat. 2009 als Nachhilfeplattform gestartet, bietet das Edtech-Unternehmen seine eigens produzierten Videos inzwischen auch Lehrern für den Unterricht an – kostenfrei. 13.000 Videos zu 21 Fächern befinden sich mittlerweile in der Datenbank. Allein in den vergangenen drei Jahren sind die Nutzerzahlen von 30.000 auf 105.000 angestiegen. Der Erfolg macht sich bezahlt: In der dritten Finanzierungsrunde stieg auch die Verlagsgruppe Cornelsen ein. Insgesamt 3,5 Millionen Euro kassierte Sofatutor im August vergangenen Jahres an Finanzierung. „Das Unternehmen ist der Beweis dafür, dass man die Schulwelt mit einem starken digitalen Angebot auf eine neue Stufe bringen kann“, lobte der damalige Geschäftsführer der Cornelsen Bildungsholding, Alexander Bob. Viel Aufmerksamkeit und Geld erhielt auch Iversity, eine Plattform für Massive Open Online Courses (MOOCs). Zusammen mit der letzten Finanzierungsrunde vor einem Jahr sammelte das Edtech-Startup aus Bernau insgesamt gut fünf Millionen ein. Dabei war Iversity ursprünglich mit einem anderem Plan gestartet. 2011 gegründet, wollte das Unternehmen eine Plattform für Blended Learning anbieten, auf der Professoren und Studierende parallel zur Präsenzlehre kommunizieren können. Als 2012 das Phänomen MOOC – die New York Times rief 2012 als das Jahr der MOOCs aus – auftrat, folgte der Strategiewechsel. Im Herbst 2013 startete Iversity mit den ersten sechs von mittlerweile 76 Onlinekursen, die Professoren über Iversitys Plattform gratis anbieten. Der bislang erfolgreichste MOOC – „The Future of Storytelling“ entstand in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Potsdam – konnte 90.000 Teilnehmer weltweit verzeichnen.

Mit 32 Institutionen arbeitet Iversity derzeit zusammen, darunter die Hertie School of Governance und die WHU – Otto Beisheim School of Management. Bei seinen Gesprächen mit den Universitäten ist Mitgründer Hannes Klöpper aber nicht immer auf offene Ohren gestoßen: „Ich erinnere mich an ein spezifisches Telefonat mit einem Hochschulvertreter, der für das dortige Learning-Management-System zuständig war. Wir haben ihm versucht zu erklären, warum das, was wir machen, schöner und besser ist, woraufhin er dann antwortete: Es kann schon sein, dass wir das besser machen können, aber warum wollte man das?“, erzählt Klöpper. Der Anspruch, etwas stetig besser machen zu wollen, fehle in bestimmten Bereichen, kritisiert der Iversity-Geschäftsführer.

Die nur langsame Öffnung des deutschen Bildungssystems zu digitalen Angeboten ist letztlich auf verschiedenen Ebenen problematisch: Zum einen werden deutsche Startups in ihrer Entwicklungsfähigkeit ausgebremst. Dadurch können international ausgerichtete Angebote schneller Fuß fassen und eine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Diese meist englischsprachigen Apps ziehen eine Sprachbarriere auf, die zusätzlich verhindert, dass bildungsferne Gesellschaftsgruppen mit den digitalen Lösungen in Berührung kommen. Bildung bleibt weiter einer privilegierten Gruppe vorbehalten – ein Dilemma, für das es nur einen Ausweg gibt: „Bestimmte Personengruppen können das Angebot nicht wahrnehmen, also klappt da eine Schere auf“, sagt Julia Behrens. „Und wenn wir diese Schere nicht weiter aufklappen lassen wollen, sollten wir zusehen, dass wir eigene Innovationen auf die Beine stellen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 10/2015.

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