Zwischen Vorbild und Hoffnungsträgern liegen künftig nur wenige Meter Fußweg: Hier Trivago, dort der Startplatz. Hier die Hotelsuchmaschine, die vor rund zwölf Jahren in Düsseldorf gegründet wurde und zuletzt erstmals mehr als eine Milliarde Euro Umsatz erwirtschaftete. Dort der Coworking Space, in dem junge Gründer versuchen, eine ähnliche Erfolgsgeschichte zu wiederholen. Im Hafen ist die Zukunft von Düsseldorf zuhause.

Der Startplatz in Düsseldorf (Foto: Startplatz)

Im Laufe des Jahres sollen die Trivago-Mitarbeiter in die neue Zentrale umziehen. Rund 2.000 Menschen könnten hier mal Platz haben. Das Gebäude ist ein Symbol dafür, dass es gelingen kann, auch außerhalb des deutschen Gründerzentrums Berlin eine Idee groß zu machen. Gleichzeitig arbeiten sie im Startplatz daran, dass Trivago nicht ein Düsseldorfer One-Hit-Wonder bleibt. Denn die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt war bislang für vieles bekannt, nicht jedoch seine lebendige Gründerszene. Zu Düsseldorf fielen einem vielleicht der Rosenmontagszug, die Königsallee mit ihren Luxusboutiquen und die Band „Die Toten Hosen“ ein, aber noch zu selten die Namen vielversprechender Startups, die das Potenzial hatten, ein zweites Zalando oder gar SAP zu werden – obwohl ausgerechnet an der Königsallee mit der Kreditplattform Auxmoney sogar ein deutschlandweit bekanntes Fintech residiert.  

Im Hafen ist die Zukunft von Düsseldorf zuhause

Gehry-Bauten Medienhaften Düsseldorf (Bild: U.Otte)

Dabei tut sich hier einiges – und dafür taugt der 2015 eröffnete Startplatz sogar noch besser als Beispiel als die Trivago-Zentrale. Denn es sind Coworking Spaces wie dieser, in denen eine junge Gründerszene an ihren Ideen arbeitet. Da ist zum Beispiel Robert Jänisch, der mit seinem IOX Lab innerhalb kürzester Zeit Prototypen für Unternehmen baut und dafür zuletzt mit dem Gründerpreis NRW ausgezeichnet wurde. Oder Kesselheld, ein Online-Portal für Heizungen, das ebenfalls im Startplatz angefangen hat und inzwischen so groß geworden ist, dass es neue Räumlichkeiten im Stadtteil Flingern bezogen hat – im zweiten Startup-Viertel der Stadt.

Erkrather Straße: Die Startup-Meile der Stadt

Wenn die Bolker Straße in der Altstadt die Kneipenmeile Düsseldorfs ist, dann ist die Erkrather Straße in Flingern die Startup-Meile der Stadt. Das liegt an Startups wie Kesselheld, die sich hier angesiedelt haben, aber auch am Factory Campus, dem zweiten großen Coworking Space der Stadt, in dem ebenfalls viele der rund 300 Düsseldorfer Startups ihren Sitz haben. Und es liegt an Projekten wie der Digitaleinheit des Anlagenbauers SMS Group: SMS Digital ist eine Art hausinternes Startup, das digitale Produkte entwickeln soll, die den Traditionskonzern schneller, besser und kundenfreundlicher machen und in neuen Geschäftsmodellen münden sollen.

Das ist bitter nötig, denn die Zukunft der Landeshauptstadt hängt auch davon ab, wie gut es gelingen wird, die Arbeitsplätze bei Traditionsunternehmen angesichts der immer stärker werdenden Digitalisierung zu sichern und zu transformieren.

Factory Campus: Der zweite große Coworking Space der Stadt (Foto: Jens Kirchner, Factory Campus)

Alte versus neue Industrien

Denn obwohl sich die Zahl der Startups laut Zahlen der Wirtschaftsförderung innerhalb der vergangenen drei Jahre mehr als verdoppelt hat (2015 gab es lediglich 135 Startups in der Stadt, 2017 waren es besagte rund 300) und knapp 2115 Arbeitsplätze geschaffen wurden, hängt der Wohlstand der Stadt noch immer an den klassischen Industrien: die SMS Group baut Stahlwerke für den Weltmarkt, Daimler lässt hier seinen Transporter Sprinter fertigen und Vallourec stellt Röhren her, die unter anderem für den Pipeline-Bau benötigt werden. Hinzu kommen zahlreiche Jobs in Großkonzernen wie dem Waschmittel- und Klebstoffhersteller Henkel, dem Handelskonzern Metro oder dem Mobilfunkanbieter Vodafone.

2115 ARbeitsplätze bei aktuellen Startups

Düsseldorf ist eine Stadt des Großkapitals, was sich auch an der Zahl der Anwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Unternehmensberatungen ablesen lässt, die hier ihren Sitz haben. Nicht umsonst galt Düsseldorf einst als „Schreibtisch des Ruhrgebiets“, weil hier zu Hochzeiten der Montanindustrie viele Unternehmen und Verbände ihren Sitz hatten, während die Produktion zwischen Duisburg und Dortmund stattfand.

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Das ist heute sowohl für Startups als auch für Düsseldorf eine riesige Chance. Und so hört man häufig, wenn man Gründer fragt, warum sie sich für die Landeshauptstadt und nicht Berlin als Standort entschieden haben, Sätze wie den von Nico Peters: „Wir wollten dorthin, wo unsere Kunden sind – und der Mittelstand sitzt nun mal überwiegend in NRW.“ Was Peters meint: Allein im Umkreis von 50 Kilometern um Düsseldorf herum leben rund 11,4 Millionen Menschen und, was noch wichtiger ist, haben knapp 100.000 Unternehmen ihren Sitz.

Die Compeon-Gründer: Kai Böringschulte (l.), Nico Peters und Frank Wüller (Foto: Alexa Paul/Compeon)

Peters ist einer der Gründer von Compeon. Über die Plattform können Unternehmen eine geeignete Finanzierungsmöglichkeit finden, etwa für neue Maschinen oder Fabrikgebäude. 2016 verarbeitete das Startup bereits Finanzierungsanfragen im Umfang von 2,5 Milliarden Euro. Von Investoren konnte Compeon zuletzt zwölf Millionen Euro an frischem Kapital für das weitere Wachstum einsammeln – wodurch man automatisch zu einem der größten Hoffnungsträger der Düsseldorfer Gründerszene avancierte, gelang es dieser doch insgesamt laut Zahlen der Wirtschaftsförderung im vergangenen Jahr lediglich, rund 48 Millionen Euro Risikokapital anzulocken. Zum Vergleich: In Berlin waren es laut Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften 412 Millionen Euro (die Zahl stammt allerdings von 2016).

48 Millionen Euro Venture Capital in 2017

Viele Exil-Düsseldorfer sind daher skeptisch, ob die Stadt diesen Rückstand gegenüber Berlin aufholen kann. Hanno Heintzenberg und Lukas Pieczonka sind beispielsweise in Düsseldorf zur Schule gegangen. Ihr Immobilien-Startup McMakler haben sie 2015 trotzdem in Berlin gegründet. „Düsseldorf ist die schönste Stadt am Rhein, aber das Umfeld für Gründer ist in Berlin einfacher“, sagte Heintzenberg zuletzt: „In Düsseldorf kann man Leute, die zehn bis 15 Millionen in ein Startup investieren würden, nicht mal eben zum Kaffee treffen.“

Und selbst Trivago-Gründer Rolf Schrömgens sagte vor einigen Monaten: „In einer gewissen Phase gibt es einfach immer noch viele Vorteile im Silicon Valley oder auch in Berlin, allein schon bei der Finanzierung. An diesem Punkt sollte man daher als Stadt oder Landesregierung am meisten unterstützen. Denn viele Unternehmen kommen sonst gar nicht in die Phase, in der sie sagen: Ok, jetzt wechseln wir den Standort auch nicht mehr.“

Aufwachen und loslegen

Für Düsseldorf gilt daher im Grunde das, was auch für Deutschland allgemein gilt: Die erste Welle der Digitalisierung, das Geschäft mit den Konsumenten, wurde verschlafen. Startups, die sich in dieser Zeit in Deutschland bzw. Düsseldorf entwickelten, taten es nicht wegen, sondern trotz der Rahmenbedingungen. Umso wichtiger ist es nun, die zweite Welle, die Digitalisierung des B2B-Bereichs, für Land und Landeshauptstadt zu nutzen.

An den Kasematten trifft sich Jung und Alt (Bild: U. Otte)

Das haben auch die Verantwortlichen in Düsseldorf erkannt. Sowohl bei der Industrie- und Handelskammer als auch bei der Stadt macht man sich deutlich mehr Gedanken über das Thema Gründung als noch vor einigen Jahren. Man weiß um die Probleme, die stark wachsende Startups beispielsweise haben, wenn sie Büroraum suchen und arbeitet an Lösungen. Und man versucht, für mehr Austausch zu sorgen und die verschiedenen Gruppen in der Stadt besser zu vernetzen. So legte die Wirtschaftsförderung etwa gemeinsam mit Partnern wie eben der IHK die Startup-Woche auf, die in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindet und zuletzt mit knapp 100 Veranstaltungen rund 3800 Teilnehmer lockte. Auch die Ansiedlung eines von sechs von der Landesregierung geförderten Digitalhubs in Düsseldorf wurde aktiv unterstützt. Eine Teststrecke für autonomes Fahren, die in Düsseldorf entsteht, könnte weitere Dynamik entfachen. Oberbürgermeister Thomas Geisel ist das Thema wichtig, das betont er häufig. „Wir wollen vorne dabei sein“, lautet sein Motto.

Man kann jeden Abend auf eine Gründerveranstaltung gehen

Begeistertes Publikum bei der Startup-Woche 2016 (Foto: Paul Esser)

„Seit die Stadt sich bei dem Thema Gründungen engagiert, ist es viel stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt”, lobte im vergangenen Jahr Factory-Campus-Gründerin Yvonne Firdaus. Und auch Digital-Berater Felix Thönnesen, der in der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ bei Vox junge Unternehmer berät, sagte zuletzt im „Express“: „In den letzten Jahren ist in der Gründerszene unfassbar viel passiert. Man kann jeden Abend auf eine Gründer-Veranstaltung gehen. Wir sind zwar nicht Berlin oder das Silicon Valley – aber für eine Stadt wie Düsseldorf geht hier wirklich viel.“

Dieser Artikel erschien zuerst in BERLIN VALLEY SPEZIAL – STARTUP-SZENE DÜSSELDORF. Die Sonderbeilage stellt auf 48 Seiten die wichtigsten Akteure des Ökosystems vor, analysiert den Standort und zeigt, wie sich in der Rheinmetropole eine neue Gründerszene etabliert. BERLIN VALLEY SPEZIAL – STARTUP-SZENE DÜSSELDORF jetzt kostenlos laden und lesen

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2 Kommentare auf "Düsseldorf: Vom Schreibtisch des Ruhrgebiets zum Coworking Space"

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[…] Thomas Geisel hat ja schon im Wahlkampf die Devise ausgegebenen: Wir werden uns am Standort Düsseldorf darum kümmern, dass Startups, junge Unternehmen und innovative digitale Konzepte hier beste […]

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[…] Trivago wart ihr damals unter den Ersten, die in Düsseldorf gegründet haben. War das eine bewusste Entscheidung für diesen […]