Das Gespräch führten Aileen Moeck und Jan Thomas.

Johannes, warum hast du dich dazu entschieden, trotz Erfolgs im Job parallel noch einen Master in Zukunftsforschung zu starten?

Johannes Kleske: Brexit, Trump, das kolumbianische Friedensabkommen etc. haben deutlich gezeigt – 2016 ist die Prognose gestorben, und das, obwohl wir mehr Daten zur Verfügung haben als je zuvor. Es reicht also nicht mehr aus nur Trends von heute in die Zukunft zu extrapolieren und zu meinen man habe die Zukunft verstanden. Dafür ist die Welt viel zu komplex und volatil geworden. Durch meine Arbeit hatte ich bereits viel „Street Knowledge“ im Bereich angewandte Zukunftsforschung, aber ich wollte gerne meine Expertise ausbauen, daher das vertiefende Studium. Hier lernen und entwickeln wir Methoden zur Erforschung, Konstruktion, vor allem aber auch Reflexion von Zukunftsvorstellungen, die sich irgendwo zwischen Erkenntnistheorie und Kreativtechnik bewegen. Es geht vor allem darum Orientierungs- und Entscheidungswissen zu generieren. Dabei macht gute Zukunftsforschung aus, nicht die eine Zukunft zu definieren, sondern eine Vielfalt aufzumachen, also Alternativen zu zeigen und einen Diskurs darüber zu erzeugen. Deswegen benutzen wir zum Beispiel auch die Mehrzahl: „Zukünfte“.

Johannes Kleske
Johannes Kleske im Gespräch. Foto: Patrick Desbrosses

„Wandel ist nichts Einmaliges und hört eigentlich nie auf“

Wo arbeitest du als Zukunftsforscher?

Johannes Kleske: In meinem eigenen Unternehmen, Third Wave. Wir sind ein Mix aus Unternehmensberatung, Think Tank und strategischem Design-Studio und unterstützen Kunden bei strategischen Themen im Rahmen der digitalen Transformation. Basierend auf Methoden und Denkanstöße aus der Zukunftsforschung, regen wir unsere Kunden dazu an eigene Zukunftsnarrative zu entwickeln. Wir verkaufen aber keine klassische Zukunftsforschung, sondern eine klar strategische Beratung, häufig in Verbindung mit Leadership Coaching. Mit vielen unserer Kunden arbeiten wir bereits über mehrere Jahre und sehr intensiv zusammen, denn was viele oft vergessen: Wandel ist nichts Einmaliges, und hört eigentlich nie auf. Organisationen sollten sich also immer wieder neu fragen: Wie ticken die Menschen aktuell, die am Ende unser Produkt oder unseren Service nutzen? Dabei ist Zukunft ein noch viel emotionaleres Thema als zum Beispiel Digitalisierung. Über Zukunft macht sich jeder auch unbewusst Gedanken, sodass ich Menschen damit ganz anders erreichen und beraten kann.

Wie bietet ihr Zukunftsforschung in eurer Arbeit mit den Kunden an?

Johannes Kleske: Ein Kunde nannte uns mal den Firmenpsychologen, der reinkommt und ganz viele, teils auch unbequeme Fragen stellt und Tabus offen anspricht. Wenn etwa der Kunde sagt: „Wir wollen auch ein Innovation Lab!“, dann fragen wir: „Aber wozu eigentlich? Wozu dient das am Ende?“ Im Alltagsstress, wenn es oft nur darum geht, ob wir bei unserem MVP (Minimum Viable Product) jetzt dieses oder jenes Feature einbauen, rücken die strategische Planung und das Erarbeiten von Roadmaps zunehmend in den Hintergrund. Gepaart mit dem Druck, jetzt auch mal innovativ sein zu müssen, führt das bei vielen Firmen dazu, dass sie ihren roten Faden aus den Augen verlieren. Wir unterstützen unsere Kunden hier, wieder klar eigene Ziele festzulegen: „Was wollt ihr erreichen, wo wollt ihr hin?“ Wenn jemand kommt und sagt: „Ich präsentiere euch eine Vision“, ist dabei meist die erste Reaktion: „Oh. Können wir bitte rational bleiben? Das wird uns jetzt zu emotional.“ Das aber ist genau der Kern. Es geht darum, starke Narrative zu bilden, sodass Leute Lust haben, sich in eine bestimmte Richtung mitzuentwickeln. Wir starten deshalb meist damit, 15-Jahre-Zukunftsbilder zu erarbeiten, um den Kopf aufzumachen. Dann gehen wir Schritt für Schritt zurück, bis man wieder bei sehr konkreten, strategischen Zwei-Jahres- oder Ein-Jahres-Themen raus- kommt, die alternative Pfade aufzeigen. Das ist wichtig, da es einen resilienter gegenüber Veränderungen von außen macht und eine größere Handlungsflexibilität ermöglicht.

Bildschirmfoto 2018 09 14 um 15.41.44 - „Die Prognose ist gestorben“
(nach einem Modell des KIT ITAS)
Bildschirmfoto 2018 09 14 um 15.41.58 - „Die Prognose ist gestorben“

„Was Unternehmen heute brauchen, sind starke Narrative“

In einem deiner Blogartikel schreibst du von gegenwärtigen Zukünften. Was ist damit gemeint?

Johannes Kleske: Es meint das Verständnis darüber, dass Wissen und Bilder, die wir über die Zukunft heute haben, immer geprägt sind von Ereignissen der Gegenwart und nur in dieser stattfinden. Die Zukunftsforschung ist also eigentlich eine Gegenwartsforschung, denn Gegenwart und Zukunft strukturieren sich gegenseitig. So spiegelt sich in Zukunftsbildern wider, was unsere Gesellschaft aktuell bewegt, gleichzeitig beeinflussen existierende Zukunftsbilder stark die Gesellschaft. Wir sprechen im Alltag oft nur von Technologie und Engineering, was aber den Zukunftsdiskurs wirklich prägt, sind Bilder.

Welche Rolle spielen solche Zukunftsbilder für Innovationen?

Johannes Kleske: Bilder prägen uns stark. Verdanken wir Tablets vielleicht nur dem Zufall, dass bei Star Trek irgendjemand gesagt hat: „Hey, so ein ‚Device‘ macht Sinn!”? Die Kraft eines Zukunftsbildes sehen wir an Elon Musk, der sehr gut darin ist, sein Narrativ zu propagieren. Dieses Narrativ, nämlich, dass die Menschheit einen Backup-Plan braucht, bildet den Kern all seiner Innovationen bei SpaceX. Es bringt uns also nicht weit, wenn wir uns nur einzelne Technologien anschauen und überlegen, wo diese hinführen, stattdessen müssen wir auf die Visionen hinter den Technologien blicken und das damit verbundene Ökosystem verstehen. Also, statt sich nur auf Tesla zu konzentrieren, müssen wir schauen, welches Bild Musk von der Zukunft der Mobilität malt. Was mich hier jedoch stört, ist, dass Musks Bild aktuell sehr viel Aufmerksamkeit bekommt und es wenige Alternativen dazu gibt. Wir als Gesellschaft, aber auch die einzelnen Unternehmen, müssen endlich anfangen, eigene Bilder zu bauen, und ein Innovationsparadigma definieren. Das ist das, wo wir uns in Deutschland noch ein bisschen schwertun, sowohl auf der Unternehmens- als auch auf der politischen Ebene. Wir rennen immer noch zu viel hinterher, als endlich eigene Wege zu gehen. Was wäre denn so ein Ding, was noch kein anderer auf dem Schirm hat? Welche eigene Herangehensweise wollen wir gemeinsam etablieren? Bei Third Wave versuchen wir, den Kunden genau dieses Gefühl des „ich bin dem ausgeliefert“ zu nehmen und stattdessen dazu zu inspirieren, mit eigenen klaren Zukunftsbildern Lust auf Veränderung zu bekommen.

Johannes Kleske
Johannes Kleske in seinem Berliner Büro. Foto: Patrick Desbrosses

„Wir als Gesellschaft, aber auch die einzelnen Unternehmen, müssen endlich anfangen, eigene Bilder zu bauen“

Gibt es so ein kleines Einmaleins der Zukunftsforschung für jedermann?

Johannes Kleske: Einfache Zukunftsforschung fängt damit an, einmal mehr die Frage zu stellen: „Was wäre, wenn.. ?“ Man erarbeitet, wie verschiedene Szenarien aussehen könnten, in welchen sich bestimmte Einflussfaktoren auf meine Ausgangsfrage unterschiedlich entwickeln, und fragt sich: „Was müsste dabei passieren, damit es zu dieser oder jener Welt kommt?“ Plötzlich fängt man an, in einer Vielfalt zu denken, und eröffnet einen Horizont, statt nur ein Bild vor Augen zu haben, von dem man hofft, dass es passiert.

Wenn du jetzt als Zukunftsforscher ein Startup gründen würdest, was würdest du anders machen?

Johannes Kleske: Ich würde ein sehr diverses Team aufstellen, um mehr Perspektiven reinzubringen. Die Mitarbeiter würde ich bewusst ermutigen, immer wieder den kritischen Zukunftsforscherhut aufzusetzen und nachzuhaken: „Was wäre, wenn dieses Szenario, diese Idee, die wir gerade haben, völlig schiefginge oder wir dieses und jenes komplett anders machen würden? Wo sind unsere blinden Flecken?“ Startups sind immer sehr auf Geschwindigkeit aus, ich glaube, bewusst angewandte Zukunftsforschung kann helfen, hier etwas langsamer zu gehen, dafür aber den Weg der „responsiven Innovation“. Gerade Startups sollten sich früh fragen, welche Auswirkungen ihr Handeln oder auch Nicht-Handeln im größeren Kontext haben kann. Da sitzt etwa ein Uber Engineer im Hauptquartier und codet den Algorithmus, der aus der Sternebewertung eines Fahrers Entscheidungen trifft. Am Ende aber hat genau das für eine Vielzahl von Menschen konkrete Auswirkungen.

Eine letzte Frage an den Zukunftsforscher: Es scheint, als ginge es zunehmend mehr um die Frage der Verantwortung als um die der Machbarkeit. Leitet das eine neue Ära der Philosophen ein?

Johannes Kleske: Ich denke schon und das kann eine tolle Chance für uns sein. Nach jeder Innovationswelle setzt auch immer eine Reflexion ein. Das wäre doch ein spannender Teil einer deutschen Digitalagenda. Wir sind zwar nicht immer die Ersten, aber wir sind relativ gut darin, noch einmal nachzufragen: „Ist es das, was wir wollen?“ Dinge zu hinterfragen, um sie dann bewusst anders zu gestalten, eröffnet Unternehmen aktuell einen ganz neuen Innovationsraum.

„Über Zukunft macht sich jeder auch unbewusst Gedanken“

Johannes Kleske
Johannes Kleske. Foto: Patrick Desbrosses

Johannes Kleske ist Blogger der ersten Stunde. Regelmäßig steht er als Speaker auf der Bühne und berät bei Third Wave Unternehmen als kritischer Zukunftsforscher zum Thema digitale Transformation.

johanneskleske.com, thirdwaveberlin.de

Dieser Artikel erschien zuerst in BERLIN VALLEY Nr. 31.

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