Bei allen großen digitalen Themen – vernetztes Auto, Robotik, Sensorik, künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 – kann Deutschland selbst zum Angreifer werden, so die These der Autoren des Buches „Deutschland digital. Unsere Antwort auf das Silicon Valley“. Wie genau Deutschland Vorreiter bei Big Data werden kann, erläutern die Journalisten im Kapitel „Gute Daten, böse Daten“. Ein Auszug:

Siemens hat ausgerechnet, dass die Menschheit bis zum Jahr 2005 etwa 130 Exabyte an Daten produziert hat, was für sich genommen schon eine gigantische Zahl ist. Ein Exabyte – das entspricht einer Trillion Bytes, mathematisch also der Rechnung zehn hoch achtzehn. Bis 2012 hat sich das Datenvolumen dann verdreifacht, auf 462 Exabyte. Danach aber begann das Internet der Dinge zu wachsen, und so wird sich die gesamte Datenmenge, die die Menschheit angehäuft hat, bis zum Jahr 2020 nochmals um das Dreißigfache erhöhen, auf dann 14.996 Exabyte, also auf rund 15 Billionen Gigabyte. Eine schier unvorstellbare Menge. Die Frage ist einfach: Welche Regeln wollen wir uns für diese Datenflut geben?

Ein Beispiel aus dem Bereich, der immer noch vielen Deutschen besonders wichtig ist: Autofahren. Zahlreiche Diskussionen beschäftigen sich derzeit damit, wer denn beim fahrerlosen Auto zukünftig für Unfälle haftet, wenn der Computer verrückt spielt – eine Fragestellung, an der vor allem Juristen ihre Freude haben. Diese große, sehr große Frage muss geklärt sein, wie der bereits erwähnte tödliche Tesla-Unfall in Florida zeigt. Man kann die Debatte aber auch mit den kleinen Dingen starten, zum Beispiel mit dem Datenpflaster, an dem IT-Firmen arbeiten: Baut man das in Autositze ein, kann das Auto Alarm geben, wenn der Fahrer einschläft, nach vielen Studien eine der wichtigsten Unfallursachen.

Warnung vor der Datendiktatur

Allerdings, und schon dreht sich die Debatte wieder: Die Daten vom Pflaster könnten, wenn man nicht aufpasst, auch an die Kfz-Versicherung gehen und gegebenenfalls den Fahrer für Dinge haftbar machen, von denen bisher nie jemand erfahren würde. Man könnte sie sogar an die Straßenverkehrsbehörde geben; man könnte damit den totalen Staat bauen.

In der Ausgabe vom Januar 2016 der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft haben neun Experten – Risikoforscher, Informatiker, Ethiker, Juristen, Biologen – aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden einen Aufruf „zur Sicherung von Freiheit und Demokratie“ veröffentlicht, in dem sie vor einer Datendiktatur warnen. Sie haben gar nicht mal so sehr die üblichen Verdächtigen im Visier wie Google, Facebook oder die NSA, sondern den eigenen Staat, der sich unter dem Einfluss neuer Techniken schleichend automatisiere. Wo also die Grenze ziehen? Sollen wir Versuchsstrecken für selbstfahrende Autos auf deutschen Autobahnen gar nicht erst zulassen, weil wir den Datentransfer aus den Fahrzeugen heraus nicht wollen? Dann aber müsste man die Entwicklung zurückdrehen. Denn mit dem internetfähigen Navi sind wir längst eingeklinkt ins globale Netz. Automatische Notrufsysteme, die beim Unfall Hilfe rufen; automatische Bremssysteme, die eingreifen, wenn ein Kind vors Auto rennt – gibt es doch alles längst.

Das zu verbieten wäre nicht sinnvoll. Wir würden uns der Chancen der Digitalisierung berauben. Es geht also letztlich darum, alle Vorteile von Big Data zu nutzen – und die Nachteile zu beschränken. Es gilt, den Nutzen dieser Vernetzung abzuschöpfen, aber gesetzlich sicherzustellen, dass unsere Daten nur kontrolliert verwendet werden, durch ein neues, moderneres Datenschutzgesetz, das nicht gegen die Technik arbeitet – sondern die neue Technik ausdrücklich nutzt, um uns vor den Datenfischern zu schützen.

Spott über deutsche Bedenkenträgerschaft

Der Datenschutz, kein Zweifel, ist für die Beherrschung der digitalen Revolution von entscheidender Bedeutung. Und wer wüsste das besser als die Deutschen, die 1970 in Hessen das erste Datenschutzgesetz der Welt geschaffen haben? Doch der alte Antagonismus – hier die Unternehmen, die unbehelligt arbeiten wollen, dort der Staat, der alles unter Kontrolle behalten möchte – ist heute abgemildert: Auch die Wirtschaft muss im Grunde an einem funktionierenden Datenschutz interessiert sein. Denn wenn Unternehmen die Daten ihrer Kunden nicht sicher aufbewahren, dann haben sie es auf Dauer genauso schwer wie eine Bank, die nicht in der Lage ist, Geld sicher aufzubewahren.

Und unversehens wird aus einem Hemmschuh ein Treiber. Für die Deutschen ist Datenschutz das große Thema? Stimmt. Drüben im Valley wird über die deutsche Bedenkenträgerschaft sogar gespöttelt? Stimmt. Damit hängt sich Deutschland selbst ab, stirbt sozusagen in Schönheit und Wahrhaftigkeit? Muss nicht stimmen! Wird nicht stimmen, wenn es gelingt, aus der deutschen Vorsicht ein Geschäftsmodell zu machen.

Es geht um Vertrauen

Und die Chancen stehen nicht schlecht. Denn in ihrer Selbstverliebtheit glauben die Konquistadoren aus dem Silicon Valley, ihre Nonchalance sei das Maß aller Dinge. Eric Schmidt, Chairman von Alphabet, dem Mutterkonzern von Google, saß im Januar 2015 auf einem Podium des Weltwirtschaftsforums in Davos und verkündete im Brustton der Überzeugung, dass das Internet nur Gutes bringe und sich im Grunde alle Problemen des Globus lösen ließen, wenn man nur jeden Bürger ans schnelle Breitbandnetz anbinde. Ganz ähnlich argumentierte Schmidt ein paar Monate zuvor, als ihm Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel während einer öffentlichen Diskussion in Berlin vorhielt: „Die Freiheit der Bürger darf nicht durch die Monopolmacht von Unternehmen eingeschränkt werden.“ Es gehe dabei „um nichts Geringeres als um den Fortbestand unseres demokratischen Zusammenlebens“. Man könne doch zum Beispiel, schlug Gabriel vor, ein Daten-Gütesiegel schaffen, durch das die Nutzer auf den ersten Blick erkennen, ob ein Unternehmen ihre persönliche Daten hortet oder Profile erstellt – dies wäre, so Gabriel, eine Maßnahme, die Vertrauen bilden könnte.

 „Die Freiheit der Bürger darf nicht durch die Monopolmacht von Unternehmen eingeschränkt werden.“ – SIGMAR GABRIEL

Vertrauen: Genau darum geht es im Internet der Dinge – und ausgerechnet die Deutschen könnten dieses neue Gut schaffen, dessen Wert man im Silicon Valley nicht wirklich versteht. Nur wem die Kunden vertrauen, dass er ihre Daten sicher verwahrt, dem gehört auf Dauer die Zukunft. Und dafür haben die ängstlichen Deutschen einfach ein Händchen. Die Angst als Geschäftsmodell – ja, das kann funktionieren.

Wir wissen nun also, nach unserer Rundreise durch das digitale Deutschland, wo wir stehen. Auch im Verhältnis zum Silicon Valley. Wir wissen, dass wir den Wettlauf um die Digitalisierung, allen notorischen Schwarzsehern zum Trotz, keineswegs verloren haben.

BUCH-TIPP

„Deutschland digital. Unsere Antwort auf das Silicon Valley“ von Marc Beise und Ulrich Schäfer erscheint am 11. August 2016 im Campus Verlag. Das Buch ist erhältlich als gedruckte Ausgabe mit E-Book inside (19,95 Euro) oder als E-Book (16,99 Euro). Weitere Infos auf Facebook oder Twitter.

SCHREIBEN UND GEWINNEN

Berlin Valley verlost drei Exemplare der gedruckten Ausgabe von „Deutschland digital. Unsere Antwort auf das Silicon Valley“. Schickt uns einfach eine E-Mail mit euren Adressdaten (Betreff: „Deutschland digital“), dann nehmt ihr automatisch an der Verlosung teil. Einsendeschluss ist der 30. September 2016. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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[…] von den digitalen Angreifern aus dem Silicon Valley zerstört, ausgeweidet und dominiert zu werden. Dieses Buch von Marc Beise und Ulrich Schäfer zeigt, was auf die digitale Agenda der nächsten Jahre gehört – und was sich ändern muss, damit […]

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[…] Schmitt: Ja, wir wollen zeigen, was sich junge deutsche Gründer vom Silicon Valley abschauen können, was die Gründer dort besser und auch, was die dort schlechter machen. Wir haben allerdings nichts […]

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