Laut einem Artikel von Netzwertig.com steht Amen mit dem Rücken zur Wand. Federführende Teile des Teams hätten das angeblich sinkende Schiff bereits verlassen. Die kürzlich gelaunchte App „Thanks“ sei die letzte Chance, das Ruder Herumzureißen – doch auch sie wird von den Nutzern offenbar nicht angenommen.

Nun muss zunächst festgehalten werden, dass es sich bislang nur um Gerüchte handelt. Diese wurden allerdings von allen gängigen Startup-Medien aufgegriffen.

Der mediale Aufstieg und vor allem der mögliche Niedergang Amens sind jedoch aus mehrerlei Hinsicht interessant.

Amen – zahlreiche potenzielle Erfolgsfaktoren

Bei diesen Gerüchten möchte man sich zunächst verwundert die Augen reiben, denn Amen bringt eigentlich alle Zutaten mit, die ein Tech-Startup zum Durchstarten benötigt:

Team

Ein Gründerteam wie aus dem Bilderbuch. Ein schillernder Kopf (Felix Petersen, Serial Entrepreneur), ein äußerst erfahrener CTO (Florian Weber, ehemals Lead Ruby on Rails Developer bei Twitter) und mit Caitlin Winner eine sehr erfahrene Produkt-Designerin (CPO).

Ein gigantischer Markt

Amen wollte die Meinungsplattform des Internets werden. Wer Nutzerrezensionen und Bewertungen auf Plattformen wie Ekomi, Qype oder auch Amazon nutzt, der weiß, dass all diese Lösungen maximal die Bezeichnung „vorsintflutlich“ verdienen. Sie praktizieren eine Web 1.0-Logik und sind im Ernstfall wenig hilfreich. Dazu gibt es viele Studien. Amen hingegen sah sich selbst als Social Startup. Es wollte Nutzern zeigen, was Menschen, die sie kennen, gut finden bzw. empfehlen. Dieser Markt (Meinungsbildung im Internet) erscheint so groß, dass er kaum bezifferbar ist. Denn Meinungen und Empfehlungen braucht jeder jeden Tag. Amen (oder ein anderes Meinungsstartup) hätte durchaus das Potenzial, der Google-Suche gefährlich zu werden. Was will man mit SEO-optimierten Kauf-/Empfehlungsportalen, wenn man die Meinung von ausgewiesenen Experten anzapfen kann?

Kapital

Der Leadinvestor von Amen ist kein geringerer als Index Ventures, ein gigantischer Investment-Fonds mit einem Volumen von über 1 Mrd. Euro. Ein Blick ins Portfolio lässt das Gewicht von Index Ventures erkennen. Dazu gesellten sich Sunstone Capital, A Grade, Slow Ventures, Alexander Ljung und Eric Wahlforss (beide SoundCloud) sowie der Berliner Multi-Investor Christophe Maire. Es kann also als gegeben gelten, dass genügend Expertise am Verhandlungstisch saß. Gemeinsam haben die Investoren 2,9 Millionen US-Dollar in das Experiment Amen gesteckt – Seed wohlgemerkt! Investmentseitig spielte Amen somit vom Start weg auf US-Niveau. Von solchen Beträgen träumen die meisten anderen Berliner Startups (was natürlich auch sofort die Neider auf den Plan ruft).

Skalierbarkeit

Amen ist ein hoch-skalierbares Tech-Startup. Im Gegensatz zu E-Commerce-Unternehmen, deren Wachstumsgeschwindigkeit natürliche Grenzen kennt (Zalando ist wahrscheinlich der internationale Benchmark für „Maximum Speed“), haben reine Tech-Startups das Potenzial, die Welt in Lichtgeschwindigkeit zu erobern. Und Geschwindigkeit ist der wichtigste Wettbewerbsvorteil.

Design

Das Corporate Design von Amen ist sehr konsequent und durchdacht mit hohem Wiedererkennungswert. Die Nutzerführung/Usability stieß hingegen nicht überall auf Gegenliebe. Dennoch präsentierte sich das Produkt aufgeräumt und klar. Produkt und Unternehmensauftritt erfüllten internationale Anforderungen.

Wettbewerb

Amen – und das ist Vor- und Nachteil zugleich – ist ein First Mover. Wie bereits geschildert sind sämtliche gängigen Bewertungs-/Meinungs-Lösungen faktisch unnutzbar. Wer das bezweifelt, gehe mit seiner Freundin beim nächsten romantischen Dinner ungeprüft in das (lt. Qype) beste spanische Restaurant der Stadt. Wir schicken ihm dann anschließend gerne einen Probe-Account für eDarling. Für Amen bedeutete der First-Mover-Ansatz, dass man auf ein unbestelltes Feld blickte. Das Thema „plattformübergreifende Meinungsverwaltung“ ist ungelöst. Das Nutzerverständnis kann jedoch nicht vorausgesetzt werden. Zum Zeitpunkt des Starts gab es keine etablierten Wettbewerber.

Hype

Jeder, der einmal ein Startup gegründet hat, kennt den Wert guter PR-Arbeit. Amen war wahrscheinlich das erste deutsche Startup, in das der Hollywood-Star Ashton Kutcher (Charlie Sheen 2.0) investierte. Details zur Höhe seines Engagements sind unbekannt. Möglicherweise hat er auch nur Equity gegen Glamour getauscht. Auf jeden Fall ist es Amen gelungen, Stadtgespräch in Berlin zu werden –  nicht nur in der Startup-Presse. Amen war ein Synonym für den neuen Aufschwung, der von Berlin in die Welt getragen werden soll.

Die Liste an Pluspunkten könnte man sicher fortführen. Was deutlich wird, ist, dass Amen über sämtliche Faktoren verfügt hat, die ein erfolgversprechendes Startup benötigt. Woran liegt es also, dass die Zeichen nicht auf Erfolg stehen, sondern stattdessen die Lichter langsam auszugehen scheinen?

 

Welche Rechnung ohne welchen Wirt gemacht?

Vorschusslorbeeren und fehlende Execution?

Felix Petersen ist ein guter Frontmann. Er könnte auch Sänger einer hippen New Yorker Indieband sein. Gut gestylt. Lockere Sprüche. Positive Denke. Wer ihm in seinen zahlreichen Interviews zuhörte, der bekam permanent ein „bei uns ist alles in Ordnung“-Gefühl vermittelt. „Wir denken langfristig und sind im Plan“. Doch selbst hartgesottenen Amen-Supportern schien es zuletzt schwer zu fallen, sich zur Nutzung der Plattform zu motivieren. Amen hat die Nutzererwartungen durch seine fortwährenden Ankündigungen derart in die Höhe geschraubt, dass Nutzer eigentlich nur enttäuscht werden konnten. Das mag auf den ersten Blick nicht als mangelnde Execution gesehen werden. Aber ein enttäuschter Nutzer ist nahezu irreparabel – es gibt nun mal keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Gründer sollten nicht vergessen: Ein erfolgreiches Startup ist eine Aneinanderreihung richtiger Entscheidungen. Die Entscheidung, sein Produkt zu früh der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, ist oft der Anfang vom Ende (Branchenkenner sprechen vom Hoffer-von-Ankershoffen-Effekt). Die zweite Todsünde ist übrigens die verfrühte Skalierung. Und dennoch gibt es viele Stimmen, die Amen sogar vom Start weg als zunächst „süchtig machend“ oder „besser als Porno“ bezeichneten. Und Hitlisten sind ja tatsächlich ein funktionierendes und leicht verständliches Prinzip. Also?

Die Amen-Logik – am Nutzer vorbei gedacht?

Es ist gut möglich, dass die Distanz zum Nutzer das größte Problem von Amen war/ist. Die Macher von Amen haben wahrscheinlich keinen einzigen Versuch unternommen, sich aktiv an die Nutzer zu wenden und zu erläutern, warum man die Plattform überhaupt nutzen soll. Es schien, dass die potenzielle Nutzerschaft gespannt wartete, wann es denn nun endlich losgeht. Zeitgleich konnte man dabei zusehen, wie sämtliche aktiven Nutzer sich über Nonsense wie z.B. die besten Flughafen-Lounges ausließen. Ganz ehrlich – das holt keinen ab. Der Mehrwert der Plattform für den aktiven Nutzer wurde nicht kommuniziert – und er ist zurzeit wohl auch noch nicht gegeben.

Gut möglich, dass sich Amen einfach komplett vergaloppiert hat. Möglicherweise gibt es Logikfehler in der Engine. Das stoische Festhalten an einer binären Logik mutete von Anfang an befremdlich an. Die reale Welt ist nun mal nicht schwarz-weiß (Amen/Hell no!), sondern zu 90 Prozent grau (bzw. bunt). Für Amen existierte der Graubereich allerdings nicht. Entweder Yoda ist der coolste Starwars-Charakter oder er ist es eben nicht. Und so erfahren wir dank Amen, dass Käse das beste Topping auf einem Burger ist und Angela Merkel die schlechteste Tänzerin an der Stange. An dieser Stelle nochmal vielen Dank an Index Ventures.

Doch viel entscheidender ist es, dass Amen es nicht geschafft hat, die Brücke in den Alltag des Nutzers aufzubauen. Das Potenzial zur Nutzerbindung war eigentlich stets gegeben, doch die kritische Masse wurde nicht erreicht. Man hat Amen als Lifestyle-Produkt positioniert und nie über konkrete Use-Cases gesprochen. Wann soll ich Amen wirklich benutzen? Auf welche Fragen bekomme ich bereits heute sinnvolle Antworten? Stattdessen offenbarte sich die Amen-Logik als brutale Oberflächlichkeit. Zufriedenstellende Antworten sucht man dort vergebens. Auch inhaltliche Probleme, wie die fehlende Zusammenführung ähnlich lautender Listen tragen nicht gerade zur Nutzerzufriedenheit bei. Kein Wunder, dass Nutzer sich enttäuscht abwandten. Nutzerzufriedenheit könnte man (nach der Liquidität) als zweitwichtigsten Punkt für Startups notieren. Ein unzufriedener Nutzer wird das Produkt nicht nur nicht nutzen – er wird seine schlechten Erfahrungen auch kundtun. Gleiches gilt umgekehrt für den zufriedenen Nutzer, der gerne Freunde und Bekannte von dem Service überzeugt. Auch bei der Nutzerzufriedenheit kann Amen nicht punkten. In einer kleinen Szene wie Berlin doppelt kritisch.

Der überzeugteste Nutzer von Amen war Felix Petersen selbst. Das ist einerseits gut und richtig, doch ein Wirt, der selbst sein bester Kunde ist, hat wenig Zukunft. Marcel Weiß hatte bereits auf die Probleme hingewiesen und festgellt, dass „“die Einträge des Amen-CEO Felix Petersen über 90% meines Amen-Streams ausmachen.“

Der Erfolg aus der Nische / Bescheidenheit

Ein Kapitalfehler von Amen war es sicher, die Nutzer nicht frühzeitig abzuholen. Nutzerinvolvierung ist das A und O für Startups. Amen strotzte nach außen hin vor Selbstbewusstsein. Doch es ist eine feine Linie zwischen Optimismus und Arroganz. Amen hätte möglicherweise gut daran getan, nicht gleich alle Themen der Welt verarbeiten zu wollen (Motto: Unser Algorithmus schafft das locker), sondern sich mit ein oder zwei attraktiven Themenfeldern zu begnügen und die Nutzer dadurch für die Plattform zu begeistern. Google, ebay, Amazon, Zalando… sie alle haben fokussiert begonnen und ihre Plattform danach um andere Branchen erweitert.

Liquidität

Je größer der Investor, desto unbedeutender das Geschäftsmodell. Wer Nutzer hat, kann auch Geld verdienen – das hört man immer wieder. Ganz ehrlich, das ist brutaler Quatsch. Das mag in einem von hundert Fällen gelingen. Aber für die meisten Startups ist fehlende Liquidität gleichbedeutend mit dem Rücken zur Wand. Amen – so groß die Phantasie des Marktes ist – war gefühlte Ewigkeiten vom ersten verdienten Euro entfernt. Amen hat sicher vieles sehr gut gemacht, aber es sei auch ein mahnendes Beispiel für Startups, die Liquidität nicht aus den Augen zu verlieren. Team, Vision, Markt, Businessplan, Produkt… alles wichtig – aber ohne Liquidität bist Du ratzfatz Geschichte.

Anhaltende Erfolglosigkeit

Möglicherweise hat das Team auch einfach keine Lust mehr. Das wäre tragisch, denn die Gründe der Erfolgslosigkeit scheinen nicht (nur) im Produkt zu liegen. Amen hat zu keinem Zeitpunkt Zahlen veröffentlicht. Es gab keinerlei Erfolgsmeldungen. Es kann gemutmaßt werden, dass das Team einige Meilensteine nicht erreicht hat und ihm daher der Geldhahn zugedreht wurde. So oder so – wenn sich Nutzer enttäuscht abwenden und keine neuen hinzukommen, verliert selbst der hartgesottenste Unternehmer den Spaß an seinem Projekt.

Das fehlende “Wir-Gefühl” der Berliner Startup-Szene

Doch wie reagiert Berlin, wenn eines der (wenn nicht das) hoffnungsvollsten Startups kurzvor dem Aus steht? Berlin, eine Gemeinschaft, die zusammenrückt und kollektive Trauer trägt? Mitnichten. Die Kommentare auf das Ende Amens könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier mischen sich Respekt mit Spott und Hohn. Woran liegt das?

Wer sich mit der Berliner Startup-Kultur beschäftigt, der erlebt zwei Welten. Einerseits ein Lager, das nach Amerika schaut, das Valley bereist und davon träumt, Berlin als führenden Startup-Hub in Europa zu etablieren. Andererseits erlebt man jedoch auch ein anderes Lager, nämlich das der Neider und der hämischen Kommentare. Das große Problem ist, dass die beiden Lager oft in ein und derselben Person verhaftet sind. „Ja, wir wollen das nächste Google, aber nur, wenn es von mir kommt. Wenn Felix Petersen es macht, wollen wir es nicht.“, „Nein, Amen nutze ich nicht. Kenne ich nur aus der Presse.“ u.s.w. Wir wollen hier jetzt nicht eine mögliche Berliner Schizophrenie hochstilisieren, aber der Wunsch, das nächste Facebook oder Google hervorzubringen, scheint oft nicht mehr als ein allgemeines Lippenbekenntnis. Gelebt wird dieser Wunsch in Berlin (noch) nicht – zumindest nicht kollektiv.

Der Deutsche ist insgesamt behäbig und träge (oder positiv ausgedrückt: bedacht). Vor allem ist er träge im Adaptieren neuer Techniken. Wer sich mit dem „hot shit“ aus dem Valley beschäftigt, muss in Berlin viele Partygespräche führen, bis er auf Gleichgesinnte trifft. Nicht einmal den etablierten US-Diensten wie Foursquare oder Pinterest ist hierzulande bisher der große Durchbruch vergönnt. Klar, mal kurz anschauen, damit man mitreden kann („logisch habe ich einen Rebelmouse-Account – Du etwa nicht?“), aber das war´s dann auch. Eine Art digitales Wettpinkeln. So richtig begreifen wir das Potenzial der neuen Trendthemen eigentlich immer erst, wenn die Samwers sie klonen (das Frustrierendste daran ist, dass viele Investoren oft noch weniger von den Zukunftspotenzialen einzelner Geschäftsideen verstehen, als die meisten Gründer).

Es ist tragisch, dass die Berliner Startup-Szene noch kein echtes Wir-Gefühl entwickelt hat und man fragt sich, wer hier das Zepter in die Hand nehmen sollte? Dies scheint eine der dringendsten Baustellen überhaupt.

Berlins große Chance – versaut sie nicht!

Berlin genießt derzeit internationale Wahrnehmung, die bis hin zur Anerkennung reicht. Es hat sich herumgesprochen, dass man versucht, ein führender Standort für Startups zu werden. Und die Zeichen stehen nicht schlecht, denn es gibt unendlich viele Standortvorteile. Es ist jedoch hinlänglich bekannt, dass der Hype um Berlin seine Beweisführung noch schuldig ist. Zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung klafft eine breite Lücke. Die großen Berliner Startups sind SoundCloud (das bestenfalls als schwedisches Startup mit Sitz in Berlin und Fokus auf den US-Markt durchgeht), Zalando (die Anfälligkeit des Geschäftsmodells würde eine ganze Dissertation füllen), Wooga (siehe Zynga) und natürlich Rocket Internet (das sowieso in einem eigenen Kosmos spielt). Berlin produziert derzeit nicht nur viel heiße Luft – viele ansässige Unternehmen haben sich leider auch auf viele kleinteilige Sub-Minimärkte fokussiert. Es gibt viel E-Commerce, viel Kleinteiliges und zu wenig echte Tech-Startups. Team Europe hat gestern mit Kirondo sein nächstes Mini-Projekt vorgestellt – zum wiederholten Male ein Online-Startup frei von jedweder Technologie. Wo bleibt der Mut? Klar kann ein Standort davon träumen, das nächste Google hervorzubringen. Aber ganz ehrlich – wo sind sie denn, die Berliner Gründer mit Größenwahn und Vision?

Denn das muss man Felix Petersen (und seinem Team) zugute halten. Sie sind angetreten, einen großen Drachen zu erlegen. Furchtlose digitale Ritter, wenn das Bild erlaubt ist. Felix Petersen steht für einen Gründertypus, der in Berlin ebenso Mangelware ist wie der brillante Tech-Nerd. Maximale Ambitionen beinhalten die Chance des maximalen Scheiterns. So what? Soziale Netzwerke werden ohnehin zu 90 Prozent zum Scheitern gegründet. Das wissen alle Beteiligten vorher.

Für Berlin tickt auf jeden Fall die Uhr. Man wird nicht über Jahre hinweg das Image eines neuen Startup-Zentrums künstlich am Leben erhalten können, wenn keine substanziellen Erfolgsmeldungen folgen. Die Startupbranche funktioniert nach einfachen Kennzahlen: Investmentvolumen und Exit-Volumen – und in der Startupwelt sind diese Kennzahlen i.d.R. transparent. Auf Seite der Investments gibt es derzeit Bewegung: Allen voran Researchgate, aber auch Hitfox, iLiga oder GetYourGuide haben gerade achtstellige Finanzierungsrunden abgeschlossen. Das macht Mut, auch ohne Exit. Doch es bedarf einer Strategie, eines Masterplans. Auf die Frage, welche konkreten Ergebnisse die German Valley Week, die medial viel beachtete Reise von Politik und Startups ins Silicon Valley, tatsächlich gebracht habe, war die einzige Antwort: ein Mindset. Das ist gut und notwendig – um nicht zu sagen, überfällig. Aber das ist gleichzeitig viel zu wenig. Rösler und Wowereit stehen nun im Rampenlicht. Ihre gemeinsame Aufgabe ist es, den Standort Berlin zu entwickeln. Sie werden sich an den genutzten und ungenutzten Chancen messen lassen. Auf Nachfrage bestätigte Philipp Rösler, dass es derzeit keinen Dialog zwischen ihm und Wowereit gäbe.

Ja, Deutschland und vor allem Berlin brauchen den Wissenstransfer mit dem Silicon Valley. Die Initiative der German Valley Week war richtig. Die Reaktion dazu der deutschen Medien teilweise undifferenziert und zurückgeblieben. Warum über den Sinn einer einwöchigen Reise schreiben, wenn man stattdessen ganzseitige Artikel über ein Rösler-drückt-Diekmann-Foto schreiben kann? Man gebe Philipp Rösler noch ein paar Wochen Schonfrist. Aber spätestens dann ist er einen Aktionsplan basierend auf seinen Erkenntnissen aus dem Silicon Valley schuldig.

Bislang wird man das Gefühl nicht los, dass sich der Startup-Standort Berlin völlig unkontrolliert entwickelt. Berliner Politiker mögen zwar Notiz von der aufkeimenden Startup-Industrie nehmen, verstehen tun sie jedoch die wenigsten. Wetten, dass Amen verschwunden ist, bevor Klaus Wowereit mitbekommen hat, dass es Amen überhaupt gab? Wowereit ist bislang nur ein stummer Zaungast in einer der wichtigsten Zukunftsbranchen der Stadt. Das hat sich gefälligst zu ändern – und zwar sofort! Andererseits – wer quasi Dank Länderfinanzausgleich eine konstante Einnahmegarantie hat, der hat wenig Ambitionen, wirtschaftlich zu handeln.

Es wäre (nicht nur für die Zukunft Berlins) wünschenswert, zwischen all den grau-melierten Eminenzen im Bundestag und Landtag ein paar junge dynamische Politiker zu sehen, denen man abnimmt, die digitale Zukunft nicht nur aussitzen zu wollen, sondern tatsächlich mitgestalten zu wollen.

 

Unkritische Startup-Presse und fehlende digitale Visionen

Doch es gibt noch ein anderes Problem, das eine gewichtige Rolle für die Entwicklung des Standortes Berlin spielen wird: Über die Berliner Startup-Szene wird viel geschrieben. Jedoch fehlt es in vielen Redaktionen an ausreichendem Verständnis für das große Ganze. Es gibt kein einziges deutsches Medium (Print, Online, TV…), dass die digitale Zukunft kompetent und in ausreichendem Maß thematisiert. Zudem fehlt es speziell der Berliner Startup-Szene an meinungsbildenden Köpfen. Wo sind denn die deutschen digitalen Visionäre? Die s.g. „Opinion Leader“? Hier gibt es Bedarf nach einem 360-Grad-Blick.

Der fehlende Tiefgang liegt u.a. an dem unausgereiften Geschäftsmodell des Online-Journalismus, verbunden mit einem verhältnismäßig kleinen, deutschen Markt. Geld zu verdienen, fällt hier schwer. Doch darf dies alleine Rechtfertigung für fehlende journalistische Tiefe sein? In anderen Branchen (und in weiter entwickelten, internationalen Märkten) ist es längst üblich, kritische Rezensionen zu neuen Webservices oder Apps zu verfassen. Die deutsche Startup-Journaille ist jedoch weitgehend harmlos bis unkritisch. Man bekommt – von einer Handvoll Ausnahmen mal abgesehen – das Gefühl, dass man sich lieber auf samtweiche Interviewfragen, luftleere Ankündigungen und unkritische Aufarbeitungen von Pressemeldungen konzentrieren möchte. Bloß niemanden vor den Kopf stoßen. Als stiller Beobachter möchte man manchmal laut rufen „jetzt sag ihm halt einfach, dass seine Idee völliger Quatsch ist…“. Nicht selten lesen wir 1:1 Kopien von Pressemeldungen oder Ankündigungsartikel über Services, die niemals das Licht der Welt erblicken.

Die Startup-Presse und ihr unreflektierter Hang zum Hype trägt eine große Mitschuld an der Häme, der Amen jetzt ausgesetzt ist – sie haben das Amen mit Blitzlichtgewitter hofiert wie der Boulevard die Seifenopern-Stars auf dem roten Teppich. Kaum kommt Kutcher, werden die Beine weich. Hier sollten einige Redakteure in sich gehen und überlegen, welche Verantwortung auch auf ihren Schultern ruht. Denn man darf nicht vergessen: Jede Zeile, die ein Redakteur über Amen, Gidsy & Co. schreibt, die fehlt ihm anschließend für ein anderes Startup. Und jede unreflektierte Kritik bedeutet Stillstand. Gute Tech-Redakteure müssen nach vorne schauen und voraus gehen. Sie sind die Experten, die Tellerrandgucker. Es darf ihnen nicht mehr nur um Page-Impressions gehen, sondern vor allem um Substanz. Sie sind eigentlich Gestalter unserer Zukunft. Niklas Luhmann hat einmal den weisen Satz geprägt: “alles was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien”. Journalisten sollten diese Chance ergreifen und ihre Mission darin sehen, ihre Leser an die Hand zu nehmen und ihnen die Welt von morgen näher zu bringen.

Berlin hat derzeit eine Chance, wie es sie wahrscheinlich nie wieder geben wird. Berlin kann international durchstarten und sich als „digitaler Melting Pot“ positionieren. Dazu müssen jedoch die federführenden Akteure (Startups, Investoren, Presse, Politik) zusammenrücken und gemeinsam (!) dafür sorgen, dass dieser Traum Wirklichkeit werden kann. Sich gegenseitig fordern und fördern. Wer nur zuschaut, wird disqualifiziert. Auch hier bedarf es wahrscheinlich mehr Säbelrasselns.

Und Amen?

Ganz ehrlich – auch wenn sich das jetzt wie ein Abgesang lesen mag – bei Amen dürfte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Zwar kennt niemand die wirkliche Leistungsfähigkeit der Software und niemand weiß, ob Felix Petersen wirklich ein guter Unternehmer ist oder nur ein guter Redner. Aber die Einsatzgebiete für eine semantisch-intelligente Lösung wie Amen sind vielfältig. Von daher drücken wir fest die Daumen, dass die Reise zum Ende des Regenbogens noch etwas anhält. Es wäre doch gelacht, wenn sich der unternehmerische Mut nicht auszahlen würde.

 

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christoph
Gast

Bei aller Liebe ein zu langer Artikel, den allein deswegen kaum jemand lesen wird. Und der zwanzig Sachen in einen Topf wirft, die da nicht hin bzw nicht zusammen gehören. Zutreffende Bemerkungen über Amen – kein Geschäftsmodell, kein Produkt, hübsch designt – wechseln sich ab mit Stammtisch-Unsinn wie “Der Deutsche ist insgesamt behäbig und träge”. Korrekte und wichtige Einsichten – mangelnde Kritikfähigkeit der “Startup-Presse” – kontrastieren mit Fehleinschätzungen über Wir-Gefühl, Silicon Valley-Bezug und vielem mehr. Wenn du anstelle dieses Konvoluts eine Serie von einzelnen Kommentaren über diese und die anderen 15 Punkte, die du adressierst, geschrieben hättest, könnte man drüber… Weiterlesen »

Sascha
Gast

Amen hat sich weit aus dem Fenster gelehnt und ist wohl rausgefallen, es hat nichts mit fehlendem Wir Gefühl zu tun, dass es nun dazu auch spitze Kommentare gibt, vielleicht ist es sogar Wir Gefühl. Das Wir Gefühl der Gründer die seit “95” am Fundament von Berlin als StartUp Stadt arbeiten. Das Wir Gefühl der Gründer die ohne ein Interview und ohne Hype, Unternehmen mit 200 Mitarbeitern aufgebaut haben, die 2 oder 3 stellige Millionen Umsätze machen. Ich merke in vielen Gesprächen ein gewisses Unbehagen darüber gibt wenn “die Szene” zum Vorteil des eigenen StartUps zu PR Zwecken über Gebühr… Weiterlesen »

Dominik Faber
Gast

Guter Artikel. Ich verstehe nur nicht warum das für berlin jetzt die letzte Chance ist und warum das einzige Ziel ein google oder Facebook sein muss. Ein paar mehr unternehmen mit 30-100 Mio Umsatz und guter Marge würden es auch tun. Oder?

Marie
Gast

Ich nutze Amen heute und in Zukunft nicht weil meine Zeit begrenzt ist und der Mehrwert von anderen mechanismen 100% aufgehoben wird. Wer Inhalte generieren und gewichten möchte muss kreativ sein. Siehe ingress. Ein Spiel das erfunden wurde um Datenpunkte zu erfassen und gewichten und deswegen wird es auch so gefeiert – es entwickelt neue mechanismen sowohl sozial als auch das was es generiert. Ich bin kein neider, kein Valley bereister kein Startup hippie – und trotzdem war mir Amen nie sympathisch. Das productdesign war vielleicht konsequent aber nicht nett. Aber lieben dank für diesen Artikel, eine Analyse die sich… Weiterlesen »

Jonathan Gebauer
Gast
Jonathan Gebauer

Danke! Das war bezogen auf die Berliner Startupwelt, die Amen Gerüchteküche und den “Next Silicon Valley” -Hype bis jetzt der einzige sinnvolle Artikel, den ich gelesen habe. Etwas, das ich gerne ergänzend hinzufügen möchte: Wenn in manchen Startup Medien jetzt zu lesen ist, dass in Berlin jetzt wieder Geschäftsmodelle mit “mehr Substanz” aktuell sind, dann heißt das auch: mehr Nische, mehr Proof-of-Concept vor dem Launch und mehr Copycats. Dagegen habe ich erstmal gar nichts, aber das ganz große Internationale Ding entsteht so nicht. Es sind die Ideen, die völlig neu sind und völlig anders, die wirklich groß werden können. Und… Weiterlesen »

skweese
Gast
skweese

Die Blogger in Deutschland haben auch keine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit. Sie sind vielmehr Produzenten von News der News. Wie kann ich die Stellschraube von Gmail hier drehen und da weg drehen. Der eine schreibt es stilvoller, der eine richtig scheisse. Aber Sie schreiben immer das selbe. Abgesehen von wenigen Ausnahmen verweisen sie dann noch auf andere Blogger, wenn es um Gerüchte geht.:)

Es gibt wirklich wenig Ausnahmen. Aber schaut euch doch den Markt wirklich mal an.

Rocco
Gast
Rocco

Guter Artikel.
Die Medienschelte gegen Ende finde ich mutig. aber wenn du dem Motto “Put your money where your mouth is” folgst und kritischen Artikel lieferst, ist dagegen auch nichts einzuwenden. Ich bin gespannt.

Markus
Gast
Markus

“Der Deutsche ist insgesamt behäbig und träge (oder positiv ausgedrückt: bedacht). Vor allem ist er träge im Adaptieren neuer Techniken. Wer sich mit dem „hot shit“ aus dem Valley beschäftigt, muss in Berlin viele Partygespräche führen, bis er auf Gleichgesinnte trifft. Nicht einmal den etablierten US-Diensten wie Foursquare oder Pinterest ist hierzulande bisher der große Durchbruch vergönnt.” Das mag sein, aber Kernproblem ist doch eigentlich, dass ich 24/7 mit dem Installieren und Updaten von Apps beschäftigt sein könnte, die mir alle Push-Infos schicken möchten. Kurzum: Irgendetwas angeblich Neues, trotzdem starre ich auf ein Display und/oder soll über einen Screen wischen.… Weiterlesen »

Thomas Keup
Gast

Sehr guter Artikel – aber viiiiiiieeeeellllll zu lang. Ich bin 21 Jahre Journalist – und mehrfach aus dem Artikel “gefallen”.

Kurz und gut:

Amen? Für mich Arroganz! Und Tot – a la “Tot, Not, Brot”. Also viel zu früh.

Lukas
Gast
Lukas

Guter Artikel. ABER: Der Artikel ist nicht zu lang! Es ist schön, endlich mal durchdachte und fundiert geschriebene Sachen zu lesen! Vollständigkeit geht nun mal mit einer gewissen Länge einher. Ich stelle fest, dass die Kommentare sich hier entweder mit Amen beschäftigen oder mit der (angeblich zu großen) Länge des Artikels. Das reflektiert meiner Meinung nach die Diskrepanz zwischen guter Presse (Berlin Valley, yes, clap your hands!) und Seiten wie (ich nehme direkt das schlimmste) deutsche-startups.de. Also bitte rennt nicht den zwei, drei mehr Klicks hinterher; wie ihr gesehen habt lesen genug Interessierte eure Artikel. Es kann doch nicht sein,… Weiterlesen »

Jemi Lehmann
Gast

Nach ueber 10 Jahren in den USA ist der erste Gedanke, der mir beim Lesen kommt: typisch Deutsches Gejammer. Sascha Lobo hat recht: Machen! Nicht winseln. Roseler und Wowereit sollen es richten? Die zurueckgebliebene Presse? Es gibt nur zwei Gruende weil Amen nicht gefunkt hat. The usecase does not work right and the relatively narrow traget audience was way too busy to use the service given the weak value proposition. Soo, what is next?

Christian
Gast
Christian

Es ist doch immer das gleiche: – Nur weil ein Start-Up aus Berlin kommt, muss es nicht gut sein. Es gibt neben den 3 Millionen Berlinern noch knapp 80 Millionen andere Menschen in Deutschand. – Medienhypes sind oft nützlich, aber oft auch unverständlich. Siehe Amen oder die selbst ernannten Wunderkinder. – Die echten Garagenfirmen mit Klasse Ideen sieht keiner, solange nur die großen oder gehypten Firmen in den Medien erscheinen. Alle Medien berichten über jede noch so unbedeutende Neuerung bei Facebook, aber wer lobt die Vorzüge von Diaspora? – Was soll ich noch sagen? Ach ja, unabhängig davon schreiben die… Weiterlesen »

hipsterSCORE(tm)
Gast
hipsterSCORE(tm)

One thing is certain: Felix is 100% hipster and nobody can take that away from him!