Das im Reagenzglas gezüchtete „Fleisch“ lässt einige Wissenschaftler hoffen, den wachsenden Fleischhunger der Weltbevölkerung stillen zu können. Und zwar, ohne zuerst Tiere mit großem Ressourcenaufwand zu züchten und dann zu schlachten. Tatsächlich investieren (auch deutsche) Unternehmen bereits Millionen von Dollar in Startups in Israel, Amerika und den Niederlanden, um diese Vision weiterzuentwickeln. Mosa Meat aus den Niederlanden will künstliches Fleisch bis 2021 zur Marktreife bringen. Das zeigt, wie ernst es den Innovatoren mit dem Thema ist. Fakt ist jedoch: Noch gibt es keine Möglichkeit der Massenproduktion. Die Herstellung verbraucht noch viel Energie. Des Weiteren kommt die Forschung nicht ohne tierische Bestandteile aus: Die Forscher benötigen fetales Kälberserum, damit die Muskelzellen im Labor wachsen. Bei der Entnahme des Serums sterben die Föten. Bislang hat nur ein Startup behauptet, ohne Kälberserum auszukommen. Doch auch wenn künstliches Fleisch den Massenmarkt nicht zeitnah erobern wird, könnte es sich langfristig zu einer nennenswerten Produktnische entwickeln.

Insekten als Proteinquelle

Insekten werden als alternative Proteinquelle relativ hoch gehandelt: Sie sind sehr proteinreich und verfügen über ein hohes Maß an Vitaminen, Mineralstoffen und mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Ihre Aufzucht gilt als ressourcenschonend, tatsächlich gibt es aber noch kein ausgereiftes Zuchtkonzept für die Großproduktion. Man kann etwa 80 Prozent eines Insektes verzehren. Zum Vergleich: Bei Rindern sind es nur etwa 44 Prozent. Insekten lassen sich zwar auch für die menschliche Ernährung nutzen. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie im großen Stil vorerst als Tierfutter und hier speziell als Ersatz oder Ergänzung zu Soja, Mais oder Fischmehl verwendet werden. Seit Juli 2017 erlaubt die EU-Kommission die Verwendung von Insektenproteinen für Aquakulturen. Seit dem 1. Januar 2018 fallen Insekten sogar unter die Novel-Food-Verordnung (EU) 2015/2283, gelten also offiziell als neuartige Lebensmittel. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung zitiert „Fachkreise“, die in der „Implementierung einer Insektenzucht in konventionelle landwirtschaftliche Betriebe ein beachtenswertes wirtschaftliches und ökologisches Potenzial“ sehen. Allerdings seien noch Studien zur Effizienz und Lebensmittelsicherheit nötig sowie Anpassungen der regulatorischen Rahmenbedingungen.

Algen

Auch die Alge gilt als vielversprechender Eiweißlieferant, der essenzielle Aminosäuren und pflanzliches Vitamin B12, Eisen sowie Omega-3-Fettsäuren enthält. Nicht dass nicht auch viele andere „gehypte“ Lebensmittel den Titel „Superfood“ tragen würden – aber die Alge scheint Potenzial mitzubringen. Erste landwirtschaftliche Betriebe züchten die Pflanzen im großen Stil und bauen genossenschaftliche Strukturen auf. Startups wie Mint Engineering kümmern sich um die nötige Infrastruktur für die Algenzucht. Ob sich die Alge zumindest in Deutschland aber als eine Art Grundnahrungsmittel etabliert und über die Verwendung in speziellen Müsliriegeln und Hautcremes sowie ausgewählten Feinkostprodukten hinausgeht, bleibt abzuwarten.

Aquaponik

Der Begriff Aquaponik setzt sich zusammen aus „Aquakultur“ und „Hydroponik“. Es handelt sich um ein Kreislaufsystem, in dem Fischzucht mit dem erdlosen Anbau von Pflanzen kombiniert wird. Die Fische wachsen in Behältern heran, aus denen das nährstoffreiche Abwasser in die „Beete“ der Gemüse-, Salat- oder Kräuterpflanzen geleitet wird und diese düngt. Durch bestimmte biologische und technische Prozesse soll das Wasser wieder nutzbar gemacht und in die Fischzucht zurückgeleitet werden. Nach Angaben vieler Anbieter werden keine Pflanzenschutzmittel oder Medikamente verwendet, weshalb das System als nachhaltig gilt. Auch wenn Aquaponik immer mal wieder als neuartiges Standbein für Landwirte gehandelt wird, sind vergleichsweise wenige Betriebe tatsächlich eingestiegen. Das Berliner Startup ECF Farmsystems in Berlin verkauft seit vergangenem Jahr schlüsselfertige Anlagen.

Vertical Farming

Vertical Farming meint nichts anderes als den Anbau von Pflanzen in Gewächshäusern, meist Salat, Gemüse oder Kräuter. Allerdings sind die Gewächshäuser technisch extrem weit fortgeschritten und zum Großteil automatisiert: Sensoren überwachen das Wachstum der Pflanzen und fügen je nach Bedarf Wasser oder Nährstoffe hinzu. Bestimmtes Licht regt ihr Wachstum an oder hemmt es. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln entfällt nahezu vollständig, weil die Pflanzen auf vermeintlich sterilen Substraten wachsen. Derzeit ist der Energieverbrauch solcher Gewächshäuser noch immens hoch. Hier entstehen neue Konzepte von geschlossenen Energiekreisläufen. Vor allem die Niederländer sind schon weit in der Entwicklung. Aber auch in Deutschland tut sich einiges – bei Infarm aus Berlin zum Beispiel oder Agrilution aus München. Das Konzept des Vertical Farmings, manchmal auch Urban Farming genannt, soll dezentral in den Städten stattfinden, um Transportkosten zum Kunden zu sparen. Daher gibt es Ansätze, nicht in einem großen Gewächshaus anzubauen, sondern Restaurants und Haushalte direkt mit einzelnen „Gewächsschränken“ auszustatten. Dann können sich diese selbst versorgen.

Eva Piepenbrock

ist Redakteurin beim Magazin f3 – farm. food.future. Sie schreibt nicht nur über Agrarthemen, sondern ist auch selbst auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen.

Eva-Piepenbrock Foto:f3
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Berlin Valley 33, Startup als Weltretter

Dieser Artikel erschien zuerst in BERLIN VALLEY NR. 33

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