Die Wowereit-Ära im Rückblick

Mit Klaus Wowereit verabschiedet sich der dienstälteste deutsche Landes-Regierungschef aus seinem Amt. Seit 2001 hat Klaus Wowereit die Geschicke Berlins als Regierender Bürgermeister gelenkt. Das heutige Berlin trägt seine Handschrift; die Formel „arm, aber sexy“ hat das Selbstverständnis des Nachwende-Berlins geprägt wie keine andere. Klaus Wowereit und Berlin, das schien untrennbar. Er war Galionsfigur und Identitätsstifter. Doch seit August dieses Jahres ist klar: Die Ära Wowereit ist vorbei. Ab Dezember 2014 zieht sein Nachfolger ins Rote Rathaus ein – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um Michael Müller.

Wenn ein Stadtoberhaupt abdankt, ist es Zeit, Resümee zu ziehen. Was bleibt von der Ära Wowereit? Uns als Startup-Medium interessieren dabei natürlich primär die Ergebnisse Wowereits in der Digitalwirtschaft. Um dies zu bewerten, haben wir einige Vertreter der Startup-Szene sowie Vertreter der politischen Parteien um ein kurzes Arbeitszeugnis gebeten. Zeitgleich wollten wir wissen, welche Erwartungen in den Nachfolger Wowereits gesetzt werden, um den Weg Berlins zur führenden europäischen Startup-Hochburg zu ebnen.

Frage 1:

Wie beurteilen Sie das Engagement Klaus Wowereits für die Digitalwirtschaft?

Frage 2:

Welche dringenden Schritte (im Hinblick auf die Digitalwirtschaft) erwarten Sie von seinem Nachfolger?

Alexandra Thein, Landesvorsitzende FDP Berlin

FDP-alexandra-thein-politik-berlin-valleyKlaus Wowereit hat die große Bedeutung der Startup-Szene für Berlin erkannt und sich für diese Thematik auch engagiert. Die Umsetzung konkreter Maßnahmen zur Unterstützung der Digitalwirtschaft ist jedoch unzureichend: Für die Außenwerbung Berlins, in den Städtepartnerschaften und bei der Vertretung in Brüssel wurden kaum Aktivitäten entwickelt. Organisatorisch sind die Verantwortlichkeiten weiterhin zersplittert. Auch ein systematischer Dialog mit der Szene wurde bisher nicht geführt.

Die politische Verantwortung für die Digitalwirtschaft ist Chefsache und muss bei der Senatskanzlei angesiedelt werden, ebenso wie die Start-up-Unit. Der dringende Handlungsbedarf bei den Rahmenbedingungen (Bürokratiabbau, Erhaltung der Freiräume für Kreative) ist schnell anzugehen. Der neue Regierende sollte einen regelmäßigen Dialog mit der Digitalwirtschaft starten und der Szene zuhören. Auch sollte der Regierende als erster Repräsentant unserer Stadt weltweit für Berlin als Standort werben.

Stefan Gelbhaar, MdA Stellvertretender Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/ Die Grünen Berlin Sprecher für Verkehrspolitik, Medien- und Netzpolitik

Buendnis90-Gelbhaar-berlin-valleyKlaus Wowereits Verdienst? Er steht mit seiner Person in vielen Themenbereichen für die Offenheit der Stadt. Das ist für die Digital- und Kreativwirtschaft eine notwendige Grundlage. Ansonsten ist es nicht gerade leicht, gute Punkte festzumachen. Denn vieles läuft schleppend oder gar nicht. Seit sieben Jahren gibt es keinen Fortschritt in Sachen freies WLAN, Open Data steckt noch immer in den Kinderschuhen, ein Transparenz- und Informationsfreiheitsgesetz fehlt ebenso wie ein e-Government-Gesetz, die Anlaufstellen für die Akteure aus der Digitalwirtschaft können noch besser werden, Datensicherheit muss in Berlin endlich angegangen werden. Klaus Wowereit hat viele offene Baustellen hinterlassen.

Der Nachfolger muss sich des Themas bewußt und ernsthaft annehmen und als Zukunftsthema für Berlin verstehen. Das Digitale verändert unsere Stadt nachhaltig – mit enormen Chancen. Mit dem politischen Willen – das zeigt z.B. die Stadt Wien – kann man viel bewegen, Ausweise, Zulassungen und Ähnliches müssten nicht mehr auf dem Amt beantragt werden, freies WLAN kann allen in der Stadt ganz konkreten Nutzen bringen. Ich erwarte von einem Regierenden Bürgermeister, dass er die Netzthemen kennt und sich zum Beispiel ernsthaft für Netzneutralität einsetzt. Diese Frage ist eine elementare Voraussetzung für die Berliner Digitalwirtschaft, um voranzukommen und zu wachsen.

Jutta Matuschek, Sprecherin für Wirtschaft, Fraktion DIE LINKE

Die-Linke-Matuschek-Jutta-politik-berlin-valleyEin besondere Affinität Klaus Wowereits zur Digitalwirtschaft ist uns bislang nicht aufgefallen, darum können wir sein diesbezügliches Engagement über Grußworte hinaus schlecht beurteilen. Ob die Digitalwirtschaft sich gerade deshalb in Berlin so gut entwickelt, weil sie keine Chefsache wurde, lässt sich nicht behaupten, wäre aber auch keine abwegige These.

Wowereits Nachfolger müsste eine Vielzahl Themen voranbringen: u.a. die Digitalisierung der Verwaltung, Opendata, die Sicherung günstiger Gewerbemieten, die Förderung universitärer Gründungen und die Sicherung wirtschaftlich günstiger Rahmenbedingungen für die Kultur- und Kreativwirtschaftsszene insgesamt. Nicht zuletzt stünde einer Stadt wie Berlin mit dem Anspruch, digitale Hauptstadt zu sein, ein kostenloses stadtweites WLAN gut zu Gesicht.

Pavel Mayer, Sprecher für Wirtschaft, Piratenfraktion Berlin

Piratenfraktion-Pavel-Mayer-politik-berlin-valleyKlaus Wowereit hat sich nur am Rande für die Berliner Digitalwirtschaft engagiert – und das ist auch gut so. Die Berliner Digitalwirtschaft hat sich entwickelt, weil Berlin viele „Smart Creatives“ angezogen hat. Das lag an der Kombination von Grossstadtflair, Freiräumen und niedrigen Lebenshaltungskosten. Die letzten beiden Punkte waren die positive Seite wirtschaftlicher Rückständigkeit und politischer Untätigkeit. Klaus Wowereit hat das mit seinem Ausspruch „arm aber sexy“ sehr effektiv in die Welt transportiert.

Der neue Bürgermeister wird vor der Aufgabe stehen, die Attraktivität der Stadt für “Smart Creatives” zu erhalten. Angesichts steigender Mieten und schwindender Freiräume wird das kein Selbstläufer mehr sein. Hier bedarf es der gezielten Förderung selbstverwalteter Gründerinitiativen, Ansiedlung von digitalen Branchengrössen und VCs sowie dem breiten Ausbau einschlägiger Infrastruktur wie etwa die Versorgung aller Berliner mit Gigabit-Internetanschlüssen.”

Andrea Peters, Vorstandsvorsitzende, media.net berlinbrandenburg

media-net-brandenburg-Andrea-Peters-berlin-valleyIn der Ära Wowereit hat sich Berlin erst zur international beachteten Gründerhauptstadt entwickelt: Heute werden hier mehr Unternehmen gegründet als in jedem anderen Bundesland. Auch was Venture-Capital-Investitionen in IT- und Internet-Startups und Beschäftigtenzahlen in der Digitalen Wirtschaft betrifft, hat Berlin im Bundesländer-Vergleich die Nase vorn. Vieles wurde aus der Stadt selbst und ihrer Historie heraus geboren. Aber Wowereit hat es zugelassen und bestenfalls begünstigt.

Wowereits Nachfolger tritt meiner Meinung nach ein leichtes und schweres Erbe zugleich an. Leicht, da viele Entwicklungen und Entscheidungen wie der Flughafen negativ in Erinnerung bleiben werden. Schwer, da Wowereit es verstanden hat, das Schillernde, Kreative, Innovative der Stadt nicht nur zu tolerieren, sondern auch zum Credo zu machen. Dieses Image Berlins, seine Offenheit und Toleranz gilt es weiter zu fördern.

Jens Hewald, Heiko Rauch, Thomas Hessler, Founder @UFOstart @Globumbus @zanox | Angel Investor

jens-hewald-haiko-rauch-thomas-hessler-investor-berlin-valleyDie Berliner Startup Szene hat sich glücklicherweise von seinem „Ground Zero“ im Jahr 2000 erholt und wird heute als einer der führenden „Startup Hotspots“ in Europa angesehen. Verdanken kann das die Stadt seiner Vielzahl an Studenten, günstigen Lebenshaltungskosten und einer weltweiten Bekanntheit, die noch aus Zeiten von Techno und Love Parade herrührt.

Ob die Politik einen direkten und wirksamen Einfluss auf die Berliner Startupszene nehmen kann, ist schwer zu sagen. Aber folgende Themen würden aus unserer Sicht helfen;

– Entrepreneurship frühzeitig in Schulbildung integrieren und zum Ziel jeder Ausbildung machen,

– Unternehmertum unmittelbar und mittelbar fördern,

– Berlin als Innovations- und Technologie-Standort weltweit positionieren (Hightech-Drehkreuz, Highspeed-Internet, Bitcoin-City).

Sascha Schubert, Gründer & CEO spendino, Mitgründer des BVDS, Vorstandsmitglied Entrepreneurs‘ Club Berlin, FailCon Initiator

Sascha-Schubert-gruender-berlin-valleyDie Berliner Startups Szene hat sich in der Zeit von Klaus Wowereit von einem weißen Fleck auf der Landkarte zur führenden Startup Metropole innerhalb der Euro Zone entwickelt. Klaus Wowereit hat das erkannt, er ist aber nie, wie z.B. der letzten New Yorker Bürgermeister, zum Startup Bürgermeister geworden.

Michael Müller übernimmt mit Berlins Startup Szene einen Rohdiamanten. Mit wachsenden Unternehmen werden die Anforderungen an eine wachsende Stadt aber nicht kleiner sondern größer, mehr Gewerbeflächen, besserer Zugang zur Verwaltung und vor allem überall viel mehr Geschwindigkeit braucht es.

Agnes von Matuschka, Leiterin Centre for Entrepreneurship der TU Berlin

TU-Berlin-Agnes-Matuschka-berlin-valley„Arm aber sexy“ – das gilt ebenso für die Universitäten in Berlin. Dennoch haben die Hochschulen allerorts Gründungsservices eingerichtet, bieten Entrepreneurship-Lehre an und arbeiten im Netzwerk B!GRÜNDET zusammen, auch Dank der zusätzlichen Unterstützung durch ESF-Mittel des Landes. Mit dem wachsenden Ruf Berlins als Gründermetropole ist die Gründung eines Start-ups nun auch für Ingenieurinnen und Ingenieure eine interessante Karriereoption. Mittlerweile melden sich zehn Interessierte pro Woche bei uns und viele Business Angel engagieren sich.

Das Potenzial an innovativen Dienstleistungs- und Hardwareausgründungen aus Universitäten ist riesig. Wir wünschen uns:

– einen konkreten Start-up-Verantwortlichen in der Landesregierung, der sich um die Belange der Szene, inklusive der Hochschulinkubatoren kümmert

– aktive Ansiedlungspolitik für große Unternehmen, die oftmals viele Start-ups um sich binden können

– eine Art „Markteintrittsbonus“ für High-Tech-Start-ups, um die Kundenakquise und den Vertrieb zu beschleunigen und Unterstützung des B!GRÜNDET-Netzwerks

Oliver Beste, u.a. Mitgründer Playducato GmbH, FoundersLink.com, myToys.de

playducato-oliver-rosa-founder-berlin-valleyWowereits wertvollste und nicht zu unterschätzende, wenn auch eher unabsichtliche Geburtshilfe für Berlin als Startup-Hauptstadt sind seine engagierte Förderung der Club- und Party-Szene, des herausragenden Kulturangebots, der „Kreativwirtschaft“ und der zwischenmenschlichen Toleranz, für die er selbst als mutiges Symbol steht. All das hat Berlin zum Magnet für junge Talente gemacht, ohne die hier nicht jeden Tag ein neues Startup gegründet werden würde.

Der Startup-Boom ist nur eine der gravierenden Folgen der digitalen Revolution. Jüngere Politiker sollten sie nicht nur pressewirksam begrüßen, sondern ihr enormes Potential gestalten. Ein herausragendes Vorbild dafür ist „New York City’s Digital Roadmap 2013“ vom damaligen Bürgermeister Michael Bloomberg (http://nycroadmap.us/#home). Er führte die Position eines Chief Digital Officers für New York ein und besetzte sie mit einer jungen politisch engagierten Internetunternehmerin. Die Förderung der Startup-Wirtschaft war nur eines von mehreren Zielen der Digital Roadmap. Gleichrangige Ziele waren

– die Förderung des Internetzugang für alle Gesellschaftsgruppen an allen Orten,

– die Förderung der „digitial Literacy“ für alle und der Bildung für digitale Berufe,

– digitaler Zugang zu allen städtischen Dienstleistungsangeboten

– und die Förderung des bürgerlichen Engagements mit den neuen technologischen Möglichkeiten.

Ich wünsche mir eine „Berliner Digital Roadmap“ und eine(n) „Chief Digital Officer“ für Berlin.


Kurzprofil Klaus Wowereit


Klaus Wowereit (SPD) ist Berlins regierender Bürgermeister und mit einer Amtszeit von 13 Jahren der dienstälteste Regierungschef eines deutschen Bundeslandes. Am 11. Dezember 2014 legt er sein Amt nieder.

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