Vom Filmregisseur über Tape.tv hin zum Head of New Agency Model bei Mercedes-Benz: Du hast wirklich einen spannenden Werdegang. Was kannst du aus deiner Zeit als Regisseur bei der Umsetzung von Digitalen Strategien einbringen?
Conrad Fritzsch: Also, es gibt da so ein Thema bei mir, das heißt Transformation, und das begleitet mich schon mein gesamtes Leben. Die erste große Transformation war, als die Mauer fiel, da war ich plötzlich in einem anderen Land. Alles war anders. Und dieses andere System zu umarmen und gleichzeitig zu verstehen, wie man sich da zurechtfindet, das ist der Kern von Transformation. Und das habe ich jetzt mehrmals gemacht.

Ich habe ja nicht nur Regie studiert, sondern 1993 auch eine Werbeagentur gegründet. Diese war spezialisiert auf Ost-Westdeutsche Kommunikation, also im Grunde Zielgruppenmarketing, weil die großen Marken aus Westdeutschland das damals nicht beherrscht haben. Dann habe ich das Startup Tape.tv gegründet. Tape.tv war darauf spezialisiert, warum MTV sich eigentlich nichts Gutes dabei tut, nur noch Social Shows zu senden und keine Musik. Was muss passieren? Was ist die Chance im Digitalen vs TV? Personalisierung!

„Deine Kollegen müssen wissen, dass du der Sache zu 100 Prozent verschrieben bist“ 

Aber auf die Frage, was ich wirklich dafür mitbringe, dass eine Transformation überhaupt gelingen kann, gibt es noch eine sehr wichtige Antwort: Commitment. Wenn du ins Team reingehst, dann müssen deine Kollegen wissen, dass du der Sache zu 100 Prozent verschrieben bist. Ansonsten kannst du Transformation nicht treiben. 

Und das ist beim Regisseur so, der vorne steht und seinen Leuten sagt, dass sie jetzt weitermachen müssen im Regen, im Schnee, weil es gerade einfach ein geiles Bild ist. Und das ist bei Daimler nicht anders – unser Unternehmen entwickelt sich von einem Autokonzern zu einem Mobilitätsanbieter. Und wenn du das „Warum“ beantworten kannst, braucht es persönliches Commitment. Voraussetzung ist, dass alle wissen wo sie hinlaufen sollen.  

„Ich kann mir nichts Spannenderes vorstellen“

Was motiviert dich dazu, persönliches Commitment ausgerechnet für Mercedes zu zeigen und nicht für deine eigenen kreativen Ideen?
Conrad Fritzsch: Als Teenager habe ich mich in den 450 SLC verliebt. Ab da habe ich davon geträumt ihn irgendwann mal zu fahren. Damals hat meine Faszination für Mercedes begonnen. Das wunderbare an meinem Job ist, dass ich meine eigenen kreativen Ideen für eine der größten Marken der Welt einbringen kann – die sich mittendrin in einer der größten Transformationen befindet. Ich kann mir nichts Spannenderes vorstellen. Und außerdem: Bist du schon mal G-Klasse gefahren? Nein? Das macht nach einem langen Arbeitstag noch mehr Spaß als der eben erwähnte SLC.

Wenn man sich mal so fragt, was man erreichen will im Leben, da habe ich beruflich eine Bucketlist. Viele Freunde von mir sagen immer, egal wo man dich reinwirft Conrad, irgendwie bist du immer erfolgreich – und das liegt an meinem Energielevel und an meinem Commitment.

Und ja, ich habe viel erreicht, habe Regie geführt, Firmen gegründet, einiges von null auf 100 aufgebaut, aber was ich nicht hatte war ein komplexes Unternehmen das weltweit tätig ist, in seiner Transformation zu begleiten. Und genau das wurde mir 2016 angeboten. Der damaligen Marketingchef Jens Thiemer kannte mich noch aus meiner Tape.tv-Zeit, wo ich Transformation schon mal im Kleinen, mit 120 Leuten und vier Millionen Nutzern durchgeführt habe. Und das hat dazu geführt, dass ich aus einem nicht skalierbaren Geschäftsmodell in Deutschland ein skalierbares in Europa gemacht habe.

„Unser Ziel ist es Digital Champion der Automobilindustrie zu werden“

Und das für ein großes Unternehmen wie Mercedes zu machen, hat mich gereizt. Unser Ziel ist es Digital Champion der Automobilindustrie zu werden. Am Ende unserer Transformation sind die Systeme klar, die Leute haben das Knowledge, wissen was agiles Arbeiten und End-to-End-Verantwortung ist. Das mache ich natürlich nicht alleine, da arbeiten sehr viele Leute dran. Es gibt riesige Programme bei Daimler wie „Leadership 2020“.

Das klingt alles sehr spannend, aber trotzdem musstest du doch bestimmt viele Freiheiten aufgeben, um dich in das Konzern-Konstrukt einzufügen? Was reizt jemanden, der so viel Freiheiten besessen hat in so ein Konzern-Konstrukt zu gehen?
Conrad Fritzsch: Ich habe viele Gespräche geführt, auch mit dem Vorstand. Schon damals war es in Ordnung, dass ich alle duze. Einmal bin ich im Sakko aufgetaucht und wurde gleich gefragt, was ich denn da tragen würde. Na, was alle tragen, habe ich geantwortet. Nur um zu hören, dass ich ja auch geholt wurde, weil ich eben kein Sakko trage. Und davon gibt es hier mittlerweile ganz schön viele Leute.

Mich reizt es bei einem der größten Kulturwandel unserer Wirtschaft dabei zu sein. Ihn mitzugestalten! Wie sieht ein neues Kultur- und Arbeitsmodel einer Firma aus, die eine Geschichte von über 130 Jahren mitbringt?  Und vor allem: Wie kann ein neues Kultur- und Arbeitsmodell wirklich implementiert werden – nicht nur auf PowerPoint – sondern es operativ umsetzen und zum Leben erwecken!? Das ist brutal spannend 🙂

Denn wenn du für Transformation verantwortlich bist, egal in welchem Bereich – bei mir ist es Marketing – dann brauchst du das Commitment deiner Führungskräfte und du brauchst das Commitment der Leute, die darunter arbeiten. Und bei Mercedes ist beides vorhanden. Du hast ein 100-prozentiges Commitment der richtigen Player. Das war wie ein Geschenk: Ein internationaler Konzern, der verstanden hat, dass wir uns verändern wollen.

„Mich reizt es bei einem der größten Kulturwandel unserer Wirtschaft dabei zu sein“

Woher hast du selber deine Überzeugungskraft für die Umsetzung der digitalen Transformation?
Conrad Fritzsch:
Ich selbst bin von den Chancen der digitalen Transformation überzeugt. Warum? Der wohl allgemeinste Grund dafür ist: Wir schenken Glück. Beispielsweise habe ich einen relativ vollen Terminkalender. Wenn bei mir ein Termin rausfällt und ich plötzlich eine Stunde Zeit habe für mich, dann empfinde ich Glück, da freu ich mir einen Loch in den Bauch. 

Wenn die Digitalisierung funktioniert, dann muss man sich nicht mehr mit all dem beschäftigen, was einfach nervt. Wer sitzt denn gerne fünf Stunden beim Einwohnermeldeamt oder fährt gerne zu einer Tankstelle? All diese Themen können durch die Digitalisierung viel schneller und effektiver gelöst werden. Willkommen auf der Sonnenseite des Lebens. 

Auf der Schattenseite steht natürlich der potenzielle Missbrauch von Daten. Unsere Gesellschaft hat immer noch nicht verstanden, uns und auch unseren Kindern beizubringen, mit Daten richtig umzugehen.

Wir brauchen Medienkompetenz. Wie gehen wir mit unseren persönlichen Daten um? Deshalb ist die Sicherheit von Kundendaten für uns oberste Priorität. Aber das ist nicht nur eine Aufgabe für Daimler, sondern muss in Schulen, in Elternhäusern und von der Regierung angegangen werden.

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Was bedeutet Digitalisierung für die Automobilbranche?
Conrad Fritzsch:
In diesem Zusammenhang steht vor allem etwas im Raum und das heißt: das nächste Level erreichen. Schaffen wir es als Automobilbranche, nicht irrelevant zu werden? Nach zwei Jahren bei Mercedes weiß ich, dass bei uns viele Leute in unterschiedlichsten Bereichen ein hervorragendes Know-How haben und die Firma das notwendige Funding aufbringt, um die Chance zu ergreifen, unsere Branche aufzuwirbeln. Es gibt wenige Beispiele insgesamt in der Historie, die sich selbst disrupted haben, etwa Netflix. 

„Schaffen wir es als Automobilbranche, nicht irrelevant zu werden?“

In der Automobilbranche ist der tiefgreifende Wandel vom Verkauf von Autos hin zu Mobilitätsservices schon ein sehr guter. Und wir haben bei Mercedes verstanden, dass wir jetzt dahingehend eine riesen Chance, ein riesen Asset, und eine riesen Aufgabe haben: Wir müssen unsere Kunden besser verstehen: Und da hilft uns die Digitalisierung.

Kannst du das detaillierter erläutern?
Conrad Fritzsch: Die Chance der Digitalisierung ist, dass wir unsere Kunden besser verstehen. Und dafür schätze ich Amazon, für diesen Kundenfokus, diesen von Jeff Bezos kreierten Begriff der „Customer Obsession“. Wenn ich heute am Samstag aufwache, dann kann ich per Knopfdruck meinen Einkauf bestellen – und eine Stunde später wird er geliefert. Das setzt neue Maßstäbe. Es reicht nicht mehr als Unternehmen neue Produkte zu entwickeln und in Makros zu testen, sondern du musst auf die Wünsche des Verbrauchers einsteigen und diese auf dein Angebot projizieren.

Bisher sind wir davon ausgegangen, dass Thorsten, der Autoverkäufer, die Kunden gut verstanden hat. Jetzt – also wenn wir das Thema Digitalisierung voll umgesetzt haben – können wir weltweit sehen, wer sich gerade für ein Auto interessiert, und wer eigentlich gerade nur von A nach B will. Was bedeutet das für die Zukunft?

„Du musst auf die Wünsche des Verbrauchers einsteigen“

Wenn ich deine Zukunft schaue, bestellst du deine nächste Autofahrt über Amazon?
Conrad Fritzsch: Wir verkaufen bereits seit einigen Jahren Fahrzeuge online. Was ich mir bei uns, für mich, wünschen würde, ist die perfekte Mobilitätslösung. Wir sind natürlich Autogeil, wir haben Benzin im Blut. Auf dieser Reise, auf der wir gerade sind, gibt es auf der einen Seite natürlich die Begeisterung Auto, aber es gibt eben auch diesen Wunsch: Ich möchte von A nach B. Und da hatte der Herr Benz vor 130 Jahren eine gute Idee, nämlich: Ich baue ein Auto. Die Frage ist, wie das in Zukunft aussieht. Ein Auto steht heute lange Zeit herum. Deshalb haben wir diese Piloten bei Mercedes, über die man privat sein Auto sharen kann, oder auf bestimmten Fahrten andere Personen mitnehmen kann. Ziel ist, dass weniger Autos auf den Straßen sind. Weil wir Mobilitätslösungen anbieten. Und wenn wir Digitalisierung nicht ernst nehmen würden, dann würden wir diesen Zug verpassen. 

„Das Plattformgeschäft ist in Zukunft der große Treiber“

Faszinierend finde ich auch die angestrebte Kooperation von Mercedes (car2go) und BMW in Sachen Carsharing.
Conrad Fritzsch: Wir haben verstanden, dass wir gemeinsam stärker sind. Und ja, das ist beachtenswert, dass zwei große Konkurrenten sich zusammentun, aber für den Kunden wird es einfacher. Und da ist sie wieder, diese Customer Obsession.

Die Frage ist wirklich, wenn wir Kooperationen eingehen, dann müssen wir verstehen, dass das Plattformgeschäft in Zukunft der große Treiber ist. Wenn man sich die großen erfolgreichen Konzepte anschaut, dann sind das in sich geschlossene Systeme wie Apple oder eben Plattformen, die verstanden haben zu kumulieren. Und das bauen wir im Mobility-Bereich. 

Dieses einfach ausprobieren ist ja nicht unbedingt Standard in vielen großen Konzernen. Vermisst du die Geschwindigkeit, die kurzen Entscheidungswege aus deiner Startup-Zeit?
Conrad Fritzsch: Das war bei Mercedes natürlich ein intensiver Prozess. Aber wenn der Konzern oben entscheidet, dass Geschwindigkeit extrem wichtig ist, dann ist das ein riesen Vorteil. Allerdings müssen wir als Automobilkonzern mit mehr Bedacht an das Thema herangehen.  

Wenn wir behaupten, dass beste Auto der Welt zu bauen, gleichzeitig aber über eine Fehlerkultur nachdenken, dann muss das natürlich übersetzt werden. Wir dürfen als Autobauer keine Fehler machen, denn wenn wir einen Fehler machen, gefährden wir Menschen. Das heißt, wir müssen genau sagen in welchen Bereichen wir agil arbeiten können und wo nicht.

„Aus der Begrenzung von klaren Vorschriften entstehen manchmal die besten Ideen“ 

„Fail fast“ bedeutet in meinem Team daher „learn forward“. Wenn die Leute in meinem Team etwas falsch machen, sage ich beim ersten Mal: „Toll, Danke!“ Beim zweiten Mal: „Sag mal, bist du eigentlich bekloppt.“ So einfach ist meine Welt. Wir müssen Fehler machen, aber wir müssen draus lernen. Wenn wir in Indien einen Fehler machen und diesen dann in einem anderen Land  umsetzen, dann verlieren wir dadurch enorm an Geschwindigkeit/Momentum. Wir streben in insgesamt 39 Ländern eine Transformation an, mit einem sehr globalen Team. Da müssen die Ziele extrem klar gesteckt und auch eingehalten werden, bis zu dem Extrem, dass du eigentlich gleich lassen kannst, was nicht gemessen werden kann. Dabei arbeiten wir in einem agilen Umfeld, was bedeutet, dass wir zwar die Ziele exakt definieren, aber nicht vorschreiben, was genau gemacht werden muss, um sie zu erreichen.

Corporate und Kreativität – wie passt das für dich persönlich zusammen? Muss man für ein großes Unternehmen wie Mercedes mit einer „Schere im Kopf” arbeiten?
Conrad Fritzsch: Nein, auf keinen Fall. Ich bin ja aus dem Osten. Meine Mutter war Designerin und das hat mir schon früh gezeigt, dass Beschränkung einfach positiv gesehen werden muss. Man darf nicht herangehen und danach suchen, was alles nicht geht und was man alles nicht darf. Aus der Begrenzung von klaren Vorschriften entstehen manchmal die besten Ideen. 

Na dann, guten Appetit. Und vielen Dank für das spannende Gespräch.