Die Carbon-Uhr tickt. Klimaforscher warnen seit Jahrzehnten, dass es für die Rettung unseres Planeten bald zu spät ist. Trotzdem passiert von vielen Seiten nichts und insgesamt zu wenig. Mit dem Rechtsruck der Gesellschaft wird auch die populistische Kritik an der Klimaforschung wieder lauter.

Für Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) mit Sitz in Berlin, nichts Neues. Erkenntnisse der Klimawissenschaft würden seit jeher angezweifelt. „Wir müssen der Öffentlichkeit kommunizieren, dass es einen Erkenntnisfortschritt gibt“, sagt Edenhofer. „Wir sind uns zum Beispiel sicher, dass der Mensch hauptsächlich für den Anstieg der globalen Mitteltemperatur verantwortlich ist. Wer das bestreitet, legt sich mit den drei Hauptsätzen der Thermodynamik an.“

„WER DEN KLIMAWANDEL BESTREITET, LEGT SICH MIT DEN DREI HAUPTSÄTZEN DER THERMODYNAMIK AN“ Ottmar Edenhofer, Direktor des MCC

Nach dieser Logik könne man genauso gut darüber diskutieren, ob die Erde nicht doch eine Scheibe sei, argumentiert er. Auf der Seite des Mercator Instituts gibt es einen Liveticker, der ausrechnet, wie lange wir noch so weitermachen können. Aktuell haben wir in rund 26 Jahren die maximale Menge an CO2 ausgestoßen, um die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu beschränken, wie Ende 2018 auf dem Weltklimagipfel in Katowice festgesetzt wurde.

Läge die Beschränkung weiter bei den noch 2015 in Paris geforderten 1,5 Grad Celsius, wäre unserCO2-Budget bereits in acht Jahren aufgebraucht. Angesichts der Tatsache, dass selbst Deutschland bisher alle gesetzten Klimaziele verfehlt hat, klingt das fast unmöglich, wird jedoch vonseiten der Wissenschaft dringend empfohlen. Denn wenn das Klima einmal kippt, gibt es kein Zurück mehr. Aber was bedeutet das eigentlich?

Wenn das Klima kippt

Die Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) haben errechnet, dass die Klimaveränderung an einigen Orten der Erde bald kritische Schwellenwerte erreichen wird. Werden diese überschritten, wird eine unaufhaltsame Kettenreaktion in Gang gesetzt. Ein Beispiel sind die Permafrostböden in Alaska, Nordkanada und weiten Teile Sibiriens. Hier liegen im ewigen Eis auf 23 Millionen Quadratkilometern gigantische Mengen abgestorbener Pflanzenreste begraben. Einmal aufgetaut würden bis zu 1.500 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt, also fast doppelt so viel, wie derzeit in der Erdatmosphäre vorhanden ist.

Mehr als 90 % DER KLIMAFORSCHER SIND ÜBERZEUGT, DASS MASSGEBLICH DER MENSCH DEN KLIMAWANDEL VERURSACHT Quelle: Die Zeit, 2018

Aber auch das Ökosystem unserer Ozeane, Gletschergebiete oder der Amazonas-Regenwald würden durch einen Temperaturanstieg so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht, dass dies die Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde sehr stark einschränken und weite Teile sogar unbewohnbar machen würde. Schon jetzt sind der Anstieg des globalen Meeresspiegels, die Abnahme von Schnee und Eis und die Veränderung des Wasserkreislaufs deutlich sichtbar.

Die Folgen sind Naturkatastrophen, vom Meer verschluckte Inseln und Küstenregionen, Hitzewellen, Bodenversalzung und Wassermangel. Nicht nur die Eisbären treiben hilflos auf einer einsamen Eisscholle in die ungewisse Zukunft, auch für uns Menschen wird der Lebensraum knapper werden. 2017 wurden 18 Millionen Menschen durch Extremwetterereignisse vertrieben. In den nächsten Jahrzehnten müssen wir uns auf eine noch gewaltigere Klimamigration gefasst machen. Die Weltbank rechnet bis zum Jahr 2050 mit zusätzlich 143 Millionen Binnenmigranten allein in Subsahara-Afrika, Lateinamerika und Südasien, zumindest wenn nicht entschlossen gegen den Klimawandel vorgegangen wird.

Ist der Klimawandel noch zu bremsen?

Laut einer Studie des Fraunhofer Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik könnte Deutschland etwa das Klimaziel für 2020 noch erreichen, wenn es die ältesten Braunkohle-Blöcke abschaltet, Wind- und Solarkraft wie im Koalitionsvertrag vereinbart ausbaut und Braunkohlekraftwerke, die älter als 20 Jahre sind, in ihrer Leistung drosselt. Auf internationaler Ebene könnte die Einführung einer verpflichtenden CO2-Besteuerung zum Einsparen von Emissionen motivieren, wie Wirtschaftswissenschaftler Axel Ockenfels erläutert.

Und natürlich ist es auch durchaus hilfreich, auf allen Ebenen Energie zu sparen. Um das Klimaziel einzuhalten zu können, sind alle gefordert. Die dringenden Empfehlungen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen lauten, die Erzeugung von Strom zu dekarbonisieren, also mehr regenerative Energiequellen, den Endverbrauch von Energie zu elektrifizieren und den Energiebedarf zu senken, etwa durch eine geringere Nachfrage an Land und treibhausintensiven Konsumgütern.

46 % ÜBER DEM VORINDUSTRIELLEN NIVEAU LIEGT DER KOHLENDIOXID-GEHALT IN DER ATMOSPHÄRE
Quelle: Weltwetterorganisation, 2018

Ideen und Lösungsmöglichkeiten werden dringend gesucht – und haben Potenzial. Laut Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit haben einige Untersuchungen errechnet, dass durch die digitale Transformation das Potenzial entsteht, den weltweiten Ausstoß von CO2-Emissionen bis 2030 um 20 Prozent zu reduzieren.

Chancen für Startups

Ein zusätzlicher wichtiger Bereich ist die Reduktion von Kohlendioxid, also die Speicherung beziehungsweise Umwandlung von bereits ausgestoßenem CO2, kurz Carbon Capture. Auch hier liegen enorme Chancen für junge Unternehmer. Der weltweit renommierteste Accelerator und Incubator Y Combinator hat sogar einen Aufruf an Startups speziell aus diesem Bereich gestartet. Gesucht werden Konzepte und Technologien, mit denen sich CO2 aus der Luft filtern und umwandeln lässt.

Denn alleine durch eine Emissionsreduzierung könne der Klimawandel nicht mehr rückgängig gemacht werden, ist auf der Website von Y Combinator zu lesen. „Wenn wir nicht bald handeln, kommen wir zu spät.“ Erste Startups und Unternehmen sind bereits mit neuen Technologien auf dem Markt. Lasst euch inspirieren.

Startups: Tech zum Durchatmen

440.000 MENSCHEN STERBEN ALLEINE IN EUROPA JÄHRLICH IN ZUSAMMENHANG MIT LUFTVERSCHMUTZUNG Quelle: WHO, 2018

92 Prozent aller Menschen weltweit atmen nach Angaben der WHO keine saubere Luft. Diese Erfindungen könnten das ändern.

Hawa Dawa

CO2-Tracker: Wie sauber ist die Luft in unseren Städten eigentlich wirklich?

Auf diese Frage will das Münchner Startup Hawa Dawa eine Antwort geben. Über ein Netz von Messstationen werden Daten zur Luftqualität gesammelt und dann entsprechend ausgewertet und visualisiert. Neben den realen Messwerten werden auch Wetter- und Verkehrsdaten mit berücksichtigt.

So können Städte und Kommunen genaue Vorhersagen treffen – und auf deren Basis saubere urbane Lebenswelten für die Zukunft planen. Aber auch Einzelpersonen können die Datenkarten von Hawa Dawa nutzen, etwa um auf dem Weg zum Büro beim Radfahren möglichst wenig Schadstoffe einzuatmen.

Branche: Cleantech, IoT
Für grüne urbane Räume: reale Messdaten zur Luftqualität
Gründer: Birgit Fullerton, Jannai Flaschberger, Karim Hesham Tarraf, Matthew Fullerton, Yvonne Rusche
Gründungsjahr: 2016
Sitz: München
Mitarbeiter: 20
hawadawa.com

Voller Energie: Das Team von Hawa Dawa. Foto: Hawa Dawa
Voller Energie: Das Team von Hawa Dawa. Foto: Hawa Dawa

SMOKE FREE TOWER - STUDIO ROOSEGAARDE

Visuelle Ästhetik für bessere Luft

Mit dem sieben Meter hohen Smog Free Tower haben Dean Roosegaarde und sein Team eine Art ästhetischen Luftstaubsauger für urbane Räume konstruiert. Mittels positiver Ionisationstechnologie können pro Stunde 30.000 Kubikmeter Luft gefiltert werden. Gleichzeitig sollen die grazilen Aluminium-Konstrukte inspirierende Räume für eine saubere Zukunft schaffen. Erste Smog Free Towers stehen in China, Polen und den Niederlanden. Ein erstes Smog Free Bicycle, das den Radfahrer mit sauberer Luft versorgt, wurde 2018 gelauncht. „Wahre Schönheit ist keine Louis Vuitton-Tasche oder ein Ferrari, sondern saubere Luft und saubere Energie“, so Gründer Daan Roosegaarde.

Branche: Tech und Architektur
Visuelle Ästhetik für eine gesunde, saubere Umgebung
Gründer: Daan Roosegaarde
Gründungsjahr: 2007
Firmensitz: Rotterdam
Mitarbeiter: 10–20; außerdem kollaboriert das Studio mit mehreren Universitäten und der NASA.
studioroosegaarde.net

Ästhetische Architektur für saubere Luft. Foto: Studio Roosegaarde
Ästhetische Architektur für saubere Luft. Foto: Studio Roosegaarde

Solaga

Algen als Luftfilter: Grüne Superkräfte für saubere Städte

Ziel von Solaga ist es, Städte natürlich grüner und die Luft sauberer zu machen. Dazu entwickelt und vermarktet das Berliner Startup auf Algen basierte Luftreinigungssystem. Die verwendeten Mikroalgen sind winzige Pflänzchen, die durch ihre hochkonzentrierte Photosynthese nur sehr wenig Platz in Anspruch nehmen.

Die von Solage entwickelten Mikroalgenbiofilme bestehen aus mehreren Schichten von lebenden Algen und können auf vielfältige Weise in den Raum mit eingeplant werden, etwa an Fassaden oder auch in Litfasssäulen. Die lebendigen Luftfilter gibt es übrigens auch für zu Hause, pflegeleicht in lüftungsaktiven Upcycling-Rahmen.

Branche: Cleantech, Biotech
Mikroalgenfilme als Luftreinigungssysteme
Gründer: Benjamin Herzog, Johann Bauerfeind
Gründungsjahr: 2017
Sitz: Berlin
Mitarbeiter: 10
Investoren: Crowdfunding, inno energy
solaga.de

Schön und effektiv: Die Mikroalgen-Filter von Solaga machen sich auch gut als Wanddekor. Foto: Solaga
Schön und effektiv: Die Mikroalgen-Filter von Solaga machen sich auch gut als Wanddekor. Foto: Solaga
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Josefine Köhn-Haskins
Josefine ist Redakteurin bei Berlin Valley. Sie hat für zahlreiche namhafte Tageszeitungen und Magazine geschrieben und war für 15 Jahre als Korrespondentin in den USA tätig. Von dort berichtete sie aus dem Silicon Alley in New York und über die Startup-Szene in Miami. Ihr Ziel ist es mit Geschichten die Welt ein bisschen besser zu machen.
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[…] die Verhandler, sich jetzt endlich mit der Wissenschaft zu beschäftigen, die für die Bekämpfung des Klimawandels essenziell […]

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[…] wir produzieren CO2. Und zwar viel zu viel davon. Lösungen, die darauf setzen, CO2-bedingte Luftverschmutzung so weit wie möglich zu vermeiden, zählen natürlich weiterhin zu den besten, reichen […]

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[…] ist es wichtig, dass auch beim Ausbau regenerativer Energien auf alle Interessensgruppen eingegangen wird – im Fall der Windenergie nicht nur […]