Ein Investment, auf das ein zweiter Blick lohnt

Wie so oft gab es auch im vergangenen Monat wieder viel Bewegung in der Startup-Szene. Und wie so oft nerven die Unternehmen, die eine nicht näher bezifferte x-stellige Kapitalspritze bekommen haben wollen und diese genauso nebulös publizieren. Da bleibt man als Redakteur doch lieber hinterm Ofenrohr. Doch es gibt auch Investments, die aufhorchen lassen: Im vergangenen Monat war dies bei der Finanzierung der Gesundheits-App Clue des Unternehmens BioWink der Fall.

Clue konnte bei der aktuellen Runde insgesamt zwei Millionen US-Dollar einsammeln – und zwar von einer bis dato einzigartigen Konstellation an Neugesellschaftern. Zu den – ohnehin schon zahlreichen – Gesellschaftern der ersten beiden Investitionsrunden (Björn Jeffery, Andreas Ehn und Sriram Krishnan, Christophe Maire, Joanne Wilson und Thomas Madsen-Mgdal), die zusammen bislang eine Million Euro in die App investiert hatten, gesellen sich nun Brigitte Mohn, die französische Arnault Gruppe, Dr. Kade, Sophia Bendz, Caroline Ingeborn, Alexander Ljung und Eric Wahlforss, Henrik Berggren und Hampus Jakobsson. Wir zählen also insgesamt 13 Einzelpersonen und zwei Unternehmen. Bereits nach drei kleinen Runden wohlgemerkt! Ist ein derart gestalteter Cap-Table wirklich sinnvoll? Oder hatten die Clue-Gründer keinen Erfolg, ihre App sauber bei einem Lead-Investor zu platzieren? Ein solcher wird jedenfalls nicht ausdrücklich genannt. Was könnte das Motiv oder gar die Strategie für eine derart impraktikable Gesellschafterstruktur sein? Schauen wir in einer Kurzanalyse genauer hin.

Medizinisches trifft humanitäres Interesse

Brigitte Mohn ist die Tochter des Bertelsmann-Gründers Reinhardt Mohn. Das Vermögen der Mohns wird auf 5,7 Milliarden Euro geschätzt. Die Familie lag im Jahr 2008 auf Platz sechs der Forbes-Liste der reichsten Deutschen. Geld spielt also keine Rolle. Die Affinität von Brigitte Mohn zu Clue ist klar ersichtlich: Sie ist nicht nur seit 2008 Mitglied des Aufsichtsrats von Bertelsmann, sondern seit 2002 auch Aufsichtsrätin der Rhön-Klinikum AG. Außerdem ist sie mit Thomas Kowallik verheiratet, der für McKinsey im Bereich des Gesundheitssektors und der Pharmaindustrie tätig ist. Kurz: Haken dran. Mohns Investment ist plausibel. Sie öffnet Clue im besten Fall Türen.

Ungewöhnlich ist dagegen der Einstieg der französischen Arnault Gruppe, immerhin Mehrheitsaktionär der LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton S. A. Der Inhaber Bernard Arnault ist der reichste in der Modebranche tätige Unternehmer weltweit und liegt im Forbes-Ranking mit einem Vermögen von 37,2 Milliarden Dollar aktuell auf Rang 13. Clue hingegen will Frauen helfen, den eigenen Zyklus zu verfolgen und ihren Körper besser zu verstehen. Der Bezug zu Luxusartikeln aus dem Arnault-Universum erschließt sich daher nicht. Die Zielgruppen sind völlig unterschiedlich. Hier gibt es keinerlei Anknüpfungspunkte. Klingt eher nach einem philanthropischen (Image-)Investment seitens Arnaults. Man darf nicht vergessen, dass Clue mit dem neuen Kapital auch Entwicklungsländer anvisiert. Zumindest wurde das mal erwähnt. Klingt ja auch gut. Und auf seiner Webseite verkündet LVMH, dass sich die Unternehmensgruppe auch humanitären Themen verpflichtet fühlt. Vielleicht hat der Investment-Manager von Arnault aber auch nur gelesen, dass allein in den USA in diesem Jahr rund 3,5 Milliarden Dollar in Gesundheits-Startups investiert werden. Vor diesem Hintergrund verwundert jedoch die eher kleine Finanzierungsrunde von Clue umso mehr. Warum das Kapital nicht einfach dort einsammeln, wo es verteilt wird – in den USA? Aber machen wir es kurz: Arnault passt nicht so recht ins Bild.

Will sich Clue als Big-Data-Player positionieren?

Ganz anders verhält sich die Konstellation beim dritten großen Investor im Bunde: Dr. Kade aus Berlin. Das auf Frauengesundheit spezialisierte Pharmaunternehmen verzeichnet einem Umsatz von circa 115 Millionen Euro. Hauptumsatztreiber sind die nicht verschreibungspflichtigen Medikamente zur Selbstmedikation (OTC). Keine Frage: An der Gesundheits-App besteht nachvollziehbares Interesse. Die weiteren fünf Personalien der aktuellen Runde klingen
eher nach Mini-Beteiligungen beziehungsweise Vorbereitung des Beirats.

Clue beschreibt sich als eine digitale Gesundheitsplattform für Frauen. Die App, die bislang für Android und iOS verfügbar ist, wurde seit dem Launch 2013 knapp zwei Millionen Mal heruntergeladen. Ein Hinweis auf der Webseite lässt bereits erahnen, dass sich das Unternehmen eher als Big-Data-Player positionieren will: „Wir entwickeln Services, die aus persönlichen frauen-spezifischen Gesundheitsdaten globale Erkenntnisse ziehen.“ Eine stärkere Beteiligung von Pharma-Unternehmen wäre deshalb logischer. Die aktuell eingeschlagene Investment-Strategie deutet in eine andere Richtung und könnte die naheliegenden Exit-Kanäle sogar verbauen. Man darf gespannt bleiben, wohin die Reise mit Clue geht.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 04/2015.

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