Christian, Du bist seit dreieinhalb Jahren bei Rocket Internet. Blickst Du wehmütig auf die Zeit zurück, als Du Dein eigenes Unternehmen hattest?

CHRISTIAN HARDENBERG: Es ist etwas Besonderes, keinen Chef über sich zu haben. Und ich hatte die perfekte Situation: Mir gehörten 80 Prozent der Firma und ich war Geschäftsführer. Ich hatte komplette Freiheit. Ich musste aber auch alles selber machen: Rechtliches, Finanzierung, Buchhaltung, Programmieren. Jetzt habe ich den großen Luxus, für die einzelnen Bereiche Experten zu haben. Bei Rocket ziehen wir international sehr gute Leute an. Alex Kudlich oder Johannes Bruder, das sind Menschen, mit denen ich extrem gerne zusammenarbeite, die ich für mein Startup aber nie gekriegt hätte.

Jetzt konzentrierst Du Dich auf die Technik?

CHRISTIAN HARDENBERG: Genau, ich konzentriere mich auf eine spezielle Aufgabe, dafür aber in viel größerem Maßstab. Wir haben allein bei Rocket in der Zentrale 250 Leute im Bereich Technik und Produkt, und dann bin ich ja auch verantwortlich für das Netzwerk der Firmen. Das Spannende ist, dass kein Tag vorhersehbar ist, weil es immer etwas Neues gibt.

Wir dachten, bei Euch läuft alles geplant ab. Ihr geht beim Ausrollen der Ventures doch ganz systematisch vor. Gibt es da viele Überraschungen?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wir machen etwa eine neue Firma pro Monat, das ist schon fast wie eine Fabrik. Es kommt ein Anruf von Alex Kudlich oder Oli Samwer: „Wir wollen das bauen.“ Und dann geht ein ziemlich absehbares System los, bei dem jeder mehr oder weniger weiß, was zu tun ist. Trotzdem ist jedes Business-Modell wieder neu. Es gibt viele Sachen, die sich wiederholen und die man übernehmen kann. Aber am Anfang muss man die richtigen Fragen stellen: In welche Länder gehen wir, was ist die technische Basis, wie kommen wir an den Kunden ran, wie bauen wir den Marktplatz auf? In den ersten Wochen macht man vielleicht die größten Fehler. Aber am Anfang ist es noch einfach, sie zu korrigieren, später wird’s dann immer teurer. Darum ist der Anfang immer eine intellektuelle Herausforderung.

„Wir machen etwa eine neue Firma pro Monat.“ Christian Hardenberg, CTO Rocket Internet Klick um zu Tweeten

Und später?

CHRISTIAN HARDENBERG: Der Aufbau neuer Firmen ist nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte ist, das ganze Netzwerk von Firmen zu unterstützen. Inzwischen sind es wahrscheinlich 100. Gestern hat mich der CTO von Traveloka aus Indonesien angerufen. Auch die haben schon über hundert Entwickler. Er wollte wissen, wie unsere anderen großen Companies ihre Tech-Organisation gestaltet haben. Das ist natürlich eine schöne Rolle, immer wieder Leute miteinander zu vernetzen.

Du bist für alle Ansprechpartner?

CHRISTIAN HARDENBERG: Genau, sagen wir mal, ich bin der Netzwerkknotenpunkt.

Bist Du an der Auswahl der Geschäftsmodelle beteiligt?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wir haben ein Team, das den Markt scannt und sich anschaut, wo wir investieren. Dann gibt es eine Runde, in der die Ergebnisse ausgewertet werden.

Und Du entscheidest, wie es gemacht wird?

CHRISTIAN HARDENBERG: Genau. Ich bekomme die Aufgabe: Baue Paypal für Asien oder Amazon. Wir müssen dann verstehen, wie Paypal oder Amazon intern funktionieren. Am Anfang haben wir überlegt: „Schaffen wir das, können wir wirklich ein Amazon bauen?“ Wir haben das dann Schritt für Schritt erforscht – Einkauf, Logistik, Zahlungsabwicklung, Kundendienst – und versucht, diese Probleme nacheinander zu lösen. Die Website ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

Aber Ihr habt ein Framework, auf das Ihr zurückgreifen könnt. Wie funktioniert das?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wir haben in der Vergangenheit die meisten Firmen auf unserer Plattform Alice gebaut. Das hat sich extrem bewährt. 25 Firmen weltweit nutzen Alice. Sie ist aber sehr stark auf E-Commerce ausgerichtet. Für viele neue Firmen wie Helpling oder Foodora war das nicht passend, und der Stand der Technik hat sich natürlich weiterentwickelt. Darum haben wir letztes Jahr eine neue Plattform namens Skyrocket gestartet.

Und was kann Skyrocket besser?

CHRISTIAN HARDENBERG: Skyrocket soll sozusagen die Firmen in den Himmel katapultieren. Das Framework bietet eine Lösung für alles, was gemeinsam ist, und das ist mehr als man denkt. Es liefert die Infrastruktur für jedes Venture, das wir jetzt bauen. Und natürlich haben wir die Chance genutzt, einige Dinge besser zu machen: Native-Cloud-Integration, Mobile First und von Grund auf auf Performance optimiert.

Ein Framework für alle – von Helpling bis Lendico?

CHRISTIAN HARDENBERG: Ja, außer es ist wirklich ein reiner E-Commerce-Shop, dann passt Alice noch. Aber das Neue ist flexibel und basiert auf dem Netzwerkgedanken. Es gibt ein Skyrocket-Team bei Rocket, das das Framework baut. Um das herum sitzen die Launch-Teams, die weitere Dinge einbauen. Wir haben zum Beispiel für Somuchmore das Subscription-Thema entwickelt. Das fließt dann in das gemeinsame Framework ein, sodass wir mit jedem Projekt die Plattform weiter ausbauen.

Das erhöht die Effizienz, vermindert die Fehlerquote, macht Euch schneller, oder was ist das primäre Ziel?

CHRISTIAN HARDENBERG: Das Hauptziel ist natürlich, noch schneller und günstiger zu werden, aber auch Fehler zu vermeiden, weil wir Dinge, die wir gelernt haben, in Code stecken können. Es gibt so vieles, das immer wieder gebraucht wird, und wir müssen damit nicht jedes Mal von vorn anfangen. Wir machen es einmal richtig gut. Ein Launch-Projekt ist Stress von Anfang bis Ende, in drei Monaten muss alles live sein. In dem Plattform-Projekt sage ich den Leuten, nehmt euch die Zeit, das richtig gut zu machen. Denn die Fehler, die wir dort machen, multiplizieren sich am Ende. Auch für die Entwickler ist es gut, wenn sie zwischen diesen Modi hin- und herwechseln können. Immer nur Launch, das ist ermüdend.

Gibt es Plattformen auch in anderen Bereichen?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wir machen auch spannende Sachen im Advertising. Wir bauen eine Rocket-Advertising-Plattform, mit der wir unser Marketing effizienter steuern und skalieren können. Wir setzten hier stark auf Automatisierung und entwickeln Algorithmen, die uns zum Beispiel in der Display-Werbung schlauer machen. Auch bei der Echtzeitnutzung von Verhaltensdaten bauen wir sehr spannende Dinge. Unser Datajet-System optimiert Suchergebnisse in Echtzeit und generiert automatische Produktempfehlungen – sogar mit Bilderkennung. Meine Vision von Rocket ist, eine Balance zu finden zwischen richtig schnellen guten Launch-Projekten und langfristigen Plattformprojekten, bei denen wir Werkzeuge bauen, die wir allen Firmen zur Verfügung stellen können. Wir haben ein ganzes Team dafür, das zum Beispiel die Werbung auf Facebook automatisiert. Ein einzelnes Startup kann sich so etwas nicht leisten. Aber wir machen das einmal und stellen es 20 verschiedenen Companies zur Verfügung, die sich die Kosten teilen. Dann macht es Sinn.

Du hast von dem großen Stress gesprochen, der in den Launch-Teams herrscht. Auf einer Konferenz hast Du den Zuhörern berichtet, dass Eure Entwickler relativ normal Feierabend machen. Das klang nicht so stressig.

CHRISTIAN HARDENBERG: Es gibt immer mal wieder Stresssituationen. Wenn wir ein Launch-Datum setzen, wird die ganze Firma daraufhin synchronisiert. Ein Launch-Datum ist heilig. Vielleicht wird es mal einen Tag verschoben. Aber wir können nur funktionieren, wenn wir uns daran halten, eine Firma in drei Monaten fertig zu kriegen. Sonst ufert das aus. Ich habe das bei Metaversum erlebt. Da haben wir Jahre gebraucht, bis der erste Kunde das Produkt benutzen durfte. Bei Rocket sind wir extrem schnell. Die besten Launch-Prozesse sind die, bei denen man am Tag davor um sechs Uhr abends nach Hause geht.

Arbeitet Ihr nach der Methode des Minimal Viable Product, also mit Produkten, die anfangs nur minimale Anforderungen erfüllen, oder bekommst Du da eine Gänsehaut?

CHRISTIAN HARDENBERG: Ich bekomme keine Gänsehaut, aber ich möchte andere Produkte, eher so etwas wie Maximum Viable Products. Wir müssen Produkte nicht erst einmal am Markt testen. Wenn wir starten, haben wir schon ein ziemlich hohes Vertrauen darauf, dass der Markt dafür bereit ist. Aber natürlich ist ein Tool nicht von Anfang an fertig. Der Markt zeigt uns, welchen Weg wir weitergehen.

Wie lange ist Rocket für ein Produkt verantwortlich, und ab wann ist es das Venture?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wenn wir alles bei Rocket behalten würden, wären wir irgendwann ein großer Konzern. Dann würden wir verlieren, was ein Startup ausmacht, nämlich dass die Verantwortung bei den Gründern liegt. Obwohl Rocket weiß, wie man ein Produkt launcht, möchten wir, dass die Gründer so bald wie möglich anfangen, das Steuer zu übernehmen. Das geht nur, wenn sie eigene Leute einstellen können. Deshalb fangen wir früh an, sie bei der Suche nach guten Leute zu unterstützen. Auch da kann Rocket eine große Hilfe sein. Denn ein Absolvent der WHU weiß oft nicht, wie er einen guten Entwickler findet. Wir interviewen sie für ihn und haben dafür unsere Qualitätsstandards.

Und wie funktioniert der Übergang von einem zum anderen Team?

CHRISTIAN HARDENBERG: Am Anfang sitzen die Teams zusammen. Da sitzt das Rocket-Tech-Team neben dem Company-Tech-Team, und Schritt für Schritt übergeben wir immer mehr Verantwortung. Das geht über ein bis zwei Monate. Dann ziehen wir uns raus und haben unseren Teil getan.

Wie viel Freiheit hat ein Gründer zu entscheiden, welche Leute er einstellen will?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wen er einstellt, ist seine Entscheidung. Er macht die Verhandlungen. Wir machen einen Qualitätscheck und haben ein Veto, zum Beispiel bei einem CTO. Ohne einen guten CTO kann sich ein Gründer langfristig alles verbauen.

Und wie ist das bei der Wahl der Technik?

CHRISTIAN HARDENBERG: Am Anfang macht es Sinn, dass wir mit unserer Erfahrung bestimmte Vorgaben geben. Aber mit der Zeit entscheiden das die Ventures. Es ist nicht so, dass ich denen verbiete, Sachen umzubauen. Das ist ihre Verantwortung.

Ist es später noch möglich oder sinnvoll, auf eine andere Plattform zu wechseln?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wenn man einmal alles in PHP gebaut hat, ist es relativ schwierig, alles mit Java nochmal neu anzufangen. Dann geht es eher um eine evolutionäre Veränderung. Aber wir machen uns natürlich viele Gedanken, warum wir eine Technologie einsetzen. Das Schöne bei Rocket ist ja, dass wir auf keine bestimmte Sache festgelegt sind, sondern bei jedem Launch etwas dazulernen und es beim nächsten Mal besser machen. Wir haben sehr geringe Wechselkosten von einem Venture zum nächsten.

Du sagst, der CTO ist eine entscheidende Position im Unternehmen. Gibt es genug gute CTOs?

CHRISTIAN HARDENBERG: Rocket ist eine Marke. Das merke ich, wenn ich Leute für Rocket interviewe. Ich frage immer, ob sie nicht auch Lust hätten für eines unserer Ventures zu arbeiten. Für die ist es natürlich sehr viel schwieriger, an die gleichen Personen ranzukommen. Wir haben dagegen ein Netzwerk, und die Leute wechseln oft innerhalb dieses Netzwerks. Einer kommt aus Singapur zurück, wo er Lazada gemacht hat, und möchte wieder nach Deutschland. Dann finden wir was für ihn. Wir haben einfach mehr Möglichkeiten als das einzelne Startup.

Ist das auch eine Frage des Geldes?

CHRISTIAN HARDENBERG: Das ist schon wichtig, aber ein Missverständnis möchte ich gern aufklären, nämlich dass Rocket so viel Geld hat und die Ventures anders dastehen als andere Startups. Unsere Ventures müssen auch effizient sein, und wir geben sehr klare Budget-Vorgaben. Wir zahlen faire Gehälter, aber es ist nicht unser Ziel, über dem Marktpreis zu zahlen.

Was muss ein guter CTO können?

CHRISTIAN HARDENBERG: Das Interessante an einem Startup ist ja, dass man mit ein paar Leuten anfängt und später sind es vielleicht 1000. Deswegen suche ich immer Leute mit viel Wachstumspotenzial. Ein guter CTO muss aber vor allem programmieren können, er muss ein richtiger Techie sein. Wir machen immer
 Coding-Tests, wir lassen keinen rein, der nicht weiß, wie man eine Datenbank optimiert. Ich denke, den Management-Teil kann man viel einfacher später noch lernen als die technische Basis. Wenn man die nicht mitbringt, dann kriegt man die später auch nicht mehr.

Was hast Du zuletzt programmiert?

CHRISTIAN HARDENBERG: Ich habe mich heute in den Server eingeloggt und ein Performance-Problem analysiert. Ich mache Sachen gern selber, sehr gern. Ich lese Bücher, ich probiere Sachen aus, ich lerne in jedem Interview etwas dazu.

Ihr beschäftigt ein internes Hacker-Team, was machen die?

CHRISTIAN HARDENBERG: Das sind echte Hacker, White Hat Hacker, das sind die guten. Wir geben ihnen den Auftrag, sich in die verschiedenen Systeme von Rocket und Rocket-Firmen einzuhacken.

Rocket-Firmen, keine anderen Firmen?

CHRISTIAN HARDENBERG: Nein, natürlich nicht. Sie spüren Sicherheitslücken in unseren Systemen auf. Wir laden dann das ganze Entwicklerteam ein, und die Hacker zeigen live auf dem Screen, wie sie reinkommen. Und in dem Moment macht’s dann Klick bei den Leuten, und sie verstehen, dass es doch wert ist, da ein bisschen mehr Zeit zu investieren. Sicherheit erfordert Aufwand und ist irgendwie im Weg, wenn man schnell sein will. Das ist der Konflikt, den wir bei Rocket haben.

Oliver Samwer hat neulich verkündet, dass Ihr jetzt alles auf Mobile First ausrichtet. Was bedeutet das für Euch?

CHRISTIAN HARDENBERG: Es macht die Sache aufwendiger. Wenn man das vor dem Launch machen möchte, dann ist der Launch wahrscheinlich doppelt so teuer. Man muss sich also überlegen, ob man den Aufwand von Anfang an betreiben will. Aber es gibt Geschäftsmodelle, die ganz anders funktionieren, wenn man sie mobile denkt. Das ist der Trick. Wir denken bekannte Sachen neu. Wie würde man Ebay heute als App machen? Man weiß wo der Kunde ist, kann mit ihm interagieren, er hat eine Kamera dabei und so weiter.

Und der Aufwand lohnt sich?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wir sehen es an den Zahlen, bei immer mehr Ventures geht der mobile Anteil sehr stark hoch. In mehreren liegt er deutlich über dem Web-Anteil – nicht nur beim Traffic, sondern auch bei den Bestellungen. In einem Venture ist der Web-Anteil auf 20 Prozent zurückgegangen. Das zeigt auch, dass man Geschäft verliert, wenn man nicht mobile ist. Aber man muss das Geschäft auch verstehen und es gut machen. Es reicht nicht, nur eine App zu bauen. Die wichtigste Erkenntnis für mich war, Mobile nicht als ein Department oder eine Funktion zu sehen, sondern als Teil der Entwicklung. Wir haben das Mobile-Team verteilt und jedes Launch-Team hat auch Mobile-Entwickler. Außerdem machen wir ein Cross-Training: Die PHP-Entwickler lernen jetzt auch App-Entwicklung. Es gibt keine funktionale Trennung, keine Silos mehr.

Wie messt Ihr, ob ein Startup auf dem richtigen Kurs ist oder nicht?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wir greifen diverse Zahlen direkt auf den Servern ab, um sie messen und aggregieren zu können. So können wir ein Benchmark erstellen und der Schlechteste kann sehen, wie weit er vom Besten weg ist. Und dann kann er anrufen und fragen, wie er vielleicht ein bisschen näher rankommt.

Das passiert auch?

CHRISTIAN HARDENBERG: Das passiert auch. Jeder kann sehen, wie er im Verhältnis zu den anderen steht, im technischen Bereich zum Beispiel bei Themen wie Uptime, Page Speed, Server Response Time und Crash Rates.

Worauf achtest Du am meisten?

CHRISTIAN HARDENBERG: Vor allem muss eine Seite verfügbar sein. Und dann muss sie schnell sein. In die Schnelligkeit stecken wir am meisten Energie rein. In vielen Ländern ist die Infrastruktur einfach nicht so gut. Wir machen diverse automatische Checks und haben einen Service, der an jedem Tag rund um die Uhr alle Webseiten – das sind hunderte – überwacht und sich sofort meldet, wenn’s irgendwo Probleme gibt.

Wie gut funktioniert der Wissenstransfer zwischen den Ventures?

CHRISTIAN HARDENBERG: Das Gute ist, dass wir fast keine Konkurrenz zwischen den Firmen direkt haben, weil sie regional separiert sind, wenn sie ein ähnliches Business-Modell verfolgen.

Strukturiert Ihr den Prozess der Wissensvermittlung?

CHRISTIAN HARDENBERG: Ich sehe Rocket als Familie von Firmen, und in jeder Familie hilft man sich gegenseitig weiter, wenn einer in Not ist, und so funktioniert das hier auch. Das fängt damit an, dass ich jeden CTO mitinterviewt und miteingestellt habe. Wenn ich dann ein halbes Jahr später anrufe und sage, kannst du mal jemandem bei einem Thema weiterhelfen, dann klappt das in der Regel auch. Es gibt aber auch strukturierte Sachen, zum Beispiel unser Tech Summit mit 350 Teilnehmern: Wir haben alle Tech-Leadership-Teams in die Alte Teppichfabrik geholt. Die Konferenz ging über zwei Tage, auch Leute von Google, Amazon, Facebook und Zalando waren dabei. Das war ein Event zum Wissensaustausch und zum Kennenlernen. Außerdem haben wir Mailing-Groups, die sehr gut funktionieren, in denen sich die Leute zu speziellen Themen austauschen, wie Security, Analytics, Business Intelligence. Und dann gibt es bei Rocket Experten für verschiedene Themen, zum Beispiel einen SEO-Experten, der alle SEO-Experten weltweit kennt und dafür sorgt, dass sie ihr Wissen teilen.

Was können Gründer von Rocket lernen, was hast Du gelernt?

CHRISTIAN HARDENBERG: Bei Rocket habe ich vor allem gelernt, ehrlich mit mir selbst zu sein. Wir haben hier eine Kultur, auf die Daten zu gucken und auf dieser Basis unsere Entscheidungen zu treffen. In einem Startup hat man seine Visionen und das kann ja auch gut so sein. Aber zum Beispiel in meinem Fall waren wir damit teilweise doch recht weit weg von der Realität. Hier sagen wir: Wir haben etwas Neues gelernt, also müssen wir unser Geschäftsmodell ändern. Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist das total befreiend.

Fehler zuzugeben fällt nicht allen leicht.

CHRISTIAN HARDENBERG: Es geht um Ehrlichkeit. Das fängt bei Oli Samwer an. Ich finde das großartig, dass auch er sagt: „I was wrong.“ Und er erwartet von jedem einzelnen, dass er seine Fehler eingesteht. Das ist der erste Schritt, um etwas zu lernen. Für ein Startup ist das extrem wichtig. Jedes Startup macht eine lange Phase von Experimenten durch, und 90 Prozent gehen wahrscheinlich schief. Mein Rat ist, sich immer wieder die Daten anzugucken und dann seine Entscheidung zu überdenken.

„Ich finde es großartig, dass auch Oli Samwer sagt: ‚I was wrong.‘“ Christian Hardenberg, CTO Rocket Internet Klick um zu Tweeten

Welche Leute sucht Ihr bei Rocket?

CHRISTIAN HARDENBERG: Wir suchen über die ganze Bandbreite vom CTO bis zum Praktikanten. Vom Typ her suchen wir Leute, die gern Verantwortung übernehmen und etwas Großes bewirken wollen. Die Programmierer sollen mitreden und mitdenken, auf Augenhöhe mit den Gründern sein. Vielleicht sind wir nicht immer die Allerinnovativsten und wir machen keine Atomphysik. Bei meinem letzten Startup hat mich die extrem komplexe Aufgabe motiviert. Aber am Ende habe ich den Server abgeschaltet. Es ist mir wichtiger, etwas zu machen, das Millionen Menschen benutzen, als etwas, das akademisch erfolgreich ist.

Und wie viele Leute braucht Ihr gerade?

CHRISTIAN HARDENBERG: Meine Prämisse ist: Wir nehmen jeden, der gut ist. Es ist wirklich so.

Das Gespräch führten Jan Thomas und Corinna Visser. Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 06/2015

Christian Hardenberg CTO Rocket Internet Chief Technology Officer Startup Company Builder Start-Up Berlin Gründerszene

Christian Hardenberg

ist Global CTO bei Rocket Internet. Zuvor gründete er mit anderen die Firma Metaversum, die die 3D-Onlinewelt Twinity betreibt. Der 40-Jährige hat an der TU Berlin Elektrotechnik und BWL studiert und war Berater bei BCG und McKinsey.

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