Chancen und Herausforderungen: Diese für ein Unternehmen korrekt zu analysieren ist eine Kunst, die der Investor und langjährige SAP-Hybris-Geschäftsführer Carsten Thoma und Celonis Co-CEO Alexander Rinke perfektionieren wollen. Warum das ohne eine gute Datenauswertung heute fast unmöglich ist, erklären die beiden im Interview.

Kunden werden nicht mehr wie früher darüber nachdenken, Systeme zu ersetzen, sondern diese effizienter zu gestalten.

Carsten, du hast mehr als 20 Jahre Geschäftserfahrung und mit SAP Hybris ein Unternehmen vom Startup hin zum erfolgreichen Marktführer entwickelt. Was hat sich während dieser Jahre hinsichtlich der Strukturen verändert?

Carsten Thoma: Tatsächlich hat sich nahezu alles geändert. Es fängt an mit der Art und Weise, wie wir mit Prozessen und Veränderungen umgehen. Damals wurde dies rein mit Beratern betrieben, in langwierigen Analysen. Wir hatten nicht die technologischen Mittel und Kapazitäten, wie sie heute etwa Celonis bietet. Und ich denke, dass wir da immer noch an der Oberfläche kratzen. Es wird ja heute alles digitalisiert, vom Front Office bis zum Order-Management im B2B. Wenn man sich anschaut, was Kunden heute mit der Technologie machen, da gibt es noch viel Potenzial. Kunden werden nicht mehr wie früher darüber nachdenken, Systeme zu ersetzen, sondern diese effizienter zu gestalten. Und da stehen  wir erst am Anfang.

Celonis Software automatisiert das Assessment

Wie genau nutzt ihr diese Potenziale, Alexander?

Alexander Rinke: Carsten hat es ja schon angesprochen. Unser Ansatz ist es, die Organisation digital zu scannen und so datenbasiert zu bestimmen, wo sich das Unternehmen verbessern kann, etwa hinsichtlich von Supply Chain, Order Management oder auch Backoffice Prozessen. Tagtäglich werden in einem Unternehmen Millionen von Kundenaktionen gespeichert. Mit der Intelligenz, die wir aufbauen, scannen wir in kurzer Zeit alle Aktionen und haben damit detaillierte Einblicke in die Prozesse eines Unternehmens. Jedes Event – Siemens hat etwa über 1 Milliarde pro Tag – wird in unsere Datenbank aufgenommen und ausgewertet. Ziel von Celonis ist es, Unternehmen auf Datenbasis intelligenter zu machen. Unsere Software automatisiert das Assessment. So kann man auf Knopfdruck sehen, wo Prozesse schief laufen, auf Wertschöpfung bestehen und Transparenz erhalten.

Ziel ist es, Unternehmen auf Datenbasis intelligenter zu machen. 

Datenbasierte Analysen sind in der Tat spannend und interessant, aber die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, muss das nicht doch ein Mensch machen?

Alexander Rinke: Das ist richtig, ich glaube aber auch, dass es Prozesse gibt, die sich auf Basis der Analyse selbst optimieren können, etwa bei Planlieferzeiten. Die Automatisierung wird in immer weitere neue Geschäftsfelder hineinreichen. Der Mensch kann sich dann mehr auf wertschöpfende Aufgaben konzentrieren.

Uns ist es wichtig, Unternehmen eine Lösung an die Hand zu geben, die schnell einen großen Mehrwert erzeugt. Celonis hat viele große Kunden, hierbei ähneln sich Fragestellungen und Probleme häufig. Deshalb haben wir vor drei Jahren damit angefangen, Use Cases zu sammeln: Was sind die klassischen Probleme in einem Lieferantennetzwerk? Wie sieht es aus mit der Produktionsplanung? Wo sind die größten Durchlaufzeiten, wo verliere ich die meiste Zeit?

Wir bieten sozusagen eine Content-Plattform mit fertigen Applikationen. Darauf basierend werden Lösungsvorschläge entwickelt, auf die man als Kunde direkt zugreifen kann, quasi wie ein Kochbuch – mit Rezepten zu allgemeinen Themen.

Die Kombination von Daten und BWL wird selten gelehrt

Wo genau liegt dann die Aufgabe für den Mensch an sich?

Alexander Rinke: Es gibt bestimmt Bereiche, in denen  der Mensch nicht weiter ersetzt werden kann, etwa im Customer Service. Allerdings wird es auch hier immer wichtiger, dass bereits in der Ausbildung vermittelt wird, wie man mit Automatisierungsprozessen umgeht. Wir trainieren unsere Data Scientists sehr gut, auch in Sachen Statistik und anderen Verfahren. Bewerber sind ja oft sehr gut darin, Businessprobleme zu verstehen. Aber die Kombination von Daten und BWL wird selten gelehrt. In Zukunft wird es immer wichtiger werden, sich darauf einstellen zu können, dass Daten zunehmend Teil unseres Lebens und unserer Geschäftskultur sind.

Gibt es auch positive Beispiele?

Alexander Rinke: In Holland gibt es einen kompletten Campus, an dem  nur Data unterrichtet wird. Und auch wir kooperieren mit Technischen Universitäten und sind unter anderem an einem Masterstudiengang in Data Science beteiligt Wir bieten Kurse und Seminare an, sponsern und kooperieren mit Lehrstühlen, Achieve Centers, und im Bereich Data Science und Mining auch mit dem Niederländischen Professor Wil van der Aalst, der im Januar diesen Jahres einen eigenen Lehrstuhl für Process und Data Science an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen bekommen hat.

Wie steht ihr zum Thema Datensicherheit?

Alexander Rinke: In dieser Hinsicht haben wir einen echten Wettbewerbsvorteil gegenüber US-Unternehmen, denn eine enge Datenkontrolle basiert bereits auf unserer Gründungsgeschichte. Wir waren 2011 als Studenten in einem Projekt zwischen dem Bayerischen Rundfunk (BR) und der Technischen Universität (TU) involviert – und zwar über die Akademische Studentenberatung. Der BR wollte seinen Internetbereich verbessern. Natürlich hatten sie auch etablierte Berater angeheuert, wollten aber frische Ideen reinbringen. Im Laufe des Prozesses haben wir festgestellt, dass es schwierig ist, die nötigen Daten zu bekommen, um unsere Fragen hinsichtlich der Organisationsanalyse zu beantworten. Noch dazu waren wir sehr schlecht darin, die nötigen Informationen zu beschaffen – wir hatten ja keine Ahnung von Interviewtechniken und ähnlichem.

Es ging auf einmal nicht mehr darum, welche Probleme das Unternehmen hat, sondern darum, wie diese Probleme gelöst werden können.

Aber im Grunde haben wir gesehen, dass der BR ein Ticketsystem hat, auf dem alles gespeichert wird. Da hatten wir die Idee Prozess-Bilder davon zu erzeugen und haben diese dann den Führungskräften gezeigt. Wir haben sie katalogisiert, ausgedruckt und dann mit den Kategorie- und Prozess-Bildern den Konferenzraum tapeziert.

Das Spannende war, dass sich in den Führungsriegen dadurch auf einmal ein kollaborativer Geist gebildet hat. Es ging auf einmal nicht mehr darum, welche Probleme das Unternehmen hat, sondern darum, wie diese Probleme gelöst werden können. Und damit sind wir dann zu anderen Rundfunkanstalten.

Mittlerweile seid ihr auch in den USA? Gibt es Learnings, die ihr mit uns teilen könnt?

Alexander Rinke: Die meisten Leute sehen die USA einfach als weiteren Vertriebsstandort, an dem sie ein bisschen Sales machen, und schaffen es nicht, sich an die Unternehmenskultur in den USA anzupassen. Der Erfolg aus Deutschland interessiert in den USA herzlich wenig. Damit muss man umgehen, und selbstbewusst sein.

Engineering ist eine Stärke aus Europa

Carsten Thoma: Es gibt kulturelle Unterschiede aber auch Attribute, in denen sich der Markt anders gestaltet: Das Produktmarketing ist in den USA viel stärker ausgeprägt, Engineering ist eine Stärke aus Europa. In Europa kann man sich in Teilmärkten verstecken, in den USA ist der Markt homogen. Hier wird mehr Kundennähe gesucht. Die Kunden vergleichen mehr, damit steigt der Druck auf die Anbieter. Und da helfen nicht nur technische Argumente, da muss man dokumentieren, dass man die Kunden versteht, das in eine kompetitive Message packen und den Mehrwert gut herausstellen. Kurz: Man muss bereit für den Wettbewerb sein.

Inwiefern ist die Partnerschaft mit Hybris von Bedeutung?

Alexander Rinke: Carsten hat uns auf unserem Weg zu einem Enterprise-Software Unicorn begleitet – und ist natürlich ein super Mentor, gerade was unsere globale Expansion angeht. Wenn ich nicht in den USA erfolgreich bin, bin ich einfach kein wichtiges Softwareunternehmen.

Carsten, diese Frage geht an dich: Warum hast du in Celonis investiert?

Carsten Thoma: Ich bin bereits seit einigen Jahren  als Startup-Advisor und Investor aktiv, seit meinem Weggang von SAP im Jahr 2017 hauptberuflich und in Vollzeit.. Dabei habe ich natürlich nach der nächsten großen Geschichte Ausschau gehalten und bin schnell .auf Celonis gestoßen. Das noch junge Unternehmen ist eine echte Herzensangelegenheit für mich, das Potenzial ist enorm und es gibt viele Parallelen zu Hybris, damals ja eine der größten Enterprise-Technologien. Celonis hat heute mit seiner Technologie die außergewöhnliche Gelegenheit, Unternehmen grundsätzlich zu verändern und ich finde es extrem spannend, Teil des Teams zu sein und die weitere Entwicklung zu begleiten.

Celonis Alexander Rinke 1 - Celonis steigt zum Unicorn auf: Ein Interview zu den Bausteinen des Erfolges

Bio Alexander Rinke
Alexander Rinke hat in München und Paris Mathematik studiert. Nach Tätigkeiten bei der Münchener Rück in München und Hong Kong und einem Algorithmic Trading Fonds gründete er gemeinsam mit zwei ehemaligen Kommilitonen 2011 Celonis – eines
  der am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen Deutschlands, das sich auf die neuartige Big-Data-Technologie Process Mining spezialisiert hat. Dort verantwortet er heute als Co-CEO die Aktivitäten in Nordamerika.

Bio Carsten Thoma
Carsten Thoma gründete 1997 mit seinen WG-Mitbewohnern das Startup Hybris, das er zu einem Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen ausbaute und 2013 an SAP verkaufte.
Bis 2017 war Thoma Präsident von SAP Hybris und entscheidend für den erfolgreichen Paradigmenwechsel der SAP bei der Neudefinition des Front-Office und der Revolutionierung der Cloud-Lösung. Die Lösungen von SAP Hybris ermöglichen es Unternehmen bis heute, Kunden zu gewinnen, zu halten und den Kundenstamm auszubauen. Heute gibt er sein Wissen als Berater und Investor weiter.

Carsten Thoma - Celonis steigt zum Unicorn auf: Ein Interview zu den Bausteinen des Erfolges
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