Langenfeld unterscheidet sich in einem Punkt erheblich von hunderten anderen deutschen Städten: „Seit 2008 sind wir schuldenfrei“, sagt Bürgermeister Frank Schneider. Es sind Fakten wie diese, die das Kölner Auditorium des „Dialogs NRW“ (veranstaltet von Heuer Dialog) neugierig machen auf die Stadt im Rheinland.

„Wir wollen Modellstadt werden“

Rund 60.000 Einwohner leben in diesem Mittelzentrum, das man auch eine „Sandwichstadt“ nennen könnte. So bezeichnet die Handelsberatung BBE Städte, die von zwei Oberzentren erdrückt werden. In dem Fall eben von Köln im Norden und Leverkusen im Süden.

Future Retail City

Frank Schneider ist seit 2009 Bürgermeister der Stadt Langenfeld. (Bild: Frank Schneider)
Frank Schneider ist seit 2009 Bürgermeister der Stadt Langenfeld. (Bild: Frank Schneider)

Bürgermeister Schneider wirkt aber nicht wie ein Mann, der eine Stadt regiert, die erdrückt wird. Im Gegenteil, Langenfeld hat Großes vor. „Wir wollen Modellstadt werden“, sagt Schneider. Es geht dabei um Einzelhandel, „Future City Retail“ wird das Programm entsprechend genannt. Und die Zukunft besteht aus Vernetzung von Citymanagement, Handel, Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung. Es geht nicht nur um Einzelhandel, „sondern auch um Freizeitgestaltung“, betont Bürgermeister Schneider. Motto: Wenn die Stadt lebenswert ist, dann kommen die Menschen automatisch hierher zum Einkaufen.

Was heißt das jetzt praktisch? Es gibt Leerstands-Management auf der einen Seite. Auf der anderen richten die Langenfelder Stadtwerke WLAN in der City ein. Zudem wurde die Zahl der Parkplätze um 300 auf nunmehr 1.600 erweitert – alle kostenfrei in der ersten Stunde, wohlgemerkt. Digitalisierung ist auch in Langefeld das Wort der Stunde. Händler sollen auf dem Weg dorthin begleitet und gefördert werden. Etwa mit neuen Projekten wie „Window Shopping“ und Google Local Inventory. Bei „Window Shopping“ wird im Schaufenster eines Modegeschäfts ein Monitor aktiviert, auf dem die aktuelle Kollektion gezeigt wird. Die Kunden werden animiert, den angezeigten Barcode mit dem Smartphone zu scannen, um sich mit dem Bildschirm zu verbinden. Alle Teile der ausgewählten Kollektion werden dem Kunden auf seinem Smartphone angezeigt. Der Kunde wird aktiviert, während der Öffnungszeiten den Laden erneut zu besuchen und bekommt einen Gutschein, mit dem er einen personalisierten Rabatt für den nächsten Einkauf erhält.

Neue Wege gehen

Bei Google Local Inventory geht Langenfeld gar deutschlandweit neue Wege. Denn ein Händler für Strick- und Häkelwaren ist angeblich der erste eigentümergeführte Betrieb, der bei diesem Google-Service gelistet wird. Dabei ermöglicht der Internet- und Technologiegigant kleinen, lokalen Läden ihr Sortiment direkt in den Produktanzeigen zu platzieren. Und noch mehr ist geplant. Etwa die „White Box“. Das soll ein Ladenlokal in der Innenstadt sein, das quasi zum digitalen Pop-up-Store umfunktioniert wird, um entsprechende Konzepte und Produkte zu präsentieren. Bürgermeister Schneider stellt sich vor, dass hier alle zwei Monate etwas Neues ausgestellt wird.

„Die Innenstadt verschweigt, was sie hat“

Die „Future City Langenfeld“ ist so wegweisend, dass das Land Nordrhein-Westfalen dafür 200.000 Euro Fördergeld spendierte im Rahmen des Landesprogramms „Digitalen und stationären Einzelhandel zusammendenken“. Neun weitere Städte in NRW werden ebenfalls vom Land gefördert. Denn ohne Digitalisierung werden es Handelsbetriebe künftig schwer haben, und ohne den Handel werden es Städte schwer haben.

Faktor Attraktivität

Volker Hillebrand leitet das Stadtmarketing der Stadt Hilden. (Bild: Stadtmarketing Hilden)
Volker Hillebrand leitet das Stadtmarketing der Stadt Hilden. (Bild: Stadtmarketing Hilden)

Die Digitalisierung betrifft ja nicht nur ein Warenwirtschaftssystem, sondern auch die Sichtbarkeit des Angebotes. „Die Innenstadt verschweigt, was sie hat“, sagt etwa Volker Hillebrand, Stadtmarketingchef von Hilden. Was er damit meint? Dass ein Internetnutzer viel schneller bei Amazon oder Otto Orientierung findet, als beim Handel vor seiner Haustür. Dass Hillebrand als oberster Werber für Hilden viel richtig macht, lässt sich an der Studie des Instituts für Handelsforschung (IFH) ablesen. Denn bei der Suche nach den attraktivsten Innenstädten Deutschlands liegt Hilden auf Platz eins in der Kategorie der Städte 50.000 bis 100.000 Einwohner. Für die Stadt sprechen dabei die gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Auto, das Ambiente sowie, nicht überraschend, das gute Einzelhandelsangebot, was letztlich der entscheidende Faktor für die gute Platzierung ist. Dass Hilden damit vor vielen anderen Städten liegt, ist umso überraschender, da die Stadt bundesweit nicht gerade bekannt ist für Sehenswürdigkeiten oder touristische Attraktionen. Aber viele Feste und Märkte sorgen offenbar für Anziehungskraft.

Mehr als 40 Prozent der für die IFH-Studie Befragten gaben an, dass ihre Besuche in der Hildener Innenstadt mehr als zwei Stunden dauern würden. Das ist ein erstaunlicher Wert und belegt die Forderung des Langenfelder Bürgermeisters Schneider, wonach der Handel einer Stadt eben nur dann stark sein kann, wenn die Menschen in dieser Stadt auch gerne ihre Freizeit verbringen. In Langenfelds Innenstadt veranstalten sie daher fast alle drei Wochen Feste.

Nur Kulisse ist zu wenig

Was sind eigentlich die anderen attraktiven Innenstädte Deutschlands? Leipzig liegt in der Kategorie über 500.000 Einwohner vorne, Erfurt in der Kategorie 200.000 bis 500.000 Einwohner. Außerdem führen Heidelberg (100.000 bis 200.000 Einwohner), Wismar (25.000 bis 50.000) sowie Quedlinburg (bis 25.000 Einwohner).

Wie bewerte Besucher Innenstädte? (Bild: IFH Köln)
Wie bewerte Besucher Innenstädte? (Bild: IFH Köln)

Sechs Städte, drei aus dem Westen, drei aus dem Osten Deutschlands – eine faire Verteilung. Wobei bei Wismar und Quedlinburg der hohe touristische Wert erheblichen Einfluss auf die jeweilige Anziehungskraft haben dürfte. Die alte Hansestadt Wismar, wo das Stammhaus von Karstadt steht, ist architektonisch genauso faszinierend wie Quedlinburg nördlich des Harzes, das mit seinem historischen Stadtkern gar zum Welterbe der Unesco zählt. Doch die schöne Kulisse reicht nicht, um eine Stadt attraktiv zu machen. „Gefordert sind ganzheitliche und kontinuierlich angepasste Konzepte für eine standortbezogene Langfriststrategie, die nicht an der Stadtgrenze endet“, sagt IFH-Geschäftsführer Boris Hedde. Er fordert den Schulterschluss von Immobilienbesitzern, Händlern und Kommunalverantwortlichen. „Doch schon dies zu erreichen, stellt eine Herausforderung dar.“

In Langenfeld können sie darüber nur lächeln. Dort ziehen längst alle an einem Strang, unterstützt sogar von der Technischen Hochschule Köln. Und wer keine Schulden hat, der kann ohnehin seine Zukunft viel leichter planen.

Zuerst erschienen in Digital Commerce.

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