Am 24. September 2017 ist Bundestagswahl. Wir haben Gründer gefragt, welche für Startups relevante Themen sie auf der politischen Agenda der neuen Bundesregierung sehen wollen und welche politischen Maßnahmen sie sich speziell für Startups in ihrer Branche wünschen. Mehr Investitionen in Bildung ist eine der am häufigsten genannten Forderungen. Im ersten Teil äußern sich Johannes Reck (Mitgründer, Getyourguide), Tilo Bonow (Gründer, Piabo) und Kristofer Fichtner (Mitgründer, Thermondo).

„Prozesse sind komplett offline und antiquiert“

Johannes Reck, Gründer von Getyourguide

In meinen Augen gehören die folgenden vier Punkte auf die politische Agenda:

Johannes Reck, Gründer von Getyourguide (Foto: Getyourguide)
Johannes Reck, Gründer von Getyourguide (Foto: Getyourguide)

Erstens: standardisierte Stock-Option-Programme zur Mitarbeiter-Incentivierung wie in den USA. Mitarbeiter in Deutschland werden wegen der schwierigen Rechtslage und hohen Steuern deutlich weniger über Anteile incentiviert als in den USA. Dies erschwert das Rekrutieren von Top-Talenten aus den USA, Israel oder anderen Ländern mit erstklassigen Technologie-Talenten.

Zweitens: gezielte Investitionen in Hochschulen und Technologietransfer. Es gibt einen akuten Fachkräftemangel bei hochqualifizierten Arbeitskräften und aktuell müssen diese Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden. Dies ist sehr kostenintensiv und langwierig für deutsche Technologieunternehmen. Ebenso verfügt Deutschland über eine sehr dezentrale universitäre Struktur. Unsere Internet-Cluster sind zu weit entfernt von der RWTH Aachen, dem KIT oder der TU München. An den Universitäten ist der Anteil der Gründungen pro Student nach wie vor sehr viel niedriger als am MIT, Stanford oder der ETH Zürich.

Drittens: eine 100-prozentig digitalisierte Verwaltung für Bürger und Unternehmen. Sowohl für die Bürger als auch die Unternehmen sind jegliche Prozesse mit den Behörden, seien es Meldeprozesse, Unternehmensgründungen und/oder Finanzierungen, ein sehr kostspieliger und oft aufwendiger Papierkrieg. Die Prozesse sind komplett offline und antiquiert. Es müssen digitalisierte Lösungen geschaffen werden.

Viertens: fairer Wettbewerb im Netz. Die Datenhoheit im Netz liegt in der Hand von wenigen Unternehmen. Aktuell liegen mehr als 80 Prozent aller Daten in der Hand von sehr wenigen Firmen (Google, Facebook, Amazon, Alibaba, Tencent), die allesamt aus den USA oder China kommen. Die Daten dieser Firmen sind für deutsche Unternehmen nur sehr bedingt zugänglich. Zusätzlich bezahlen diese Unternehmen in Europa kaum Steuern und umgehen unsere Datenschutzgesetze. Dies führt zu einer zusätzlichen Verzerrung des Wettbewerbs. Hierfür muss es Lösungen geben.


„Offenheit gegenüber neuen Geschäftsmodellen“

Tilo Bonow, Gründer von Piabo

Tilo Bonow, Gründer von Piabo (Foto: Piabo)
Tilo Bonow, Gründer von Piabo (Foto: Piabo)

Die Politik sollte sich nicht operativ einbringen, allerdings gewisse Rahmenbedingungen für Startups sicherstellen. Eine passende Infrastruktur ist meiner Meinung nach viel wichtiger, als Micro-Management. Das bedeutet beispielsweise: Verfügbarkeit bezahlbarer Büroflächen. Außerdem ist eine gewisse Offenheit gegenüber neuen Geschäftsmodellen wichtig. Speziell für Startups wünsche ich mir das Tech-Visum nach französischem Vorbild. Damit wird internationalen Tech-Talenten die Möglichkeit gewährt, schnell eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten.


„Verflechtung zwischen Unternehmen und Startups fördern“

Kristofer Fichtner, Mitgründer von Thermondo (Foto: Thermondo)
Kristofer Fichtner, Mitgründer von Thermondo (Foto: Thermondo)

Kristofer Fichtner, Mitgründer von Thermondo

Wir brauchen mehr Investitionsanreize für ökologisch relevante Startups. Insbesondere frühphasigen Startups fällt es schwer, ohne einen starken Lead-Investor Co-Investoren zu finden. Dabei können Startups als wertvolle Partner für die etablierten Unternehmen fungieren und Innovationen vorantreiben – und dadurch dafür sorgen, dass die gesamte deutsche Wirtschaft wettbewerbs- und zukunftsfähig bleibt. Die Verflechtung zwischen den etablierten Unternehmen und den Startups muss von der Politik gefördert werden. In unserer Branche ist beispielsweise die Öffnung der Schnittstellen seitens der Hersteller wünschenswert, um Dienstleistungs- und Produktpakete sinnvoll verknüpfen und anbieten zu können. Darüber hinaus ist es begrüßenswert, dass die Politik sich stark für die Energiewende einsetzt, jedoch gibt es in diesem Bereich enorme Potenziale zur effizienteren Verteilung der zur Verfügung gestellten Mittel. Allein der Bürokratieabbau beim Abrufen von Fördermitteln für Sanierungen wäre ein enormer Fortschritt.


Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 24

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