Unternehmen aus Industrie und Wirtschaft sind auf der Suche nach Instrumenten, um Effizienzsteigerungen zu fördern und Kosten zu minimieren. Die Blockchain-Technologie fesselt unsere Vorstellungskraft dabei mehr als jede andere. Die Unternehmensberatung Gartner hat die Blockchain im Jahr 2017 erstmals in ihre populäre Trendstudie “Gartner Hype Cycle” aufgenommen. Die Technologie ist auf dem Sprung zum Massenphänomen, obwohl vielen ihre disruptive Energie noch schwerfällt. Dabei ist es eigentlich ganz einfach.

Die Blockchain-Technologie ist stark vereinfacht ein dezentral geführtes Verzeichnis. Tausende Kopien liegen auf Computern weltweit. Aufgabe dieses Verzeichnisses ist es, Transaktionen zu validieren. Die geläufigsten Transaktionen sind derzeit das Senden und Empfangen von Geldbeträgen: Dabei speichert die Blockchain alle relevanten Daten wie Höhe, Auftraggeber oder Empfänger und sendet diese zur Validierung an die Computer, die ihrerseits Kopien der Datenbank besitzen. Dort wird geprüft, ob die Transaktion den Kriterien der Kopien entspricht und auf ihnen auf- baut. Es ist, als würden hunderte Zeugen bei einer Geldübergabe die Einhaltung aller Bedingungen bestätigen. Anschließend erfolgt die automatische Autorisierung. Für all diese Schritte benötigt die Blockchain weder Banken noch zentral geführte Unternehmen. Jede neue Transaktion ergänzt die Einträge der Datenbank, die anschließend unveränderbar sind. Die disruptive Kraft auf Mittelsmänner wie Bänker, Notare oder Zollbeamte kann man nur erahnen. Dazu Dr. Nils Urbach, Professor für Wirtschaftsinformatik und Strategisches IT-Management an der Universität Bayreuth: „Durch die Blockchain werden in vielen Fällen Intermediäre überflüssig, denn die Blockchain automatisiert ganze Geschäftslogiken.”

 

„Blockchain fordert uns auf, Geschäftsprozesse neu zu denken“

 

Jenseits des Bankings

Aufgrund ihrer Architektur kann die Blockchain Vertrauen technisch herstellen, wo dies bisher unmöglich war. Plötzlich können Akteure miteinander ins Geschäft kommen, die einander nicht kennen. Völlig anonym. Doch die Auswirkungen greifen noch tiefer: Mit der Blockchain kann erstmalig Besitz digital nachvollzogen werden. Konnte man Dateien bislang unendlich oft duplizieren, gibt es im System der Blockchain nur noch einen Besitzer. Die Blockchain erlaubt es, den Besitz von Bildern, Content oder mp3-Dateien zu validieren, wodurch sich auch Raubkopien identifizieren lassen. Das Berliner Blockchain-Startup Ascribe beschäftigt sich mit der Verifizierung von digitaler Kunst und fügt ihnen einen “Fingerabdruck” hinzu, der sie individualisiert. Masha McConaghy, CCO des Unternehmens, verdeutlicht die Relevanz der Blockchain am Beispiel der luxuriösen Fabergé-Eier der Romanovs, die einen Wert von bis zu zehn Millionen Euro haben:

Fabergé-Eier der Romanovs

„Bis zur Oktoberrevolution 1917 befanden sich diese Kunstwerke im Besitz der russischen Zarenfamilie und wurden anschließend von Kommunisten ins Ausland verkauft”. Acht Exemplare blieben verschwunden. „Erst im Jahr 2012 wurde eines auf einem Trödelmarkt wiederentdeckt. Experten konnten die Echtheit bestätigten”. Ascribe nutzt die Blockchain-Technologie, um digitale Kunst zu bestätigen, Originale zu kennzeichnen oder Lizenzen zu erteilen. So wird der Besitz transparent. Am Beispiel der Fabergé-Eier wäre dieses Vorgehen gleichzusetzen mit tadelloser Buchführung über Besitzer, Rechtmäßigkeit des Besitzes, oder gar Standort und Wert – als hätte jemand 100 Jahre darüber gewacht.

Ein Ticket für die Zukunft

Auch Konzerttickets sind mit Problemen behaftet, deren Lösung wir in der Blockchain finden können. Ob Verlust, Diebstahl oder Schwarzmarkt, sie können den Besitzer wechseln, ganz gleich ob sie auf Papier gedruckt sind oder digital vorliegen. Auch der Wert bemisst sich nicht ausschließlich durch den Vorverkaufspreis, sondern anhand von Marktpreisen. Ein Ticket für ein Konzert der Rolling Stones kann auf dem Schwarzmarkt auch mal 5.000 Euro kosten. Dank „Smart Contracts”, also Computerprotokollen, die Vereinbarungen zwischen Parteien abbilden und auf ihre Einhaltung überprüfen, werden Transaktionsbedingungen definiert. So können Konzertveranstalter verhindern, dass überhöhte Preise auf dem Schwarzmarkt gefordert werden oder im Falle des Verlustes einer Karte für Ersatz sorgen, denn aus dem anonymen Serienprodukt wird dank Blockchain ein Unikat, dessen Eigentumsrechte transparent sind. Für ein Konzert der deutschen Elektro-Pioniere Kraftwerk in Moskau gab es bereits Tickets auf Blockchain-Basis. Erstmals in der Geschichte des Konzert-Geschäfts wurden sie für eine solche Großveranstaltung auf diese Weise angeboten.

Blockchain verbindet

Auch vor der Flugbranche macht die Blockchain keinen Halt: Seit einiger Zeit wird die Technologie von dem Startup InsurETH genutzt, um die komplexen Prozesse bei der Erstattung und Umbuchungen bei Flugausfällen oder -verspätungen einfach und transparent zu gestalten. Haben Fluggäste bei dem Anbieter eine Versicherung abgeschlossen und einen Anspruch auf Entschädigung, wird diese automatisch ausgezahlt. Die Firma nutzt von der Blockchain verifizierte Flugdaten, um festzustellen, ob ein Versicherungsfall eingetreten ist. Auch die Lufthansa experimentiert mit der Blockchain. Man kooperiert unter Anderem mit dem Schweizer Startup Winding Tree, das an einem dezentralisierten B2B-Marktplatzsystem zur Reorganisation des Reisevertriebs arbeitet. Winding Tree ermöglicht Reisebuchungen, die nicht wie bisher durch zentrale Plattformen gehostet werden. Die Kunden des Services können auf Basis der Blockchain direkt auf die Angebote von Reisedienstleistern zugreifen, wodurch die sonst üblichen Kosten der Zwischenhändler entfallen. Startups profitieren von der Dezentralisierung des Reisemarkts, denn verringerte Eintrittsbarrieren und erhöhte Sichtbarkeit am Markt ermöglichen es jungen Unternehmen, mit den Großen in Konkurrenz zu treten. Das Ziel der Kooperation ist es jedoch nicht, etablierte Unternehmen abzulösen. Stattdessen möchte Maksim Izmaylov, CEO von Winding Tree, etablierte Unternehmen für die Blockchain begeistern. „Nicht nur Startups profitieren von der Zusammenarbeit in der Blockchain”, weiss auch Joachim Lohkamp, Schatzmeister des Vorstands des Blockchain Bundesverbands. „Vor allem Corporates werden in die Lage versetzt, mit innovativen Partnern neue Geschäftsmodelle umzusetzen. Die Blockchain bildet mit ihrem eigenen Vertrauensmechanismus das Rückgrat für diese Entwicklung.”

 

„Wir sprechen vom Wandel zum Internet der Werte“

 

Im Zentrum des Handels

Auch der Handel steht vor tiefgreifenden Veränderungen: Bereits im Juni 2016 starteten IBM und Maersk, der weltweit führende Anbieter von Containerlogistik, eine Zusammenarbeit zur Entwicklung neuer Blockchain-Technologien. Inzwischen wurde eine gemeinsame Digitalisierungsplattform für den globalen Handel gestartet. Dabei erhöhen Blockchain-basierte Versandinformationen die Sichtbarkeit in der Lieferkette, Fracht- und Zollpapiere werden digitalisiert und sicher über Organisationsgrenzen hinweg eingereicht. Smart Contracts stellen sicher, dass alle erforderlichen Unterlagen vorhanden sind. Dadurch lassen sich Genehmigungen beschleunigen und Fehlerquoten minimieren. „Unser Joint Venture mit Maersk bedeutet, dass wir die Einführung dieser aufregenden Technologie mit den Millionen von Organsationen beschleunigen können, die eine entscheidende Rolle in einem der komplexesten und wichtigsten Netzwerke der Welt, der globalen Lieferkette, spielen.“, erläutert Bridget van Kralingen, Senior Vice President von IBM Global Industriy Platforms beim Launch des Projekts. Seit Markteintritt haben Institutionen wie DuPont, Tetra Pak, die Zollverwaltung der Niederlande und sogar der US-amerikanische Grenzschutz Interesse an dem Projekt bekundet.

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Doch wo wird die Blockchain-Technologie für den Nutzer sichtbar? „Man kann Blockchain mit der TCP/IP-Technologie des Internets vergleichen”, beschreibt Urbach. „Bei der Mehrzahl der Anwendungsfälle wird sie als Infrastruktur-Technologie im Hintergrund eingesetzt, die der Nutzer nicht sieht. Und dennoch haben sich durch das Internet sehr mächtige Anwendungsfälle entwickelt”, resümiert Joachim Lohkamp. Er ist überzeugt, dass wir mit der Blockchain Einschränkungen ökonomischer und sozialer Interaktion über die Grenzen einzelner Plattformen hinweg überwinden können und Identitäten, Zugangsrechte und Transaktionen künftig über dezentrale Datenbanken der Blockchain abgebildet werden können. Es werden sich ganze Ökosysteme von Diensten auftun, die vorher nicht existieren konnten.

Ihr Potenzial sei immens: hohe Sicherheitsstandards, minimale Kosten und kein Bedarf an IT-Abteilungen oder Rechenzentren. „Mit ihren Smart Contracts kann die Blockchain-Technologie sogar eine Grundlage für dezentralisierte, autonome Organisationen bilden. Vielleicht sogar für Organisationen ohne Management und Mitarbeiter – vollständig durch Codes gesteuert”, philosophiert Mark van Rijmenam, Autor des Buches `Think Bigger: Developing a Successful Big Data Strategy for Your Business´.

Mut zur Innovation

Aktuell steckt die Blockchain-Technologie natürlich noch in den Kinderschuhen. Sie fordert uns auf, Geschäftsprozesse neu zu denken und auszugestalten. „Dabei geht es weniger um eine Dämonisierung bestehender Systeme, sondern vielmehr darum, die Grenzen und Schwächen dieser Systeme zu kennen und die Möglichkeiten von Blockchain für neue Geschäftsmodelle zu nutzen, um ein besseres Web 3 zu bauen”, weiss Joachim Lohkamp. Wie stark der revolutionäre Charakter der Blockchain ist, bleibt abzuwarten. Klar ist bereits heute, dass sie enorme Potenziale in sich trägt und die globale Wirtschaft effizienter und transparenter gestalten kann. Es erfordert jedoch Zeit, eine Bereitschaft zur Akzeptanz zu entwickeln, damit die Revolution Blockchain auch wirklich im Alltag der Menschen und Unternehmen ankommt und dort erfolgreich funktionieren kann.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 27 

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[…] hatte ich das Gefühl, dass der Zug eigentlich schon abgefahren sei, dabei steht das Thema Blockchain tatsächlich noch am Anfang – und ist wirklich das nächste große Ding. Das ist mir bei der […]

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