Anyline bringt dem Smartphone das Lesen bei. Das Wiener Startup hat eine Texterkennungssoftware entwickelt, die sehr genau funktioniert und direkt auf dem Handy läuft. Konkurrenzprodukte sind langsamer, weil sie ein Bild an einen Server schicken, der die Texterkennung durchführt. Anyline erkennt Zeilen automatisch und extrahiert die Information direkt auf dem Smartphone. Der Softwarebaustein kommt so mit erstaunlichen Bedingungen klar. Während des Interviews scannt Gründer Lukas Kinigadner beispielsweise acht Ziffern, die blass auf eine blaue Redbull-Dosenlasche graviert sind. Und selbst seinen Pass kann er trotz spiegelndem Sonnenlicht fehlerfrei scannen.

Mit dieser Technologie konnte Anyline bereits Redbull Mobile und den Bierbrauer Karlsberg als Kunden gewinnen. Auch ein großer deutscher Stromanbieter nutzt Anyline, um Stromzähler mit dem Handy abzulesen.

Und die Investoren stehen Schlange. Lukas und seine drei Mitgründer können sich quasi aussuchen, wen sie an Bord nehmen. Das liegt allerdings sicher nicht nur an der Technologie. Die Gründer haben eine Unternehmenskultur etabliert, die TechTalents anzieht und langfristig hält. Seit der Gründung 2013 haben gerade einmal drei Mitarbeiter die Firma verlassen. Im Interview erzählt Lukas mehr über diese Kultur und wie schwierig es ist, sie einzuhalten.

Lukas, Wachstum ist eine der größten Herausforderungen für die meisten Startups und ihre Kultur. Anyline ist mittlerweile auf eine Größe von 25 Mitarbeitern gewachsen. Wie macht sich das bei Euch bemerkbar?

Lukas Kinigadner: Das Offensichtlichste ist die räumliche Veränderung. Wir haben im Coworking Space Sektor5 angefangen und sind 2013 zusammen mit einem anderen Startup in ein neues Büro gezogen. Im Spätsommer 2015 sind wir noch einmal in größere Räume gezogen, wieder mit einem Startup. Es gibt hier viel mehr Meeting-Räume, einen Geschirrspüler und einmal die Woche kommt eine Köchin und macht uns ein leckeres Mittagessen. Das ist irgendwie schön, aber ich habe auch ein bisschen Angst, dass der Spirit verschwindet.

Außerdem habe ich irgendwann gemerkt, dass nicht mehr alle mitbekommen, was gerade los ist.  Mir ist es wichtig, dass alle Menschen in meinem Unternehmen bescheid wissen. Früher ging das noch nebenbei im Einzelgespräch am Kaffeetisch. Dafür sind wir jetzt zu viele also bereite ich jetzt einmal pro Woche eine Präsentation für alle Mitarbeiter vor. Das fühlt sich total schräg an.

Hat sich strukturell etwas verändert?

Lukas Kinigadner: Wir haben seit Herbst 2015 ein Management. Das gab es vorher so nicht wirklich. Aber es muss Menschen geben, die Entscheidungen treffen, das können wir nicht mit allen 25 Mitarbeitern machen. Und ich kann viele Dinge nicht mehr selbst oder alleine machen. Delegieren ist eine Herausforderung für mich. Es kommt mir noch immer komisch vor, meine Aufgaben an jemand anderen abzugeben.

Du sagst du fürchtest, dass der Spirit verloren geht. Wie versucht Ihr dem entgegenzuwirken?

Lukas Kinigadner: Unsere Struktur ist ein bisschen an die Holocracy angelehnt. Alles ist sehr offen, zum Beispiel halten wir unsere Management-Meetings bei offener Tür ab und jeder kann sich dazusetzen. Außerdem haben unsere Mitarbeiter mittlerweile ein starkes Wertesystem ausgearbeitet. Das ist ein gutes Gerüst für Anyline. Und damit wir sicher sind, dass wir alle an einem Strang ziehen, gibt es regelmäßige Mitarbeitergespräche, in denen wir die persönlichen Ziele unserer Leute mit denen des Unternehmens abstimmen. So bleiben auch alle motiviert.

Führt eine sehr offene Kultur nicht auch zu Konflikten? Immerhin sind nicht alle Entscheidungen, die gut für die Firma sind, auch optimal für alle Mitarbeiter.

Lukas Kinigadner: Das ist richtig. Wir müssend einen Spagat zwischen Offenheit und Entscheidungsfähigkeit schaffen. Das ist eine Herausforderung. Generell streben wir danach, dass jeder unserer Mitarbeiter die größtmögliche Autonomie hat. Das wollen wir gern erhalten. Trotzdem haben wir beispielsweise Betriebsurlaub. Damit müssen zwar alle zu einer von uns vorgegebenen Zeit in den Urlaub gehen, aber wir stellen auch sicher, dass niemand von seinen Kollegen aus dem Urlaub gerissen wird. Alle sollen sich erholen und ausruhen.

Du hast gerade angesprochen, dass Eure Mitarbeiter ein Wertesystem entwickelt haben. Wie habt Ihr das gemacht?

Lukas Kinigadner: Für uns war es wichtig, dass die Werte eine Teamsache sind. Wenn das Team solche Werte nicht lebt, kann man das auch lassen. Wir sind im Frühling 2015 alle gemeinsam in das Dreamicon Valley gefahren und haben die Werte in einem Workshop ausgearbeitet. Sie hängen jetzt als Bilder bei uns an der Wand, damit wir jeden Tag daran denken. Außerdem kann jedes Team einmal im Quartal präsentieren, wie genau es unsere Werte in den letzte drei Monaten umgesetzt hat. So inspirieren wir uns gegenseitig.

Wie merkt Ihr diese Werte im Alltag?

Lukas Kinigadner: Vor allem beim Recruiting und bei schwierigen Entscheidungen. Wir arbeiten nur mit Leuten und stellen nur Menschen ein, die zu unseren Werten passen.

Das klingt einfach. Ist es das wirklich?

Lukas Kinigadner: Nein, ich kann jeden verstehen, der das nicht macht. Es kostet viel Zeit, ein solches Wertesystem zu entwickeln. Und es kostet Überwindung. Ich denke mir etwa einmal am Tag: „schmeiß doch die verdammten Werte über Bord“. Aber sie sind mir zu wichtig. Aber wenn du dringend einen iOS-Developer brauchst und einen fachlich guten Bewerber ablehnst, weil er nicht zu den Firmenwerten passt, dann ist das eine sehr radikale Entscheidung. Das tut auch weh. Auch wenn du einen zahlenden Kunden ablehnst, um deine Unternehmenskultur zu erhalten.

Warum ziehst Du es dann trotzdem durch?

Lukas Kinigadner: Weil es gut für Anyline ist. Ich möchte ein guter CEO sein und meine Mitarbeiter sollen sich wohl fühlen. So kommt auch das Unternehmen besser voran.

Das Gespräch führte Anna-Lena Kümpel.

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

Lukas Kinigadner von Anyline

LUKAS KINIGADNER

Lukas Kinigadner studierte Wirtschaftsinformatik in Zürich und Wien. Nach Stationen bei Accenture, Tyrolit und seinen eigenen Agenturen theApp und 9yards gründete er 2013 mit drei Schulfreunden Anyline und ist seitdem CEO des erfolgreichen Startups.

ANYLINE

GRÜNDUNGSDATUM: 2013
GRÜNDER: Lukas Kinigadner, David Dengg, Daniel Albertini, Jakob Hofer
MITARBEITER: 25
STANDORT: Wien
SERVICE: Mobile Texterkennungssoftware

Website

Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar auf "Lukas Kinigadner von Anyline: „Wachstum ist schräg“"

avatar
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
trackback

[…] Lukas Kinigadner von Anyline: „Wachstum ist schräg“ […]