Wie definieren Sie Bildung heutzutage?

Angela Thiele: Der Begriff Bildung ist in unserer heutigen Zeit und deren aktuellen Entwicklung in komplexeren Zusammenhängen zu betrachten. Es benötigt dabei den Blick auf unsere Welt, unseren Planeten, das Universum, uns selbst. Auch dieser ist in Veränderung. Und je mehr wir uns damit beschäftigen und erkennen können sowie unser Bewusstsein entsprechend ausrichten, desto komplexer stellt er sich dar.

Beschreibbar sind diese Existenzen durch Zahlen und deren Verhältnisse zueinander (Pythagoras: „Alles ist Zahl“) und durch die Naturwissenschaften, zum Beispiel mit Anton Zeilingers „Information ist der Urstoff des Universums“. Dazu nutzen wir unter anderem Zahlen, Symbole, Wörter. Um diese Komplexität und erfahrbar für den lernenden Menschen zu gestalten, benötigt es einen anderen Zugang als den, der bisher in unseren Bildungseinrichtungen angeboten wird.

Ganz oben in der Liste steht der Umgang mit Information, die Generierung von Wissen und der aktive, selbstbestimmte kreative Umgang damit in gegenseitiger Wertschätzung. Dadurch wird jedem Menschen ermöglicht, sich aktiv und verantwortungsvoll an der Gestaltung unserer Welt zu beteiligen. Das sollte unser Ziel sein und dazu sollte ein entsprechendes Design, eine Architektur gebaut werden.

Welche Chancen bietet Ed-Tech der Bildung oder dem Lernen?

Angela Thiele: Ed-Tech bietet mit zahlreichen und vielfältigen Tools Schüler*innen und Lehrer*innen Möglichkeiten an, in lösungsorientierten, selbstbestimmten Lehr-Lernszenarien zu agieren. Dadurch entstehen Chancen für Schüler*innen, aktiv eigene Lernprozesse zu gestalten. Eigene Ideen und Vorstellungen können einbezogen werden. In bereits existierenden virtuellen Räumen wie zum Beispiel in Clouds können kollaborative Prozesse stattfinden, die dem konservativen Lernen auf einem Schulplatz, aus einem Schulbuch, nach Anleitung und Vorstellung eines Lehrenden weit überlegen sind.

Die Zusammenfassung der Lernergebnisse, das Austauschen von Meinungen über virtuelle Kommunikationsräume lässt Übungs- und Festigungsmöglichkeiten entstehen, die weit über dem reinen Wissenserwerb anzusiedeln sind. Ebenso bestehen für Lernprozesse, die auf Individualität und Potentialentfaltung ausgerichtet sind, interessante, konstruktive und zielgerichtete Möglichkeiten der Leistungsrückmeldung. Von vielen herbeigesehnte Alternativen der Beurteilung von Leistung ohne Zensuren kann in die Schule und in weitere Ausbildungseinrichtungen einziehen.

Der Zugang zu Information, Wissen und unterschiedlichsten Gestaltungs- und Kommunikationstools in einem vernetzen digitalen Szenario macht Lerner unabhängig vom Lernort, von der Lehrkraft und ihren Angeboten, geprägt durch ihre Denk- und Handlungsvorgaben. Möglicherweise wäre damit die Abhängigkeit der sozialen und kulturellen Voraussetzung weniger entscheidend als es in zahlreichen aktuellen Erhebungen zur Zeit gemessen wird. Voraussetzung ist eine pädagogische Basis, die den Lernenden einen Selbstlernraum zur Verfügung stellt und auch erlaubt, diesen individuell zu nutzen und mit persönlichen Potentialen zu gestalten. Wir benötigen darüber hinaus eine veränderte Haltung von Lehrer*innen bezogen auf Lehren und Lernen.

Sehen Sie umgekehrt auch Bereiche, in denen das Bildungswesen der Startup-Welt Chancen öffnet?

Angela Thiele: Eine Zusammenarbeit von Startups und Vordenkern im Bildungswesen halte ich für sehr sinnvoll und erstrebenswert.

Wie umgeht man die Gefahr der Privatisierung von Bildung, wenn neue Angebote vor allem extern sind?

Angela Thiele: Ich sehe in dieser Frage eine große gesellschaftliche Herausforderung. Diese besteht in der Notwendigkeit der Erkenntnis, welche Bedeutung und Tragweite Bildung für alle Menschen umfassen kann.

Die Ausbildung aller Menschen zu freien, selbstbestimmten und verantwortungsvollen Mitgliedern unserer Weltgesellschaft, die die Zusammenhänge des Lebens kennen und mit großer Wertschätzung in Teilhabe leben können, führt möglicherweise zu beständigem Frieden auf unserem Planeten. Diese Grundhaltung kann Voraussetzung für Überlegungen zu einer veränderten Verteilung unserer Staatsausgaben führen.

Wie kann die Politik lebenslanges Lernen oder Bildung unterstützen? Was würden Sie sich hier wünschen?

Angela Thiele: Wir benötigen Politiker mit echten Visionen, die Menschen motivieren können, Verantwortung für ihre eigene Entwicklung zu übernehmen. Gegenseitige Wertschätzung und Freude an der gemeinsamen, kreativen und friedlichen Gestaltung der Zukunft können neue politische Strukturen schaffen, die Neugierde und das Interesse am lebenslangen Lernen bei den Menschen weiter anwachsen lässt und zu einem großen Thema in der politischen Landschaft werden lässt.

Wie sieht Lernen in zehn Jahren aus? Gibt es Schulen in 100 Jahren noch?

Angela Thiele: Schüler*innen haben sich vom Wissensempfänger und Wissensträger hin zum „Wissensbildner“ und „kreativem Mitgestalter“ entwickeln können. „Interdisziplinarität“ und „Transplinarität“ erlangen mehr und mehr Bedeutung und schaffen die starren Fächer- und Unterrichtsstrukturen ab.

Lehrer*innen verändern ihre Haltung gegenüber Schule, Unterricht und Schüler*innen. Lernen findet in „Selbst-Lernräumen“ (online und real) statt, in denen reale Problemstellungen oder Gestaltungsaufgaben bearbeitet werden. Der Klassenverband wird mehr und mehr aufgelöst. Lerngruppen in verschiedenster Zusammensetzung sind aktiv. Begegnungsräume – online und real, nicht mehr unbedingt ortsgebunden – entstehen. Die Rhythmisierung des Schullebens verändert sich. Das Wort Unterricht wird aus dem nutzbaren Vokabular gestrichen.

Es existieren übrigens bereits Schulen, die hier auf dem Weg sind. Ich glaube, dass es auch in 100 Jahren noch Schulen gibt. Die Art zu lernen, zu kommunizieren und zu gestalten wird sich wahrscheinlich deutlich von dem heute Praktizierten unterscheiden. Ebenso wird auch der Umgang mit Raum und Zeit ein anderer sein.

ANGELA THIELE
war Schulleiterin der 2008 gegründeten Grundschule am Koppenplatz in Berlin Mitte. Ihre jahrelange Erfahrung von Lehren und Lernen mit digitalen Medien brachte sie in das Konzept der elementaren Lernarchitekturen ein, das sie entwickelte und an der Schule implementierte.

Angela Thiele