Alexander, seit Kurzem können sich Nachbarn bei Euch über Gäste von Airbnb beschweren, die sich schlecht benehmen. Wird es das auch in Deutschland geben?

Alexander Schwarz: Wir wollen frühzeitig informiert sein, wenn es irgendwo Probleme gibt. Aber das sind nur wenige Fälle. Wir arbeiten daran, das Tool global verfügbar zu machen. Wann es für Deutschland erscheint, steht noch nicht fest.

Worüber ärgert Ihr Euch?

Alexander Schwarz: Ärgern würde ich nicht sagen. Wir wachsen sehr stark, deswegen gibt es natürlich angenehme Wachstumsschmerzen: Viele Städte haben schon verstanden, wo die Vorteile für sie liegen, für die Nachbarschaften, für die Einwohner und auch für die Reisenden. Andere müssen da erst noch hin- kommen. Wir sind mit vielen Städten in einem sehr partnerschaftlichen Austausch.

In Berlin geht die Politik eher auf Konfrontation: Seit Mai setzen die Bezirke das Zweckentfremdungsverbot um. Was bedeutet das für Euer Geschäft?

Alexander Schwarz:  Wir sehen in den Zahlen keine starken Reaktionen, aber natürlich sind unsere Gastgeber verunsichert. Darum wollen wir das klären. Wir sind in Gesprächen mit der Stadt. Die derzeitige Regulierung ist nicht unbedingt zielführend, weil nicht unterschieden wird zwischen kommerziellen Vermietern und Home Sharing. Wir haben ganz klar Stellung bezogen, dass wir uns in Städten, wo Wohnraum knapp ist, eng mit den Städten abstimmen wollen. Wir haben das gleiche Ziel wie Berlin. Wir möchten Wohnraum erhalten und Berlinern ermöglichen, in ihrem Kiez zu bleiben, indem sie ein extra Taschengeld verdienen.

Wie wollt Ihr helfen, die Wohnraumknappheit zu bekämpfen?

Alexander Schwarz: Durch Aufklärung zum Beispiel. Eine Familie, die beispielsweise in den Urlaub fährt und ihre Wohnung währenddessen vermietet, verstößt unserer Meinung nach nicht gegen das Zweckentfremdungsverbot. Denn der Wohnraum wird dem Markt
nicht entzogen. Die Familie geht ja in dieselbe Wohnung zurück. Hier eine Klärung herbeizuführen, wo wirklich Wohnraum zweckentfremdet wird und wo die Regulierung greifen muss, das würde den Berlinern helfen – auch im Sinne einer finanziellen Stärkung der Nachbarschaften. Der Großteil der Airbnb-Gastgeber lebt außerhalb der typischen touristischen Zentren und hat bisher nicht vom Tourismus profitiert.

Wie viele Vermieter sind auf der Plattform?

Alexander Schwarz: In 2015 haben circa 20.000 Berliner ihre Wohnung in Berlin geteilt. Deutschlandweit waren es circa 58.000 Gastgeber.

Wie sehr habt Ihr Euer Geschäftsmodell in der Vergangenheit angepasst?

Alexander Schwarz: Die wichtigsten Learnings haben schon sehr früh stattgefunden. Wir sind zwar auch ein Technologie-Unternehmen aus dem Silicon Valley, aber bei uns steht der menschliche Faktor, die Community, im Vordergrund. Die Gründer haben schon bei der ersten Vermietung erkannt, dass die Leute sich zwar ein extra Taschengeld verdienen können, dass es den Gästen aber letztendlich um das gemeinsame Erlebnis geht. Darum wurde schon in den ersten Jahren die Community in den Mittelpunkt gerückt. Einer unserer ersten Investoren, Paul Graham vom Y Combinator, hat den Gründern als Ratschlag mitgegeben: lieber 1000 Nutzer zu finden, die Airbnb wirklich lieben, als eine Million, die es ein bisschen mögen.

Was ist die nächste Herausforderung?

Alexander Schwarz: Wir arbeiten daran, wie wir das Erlebnis für unsere Reisenden noch treffgenauer machen können. Wir haben viele Anhaltspunkte, was den Nutzern wichtig ist. Unsere neue App berücksichtigt beispielsweise diese Erfahrungswerte. Jeder Reisende bekommt ein anderes Suchergebnis – der Kunstinteressierte etwa ein anderes als der Familienmensch. Außerdem sprechen wir verstärkt Geschäftsreisende an. Ihr Anteil liegt inzwischen bei mehr als zehn Prozent.

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Wo siehst Du noch Potenzial für die Sharing Economy?

Alexander Schwarz: Inzwischen ist es klar, dass die Sharing Economy in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Die großen Themen liegen sicherlich da, wo die großen Kostenblöcke sind. Bei Airbnb ist es das Zuhause. Sicherlich ist das Auto auch ein großer Kostenfaktor. Ein anderes Thema ist die Nachfrage: Immer mehr Menschen stellen fest, dass Besitzen nicht unbedingt glücklich macht. In der Sharing Economy geht es dagegen um gute Erfahrungen mit anderen Menschen. In diese Richtung wird es sich entwickeln.

Was heißt das konkret?

Alexander Schwarz: Die Sharing Economy wird immer mehr in den Alltag einziehen. Immer mehr Menschen vertrauen auf die Power von P2P, also Peer-to-peer. Wir sehen das im Finanzsektor, bei Büros, inzwischen auch bei Flügen. Wir stehen wahrscheinlich erst am Anfang. Es festigt sich die Ansicht, dass Teilen genauso vertrauenswürdig ist, als würde das Produkt von einem Unternehmen angeboten.

Könnte es bei Airbnb weitere Produkte geben – über Wohnen auf Zeit hinaus?

Alexander Schwarz: Im Moment wächst unser Kerngeschäft so schnell, dass wir vor allem daran arbeiten, die Erfahrungswerte unserer Reisenden und unserer Gastgeber weiterhin sehr hoch zu halten. Natürlich beobachten wir auch, was in der Gründerszene passiert und welche Trends auch für unser Geschäft relevant sein könnten. So haben wir zum Beispiel vor einigen Wochen den Webfuture Award in Hamburg unterstützt und finanzieren dem Sieger einen Arbeitsplatz für ein Jahr.

Welche Techniktrends sind für Euch noch von Bedeutung?

Alexander Schwarz: Vor allem Big Data und das Thema Matching. Das steckt noch in den Kinderschuhen. Wir kennen es aus dem Bereich E-Commerce. Dort ist es schon weiterentwickelt. Aber im Reisebereich gibt es noch sehr viel Entwicklungspotenzial.

Wird sich Eurer Geschäftsmodell durch die Blockchain oder durch sich selbst organisierende, dezentrale Plattformen ohne Vermittler verändern?

Alexander Schwarz: Das ist auf jeden Fall ein superspannendes Thema, in dem viel Potenzial steckt. Aber das zentrale Element von Airbnb ist die Community und eben nicht die reine Technologie. „The Magic happens offline“, und sie findet auch statt, wenn sich die Gastgeber untereinander treffen. Wir veranstalten jährlich die Airbnb Open, zuletzt in Paris. Da kamen 5000 Gastgeber aus 110 Ländern von Brasilien bis zur Mongolei, um sich auszutauschen, wie man die Plattform verbessern kann. Dieses Jahr findet die Airbnb Open im November in Los Angeles statt. Ich sehe also eher den Trend raus aus der Anonymität hin zu etwas sehr Persönlichem

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Ist das Thema Schlüsselübergabe kein Problem, das sich technisch lösen ließe?

Alexander Schwarz: Das ist kein Problem, auf das wir regelmäßig ange-
sprochen werden. Die Übergabe ist eher eine Chance, einen noch besseren Service anbieten zu können.

Über die Blockchain könnte sich der Gast ganz einfach authentifizieren …

Alexander Schwarz: Die Frage ist aber doch, wie viele Smartlocks, also vernetzte Türschlösser, gibt es denn? Das ist im Moment das kritische Element. Die meisten Wohnungsbesitzer haben ein analoges Schloss. Das Smartphone hat sich relativ schnell durchgesetzt. Bei Smartlocks dauert es sicher etwas länger.

Hat die Sharing Economy die Gesellschaft bereits verändert?

Alexander Schwarz Ganz deutlich! Heute reisen Menschen viele tausend Kilometer in die Fremde und treffen dort jemanden, den sie vorher nie gesehen haben, um in seinem Zuhause zu wohnen. Die Kerninnovation liegt darin, dass wir dieses Vertrauen geschaffen haben – mithilfe von Technologie und dem Bewertungssystem. Dieses Vertrauen, dass früher eher typisch für dörfliche Gemeinschaften war, haben wir in die Stadt geholt. Damit haben wir die Gesellschaft verändert. Der andere Punkt ist, dass die Gastgeber eine neue Form von Freiheit erfahren, weil sie eine zusätzliche Einnahmequelle haben.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 07/2016

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Screen Shot 2016 08 23 at 08.54.50 - Alexander Schwarz von Airbnb: „Zentrales Element ist die Community“

ALEXANDER SCHWARZ

Alexander Schwarz ist General Manager von Airbnb in Deutschland, Österreich und der Schweiz und verantwortet Strategien für das Wachstum der Online-Community. Der 40-Jährige war vor seinem Wechsel zu Airbnb seit 2010 in verschiedenen Führungspositionen für Paypal Deutschland tätig.
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AIRBNB

Name: Airbnb (zur Website)
Gründung: 2008
Gründer: Brian Chesky, Joe Gebbia, Nathan Blecharczyk
Mitarbeiter: 2000
Standort: San Francisco
Service: Online-Community für die Vermittlung von Privatunterkünften.

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