Im vergangenen Jahr war es der 8. August. An diesem Tag hatte die Weltbevölkerung bereits mehr Ressourcen für Nahrung, Wasser und Energie verbraucht, als die Erde in einem ganzen Jahr regenerieren kann. Anders ausgedrückt: Wir haben zwar nur eine Erde, nutzen aber so viele Ressourcen, als hätten wir 1,6 davon. Dieser Tag der Erdüberlastung, an dem die Schwelle der Regenerationsfähigkeit überschritten wird, rückt jedes Jahr ein Stück nach vorn.

„Wir haben zwar nur eine Erde, nutzen aber so viele Ressourcen, als hätten wir 1,6 davon“

Die Berechnungen gehen auf das Konzept des ökologischen Fußabdrucks zurück. Er gibt an, wie groß die Erde sein müsste, um alle aktuellen Bedürfnisse der Menschheit dauerhaft zu befriedigen und die daraus entstehenden Abfallprodukte biologisch zu verarbeiten. Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann braucht die Menschheit im Jahr 2030 zwei Planeten, um ihren Bedarf an Nahrung und nachwachsenden Rohstoffen zu decken. Und obwohl wir uns hierzulande oft eine Menge auf unsere Umweltfreundlichkeit einbilden: Würden alle Menschen so leben und wirtschaften wie wir in Deutschland, dann bräuchten wir heute schon drei Erden, um den Bedarf an Ressourcen zu decken.

Auf Kosten der Zukunft

Wir leben auf Kosten der künftigen Generationen, aber auch auf Kosten der Menschen in anderen Erdteilen. Die Bevölkerung Indiens – immerhin 1,3 Milliarden Menschen – verbraucht nur die Ressourcen von 0,7 Erden im Jahr. Unter den Folgen der Klimaveränderungen, von Wassermangel, Artensterben, der Verödung des Landes, der Verschmutzung der Meere werden wir aber alle zu leiden haben. In einigen Ländern leiden die Menschen schon heute massiv darunter. Die Bauern spüren es meist als erste.

Dass die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgetreten sind, vereinfacht die Situation nicht. Dennoch wird gerade in den USA viel Geld in Unternehmen investiert, die Lösungen für das Ernährungsproblem auf der einen und das Ressourcenproblem auf der anderen Seite entwickeln. Die Aufgabe ist anspruchsvoll: Um neun Milliarden Menschen zu ernähren, muss die landwirtschaftliche Produktion bis zum Jahr 2050 verdoppelt werden – und dafür steht uns bisher keine zusätzliche Erde zur Verfügung. Im Kern geht es also darum, die Produktion effizienter und auch nachhaltiger zu machen. Das ist keine neue Herausforderung – neu sind nur die Technologien, die jetzt dafür eingesetzt werden (können). Und die Bauern müssen mitspielen.

Im vergangenen Jahr sind einige neue Fonds in den USA aufgelegt worden, die junge Unternehmen aus dem Bereich Agriculture Technology (kurz: Agtech) finanzieren. Nach den Daten von Crunchbase sind die Investitionen in Agtech stark angestiegen. Insgesamt haben Agtech-Startups 2017 (bis Mitte Mai) bereits mehr als 320 Millionen Dollar eingesammelt – mehr als dreimal so viel wie in der Vorjahresperiode. Das Geld floss in Robotik, Big Data, Gentechnik und andere Technologien für landwirtschaftliche Anwendungsgebiete.

„WE SHALL ESCAPE THE ABSURDITY OF GROWING A WHOLE CHICKEN IN ORDER TO EAT THE BREAST OR WING, BY GROWING THESE PARTS SEPARATELY UNDER A SUITABLE MEDIUM“
– WINSTON CHURCHILL, 1931

Google Venture investiert kräftig

Investoren sind zum einen viele kleinere landwirtschaftlich- und umweltorientierte Fonds, aber auch klassische VCs. Nach den Daten von Crunchbase investiert Google Ventures (GV) mehr als jeder andere Fonds in Agtech. Eines der jüngsten Investments von GV: Abundant Robotics aus Kalifornien. Das Startup hat sich vorgenommen, Roboter für die härtesten Jobs in der Landwirtschaft zu bauen, etwa für das Apfelpflücken. Zehn Millionen Dollar flossen Anfang Mai in das 2016 gegründete Unternehmen. Einer der Mitinvestoren ist übrigens die Münchner Baywa. Allgemein halten sich die deutschen Investoren jedoch zurück, wenn es darum geht, Startups zu finanzieren, die die Landwirtschaft revolutionieren. Auch dauert es länger, bis Agtech-Startups groß werden und reif für den Exit sind. Die letzte wirklich große Akquisition liegt bereits vier Jahre zurück, als der Saatguthersteller Monsanto 2013 den Wetterdaten-Spezialisten Climate Corp. für 930 Millionen Dollar kaufte.

Bis Mitte Mai haben Agtech-Startups bereits mehr als 320 Millionen US-Dollar eingesammelt – mehr als dreimal so viel wie in der Vorjahresperiode. (Bild: CB Insights)
Bis Mitte Mai haben Agtech-Startups bereits mehr als 320 Millionen US-Dollar eingesammelt – mehr als dreimal so viel wie in der Vorjahresperiode. (Grafik: CB Insights)

Ein Burger für 250.000 Euro

Während die einen daran arbeiten, Farmer zu ertüchtigen, Maschinen, Pflanzenschutz- und Futtermittel effizienter einzusetzen, den Betrieb optimal zu organisieren, mit Drohnen die Felder zu überwachen oder sich zu vernetzen und neue Märkte zu erschließen, arbeiten andere an ganz neuen Lebensmitteln – für die man oft gar keinen Bauern mehr braucht.

Soylent ist eines der US-Startups, die viel Aufmerksamkeit und Kapital auf sich ziehen. Vor vier Jahren in Los Angeles gegründet, verkauft Soylent eine Flüssignahrung, die ganze Mahlzeiten ersetzen soll. Und obwohl ein ebenfalls angebotener Protein-Riegel die Kunden krank machte und vom Markt genommen werden musste, statteten Investoren – darunter Google Ventures sowie die namhaften Alt-Investoren Lerer Hippeau Ventures und Andreessen Horowitz – das Startup zuletzt mit weiteren 50 Millionen Dollar aus, was die Gesamtfinanzierung von Soylent auf 74,5 Millionen Dollar bringt.

Auch hierzulande wird an alternativen Lebensmitteln geforscht. Evergreen-Food etwa züchtet eine Alge als Rohstoff für verschiedene Lebensmittel. Tenetrio entwickelt Hundesnacks, deren Hauptbestandteil Mehlwürmer sind. Künftig wollen die Gründerinnen daraus auch Nahrungsmittel für den menschlichen Verzehr herstellen. Snack-Insects verkauft Schokoriegel mit Insekten statt Rosinen. Flüssignahrung, Algen, Mehlwürmer, Insekten – all das sind Protein-Lieferanten. Die Deckung des Proteinbedarfs ist eine der größten Herausforderungen, wenn man neun Milliarden Menschen ernähren will. Bisher wird unser Bedarf zu einem großen Teil durch Fleisch gedeckt. Weil aber die Ökobilanz von konventionell erzeugtem Fleisch so katastrophal ist, steckt darin viel Potenzial – auch in der Produktion von In-vitro-Fleisch.

Je nachdem, welche Studienergebnisse man heranzieht, werden bis zu 51 Prozent der gesamten vom Menschen verursachten Treibhausgase der Fleischproduktion zugeschrieben – unter anderem wegen der Gase, die die Tiere bei der Verdauung produzieren. Zur negativen Klimabilanz hinzu kommen die Wälder, die für Weideland gerodet werden, das Wasser und das Land, das für die Produktion verbraucht oder verschmutzt wird. Außerdem ist die Produktion von Fleisch höchst ineffizient: Für eine Kalorie Fleisch wird ein Vielfaches an pflanzlichen Kalorien benötigt. Im Durchschnitt sind es 90 Prozent der pflanzlichen Kalorien, die bei der Fleischproduktion verschwendet werden. Mit dem Ende der konventionellen Fleischproduktion – oder ihrer Reduzierung – wäre aber nicht nur der Umwelt geholfen, sondern es würde auch vielen Tieren viel Leid erspart. Sie könnten sich auf ihre Rolle als Landschaftspfleger beschränken.

Globale Werte. Quelle: Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, WWF, Water Footprint Network, CAST (Bild: Berlin Valley)
Globale Werte (Quelle: Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, WWF, Water Footprint Network, CAST; Grafik: Berlin Valley)

2013 briet Mark Post von der Uni Maastricht in London auf einer Pressekonferenz öffentlichkeitswirksam den ersten Burger aus der Petrischale. Für den Fleischklops wurden einem Rind Stammzellen entnommen und in einer Nährlösung zu Muskelfasern herangezüchtet. Der Burger kostete in der Herstellung damals 250.000 Euro. Bereits zwei Jahre später kündigte das Startup Mosa Meat, das mit Mark Post zusammenarbeitet, an, der Preis sei inzwischen auf etwa 70 Euro pro Kilogramm gesenkt worden. Einige Prominente aus den USA glauben offenbar an den Erfolg des Produktes: Google-Gründer Sergey Brin hat Mark Posts Team schon 2013 mit 250.000 Euro unterstützt. Microsoft-Gründer Bill Gates wiederum unterstützt sowohl Beyond Meat und Hampton Creek als auch Impossible Foods. Die allerdings stellen Fleisch- und Milchprodukte aus rein pflanzlichen Bestandteilen her.

Bei der öffentlichen Burger-Verkostung in London hatten die Testesser noch einige Kritikpunkte an dem Patty aus dem Labor. Sie lobten zwar die Textur, wünschten sich aber mehr Fett im Fleisch. Die Forscher arbeiten daran. 2020 soll das Produkt marktreif sein. Na dann, guten Appetit.

Hinterlasse einen Kommentar

6 Kommentare auf "Essen für alle: Wie Startups die Ernährungsprobleme der Welt lösen wollen"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
trackback

[…] Wie sollen in Zukunft neun Milliarden Menschen satt werden? Agtech- und Foodtech-Startups arbeiten an nachhaltigen Lösungen für das Ernährungsproblem Der Beitrag Essen für alle: Wie Startups die Ernährungsprobleme der Welt lösen wollen erschien zuerst auf BerlinValley. Jetzt lesen […]

trackback

[…] eine Frage, an der ich verzweifle. Aber es geht nicht nur um die Ebene des Staates. Nehmen wir die landwirtschaftliche Intensivhaltung. Die weltweite Viehhaltung ist der größte Klimakiller und Umweltsünder. Doch der einzelne […]

trackback

[…] Wilms: Die Herausforderung ist tatsächlich riesig. Gerade weil wir perspektivisch zehn Millionen Menschen ernähren müssen. Auf Agrarflächen, die wegen der immer weiter wachsenden Städte eher kleiner werden. Das Ziel ist […]

trackback

[…] Agtech ist aber mehr als nur Farmmanagement-Software. […]

trackback

[…] Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 23 als Teil des Agtech-Specials. […]

trackback

[…] Bösel: In den USA ist Agtech seit Jahren ein großes Thema und dort wird sehr viel Geld investiert. In Deutschland spürt man […]

wpDiscuz