1. Effizientes Eiweiß

Bis zu 60 Prozent Eiweiß, viel Eisen und Vitamin B12: Die Chlorella-Alge ist ein echtes Super-Food. Als Nahrungsmittel wird sie aber noch wenig genutzt. „Studien sagen, dass Algen langfristig mehr konsumiert werden“, sagt Cathleen Cordes, Gründerin von Evergreen Food. Die Chlorella ist nicht nur gesund und sättigend, sie ist auch relativ leicht und ressourcenschonend zu kultivieren. Wenn sie genug Licht bekommt, teilt sich die Alge einmal am Tag. „Wir können kontinuierlich ernten, indem wir immer die Hälfte der Algen aus der Farm nehmen“, erzählt Cathleen. Die verbleibenden Pflanzen teilen sich dann weiter. Das Wasser, das bei der Ernte mit aus dem Becken genommen wird, kann vollständig recycelt und zurück in die Algenfarm geleitet werden. Das Know-how zum Algen-Anbau gibt Evergreen Food auch an andere Farmer weiter. Das Unternehmen schult Bauern, die die Pflanze kultivieren wollen. „Die Kultur ist sehr nachhaltig und als Eiweisspflanze viel effektiver im Anbau als beispielsweise Soja“, sagt die Gründerin. Sie sieht in der Chlorella das Potenzial, langfristig als Ersatz für Soja zu dienen. Evergreen Food verarbeitet die Alge zu Öl und Algenperlen zum Kochen, zu Pulver und zu vitaminhaltigen Algenkapseln. evergreen-food.de

Gesund, sättigend und leichter Anbau: Studien sagen, dass Algen langfristig mehr konsumiert werden (Bild: Evergreen Food)
Gesund, sättigend und leichter Anbau: Studien sagen, dass Algen langfristig mehr konsumiert werden. (Bild: Evergreen Food)

2. Gemüse ohne Feld

„Wir wollen urbane Communitys mit frischem, lokal angebautem Gemüse versorgen“, sagt Infarm-Gründerin Osnat Michaeli. Das Ergebnis dieser Vision ist ein Vertical-Farming-System. Die Pflanzen wachsen in einem Gewächsschrank, in dem die optimalen Bedingungen für jede Pflanzensorte geschaffen werden können. Versorgt werden sie über eine nährstoffreiche Wasserschicht. Bisher kann Infarm damit in Berlin verschiedene Arten von Kräutern und Salaten anbauen. Der nächste Schritt werden Tomaten, Beeren und Chillis sein. Die Indoor-Farmen sollen überall dort stehen, wo Menschen frische Lebensmittel brauchen: in Supermärkten, Restaurants oder Krankenhäusern. Die extrem kurze Lieferkette von Infarm verhindert, dass Lebensmittel schon beim Transport kaputtgehen. Durch das platzsparende System ist der Ertrag pro Quadratmeter außerdem deutlich höher. Trotz des Energieverbrauchs für Technik und Licht ist Infarm umweltfreundlicher als Importware: „In einem Salat aus Spanien stecken etwa 3,5 Kilogramm CO2, wenn er hier gegessen wird. In einem Salat aus unserer Farm nur etwa 350 Gramm“, erzählt Osnat. Aktuell steckt das Startup Energie in die Entwicklung und Verbreitung seiner Technologie: „Wir werden bald mit einer großen deutschen Supermarkt-Kette zusammenarbeiten und das erste Urban-Farming-Netzwerk in Berlin aufbauen.“ infarm.de

Statt in der Erde wachsen Pflanzen im Gewächsschrank unter Bedingungen (Bild: Julien l. Balmer)
Umweltfreundlich: Statt in der Erde wachsen Pflanzen im Gewächsschrank unter optimalen Bedingungen (Bild: Julien l. Balmer)

3. Das Internet of Farms

In Europa gibt es 10,8 Millionen Farmen, viele davon kleine Betriebe. Die Automatisierung über das Internet of Things – oder Internet of Farms – kann auch Kleinbauern helfen, Kosten zu sparen und die Effizienz zu erhöhen. Die Investition für smarte Arbeitsmaschinen und fertige IoT-Lösungen ist aber meist zu hoch. „Wir haben gerade ein modulares System gelauncht, das den Einstieg in das Internet of Farms auch für Kleinbauern einfach und günstig macht“, sagt Vincent Tallec, International Marketing Manager der schwedischen Firma Ludafarm. Das System besteht aus verschiedenen Sensoren: Der Smart-Plug wird zwischen Stecker und Steckdose gesteckt und macht die angeschlossenen Geräte smart und fernsteuerbar, der Sensor für den Elektrozaun nimmt Störungen wahr und der Diesel-Sensor gibt Auskunft darüber, wann wie viel Kraftstoff aus einem Tank entnommen wurde. „Auf Bauernhöfen wird viel Diesel gebraucht, deswegen gibt es meistens große Tanks. Hier wird oft gestohlen. Der Diesel-Sensor kann einen solchen Diebstahl wahrnehmen und einen Alarm auslösen“, erzählt Vincent. Ein Sensor kostet etwa 300 Euro, um einen wirklichen Mehrwert zu erreichen, braucht ein Bauer etwa fünf davon. „Sobald das System den ersten Alarm auslöst, hat es sich schon amortisiert“, sagt Vincent. luda.farm

Das modulare System soll die langsame Umstellung auf die smarte Farm ermöglichen (Bild: Luda)
Das modulare System soll die langsame Umstellung auf die smarte Farm ermöglichen. (Bild: Luda)

4. App gegen Pflanzenkrankheiten

Weltweit gehen etwa 15 bis 30 Prozent der bäuerlichen Erträge jährlich durch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge verloren. Das Startup Peat automatisiert die Diagnose dieser Krankheiten: Mit der App Plantix macht der Bauer ein Foto von seiner Pflanze, die App erkennt die Krankheit und und gibt Informationen zur Behandlung, wie man noch nicht befallene Pflanzen schützt und welche biologischen Alternativen es zu chemischen Pflanzenschutzmitteln gibt. „Für Kleinbauern in Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Nutzung der App kostenlos“, sagt Mitgründer Pierre Munzel. Geld verdient Peat über die Lizensierung der Software für B2B-Partner. Die Technologie kann noch mehr als die reine Diagnose. Kombiniert man die Information, welche Krankheit eine Pflanze hat, mit dem Standort und den Wetterdaten, lässt sich abschätzen, wie sich der Schaden verbreiten könnte. Peat will die Landwirte zukünftig frühzeitig warnen können und ihnen das Wissen an die Hand geben, wie sie ihre Ernte schützen können. Das System verbessert sich mit jedem Bild und liefert wissenschaftliche Erkenntnisse über Pflanzenkrankheiten: „Mit der Klimaveränderung bewegen sich die Krankheiten über den Planeten und Landwirte stehen plötzlich vor unbekannten Problemen“, erzählt Pierre. Die Datenbank von Peat in Kombination mit dem Bilderkennungsverfahren schafft hier einen sehr schnellen Wissenstransfer. peat.technology

Peat ist gleichzeitig Diagnose und Frühwarnsystem (Bild: Peat)
Peat ist gleichzeitig Diagnose und Frühwarnsystem. (Bild: Peat)

5. Effizienz per Funk

Auch die Landwirtschaft kommt nicht am Thema Automatisierung vorbei. Roboter-Hütehunde, automatische Bewässerungssysteme oder selbstfahrende Arbeitsmaschinen können die Effizienz der Agrarindustrie deutlich steigern. Das lohnt sich besonders in großen Landwirtschaftsgebieten, wie es sie beispielsweise in Südamerika, Australien oder Russland gibt. „Große Agrarflächen liegen oft weit weg von bewohnten Gegenden. Deshalb fehlt meist die Infrastruktur, mit der automatische Systeme miteinander und mit der zentralen Steuerungsdatenbank kommunizieren können“, sagt Bernd Lau. Sein Startup Skypoint will dieses Problem lösen. Die Ingenieure haben eine Drohne entwickelt, die diese entsprechende Infrastruktur bereitstellen kann. Sie schwebt bis zu zehn Monate etwa 300 Meter über einem Feld und kann einen Radius von etwa 20 Kilometern mit einem Funksignal versorgen und mit verschiedenen Messsystemen überwachen. „Die Drohne nimmt Daten wie Feuchtigkeit oder Schädlingsbefall auf und gibt sie an die zentrale Datenbank weiter. Außerdem empfängt sie Daten von der Zentrale und kann zum Beispiel die Befehle zur Steuerung von selbstfahrenden Landwirtschaftsmaschinen geben oder Softwareupdates auf die Geräte spielen“, erklärt Bernd. skypoint-e.com

Skypoint ist eine Art Hütehund 2.0 (Bild: Skypoint)
Skypoint ist eine Art Hütehund 2.0. (Bild: Skypoint)

6. Krabbelnde Proteinquelle

„Als wir 2013 angefangen haben, waren wir noch stark in der Ekel-Ecke“, erzählt Folke Dammann, Gründer von Snack-Insects. Das Startup verkauft Speise-Insekten und daraus gefertigte Produkte wie die Dschungelmade, Schokolade mit Insekten, und den Bug-Break-Insektenriegel. „In den USA werden Insekten schon länger als Proteinquelle genutzt. Aber auch hier wird den Leuten langsam klar, dass Insekten gesund sind und hochwertige Proteine liefern“, sagt der Gründer. Speise-Insekten werden unter strengen Vorgaben extra für den Verzehr gezüchtet. Die Tiere sind vergleichsweise effizient: „Weil Insekten wechselwarme Tiere sind, können sie Futter viel effizienter verwerten, denn sie brauchen keine Energie, um eine konstante Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Zudem benötigen Sie kaum Trinkwasser“, sagt Folke. Sie nehmen außerdem weniger Platz ein und produzieren deutlich weniger Treibhausgase als beispielsweise Rinder. Insekten lassen sich außerdem in vielen Varianten zubereiten. „Insekten haben auf jeden Fall das kulinarische Potenzial, die Ernährung der Zukunft mitzuprägen“, sagt Folke. Wichtig sei nur, dass auch die großen Lebensmittelhersteller das Thema irgendwann aufgreifen. „Aber bis es soweit ist dauert es noch eine Weile.“ snackinsects.com

Insekten sind gesund und liefern hochwertige Proteine (Bild: Snack Insects)
Insekten sind gesund und liefern hochwertige Proteine. (Bild: Snack Insects)

7. Fleisch ohne Tier

Weltweit wird immer mehr Fleisch produziert und konsumiert. Die Massentierhaltung nimmt zu und mit ihr die Verwendung von Antibiotika bei der Produktion. Viele Lebensmittelhersteller bieten für Vegetarier und Veganer mittlerweile pflanzliche Alternativen zum Fleisch an. Das israelische Startup Supermeat geht einen anderen Weg. Die Gründer produzieren Hühnerfleisch ohne Tiere dafür zu töten. Sie entnehmen den Hühnern Stammzellen und züchten daraus in Behältnissen, die die Physiologie eines Huhns imitieren, Fleischstücke. Supermeat entwickelt zudem eine Maschine, die diese Zucht übernehmen kann. Das Labor-Fleisch könnte sogar günstiger verkauft werden als normales Fleisch. „Wir bekämpfen die globale Erwärmung und den Hunger auf der Welt“, wirbt das Startup im Video seiner Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo: Das Supermeat soll bis zu 96 Prozent weniger Wasser brauchen als die herkömmliche Produktion, 96 Prozent weniger Treibhausemissionen verursachen und 99 Prozent weniger Platz benötigen. Außerdem wird es unter überwachten hygienischen Bedingungen und ohne Antibiotika hergestellt. Ob das günstige, gesunde, umwelt- und tierfreundliche Fleisch Wirklichkeit werden kann, muss Supermeat noch beweisen. Bisher ist das Produkt noch nicht auf dem Markt. supermeat.com

Das Supermeat ohne Fleisch Supermeat soll bis zu 96 Prozent weniger Wasser brauchen als die herkömmliche Produktion, 96 Prozent weniger Treibhaus- emissionen verursachen und 99 Prozent weniger Platz benötigen (Bild: John Towner)
Hühnerfleisch-Imitat: Supermeat soll bis zu 96 Prozent weniger Wasser brauchen als die herkömmliche Produktion. (Bild: John Towner)

8. Mehlwürmer für den besten Freund

Gesunde und zukunftsfähige Ernährung brauchen nicht nur Menschen – auch unsere Haus- und Nutztiere wollen gefüttert werden. Das Potsdamer Startup Tenetrio hat sich zur Aufgabe gemacht, den Markt für Heimtierfutter mit einer Alternative zu bedienen. „Viel herkömmliches Hundefutter ist wie Fast Food für uns: von schlechter Qualität, mit vielen Zusatzstoffen und vor allem mit viel Zucker“, sagt Mitgründerin Sabrina Jaap. Die Hunde werden davon nicht nur übergewichtig, sondern auch krank. Sogar an Zivilisationskrankheiten wie Diabetes erkranken mittlerweile auch Hunde. Viele Tierhalter suchen daher nach Ausweichmöglichkeiten. Tenetrio bietet als erstes Produkt einen Snack für Hunde an, die Tenepops. Sie sehen ein wenig aus wie größeres Popcorn und bestehen hauptsächlich aus Mehlwürmern und Reis. Ob Tenetrio danach weitere Sorten oder ein vollwertiges Futter entwickelt, haben die Gründerinnen noch nicht festgelegt. Sie können sich aber auch vorstellen auf den Humanmarkt zu gehen. Im Moment bieten sie ab und an Caterings an, bei denen sie Leckeres aus Insekten zubereiten und servieren. Mit einer neuen europaweiten Richtlinie im kommenden Jahr wird es möglich, die Genehmigung zu erhalten, Insekten auch für den menschlichen Verzehr zu verarbeiten und zu verkaufen. tenetrio.de

Eine Eiweiß-reiche Spezialität: Mehlwurmquiche (BIld: Karla Fritze)
Eine eiweißreiche Spezialität: Mehlwurmquiche. (BIld: Karla Fritze)

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 23 als Teil des Agtech-Specials.

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