Ich glaube daran, dass das Acceleratoren-Konzept eines der Erfolgsgeheimnisse der Startup-Industrie ist. Nicht nur sind Accelerator-Erlebnisse oft Bestandteil erfolgreicher Gründerstorys, es warnt auch der Gegenentwurf – also Gründer, die in ihrer Produkt- oder Service-Entwicklung ohne Peer-to-Peer-Weiterbildung, ohne Mentoring, ohne kundenzentriertes Einfach-mal-Ausprobieren arbeiten und dadurch fortwährend hinter ihrem Erfolgspotenzial zurückbleiben.

Auch mangelhafte Acceleratoren sind für Startups also besser, als gar nicht kollaborativ, offen und kundenzentriert an neuen Ideen zu arbeiten.

Wer zahlt, schafft an

Aber auch angesichts dessen sollten Acceleratoren-Kandidaten ein paar Dinge reflektieren. Der erfolgreichste Accelerator der Welt, Y-Combinator, war und ist eine Organisation von Geschäftsleuten für Geschäftsleute, die ihr eigenes Geld, Zeit und Risiko teilen. Im Gegensatz dazu sind Acceleratoren in Europa Organisationen angestellter oder freiberuflicher Manager, die anderer Leute Geld und Zeit – also Steuer- oder Konzernbudgets – ausgeben.

Die wenigen Versuche in Deutschland, das anders zu machen – etwa Lars Hinrichs´ „HackFwd“ – sind gescheitert. Das heißt nicht, dass konzern- oder steuerfinanzierte Acceleratoren schlecht sind. Aber es heißt, dass sie nach Konzernregeln funktionieren. Also etwa bei Strategiewechseln der Mutter geschlossen werden. Oder, dass ihr Personal nach zwei Jahren den nächsten Karriereschritt anderswo im Konzern tut.

Und es heißt auch, dass sie – getreu dem Motto „wer zahlt, schafft an“ – Regeln aufstellen können, die der Gründer schlucken muss, so er Geld will, etwa: einige Monate nach Unterföhring oder Darmstadt überzusiedeln oder in eine portugiesische Provinzstadt („Startup Braga“) oder sogar ans Ende der Welt („Startup Chile“) – nicht, weil dort ideale Gründer- oder Kunden-Ökosysteme existieren, sondern Drittmittel und eine Betreiber-Agenda.

Qualität im Sinkflug

Dieses wachsende Überangebot wiederum heißt, dass die Qualität der Teilnehmer seit Jahren im Sinkflug ist. Im Zuge dessen hat sich auch die Unterstützungsleistung der Acceleratoren verändert. Waren US-Programme vor allem Business-Angel-Vehikel, deren Mentoren – selbst Unternehmer – nach Investment-Möglichkeiten suchten, sind sie in Deutschland verlängerte Werkbänke bestimmter Industriesparten.

Oft hat unter ihren Leitern niemand Gründererfahrung oder -netzwerk und vermehrt geht es auch bei Mentoring und Ökosystem nicht mehr um die Vermittlung der magischen Zutat „Entrepreneurship“, sondern um eine Art gezielte Produktentwicklung.

„Deutsche Acceleratoren funktionieren nach Konzernregeln“

Sehr offen und ehrlich macht das die DB Mindbox, die sich in ein Co-Creation-Center gewandelt hat, in dem die Bahn ausgewählten Teams 25.000 Euro dafür zahlt, einen Produkt-Prototypen für sie zu bauen. Aber problematisch wird es da, wo Acceleratoren Programme so tun, als könnten und wollten sie unternehmerisch unterstützen – und dafür auch Equity nehmen –, wenn sie in Wahrheit nur Baustein einer Branding-Strategie sind.

Experten kennen einige (natürlich nie offen diskutierte!) Beispiele dafür, wie Konzern-Accelerator nahezu kollabierten, weil die Teilnehmerauswahl von der Konzernagenda und nicht von der Erfolgswahrscheinlichkeit getrieben war. In denen der eingekaufte Umsetzungspartner vor allem den vereinbarten Marketing-KPIs zuarbeitete – und darüber die einfachste aller Fragen irrelevant wurde: „Würde ich hier mein eigenes Geld investieren?“

Für Gründer heißt das vor allem eines: sich nicht blenden lassen und Acceleratoren auf ihre tiefere Motivation durchleuchten. Woran wird ihr Erfolg gemessen? Brauche ich das, was dort geboten wird? Oder müssen beide Seiten einfach nehmen, was sie kriegen können? Auch der Deal „Ich gebe dir Geld, dafür gibst du mir Glaubwürdigkeit“ ist fair – wenn man ihn bewusst eingeht. Mit dem Y-Combinator-Vorbild hat er allerdings nichts mehr zu tun.

Christoph Räthke

Christoph Räthke gilt als einer der Motoren der Berliner Startup-Szene. Als Gründer, Investor, Autor, Berater und Mentor ist er seit mittlerweile fast 20 Jahren in Berlin unterwegs. Sein aktuelles Projekt: digitalmasterclasses.net

Foto: privat
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Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Valley Nr. 32.