Der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann ist in der Kaste der Politiker eine bemerkenswerte Ausnahme. Vielleicht weil er zwei Berufe hat. Schneider-Ammann ist auch Unternehmer. Maschinenbauunternehmer. Jüngst hat er der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) ein Interview gegeben. Es ging unter anderem um den Fahrdienstvermittler Uber. Gewöhnlich findet die Politik kaum gute Worte über jenes Unternehmen aus Kalifornien, das die Taxibranche auf den Kopf stellt (so sie nicht gerade von der Politik daran gehindert wird). Der Schweizer Bundespräsident jedenfalls sagte wörtlich: „Mit der Digitalisierung entstehen neue Angebote, neue Arbeitswelten. Das löst Ängste und Abwehrreflexe aus. Aber wir tun gut daran, die Digitalisierung nicht verhindern zu wollen. Die Normen werden sich an die neue Situation anpassen müssen, nicht umgekehrt.“

Von der Politik, wie gesagt, hört man solche Worte selten. Der Politiker als einer, der Veränderung hinnehmen muss, der reagiert, statt agiert, so will sich kein Volksvertreter seinem Volk präsentieren. Johann Schneider-Ammann weiß es besser. Er weiß, dass Veränderungen zum Wohle der Menschen sein können und das am ehesten werden, wenn sie von der Politik weise begleitet werden. Nie war diese Weisheit wichtiger als heute. Denn die aktuellen Veränderungen sind tiefgreifender, als die meisten glauben. Die erste industrielle Revolution hat uns unbegrenzten Zugang zu Energie verschafft. Sie führte zu Massenproduktion und einem Überangebot an physischen Produkten – die wir aber ineffizient nutzen. Die zweite industrielle Revolution, die Digitalisierung, hat uns unbegrenzten Zugang zu Intelligenz verschafft. Und mit dieser Intelligenz sind wir gerade dabei, die Ineffizienzen der ersten Revolution zu beseitigen. Stichwort: Sharing Economy.

Die zweite industrielle Revolution, die Digitalisierung, hat uns unbegrenzten Zugang zu Intelligenz verschafft.

Von Sozialismus keine Spur

Der Begriff Sharing Economy aber ist irreführend. Zum einen wurden Güter schon immer auch gemeinsam genutzt. Zum anderen schwingt in dem Begriff eine Form des Sozialismus mit. Man stellt sich unter dem Begriff eine globale Hippie-Community vor, die nach dem Prinzip agiert:„Lasst uns nett zueinander sein und die Dinge gemeinsam nutzen.“ Das Gegenteil ist allerdings richtig. Die Entwicklung, die wir Sharing Economy nennen, basiert weiter auf privatem Eigentum, mit dem Unterschied, dass der Markt heute in Bereiche vordringt, die vorher unerschlossen waren. Unerschließbar waren. Warum? Wegen der sogenannten Transaktionskosten.

Der Ökonom Ronald Coase hat sich mit der Frage beschäftigt, warum es in einer freien Marktwirtschaft eigentlich Unternehmen gibt. Nach der reinen Lehre müsste alles durch den Marktmechanismus organisiert sein, schlicht weil der Markt der effizienteste Allokationsmechanismus ist. Unternehmen gleichen in ihrer Organisationsform dagegen einer Planwirtschaft. Nicht Angebot und Nachfrage bestimmen dort, was produziert wird, sondern Befehl und Gehorsam. Das aber hat eben auch seinen Vorteil, weil nicht für jede benötigte Dienstleistung oder jedes Produktteil der Markt sondiert werden muss und die Beteiligten Verträge abschließen müssen.

Transaktionskosten, also jene Kosten, die erst durch den Markt entstehen, gibt es in Unternehmen nicht. Planwirtschaftlich organisierte Unternehmen sind also bisweilen effizienter. In der Sharing Economy aber fallen nun diese Transaktionskosten ins Bodenlose. Alle großen Unternehmen in der Sharing Economy wie Airbnb, Uber, Ebay, Rebuy oder Blablacar schaffen Informationstransparenz, sorgen für Vertrauen in den Handelspartner und ermöglichen einfache Bezahlweisen. Das heißt, sie senken die Transaktionskosten für die Interaktion zwischen einzelnen Wirtschaftsakteuren und ermöglichen somit neue Formen des Wirtschaftens. Das hat zwei Konsequenzen:

  1. Bestehende Güter werden wesentlicheffizienter genutzt.
  2. Es wird zunehmend ineffizient, wirtschaftliche Aktivität in einer Firma zu organisieren.

Die Marktwirtschaft ist auf der Überholspur. Das mag für manchen schlimm klingen, ist es aber nicht: Der Marktplatz war schließlich schon immer der spannendste Platz in einer Stadt.

Der Begriff Sharing Economy greift damit viel zu kurz. Er marginalisiert die grundlegende wirtschaftliche Transformation, die gegenwärtig abläuft. Letztlich geht es um die Senkung der Transaktionskosten, nicht um das Tauschen oder gemeinsame Nutzen von Gütern. Diese Senkung erfolgt in nahezu allen wirtschaftlichen Bereichen, nicht nur bei Taxis und Ferienappartements. Weil in der Sharing Economy die Transaktionskosten stetig sinken, blühen nun ganz neue Märkte, wo früher (planwirtschaftlich organisierte) Unternehmen waren. Die Marktwirtschaft ist auf der Überholspur. Das mag für manchen schlimm klingen, ist es aber nicht: Der Marktplatz war schließlich schon immer der spannendste Platz in einer Stadt.

Die Schattenseite Der Sharing Economy

Gewinner sind dabei all die Millionen Menschen, die sich auf den Marktplätzen tummeln. Weil die Angebote besser, günstiger werden. Die Schattenseite: Es entstehen auch neue Monopolisten. Uber, Ebay und Airbnb sind die bekanntesten. Aber es gibt eine Vielzahl weiterer Unternehmen, wie beispielsweise die Buchungsplattformen im Reisebereich (Amadeus, Distribusion, Bookingkit, Quandoo), Job-Plattformen (Truffls) oder Service-Marktplätze (Movinga, Book a Tiger, Delivery Hero, Thermondo). Diese Unternehmen bauen teilweise hohe Markteintrittsbarrieren für potenzielle Wettbewerber auf und können dadurch zu weltweit agierenden Monopolisten werden.

Auf der anderen Seite: Die nächste Plattform ist nur einen Klick entfernt. Monopolstellungen lassen sich mittels Digitaltechnik auch vergleichsweise einfach aufbrechen. Vor allem aber, die neuen Vorzeigeunternehmen ermöglichen es vielen vormals ausschließlich Festangestellten, selbst aktiv zu werden. Fast jeder kann leicht zum kleinen oder großen (Teilzeit)-Unternehmer werden: Über Freizeitportale lassen sich Stadttouren oder Angelkurse anbieten, über Airbnb die eigne Wohnung vermieten (den Schlüssel dazu hinterlegt man über Hoard), Handarbeiten lassen sich über Gidsy verkaufen, alles andere über Ebay, und diverse Freelancer-Portale geben Zugang zu Projekten, die den eigenen Kompetenzen entsprechen.

Die Vorteile reichen noch weiter: In der Sharing Economy werden die Ressourcen unseres Planeten wesentlich effizienter genutzt. Und die Machtverschiebung geht zunehmend weg von Unternehmen hin zum Einzelnen. Kurzum: Der Wandel ist grundlegend – und erst am Anfang. Es werden noch viele Transaktionskosten-Unternehmen wie Airbnb und Uber kommen (und manche auch wieder gehen). Keiner weiß, was an Neuem geschaffen und an Altem zerstört wird. Sicher ist so viel: Das meiste Neue basiert auf der Senkung von Transaktionskosten. Ein so trockenes, technisches Wort, in dem so viel (besseres) Leben steckt.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 07/2016

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2 Kommentare auf "Wie die Sharing Economy unser Leben umkrempelt"

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