Stephan, was ist Singularity University?

Stephan Balzer: SingularityU ist eine Bildungseinrichtung, aber keine Universitt im strengen Sinne. Sie will Menschen lehren und davon begeistern, exponentielle Technologien anzuwenden, um globalen Herausforderungen zu begegnen. Sie richtet sich an Entrepreneure, Manager, jeden der sich in Transition befindet – einen Militärangehörigen ebenso wie einen Werbeprofi aus São Paulo. Sie ist eine Art Business School, die sich damit beschäftigt, welchen Einfluss exponentielle Technologien auf verschiedene Wirtschaftszweige haben.

Was sind exponentielle Technologien?

Stephan Balzer: SingularityU versteht darunter künstliche Intelligenz, Augmented und Virtuelle Realität, Datenwissenschaften, digitale Biologie und Biotechnologie, Medizin, Nanotechnologie und digitale Fertigung, Netzwerke und Computersysteme sowie Roboter. Alle diese Technologien haben nachhaltig den größten Impact auf die Veränderung unserer Welt.

Was heißt dabei exponentiell?

Stephan Balzer: Wir müssen uns von dem Gelernten verabschieden, von der linearen Entwicklung von Technologien, die wir kennen. Jetzt kommen wir in die Phase, wo die Kurve immer steiler wird, das heißt, die Innovationssprünge werden größer in immer kürzerer Zeit. 30 lineare Schritte auf einer Treppe das sind 30 Stufen. 30 exponentielle Schritte bedeuten eine Strecke 26 Mal um den Planeten.

Wie vermittelt SingularityU ihre Inhalte?

Stephan Balzer: Es gibt verschiedene Formate: Konferenzen, Executive Programme, Trainingsprogramme für Teams, es gibt ein Accelerator-Programm und es sollen noch weitere Formate folgen.

Wer sind die Lehrer?

Stephan Balzer: Sie kommen alle aus der Industrie, direkt aus der Praxis, von Organisationen wie dem MIT oder Google. Die meisten haben 15 bis 20 Jahre Berufserfahrung und sind echte Spezialisten in ihrem Gebiet.

Balzer über die Singularity University: „Die Manager und Unternehmer sollen hierherkommen können und sich eine Art ‚Injection‘ holen, um zu verstehen, worum es uns geht.“ (Foto: Jann Venherm)
Stephan Balzer: „Die Manager und Unternehmer sollen sich eine Art ‚Injection‘ holen.“ (Foto: Jann Venherm)

Was kostet das Studium?

Stephan Balzer: Das sechstägige Executive-Programm in Kalifornien kostet zum Beispiel 14.000 Dollar. Die Singularity University hat die Rechtsform der Benefit Cooperation. Das bedeutet, Sie hat sich selbst verpflichtet, einen Teil ihrer Arbeit einem guten Zweck zu widmen.

Was bedeutet das?

Stephan Balzer: Dass der Fokus nicht allein auf dem Business liegt. Singularity sagt: Wir würden uns wünschen, dass du die Fähigkeiten, die du bei uns erlernst, einsetzt, um die globalen Challenges dieser Welt wie Wassermangel, Armut, Ungleichheit zu attackieren. Dahinter steht die Auffassung, dass die großen Herausforderungen oftmals auch Geschäftsopportunitäten sind. Wenn du es zum Beispiel schaffst, aus Salzwasser Trinkwasser zu machen, ohne Unmengen von Energie einzusetzen, dann könnte dies das Leben von Milliarden Menschen positiv beeinflussen.

Inwiefern ist SingularityU für Startups interessant?

Stephan Balzer: Sie ist für jeden Gründer interessant, denn erstens: Bildung schadet nicht. Zweitens gibt es viele Startups hierzulande, die die technischen Möglichkeiten noch nicht wirklich überblicken. Bei SingularityU geht es um Deep Tech und um Moon-Shots, also um Projekte, bei denen wir über uns hinauswachsen. Dieses Mindset ist in Deutschland zu wenig verbreitet. Ich finde, jeder Gründer muss darüber nachdenken, was er eigentlich bewirken will und was sein „Why“ ist? Im Silicon Valley folgen noch viele der alten Hippie-Tradition. Das sieht man bei deutschen Startups seltener.

Gibt es berühmte Absolventen der SingularityU?

Stephan Balzer: Jede Menge, der Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher zum Beispiel.

Und jetzt kommt ihr nach Deutschland?

Stephan Balzer: So ist es, wir besprechen das gerade. SingularityU will internationalisieren und Deutschland ist natürlich ein wichtiger Standort.

„Wir haben heute leider eine Situation, in der die Politik immer nur hinterherhinkt, nie gestaltet, sondern immer nur reagiert – und das viel zu spät“

Was ist in Deutschland geplant?

Stephan Balzer: Unser Programm wird wahrscheinlich auf drei Tage angelegt und preiswerter sein als im Silicon Valley. Die Manager und Unternehmer sollen hierherkommen können und sich eine Art „Injection“ holen, um zu verstehen, worum es uns geht. Ich habe das Programm in den USA absolviert. Danach habe ich alles mit anderen Augen gesehen.

Was bietet die Konferenz im Mai in Berlin?

Stephan Balzer: Das Programm ist verkürzt auf zwei Tage. Die Teilnehmer erhalten einen Einblick in das, was im Moment technologisch passiert. Auch Startups müssen gucken, ob sie noch up to date sind. Derzeit bieten wir Startups an, sich auf unserer Ausstellungsfläche zu präsentieren.

Findet man hier genügend Leute mit dem richtigen Mindset?

Stephan Balzer: Die muss man suchen, aber es gibt in Europa viele gute Leute. Wir haben hier unheimlich viel Know-how. In Teilen muss man vielleicht ein bisschen an der Präsentation arbeiten, aber dabei können wir helfen. In Deutschland haben wir das Problem, dass sich oft die Techniker und die Entscheider nicht verstehen. Die Entscheider sind zwar nicht technologiefeindlich, aber sie interessieren sich nicht dafür, beziehungsweise sie kommen wahrscheinlich aus der letzten Generation, die ohne Technologieverständnis so weit kommen konnte.

Das gilt auch für die Politik, oder?

Stephan Balzer: Ja leider. Wir haben ein großes Wissens-Gap bei unseren politischen Entscheidungsträgern. Ich würde mir wünschen, dass wir einmal so ein Training für die Ministerialspitzen und die wichtigsten Leute des Senats machen könnten. Die Politik muss verstehen, was auf uns zukommt. Wir haben heute leider eine Situation, in der die Politik immer nur hinterherhinkt, nie gestaltet, sondern immer nur reagiert – und das viel zu spät. Das wird zukünftig noch dramatischer, weil die Geschwindigkeit der technischen Innovationen rasant ist und unsere Politiker darauf gar nicht eingestellt sind. Viele dieser beschriebenen Innovationen werden kommen, die Frage ist nur, werden sie in Deutschland passieren oder anderswo.

Wie sollte die Politik also reagieren?

Stephan Balzer: Wir müssten eigentlich in der nächsten Bundesregierung jemanden haben, der nur für das Thema Digitalisierung zuständig ist. Digitalisierung ist eine Querschnittsfunktion, die überall stattfindet. Und sie bietet ein riesen Konfliktpotenzial – allein wenn wir an den Arbeitsmarkt denken. Wir stehen vor einer gewaltigen Transformation aber wir haben keine Transformationsmanager in der Politik. Die beschäftigen sich nicht einmal mit dem Konzept. Auch das ist eine riesen Herausforderung.

Das Interview führte Corinna Visser.

SINGULARITY UNIVERSITY

NAME: Singularity University
GRÜNDUNG: September 2008
GRÜNDER: Raymond Kurzweil, Robert D. Richards, Peter Diamandis
MITARBEITER: 80
STANDORT: Moffett Field, Kalifornien
SERVICE: Vermittlung digitaler Kompetenz für Führungskräfte, um den großen Herausforderungen der Menschheit zu begegnen.
URL: su.org
Botschafter der Singularity University: Stephan Balzer (Foto: Jann Venherm)

STEPHAN BALZER

Stephan startete seine Karriere in den 1990ern bei Pixelpark, gründete dann Lava, eine Agentur für digitale Medien. Anfang 2000 gründete er Red Onion zunächst als Investmentfonds, wandelte das Unternehmen dann in eine Kommunikationsagentur um. Balzer ist erster Organisator von TEDx in Deutschland und Botschafter der Singularity University.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 21

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

Gratis – Download

Gratis – Download

Gratis – Download

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "Stephan Balzer über SingularityU: „Wir müssen uns von dem Gelernten verabschieden“"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
trackback

[…] Die Singularity University ist eine besondere Business School. Stephan Balzer erklärt warum und was die Pläne für Deutschland sind Der Beitrag Stephan Balzer über SingularityU: „Wir müssen uns von dem Gelernten verabschieden“ erschien zuerst auf BerlinValley. Jetzt lesen […]

trackback

[…] dass viele Defizite bestehen, was normative Regelungen, die Ausstattung von Behörden oder auch die Förderpolitik im digitalen Raum angeht. Alles pilgert ins Silicon Valley, ohne kritisch zu hinterfragen, was dort in punkto […]

wpDiscuz